„Klare Kante gefahren“

Jörg Schneider. Mainz.
Harald Strutz hat sich im Rahmen des Heimspiels des FSV Mainz 05 gegen den VfL Wolfsburg nicht noch einmal geäußert zu seiner tags zuvor verkündeten Entscheidung, in der Mitgliederversammlung nicht noch einmal für das Amt des 05-Vorsitzenden zu kandidieren. Nach der Partie äußerten sich aber Kapitän, Sportdirektor und Trainer zur Thematik. „Harald ist vorher klare Kante gefahren, dass er den Job will. Jetzt ist er klare Kante gefahren, dass er vom Wahlgang zurücktritt. Ich akzeptiere das, denn es ist ein klares Statement“, sagte Martin Schmidt. „Für mich ist aber wichtig, dass man nicht vergisst, was er getan hat für den Klub.“

Danny Latza schaute leicht verdutzt in die Runde. Gerade so, als empfinde er die Fragestellung als absurd. Natürlich war auch der Mittelfeldspieler des FSV Mainz 05 nach dem Heimspiel gegen den VFL Wolfsburg zu jener Thematik befragt worden, die am vergangenen Samstag ebenso Gegenstand aller Diskussionen war, wie das 1:1 im Heimspiel: Der Entschluss von 05-Präsident Harald Strutz, bei der nächsten Mitgliedersammlung im Sommer nicht wieder für das Amt des Vorsitzenden beim Bundesligisten zu kandidieren. Wer denn die Mannschaft über diese Entscheidung ihres Klub-Chefs informiert habe, wollten die Journalisten in der Mixed-Zone im Gespräch mit Latza wissen. „Niemand“, sagte der 05-Profi verwundert. „Warum auch? Wir haben es ja aus den Medien erfahren.“ Latza war nicht der einzige im Team, für den diese Geschichte keine große Bedeutung hatte. „Das ist kein Thema in der Mannschaft. Das ist nicht unser Bereich. Da haben wir nichts mit zu tun, mehr kann ich dazu nicht sagen“, erklärte der 27-Jährige.

Stefan Bell vertrat die andere Fraktion im Kader. Diejenige, die sich mit dem angekündigten Rückzug des Präsidenten gedanklich beschäftigte. Der Innenverteidiger, immerhin schon seit zehn Jahren im Verein und sowieso einer, der über den Tellerrand des täglichen Profi-Alltags schaut, hat eine klare Meinung zur Situation im Klub. „Es gibt ein paar Spieler in der Mannschaft, die das Thema intensiver verfolgen, weil sie länger schon im Verein sind“, sagte der Kapitän. „Natürlich ist das ein Thema, das total untypisch war bisher für uns als Verein, weil bisher nie solche vereinspolitischen Themen so präsent waren in der Presse. Vielleicht ist das jetzt eine Situation, durch die wir im Zuge der ganzen Strukturdiskussion im Zusammengang mit den Personen, die involviert waren, als Verein einfach jetzt mal durchmüssen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das ganze Thema nach den Wahlen in der Mitgliederversammlung dann auch durch ist und wieder Ruhe einkehrt“, sagte der 25-Jährige, der sich selbst in der Vereinsarbeit engagiert. Bell sitzt bei seinem Heimatverein FC Wehr in der Eifel im Vorstand. „Absolut ehrenamtlich“, betonte er lachend. „Bei uns gibt’s nur mal ein Glas Apfelschorle bei den Sitzungen umsonst.“

Gut gelaunt und sichtlich gelöst verfolgte 05-Präsident Harald Strutz (mit den Vorstands-Kollegen Manfred Thöne und Karl-Heinz Elsässer) die Partie gegen den VfL Wolfsburg. Foto: ImagoHarald Strutz hat sich am Tag nach seiner Rückzugs-Erklärung nicht weiter geäußert. Der amtierende 05-Chef wirkte allerdings gelöster als in den Wochen zuvor. So, als sei auch von ihm eine Menge Druck abgefallen. Strutz gab sich gut gelaunt, plauderte auf der Tribüne und später in den Katakomben der Arena angeregt. Rouven Schröder, inzwischen seit einem Jahr bei den 05ern aktiv, nahm dagegen als Vorstandmitglied noch einmal Stellung. „Im ersten Augenblick waren wir überrascht", sagte der Sportdirektor, „aber wir akzeptieren die Entscheidung natürlich." Die vergangenen 28 Jahre mit Strutz seien prägend für den Verein gewesen. „In letzter Zeit ist aber einfach auch viel Druck entstanden und es ist viel Negatives an die Öffentlichkeit gekommen. Harald hat im Sinne seiner Familie und des Vereins entschieden. Ich denke lieber positiv als negativ. Die Entscheidung ist jetzt gefallen. Jetzt gilt es nach vorne zu blicken.“ Schröder, der seit seinem offiziellen Amtsantritt Anfang Mai vergangenen Jahres auch Vorstandsmitglied ist, den Posten von Christian Heidel in diesem Gremium übernommen hat, hat sich in der Strutz-Thematik bis jetzt immer bedeckt gehalten. „Nach Außen war ich immer zurückhaltend, nach innen habe ich mich trotzdem eingebracht“, sagte der 41-Jährige. „Und trotzdem muss man immer seine Rolle kennen, wenn man neu in einen Verein dazukommt. Ich bin so aufgestellt, dass ich eine gewisse Vereinshierarchie akzeptiere und mich da rein finden muss. Wenn man dann angekommen ist, kann man auch seine persönliche Philosophie in Dingen, die für den Verein wichtig sind, mit einbringen. Die Meinung wird intern auch gehört. In den nächsten Wochen geht es nun darum, uns richtig zu entscheiden uns richtig zu orientieren und mit einer Meinung nach außen zu gehen.“ Schröder mit seiner sachlichen, uneitlen und kompetenten Art des Auftretens, so scheint es, ist bereit und willig für eine Führungsrolle innerhalb der künftigen Vereinsstruktur.

„Fußballspieler sind Ich-AGs"

Der 05-Trainer war am Freitagmorgen von der Presse-Abteilung des Klubs informiert worden, bevor die Strutz-Erklärung veröffentlicht worden war. Martin Schmidt verzichtete darauf, die Mannschaft ebenfalls davon in Kenntnis zu setzen. „Das war für das Team kein Thema vor dem Spiel. Das war auch immer so, als die Sache mit Christian Heidel akut war das ganze letzte Jahr über. Das ganze hin und her hat sich ja auch überhaupt nicht negativ aufs Team ausgewirkt.“ Es werde seiner Ansicht nach  ohnehin von außen überschätzt, wie tief solche Themen in die Mannschaft hinein wirkten. „Fußballspieler sind Ich-AGs. Denen geht’s um ihre eigene Karriere, darum, am Wochenende zu spielen. Manchmal ist es ja so, dass du gewinnst und einer ist unzufrieden im Kader die ganze Woche über, weil er nicht gespielt hat. So funktioniert das auch im Großen und Ganzen in den Vereinsdingen. Man ist froh, wenn alles optimal läuft.“

Die Erklärung des Präsidenten bedeute nun einen deutlichen Schritt. „Harald ist vorher klare Kante gefahren, dass er den Job will. Jetzt ist er klare Kante gefahren, dass er vom Wahlgang zurücktritt. Ich akzeptiere das, denn es ist ein klares Statement“, sagte der Coach. „Für mich ist aber wichtig, dass man nicht vergisst, was er getan hat für den Klub. So schlecht kann nicht alles gewesen sein, sonst würden wir hier nicht Bundesliga spielen, wären nicht in die Euroliga gekommen und hätten uns nicht so in der Bundesliga etablieren können seit vielen Jahren. Ich glaube, das sehen auch die Spieler so.“

In den nächsten Wochen und Monaten werde es auch überwiegen, dass man zurückdenke und die Jahre davor stärker fokussiere als die letzten eins, zwei Jahre. „Mainz 05 wird auch diese Situation überstehen. Ich glaube, dass hier genug Leute sind, die den Verein kennen. Ich vertraue da voll in die handelnden Personen, dass sie die richtigen Schritte unternehmen, um die Position dann neu zu besetzen.“ Ihm selbst sei jedenfalls wichtig, eine Lanze für Harald Strutz zu brechen. „Dass man nicht vergisst, was hier in all den Jahren passiert ist. Viele Sympathien, die der Klub hat, sind nicht zuletzt wegen ihm da. Auch sein Einfluss in verschiedenen Gremien hat nie geschadet. Ich glaube, dass man das irgendwann auch einmal gebührend beleuchten muss. Ich kenne ihn seit sieben Jahren. Er ist ein guter Freund geworden, deshalb hat man da natürlich auch gewisse Sympathien für seine Arbeit. Wenn man sich in solchen Jobs so exponiert, weiß man, dass so etwas irgendwann passieren kann. Wichtig ist, dass man weiß, was war, was er auch geleistet hat“, betonte der 49-Jährige.

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