Klassisch in die Falle getappt

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Sandro Schwarz hat die Bundesliga-Premiere als Cheftrainer des FSV Mainz 05 verloren. Seine Mannschaft ist in die klassische Falle getappt, hat sich gegen ein rein auf Defensive und Spielfluss-Zerstörung ausgerichtetes Team von Hannover 96 in seiner Dominanz wund gespielt, seine eigenen Möglichkeiten nicht genutzt, dabei irgendwann den Faden verloren, beim entscheidenden Konter zudem die Ordnung und ist im Endeffekt an der fehlenden Effizienz im Abschluss gescheitert. Dennoch war bei diesem 0:1 gegen Hannover 96 vieles gut und stimmig im Spiel der 05er. Die Ansätze sind erkennbar.

Das Ergebnis steht nun mal über allem. Und am Ende steht ein 0:1. Eine Niederlage, die dazu verleitet, die negativen Aspekte dieses Spiels in den Vordergrund zu rücken. Ein misslungener Heimauftakt, der prompt die Skeptiker auf den Plan ruft, die propagieren, dass es mit den Hoffnungen, die beim FSV Mainz 05 mit dem neuen Trainer und dessen veränderter Spielweise verbunden werden, wohl doch nicht so weit her ist. Sandro Schwarz hat seine Bundesliga-Premiere als Cheftrainer jedenfalls verloren, seine Mannschaft ist in die klassische Falle getappt, hat sich gegen ein rein auf Defensive und Spielfluss-Zerstörung ausgerichtetes Team von Hannover 96 in seiner Dominanz wund gespielt, seine eigenen Möglichkeiten nicht genutzt, dabei irgendwann den Faden verloren, beim entscheidenden Konter zudem die Ordnung und ist im Endeffekt an der fehlenden Effizienz im Abschluss gescheitert. Die hundertprozentige Torchance, die in der Nachspielzeit wenigstens noch einen Punkt hätte retten können, versiebte Robin Quaison. Das passte zu diesem Auftakt-Spiel, in dem aus 05-Sicht dennoch vieles gut, die Ansätze erkennbar, einiges weniger gut, vor allem das Resultat schlecht und frustrierend war.

„Es ist bitter wenn du das erste Spiel verlierst, vor allem wenn es nicht nötig war“, sagte Rouven Schröder nachher. „Wir hätten es uns anders gewünscht. Es ist aber passiert. Weitermachen. Besser machen“, so der Sportvorstand. „Wir haben nicht nur negative Dinge gesehen, sondern auch etliche positive. Wir haben ein konzentriertes Spiel gemacht in der ersten Halbzeit. Haben uns die vier Situationen herausgespielt, in denen wir ein Tor machen können, vielleicht auch müssen. Wir haben dann zunehmend den Spiel-Rhythmus verloren, haben nicht mehr den richtigen Schwung reinbekommen. Es scheint ein bisschen Tradition zu sein, Saisonstarts gegen Aufsteiger zu verlieren.“ Dass eine solche Niederlage im ersten Heimspiel nicht zwingend gleichbedeutend mit einer schwierigen Saison sein muss, haben die Mainzer in der Saison 2015/16 gezeigt, als sie die Heimpremiere gegen den Aufsteiger FC Ingolstadt mit einem 0:1 verzockten, am Ende mit 50 Punkten als Tabellensechster die Gruppenphase der Europaliga erreichten.

Die Mainzer begannen gut und stark, agierten quasi von Beginn an gegen die mit einem relativ tief aufgestellten, engmaschigen 4-4-2 spielenden Hannoveraner im eigenen Ballbesitz. „Wir wussten um die Spielstärke des Gegners, haben deshalb tief verteidigt, wollten taktisch diszipliniert und kompakt in der Ordnung stehen“, erklärte 96-Coach André Breitenreiter seinen Plan, die Mainzer Bemühungen ihr Spiel aufzuziehen, zu unterbinden. Das gelang in der ersten Hälfte trotz einer gewissen Härte im Zweikampf nur bedingt. Die 05er brachten bei eigenen Ballbesitz die Bälle von hinten heraus aus einer Dreierreihe nach vorne - die Innenverteidiger Stefan Bell und Abdou Diallo rückten dabei nach außen. Im Zentrum waren im Wechsel die Sechser Fabian Frei und Danny Latza für den Spielaufbau zuständig. Die Halbstürmer Pablo De Blasis und Viktor Fischer rückten dabei häufig nach innen in die Halbräume, überließen den Außenverteidigern Giulio Donati und Daniel Brosinski die Außenbahnen. Alexandru Maxim, der Zehner, wechselte häufig die Positionen. Vorne beschäftigte Yoshinori Muto mit ständigem Hin und Her die 96-Innenverteidiger. Das führte zu druckvollem, meist schnellem Offensivspiel, das gleich eine Reihe von Eckbällen produzierte, aus denen die erste größere Torchance resultierte: Bells Kopfball nach Maxim-Ecke knapp neben den Pfosten. Richtig stark waren die 05er im Angriffspressing und vor allem im Gegenpressing, mit dem sie immer wieder Balleroberungen hatten in der gegnerischen Hälfte. Die Folge: Torchancen durch Muto, der nach einem eroberten Ball und der Weiterleistung von Latza am Torhüter scheiterte, dabei allerdings durch das Zerren am Trikot elfmeterwürdig behindert wurde (23.). Später lief der Japaner nach einem genauen Pass von De Blasis alleine auf den Torhüter zu, scheiterte aber an Philipp Tschauner (32.).

Die Mainzer Führung lag mehrmals in der Luft - alleine Yoshinori Muto scheiterte zweimal an Philipp Tschauner. Foto: VeyhelmannMuto selbst hatte sich in der 14. Minute im Gegenpressing den Ball von Florian Hübner geschnappt, war mit Tempo in den Strafraum gesprintet. Die Großchance vereitelte der Brasilianer Felipe, der sich in den Querpass auf den komplett blank stehenden De Blasis warf. Die Mainzer hatten die komplette Spielkontrolle und hätten den Führungstreffer gebraucht, damit der Gegner sein Defensivgeflecht mit ständig zehn Feldspielern in der eigenen Hälfte gelockert hätte. Mit zunehmender Spielerdauer wurden die 05er jedoch in ihren Aufbau- und Offensivaktionen zu ungeduldig, verzettelten sich oft, spielten auch zu oft vor dem gegnerischen Strafraum quer, statt den Pass in die Tiefe. Das Team suchte zu selten die Diagonal-Verlagerung, verlor dabei zusehends an Tempo im Spiel nach vorne. Die 96er fühlten sich im gleichen Maße immer wohler mit diesem Verlauf der Partie, warteten geduldig auf die Kontermöglichkeit. Die kam erstmals, als Donati am 96-Strafraum den Ball verlor, der Gegner sofort umschaltete, den tiefen Pass auf Felix Klaus spielte, den der grätschende Bell nicht abzufangen vermochte. René Adler vereitelte in der 58. Minute die Gäste-Führung. Schwarz nahm Maxim und Viktor Fischer aus dem Spiel, die beide nach dem Wechsel nicht mehr so ins Spiel fanden wie zuvor, brachte Robin Quaison als Zehner und Levin Öztunali für die Außenbahn. Das Duo schuf mit der ersten Aktion die erneute eigene Führungsmöglichkeit. Öztunali scheiterte jedoch am kurzen Pfosten am Torhüter.

Der Gegentreffer und damit die Entscheidung resultierte aus einem Einwurf der 96er in der eigenen Hälfte. Harnik schaltete sofort schnell um, passte auf Matthias Ostrzolek und schob dessen Querpass durch die Beine von Diallo und an Adler vorbei zum 1:0 ins Tor. Bei beiden gefährlichen Kontern fehlten den in der Vorwärtsbewegung befindlichen 05ern die Kontersicherung und die Ordnung in den Positionen. Am Ende hätte es trotz allem zum Ausgleich reichen müssen. Quaison hatte in der Nachspielzeit zentral im Strafraum freie Bahn, der Schuss des Schweden war jedoch nicht scharf genug und traf Waldemar Anton, der im ansonsten leeren Tor genau richtig stand. Chancen nicht genutzt, beim Gegentor nicht aufgepasst, Auftaktspiel verloren.

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