Kreuz und quer durch den Südwesten

Christian Karn. Mainz.
In diesen Tagen wird der FSV Mainz 05 110 Jahre alt. Zu diesem Anlass fasst die nullfünfMixedZone in einer fünfteiligen Serie - jeweils 2x11 Jahre - die Vereinsgeschichte chronologisch zusammen. Im dritten Teil geht es heute um die lange Oberliga- und Regionalligazeit der 1950er und 1960er, um ständigen Neuaufbau, ständige Geldprobleme, um harte Abstiegskämpfe und eine geplatzte Fusion, um Skandale und enttäuschte Hoffnungen - aber auch um taktische Innovation, Zuschauerrekorde und große Siege gegen Manchester, Bremen, München 1860 und den FCK.

Die noch unüberdachte Bruchweg-Haupttribüne ca. 1953.

Für den Wiederaufbau des Mainzer Fußballs nach dem Zweiten Weltkrieg war der Sommer 1949 ein wichtiger Schlüsselmoment. Der FSV Mainz 05 übernahm als Pächter die städtische Kampfbahn am Bruchweg, wo er bereits im Jahr vor dem Krieg gespielt hatte, und machte sich sofort an die Wiederherstellung und Modernisierung des demolierten Stadions. Die Pläne waren groß: erst 25.000, dann sogar 30.000 Plätze, Rasen, Tribünendach. Weil erhoffte Zuschüsse - die 05er hatten noch einmal an den Verlust ihres Gelände am Fort Bingen elf Jahre zuvor erinnert - aus Totogeldern des Landessportverbands nicht kamen und die Stadt nur durch kostenlose Anfertigung der Pläne und Vermessung der vorhandenen Bausubstanz helfen konnte, mussten sich die 05er mit 20.000 Plätzen begnügen. Für Dach und Rasen war kein Geld da.

In der frühen Wirtschaftswunderzeit kamen auch die Zuschauer zurück: durchschnittlich 4.000, gegen Worms 8.000, gegen den FCK sogar 12.000. Es gab auch wieder die ersten größeren Werbeaktionen im Stadion. Beim Heimspiel gegen Pirmasens versprach zum Beispiel ein Mainzer Reisebüro dem ersten Mainzer Torschützen einen achttägigen Urlaub in den Alpen. Josef Meinhardt sicherte sich die Prämie erst in der 80. Minute, und Erich Reith, der zwei Minuten später das 2:0 schoss, bekam kurzerhand auch einen Urlaub spendiert.

Mainz 05 1950: Hinten von links Lebefromm, Meinhardt, Ronde, Decker, Reith, Schöppler, Neumann, Kircher. Davor: Döppenschmidt, Schaack, Higi.

Sportlich lief es nicht allzu gut. Jedes Jahr gingen wichtige Spieler. 1949/50 holte der ehemalige 05-Junior Georg Neise, der im Dezember aus der Kriegsgefangenschaft direkt auf den Platz zurückkam und in 19 Spielen 15 Tore schoss, die 05er rechtzeitig aus dem Abstiegskampf, wechselte aber im Sommer nach Wiesbaden. Gleichzeitig holte der große 1. FC Kaiserslautern den Torwart Dieter Schaack und den zweiten Torjäger Karl-Heinz Wettig, worauf sich die 05er nach mehreren Monaten als Tabellenletzter zum Nichtabstieg mauern mussten. Schaack sorgte derweil für einen kleinen Skandal beim FCK: Beim einzigen Einsatz in der ersten Meisterschaftssaison der Pfälzer war er gar nicht spielberechtigt. Der Gegner, die SpVgg Fürth, verzichtete jedoch auf einen Protest. Auch bei einem Sieg am Grünen Tisch wären die Fürther ausgeschieden, während der FCK auch ohne den Punkt aus diesem 2:2 im Finale gestanden hätte. 

Saison Liga Platz Punkte
1949/50 Oberliga Südwest (I) 11/16 26-34
1950/51 Oberliga Südwest (I) 12/14 14-38
1951/52 Oberliga Südwest (I) 10/16 28-32
1952/53 Oberliga Südwest (I) 8/16 30-30
1953/54 Oberliga Südwest (I) 7/16 31-29
1954/55 Oberliga Südwest (I) 14/16 20-40
1955/56 Oberliga Südwest (I) 10/16 27-33
1956/57 Oberliga Südwest (I) 10/16 28-32
1957/58 Oberliga Südwest (I) 6/16 33-27
1958/59 Oberliga Südwest (I) 11/16 24-36
1959/60 Oberliga Südwest (I) 12/16 24-36
1960/61 Oberliga Südwest (I) 5/16 31-29
1961/62 Oberliga Südwest (I) 9/16 25-35
1962/63 Oberliga Südwest (I) 12/16 23-37
1963/64 Regionalliga Südwest (II) 4/20 47-29
1964/65 Regionalliga Südwest (II) 11/18 28-40
1965/66 Regionalliga Südwest (II) 3/16 38-22
1966/67 Regionalliga Südwest (II) 4/16 39-21
1967/68 Regionalliga Südwest (II) 4/16 38-22
1968/69 Regionalliga Südwest (II) 13/16 23-37
1969/70 Regionalliga Südwest (II) 12/16 25-35
1970/71 Regionalliga Südwest (II) 7/16 35-25

1951 kauften die 05er einen neuen Sturm, finanziert von ihren Fans, die in großem Stil Darlehensscheine zu jeweils 25 Mark kauften, die auf zwei Jahre befristet waren; bei jedem Heimspiel wurden ein paar Scheine ausgelost, die sofort zurückgezahlt wurden. Zwei spektakuläre Neuzugänge waren letztlich keine Hilfe: Der neue Torwart Günther Gleiter brach sich in einem Testspiel vor der Saison das Bein und spielte nie für die 05er. Und der ungarische Stürmer George Monek, der der neue Star werden sollte, tauchte nach überragender Vorbereitung vor der Wiesbadener Kriminalpolizei unter und nie mehr auf. Dafür machten der ehemalige Deutsche Meister Georg Hagen und der schlesische Außenstürmer Werner Sklorz den ebenfalls schlesischen Mittelstürmer Horst Lebefromm zu einem erfolgreichen Torjäger und die 05er zu einer spielstarken Mannschaft, die zwar weder in den Ergebnissen noch in der Tabelle Konstanz hatte, aber nie im Abstiegskampf war. 

Wirklich gut ging es den 05ern weiterhin nicht. Das zeigt der Streit um das Nachholspiel gegen den VfR Frankenthal. Der Oberliga-Konkurrent SV Weisenau spielte gleichzeitig zuhause gegen den VfR Kaiserslautern - ungewöhnlich, weil man normalerweise darauf achtete, sich nicht gegenseitig die Zuschauer wegzunehmen. Die 05er boten an, schon morgens um zehn zu spielen, aber das verweigerte Frankenthal. Die Lauterer wären zu einer Verschiebung bereit gewesen, wollten sich das aber mit einem Betrag bezahlen lassen, der die erwarteten Einnahmen an der Bleichstraße überstiegen hätte.

Die Saison 1952/53 begann mit dem nächsten Eklat, wieder soll der FCK eine Rolle gespielt haben: Der VfR Frankenthal wurde wegen eines Bestechungsversuchs aus dem Vorjahr nach zwei Spielen aus der Oberliga geworfen. Pikant daran: Der VfR hatte den Klassenerhalt am letzten Spieltag durch einen völlig unerwarteten Auswärtssieg beim noch aktuellen FCK geschafft. Auch dieses Spiel soll gekauft gewesen sein, aber weil es keine Beweise gab, wurden die Ermittlungen schließlich eingestellt.

Die 05er verloren in diesem Sommer ihren Torjäger. Als Ersatz für Lebefromm kam immerhin Wettig zurück. In Kirn, wo es immer rund ging, wurde der 05-Trainer Georg Bayerer krankenhausreif geprügelt. Nach dem Heimspiel gegen TuRa Ludwigshafen gab es eine Platzsperre für die 05er, weil ihre Fans mit Steinen und Flaschen auf den Linienrichter und die TuRa-Spieler losgegangen sind. Sportlich war die Saison unproblematisch. 

5:2 gegen Kaiserslautern

Vor 20.000 Zuschauern schlugen die 05er am 15.11.1953 den 1. FC Kaiserslautern 5:2.Trainer Bayerer wechselte nun zu Bayern München, und sein Nachfolger, der Ungar Emil Izsó, den Bundestrainer Sepp Herberger empfohlen hatte, brachte Ordnung in die Mannschaft. Drei der vier Neuzugänge waren Volltreffer: der große Weisenauer Torjäger Franz Mattes, der bald zum Abwehrspieler umgeschult wurde, Werner Sommer aus der eigenen Jugend, der bis in die 1960er Leistungsträger im Mittelfeld war, und der Schlesier Walter Sonnenberger, der unter Herberger schon an einem Nationalmannschaftslehrgang teilgenommen hatte. Sommer und Sonnenberger waren neben Wettig die Schlüsselfiguren bei der größten Sensation der Mainzer Oberligazeit: Sommer glich gegen den FCK vor 20.000 Zuschauern den frühen Rückstand umgehend aus. Der FCK (mit den späteren Weltmeistern Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer - nur Horst Liebrich fehlte) ging wieder in Führung, Wettig glich wieder aus, der gefährliche Freistoßschütze Sonnenberger traf nach der Halbzeit zur 3:2-Führung. Durch zwei weitere Wettig-Tore gewannen die 05er 5:2. 

Einen Monat früher wäre das Heimspiel gegen den FV Speyer fast live im Fernsehen übertragen worden. Die Probeaufnahmen beim Freitagstraining hatten einwandfrei funktioniert, aber während des Spiels war der Sender auf dem Erbenheimer Militärflugplatz in Betrieb und störte das Signal zu sehr.

Mainz 05 1954: Hinten von links Trainer Higi, Mattes, Wettig, Christ, Kolb, Sonnenberger, Höfer, Meinhardt, Ronde. Vorne: Bargon, Schedler, Schöneck, Nebelung.

Die 05er wurden Siebter, waren bereit für die Jubiläumssaison - aber die machte ihnen gar keinen Spaß. Es war ein sehr verregnetes Jahr mit langem Winter. Bis in den März lag Schnee. "Wenn Mainz geschlagen werden soll, dann muss zuerst Amadori geschlagen werden", sagten zwar die Experten, aber der Abwehrchef Jupp Amadori war jetzt schon 32 Jahre alt und konnte die Serie von zehn Spielen ohne Sieg bei 1:19 Punkten nicht verhindern. Am Saisonende steckten die 05er mitten im Abstiegskampf. Sie hatten einen knappen Vorsprung, aber ein brutales Restprogramm: Lautern auswärts, Neuendorf auswärts, Worms zuhause. Der FCK stand schon als Südwestmeister fest, Neuendorf und Worms wollten beide den zweiten Südwest-Platz in der Endrunde.

Der FCK hatte bis auf Kohlmeyer keinen Weltmeister auf dem Platz, und die Mainzer machten ein großes Spiel. Hielten das 1:1, bekamen in der 70. Minute einen Elfmeter - normalerweise eine Sache für Jupp Amadori, aber der hatte mitten in der Saison, direkt nach dem 9:0-Sieg gegen die Sportfreunde Saarbrücken, seinen Vertrag gekündigt. Josef Meinhardt an schoss an die Latte. Und in der 89. Minute verloren die 05er das Spiel. In Neuendorf kam der 05-Torwart Franz Schöneck schon in der ersten Minute nicht an einen missglückten Rückpass heran und machte später den Fehler zum 0:2. Aber dann: Anschlusstreffer durch Bernhard Christ. Neuendorf wurde nervös, wackelte. Karl-Heinz Wettig hatte mehrmals den Ausgleich auf dem Fuß und traf schließlich in der 78. Minute. 2:2. Das hätte schon gereicht. Mattes traf mit einem Fallrückzieher sogar noch zum 3:2. Das anschließende 3:8 gegen Worms war den 05ern egal - sie konnten guten Gewissens das Jubiläum feiern, mit einem schönen Höhepunkt: 2:1 gegen den FA-Cup-Finalisten Manchester City durch zwei Sonnenberger-Tore.

Mainz 05 1956. Hinten von links: Christ, Buchmann, Elze, Hollerbach, Schiffmann. Davor: Bergner, Sonnenberger, Sommer. Vorne: Mattes, Schedler, Höfer.

1956 landeten die 05er im sicheren Mittelfeld. Der Höhepunkt: ein Sieg bei Saar 05 Saarbrücken, wo die Mainzer in der 86. und 87. Minute den Rückstand drehten - vor 30.000 Zuschauern. Es war das Vorprogramm für das Spitzenspiel zwischen dem 1. FC Saarbrücken und dem FCK.

1956/57 hätte eine sehr gemütliche Saison werden können. Wettig und Meinhardt wurden zwar kurz vor Ende der vorherigen Saison aus Gründen, die keiner so genau wusste, aus dem Verein geworfen, aber mit Wolfgang Elze kam ein guten neuer Mittelstürmer. Der plötzliche Tod des Vereinspräsidenten Walter Strutz überschattete aber schon den ersten Spieltag und große Verletzungsprobleme führten dazu, dass außer Elze kaum jemand Tore schoss. Die 05er verschossen gar sieben ihrer acht Elfmeter. Nur der neue Mittelfeldspieler, der nur 1,56 Meter kleine Gerhard Bergner, 1948 Deutscher Meister mit dem 1. FC Nürnberg, der jetzt in Mainz sein Sportlehrerexamen machte, traf vom Punkt. Immerhin reichte es wieder für einen sicheren Mittelfeldplatz. Auf die Weise ging es noch ein paar Jahre weiter, bis es 1959 die zweite große Revolution im Fußball auch nach Mainz kam.

Mainz 05 1959: Hinten Dritter von links Rahmoun, weiterhin Zimmer, Muhl, Müllges, Nehren, Jakobi, Schuch, Sommer, Schedler, Storck, Liebeck. Davor der VfR Bürstadt.

Die Revolution des Heinz Baas

Die Revolution begann mit einen Trainerwechsel. Der neue Trainer Heinz Baas brachte seiner Mannschaft im Laufe mehrerer Jahre ein modernes 4-2-4-System bei, das ursprünglich aus Brasilien stammte. Damit waren die 05er auf dem Platz wesentlich flexibler als ihre Gegner, die mehrheitlich im alten starren W-M-System spielten. Vor allem waren die Mainzer in der Lage, je nach Situation entweder im Angriff oder in der Abwehr regelmäßig Überzahl herzustellen. Im Sturm waren sie allerdings völlig unterbesetzt. Baas hatte noch nicht das Personal, das er für das anspruchsvolle neue System brauchte, geriet also erst einmal tief in den Abstiegskampf.

Im zweiten Jahr nahm Heinz Baas den zweiten großen Umbruch vor. Das System stand, jetzt kam das Personal selbst an die Reihe. Neun Spieler gingen, darunter mit Lothar Buchmann, Gerhard Bergner, Bernhard Christ und Willi Hollerbach einige langjährige Leistungsträger. Die Abwehr mit Norbert Liebeck, Carlo Storck, Helmut Müllges, Willi Jakobi und Ulrich Rother war das Prunkstück der Mannschaft, die am 26. November 1960 ihr erstes Meisterstück schaffte: Auswärtssieg beim 1. FC Saarbrücken. Der war zwar mit 16:1 Eckbällen deutlich feldüberlegen, fand aber kein Mittel gegen das elastische Mainzer System. Der syrische Student Ali Rahmoun traf schon in der 30. Minute zum 1:0-Sieg. In der Hinrunde hatten die 05er mit 17 Toren die schlechteste Ausbeute der gesamten Liga, waren aber mit ebensovielen Punkten dank der wenigsten Gegentore der Liga (14) Fünfter. Am Saisonende hatte der Sechste fast doppelt so viele Tore wie die Mainzer, aber einen Punkt weniger. Für Mainz 05 war das die beste Platzierung der Oberligazeit.

1961/62 ging es wieder bergab. Die neuen Stürmer Vincenz Fuchs und Erwin Bader kamen aus unteren Klassen und mussten sich erst noch an die Oberliga gewöhnen. Namhaftere Zugänge ließ der Etat nicht zu. Die Defensive stand wieder nicht schlecht, aber aus dem Mittelfeld gab es kaum Entlastung. Der Abstiegskampf war immerhin schnell überstanden. Beinahe hätte es sogar den ersten Sieg auf dem Betzenberg gegeben: Durch zwei Tore von Rechtsaußen Manfred Nehren führten die 05er bis in die Schlussphase 2:0. In der 80. Minute vergab Nehren die Riesenchance zum 3:0. In den letzten sieben Minuten gewann der FCK 3:2.

05-Präsident Emil Enderle, Teilhaber der Moguntia-Gewürzmühle, musste in dieser Zeit immer wieder aus seinem Privatvermögen Löcher in der Vereinskasse stopfen. Und weil Stürmer Geld kosten, wurde der Angriff immer schlechter. 1962 verabschiedete sich der teure Routinier Erich Bäumler. Ersatz konnten sich die Mainzer nicht leisten. Immerhin reichte es für zwei defensive Neuzugänge, die beide später Bundesliga-Stammspieler wurden: Vorstopper Toni Burghardt und Torwart Horst-Dieter Strich. Mainz 05 hatte eine taktisch gut ausgebildete Mannschaft mit einer hervorragenden Abwehr und verlor trotzdem jedes zweite Spiel. Bäumlers Tore fehlten. Die Sturmreihe mit Manfred Nehren, Erwin Bader und Vincenz Fuchs schaffte zusammen nur 20 Treffer. Nur der überforderte Aufsteiger SV Niederlahnstein, der im ganzen Jahr nur drei Unentschieden holte, traf seltener. Und dennoch standen die 05er fast immer über dem Strich.

1963 begann schließlich eine neue Ära: Die Bundesliga wurde eingeführt - natürlich ohne Mainz 05. "Die Vereinsführung ist klug genug, nicht mit unerfüllbaren Plänen zu spielen", schrieb Werner Höllein, Sportchef der AZ. "Wenn sich die Verhältnisse in und um Mainz nicht wesentlich ändern, wird es in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt niemals einen Verein in der Fußball-Bundesliga geben."

Für 05 und die meisten anderen Südwestvereine änderte sich nichts. Ihre Liga hieß jetzt halt "Regionalliga", war nur noch zweitklassig und der FCK und Saarbrücken waren nicht mehr dabei. Zwei Überraschungsmannschaften gab es: Aufsteiger Eintracht Trier wurde Fünfter - hinter Mainz 05. Daran hatten zwei neue Mittelfeldspieler großen Anteil: rechts der lauf- und kopfballstarke Techniker Günther Dutiné, links Kurt Sauer, der Spielmacher mit der Übersicht für lange Bälle in die Spitze. Abgesichert vom defensiven zentralen Mittelfeldmann - Carlo Storck oder Manfred Zimmer - konnten die beiden immer wieder mit nach vorne gehen. Ein Glücksfall für den Sturm - Nehren, Bader und Fuchs trafen zusammen 52 Mal.

Mainzer Pokalhelden

Diese Goldene Generation erreichte 1965 ihren Höhepunkt. Weiter verstärkt durch den knallharten Verteidiger Heinz Wassermann, den Außenstürmer Ulli Meyer und den Mittelstürmer Charly Tripp sorgten die 05er im DFB Pokal für bundesweites Aufsehen. In der ersten Runde kam der spätere Deutsche Meister Werder Bremen nach Mainz und verlor durch Meyers Tor 0:1. Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch, als der Bremer Max Lorenz das Mainzer Tor umriss, aber die Spieler flickten das Gehäuse selbst wieder zusammen. Im Achtelfinale gaben die 05er gegen den Titelverteidiger München 1860 eine 2:0-Führung ab. Das Wiederholungsspiel in München gewannen sie sensationell 2:1. Und am Fastnachtssamstag gab es einen Zuschauerrekord, der für den Bruchweg heute noch gilt: Dank einer Zusatztribüne sahen 24.000 Fans die 0:3-Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg.

Mainz 05 1965. Vor Trainer Heinz Baas von links: Schuch, Charly Tripp, Storck, Nehren, Görlach, Planitzer, Müllges, Sauer, Meyer, Wassermann, Dutiné.Vincenz Fuchs wurde daraufhin vom MSV Duisburg weggekauft, für den er genau ein Spiel machte, obwohl der MSV die ganze Saison über für linksaußen keinen Stammspieler fand. Für die 05er war das ein ganz schwerer Verlust. Gleichwertigen Ersatz für den Torjäger, der in vier Jahren 129 Mal gespielt und 56 Mal getroffen hatte, gab es nicht. Dagegen konnte das Karriereende von Norbert Liebeck aus den eigenen Reihen aufgefangen werden. Und für die anspruchsvolle Position hinter den Spitzen war jetzt endlich ein passender Spieler da: Horst Hülß aus Köln, ein taktisch versierter Spielmacher, der es verstand, je nach Situation zwischen Halbstürmer- und Mittelläuferspiel zu wechseln, so dass die 05er ohne großen Aufwand jederzeit zwischen 4-3-3 und 4-2-4 umschalten konnten. Heinz Baas hatte jetzt, in seinem siebten Jahr, eine sehr stabile Mannschaft. Alle Positionen bis auf Linksaußen waren fest vergeben, Grund zum Wechseln gab es nicht. Die Abwehr kassierte 25 Tore weniger als im Vorjahr, Charly Tripp traf vorne alleine 24 Mal. Am Ende fehlten nur zwei Punkte zur Aufstiegsrunde in die Bundesliga.

Trotzdem musste der Trainer nach der Saison gehen. Wie jedes Jahr hatte Heinz Baas fristgerecht gekündigt, um einen neuen Vertrag auszuhandeln. Diesmal akzeptierte der Verein kurzerhand die Kündigung. Es gab einen Riesenstreit nach dieser Entscheidung. Nicht ganz zu Unrecht wurde dem Verein vorgeworfen, den beliebten, erfolgreichen, aber teuren Trainer so elegant loswerden zu wollen. Die Mannschaft schrieb einen offenen Brief an den Vorstand, um Baas zu behalten. Bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zu diesem Thema wurde der Vorstand beinahe gestürzt. Aber es nutzte nichts: Baas musste nach sieben Jahren gehen. Erst Jürgen Klopp war länger 05-Trainer als Baas.

Wie so häufig nach dem Ende einer Ära scheiterte sein Nachfolger. Kurt Zaro begann mit drei Siegen, wurde aber nach zwölf Spielen und 12:12 Punkten entlassen. Die Mannschaft kam einfach nicht mit ihm zurecht. Walter Sonnenberger, der zwölf Jahre zuvor die beiden Tore gegen Bert Trautmann im Jubiläumsspiel geschossen hatte, übernahm - und ist nach Punkten bis heute der erfolgreichste 05-Trainer aller Zeiten. In 18 Spielen gab es nur drei Niederlagen, bis kurz vor Saisonende sogar geringe Aufstiegschancen. Trotzdem konnte Sonnenberger nicht im Amt bleiben - ihm fehlte die nötige Lizenz. Dritter wurde in dieser Saison sensationell der SV Weisenau, der am vorletzten Spieltag nur einen Punkt hinter den Aufstiegsrundenplätzen stand. einen ungewöhnlichen Tiefpunkt gab Anfang Mai: 2:1 gegen den Aufsteiger FC Homburg - vor 79 Zuschauern. Einnahmen: 173,90 Mark. Dafür gab es drei Gründe: Zum Einen hatten die 05er drei Tage vorher in Trier den Aufstieg endgültig verspielt. Zum Zweiten war der Termin ungünstig - mittwochs um 17 Uhr mussten viele noch arbeiten. Und gleichzeitig lief im Fernsehen das EM-Qualifikationsspiel zwischen Jugoslawien und Deutschland. Dabei waren ursprünglich trotz heftiger Regenfälle schon mehrere hundert Zuschauer im Stadion - als der Mainzer Gartenbau-Oberinspektor Schröder aufgetaucht war und den Platz kurzerhand gesperrt hatte. Schröder hatte nur unter Polizeischutz das Stadion verlassen können. Das Spiel musste neu angesetzt werden und wurde vom Publikum weitgehend ignoriert.

Mainz 05 1967. Von links Hülß, Planitzer, Charly Tripp, Georg Tripp, Storck, Bopp, Müllges, Zimmer, Klinkhammer, Wassermann, Klauss.1967 gab es also schon wieder einen neuen Trainer, wieder einen Ex-Spieler: Erich Bäumler. Und obwohl mal wieder kein Geld da und von der Pokalmannschaft nur noch eine Handvoll Spieler übrig war, hatte Bäumler eine herausragende Mannschaft zur Verfügung: Im Tor Kurt Planitzer, vor ihm Libero Carlo Storck, Vorstopper Helmut Müllges, die Außenverteidiger Heinz Wassermann und Horst Schuch, die Läufer Richard Klauss und Horst Klinkhammer, Halbstürmer Horst Hülß und die Spitzen Georg Tripp, Charly Tripp und "Bimbo" Bopp. Eine Mannschaft, die zum dritten Mal in Folge zur Spitzengruppe der Liga zählte, dicht an der Aufstiegsrunde dran war und trotzdem mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Warum Bäumler nach 23 Spielen gehen musste, wusste wieder keiner so genau. Karl-Heinz Wettig, die Nachkriegs-Stürmerlegende, brachte die Saison zu Ende und wurde mit vier Punkten Rückstand Vierter.

Mit der Herrlichkeit war nun Schluss. Kurt Sauer, Horst Hülß und Charly Tripp (der schon ein Jahr vorher fast zu den Bayern gewechselt wäre) gingen. Geld für Ersatz war wie immer nicht da und die unfreiwillig extrem verjüngte Mannschaft geriet wieder in Abstiegsgefahr. Eigentlich war der Abstand zu den Abstiegsplätzen das ganze Jahr über groß genug, aber über den Mainzern hing der Schatten des FCK. Der schaffte nämlich selbst erst am vorletzten Spieltag den Klassenverbleib in der Bundesliga. Wären die Lauterer in die Regionlliga gekommen, hätte es dort einen Abstiegsplatz mehr gegeben.

1969 wurde Wettig vom ehemaligen Weisenauer Erfolgstrainer Erich Gehbauer abgelöst, der wieder Stabilität in den Verein bringen sollte. Gehbauer war ein harter Trainer, der keine Angst hatte vor unpopulären Entscheidungen, der schon mal mitten im Spiel den Torwart auswechselte, und der auch nach fast 300 Spielen für das Karriereende von Libero Carlo Storck sorgte. Beim Heimspiel gegen den FV Speyer stand es nach 17 Minuten schon 0:2, worauf Gehbauer Storck umgehend auswechselte und ihm anschließend nur noch ein paar Einsätze im Mittelfeld gab. Die 05er spielten eine ordentliche Saison, bis Georg Tripp im November nach Frankreich wechselte. Jetzt wurde es richtig schwer. Bis Februar gewannen die 05er kein einziges Spiel mehr. Nur die noch schwächere Konkurrenz hielt sie trotz miserabler Ergebnisse im Rennen. Im Winter wurde über eine Fusion mit dem SV Weisenau nachgedacht, die aber von den SVW-Mitgliedern mit klarer Mehrheit abgelehnt wurde. Die 05er bleiben am Ende doch überraschend locker in der Liga. Für Weisenau endete die Saison mit einem Eklat: Das 3:1 gegen die seit Jahren schwächelnden Wormser hätte dem SVW zum Nichtabstieg gereicht, wenn der Tabellendritte Südwest Ludwigshafen gleichzeitig gegen den Abstiegskonkurrenten FC Homburg gepunktet hätte. Aber Homburg gewann in Ludwigshafen 5:1. In Weisenau vermutete man Schiebung, hatte aber keine Beweise.

1970 warfen die 05er fast alles über den Haufen. Fünf Stammspieler gingen - der junge Bopp nach Rüsselsheim, Planitzer, Storck, Wassermann und Klinkhammer, alle inzwischen über 30 Jahre alt, hörten ganz auf mit dem höherklassigen Fußball, genauso wie ein paar weitere langjährige Leistungsträger, die zuletzt keine große Rolle mehr gespielt hatten. Vom alten Stamm war nur noch Helmut Müllges übrig, aber auch der musste im Winter wegen langwierigen Muskelproblemen aufhören. Die 05er hatten wieder eine extrem junge Mannschaft. Mit Torwart Wolfgang Orben, Verteidiger Herbert Scheller, den Mittelfeldspielern Peter Scherer, Jürgen Richter und Jürgen Janz und dem Stürmer Jockel Jakobi waren einige Stammspieler noch keine 23 Jahre alt. Trotzdem nahmen die 05er am zweiten Spieltag den SV Alsenborn, der gerade zum dritten Mal in Folge Südwestmeister geworden war, 6:0 auseinander. Das Niveau konnte die Mannschaft noch nicht dauerhaft halten, aber sie wurde Siebter und hatte nichts mit dem Abstieg zu tun.

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