Kritik durch Anwesenheit

Christian Karn. Mainz.
Schon der sperrige Name "RasenBallsport Leipzig" deutet es an: Noch nie gab es in der Bundesliga einen derart künstlichen - und damit derart umstrittenen - Klub wie den morgigen Gastgeber des FSV Mainz 05. Nach ein paar kleineren Anpassungen ist die Rolle, die ein österreichischer Getränkekonzern im deutschen Fußball spielt, inzwischen im Rahmen der Verbandsanforderungen legal, geschickt sowieso, aber beliebt sind die Leipziger nicht. Ihre Gegner blockieren den Mannschaftsbus, boykottieren das Auswärtsspiel - die 05-Fans dagegen sollen in Scharen hinfahren, Flagge zeigen, vor Ort protestieren, fordern die Supporters Mainz.

Glauben wir den Konservativeren unter den Fußballfans, dann steht mal wieder ein Sündenfall bevor. Zum ersten Mal seit dem Abstieg von Energie Cottbus (2009 - die 05er, 2007 abgestiegen, kamen im Treppenhaus als Aufsteiger entgegen) reist der FSV Mainz 05 zu einem Bundesligaspiel nach Ostdeutschland... na gut, das stimmt nicht so ganz, Hertha BSC gehört auch zum Regionalverband Nordost, jedenfalls zu einem Ostklub, wenn man den Gegner als einen solchen... Ja, man muss die eine oder andere Definition an die Grenze der Belastbarkeit dehnen, damit die Argumentation aufgeht, aber wenn es um RasenBallsport Leipzig geht, ist das normal. Die Unterstützer des Aufsteigers haben sich daran ebenso gewöhnt wie seine Gegner.

Es ist kompliziert mit den Leipzigern, schon der sperrige Name ist ein erstes Indiz. An die Vereine für Bewegungsspiele aus Stuttgart oder tatsächlich Leipzig, an den Verein für Rasenspiele 1921 e.V. aus Aalen, sogar an den ungewöhnlichen Ballspielverein Borussia aus Dortmund hat man sich rund ein Jahrhundert lang gewöhnen können. "RasenBallsport" - ebenso wie "Leichtathletik Rasensport" in Ahlen, das ist neu. Das war notwendig, weil der DFB - anders als die Fußballorganisationen in Österreich, den USA und Brasilien - es dem Trägerkonzern nicht erlaubt hat, das Fußballprojekt "Red Bull Leipzig" zu nennen. Sponsorenbezeichnungen sind in Vereinsnamen nicht erwünscht, für Bayer Leverkusen als ebenfalls von Anfang an konzerneigenen Sportverein gilt das aus Bestandsschutzgründen nicht. Allzu ernst gemeint ist der Name ohnehin nicht, die Internetpräsenz heißt beispielsweise nicht rbleipzig.de, sondern "die roten Bullen".

Ein Verein (mit in eine GmbH ausgegliederter Fußballabteilung) ist RasenBallsport Leipzig tatsächlich. 17 stimmberechtigte Mitglieder gibt es (Stand: März 2016), 2014 sollen es noch weniger als zehn gewesen sein. Das Vorstandsmitglied Ulrich Wolter wird zitiert, Vereine, in denen Fans aus der Ultra-Szene Strukturen geschaffen haben, seien nicht im Sinne des deutschen Fußballs, und man wolle sich solchen Zuständen absolut entziehen. Weil das der DFL beim Aufstieg in die 2. Bundesliga (und damit dem Wechsel aus der höchsten DFB-Ebene in die DFL-Strukturen) nicht reichte, lässt der Konzern inzwischen auch Fördermitglieder zu, die das eine oder andere Privileg genießen, jedoch nicht stimmberechtigt sind. Die Lizenzkriterien waren damit (und mit verschiedenen anderen Zugeständnissen) erfüllt.

Es ist natürlich kein Wunder, dass die Fußballszene die Konstruktion misstrauisch beäugt, teilweise ablehnt. Es ist auch kein Wunder, dass sie in Leipzig noch nie unumstritten war, aber sehr schnell auch in der Bevölkerung die notwendige Unterstützung fand. Die Kritiker sorgen sich um ihre Konkurrenzfähigkeit. Neun Jahre ist es her, dass Mainz 05 und die TSG Hoffenheim Streit hatten, weil der damalige 05-Manager Christian Heidel Nachahmer fürchtete, weitere von reichen Leuten großgekauften Amateurvereinchen, die Klubs wie dem Mainzer, der sich selbst finanzieren muss, das Leben schwer machen und die Bundesligaplätze wegnehmen könnten, und der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp sich beleidigt fühlte. Die alten Klubs, zu denen sich Mainz 05 mit drei Jahren Bundesligazugehörigkeit zählte, sind die TSG bis heute nicht losgeworden, den VfL Wolfsburg auch nicht, wenn's auch ein paar Mal knapp war. Mit Leipzig ist jetzt ein dritter in höchstem Maße fremdfinanzierter Klub dazugekommen, ein Vierter, wenn man Leverkusen mitzählen will - fast ein Viertel der Liga. Und die Leipziger schlagen sich bisher gut in der Bundesliga, sind Zweiter, knapp hinter den Bayern - die Saison ist aber noch jung. Hoffenheim war vom Aufstieg weg direkt Herbstmeister, war der Liebling der Feuilletons, und hat aber acht Jahre später immer noch kein einziges Europapokalspiel absolviert. Die TSG mag Nürnberg oder Bochum den gewohnten Bundesligaplatz wegnehmen; die Klubs, die zwischen Bremen, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und dem Europapokal standen, die waren in letzter Zeit eher Mainz 05, der FC Augsburg, der SC Freiburg, Hannover 96.

Der österreichische Getränkekonzern stellt sich allerdings geschickter an als der nordbadische Softwareunternehmer Hopp. Jener wollte eine Großmacht mitten im Spannungsfeld zwischen alteingesessenen Klubs wie dem Karlsruher SC, dem 1. FC Kaiserslautern, Waldhof Mannheim und an den Rändern Eintracht Frankfurt und vielleicht sogar wirklich dem VfB Stuttgart gründen - da war es viel zu eng, um Platzhirsch zu werden. Für die Eroberung der Bundesliga haben sich die Österreicher das größte Machtvakuum im deutschen Fußball ausgesucht. Leipzig hat unendlich viel Fußballtradition, stellte 1903 mit dem VfB Leipzig (der zumindest teilidentisch war mit dem späteren Bundesligisten VfB Leipzig) den ersten deutschen Meister. Im Aktionismus des ostdeutschen Fußballs insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten der DDR und vor allem in den Jahren nach der Wiedervereinigung geriet jedoch vieles durcheinander. Der VfB, 1993/94 Erstligist, stieg 1998 aus dem Profifußball ab, wurde 2004 aufgelöst schloss sich seinem eigenen Vorgänger an, dem 1. FC Lokomotive. So hieß wiederum früher auch mal der Lokalrivale BSG Chemie, der seinerseits 2011 unter diesem Namen FC Sachsen Leipzig aufgelöst wurde, als es den neuen FC Lok längst wieder gab - auch das ist kompliziert. Vom Profifußball jedenfalls war Leipzig weit weg. Die nächstgelegenen Erstligisten waren Hertha BSC (zwei Stunden mit dem Zug), der VfL Wolfsburg (2:40 Stunden) und dann tatsächlich schon Eintracht Frankfurt und der HSV (drei Stunden mit dem ICE). Und wenn es mal überregionale Schlagzeilen gab, hingen diese oft mit Krawall zusammen.

Red Bull wollte ursprünglich beim FC Sachsen einsteigen. Dessen Fans lehnten ebenso ab wie der DFB - der Plan der Österreicher war noch nicht gut genug durchdacht. Drei Jahre später übernahm der Konzern statt dessen den Oberligaklub SSV Markranstädt; so tief in der Ligapyramide ist der DFB nicht zuständig, der sächsische und der Nordost-Verband hatten weniger Einwände. Ein paar Verbandsauflagen mussten hin und wieder erfüllt werden und wurden erfüllt, ein paar Aufstiege später hat Leipzig wieder einen Erstligaklub. Viele, viele (darunter die alte Galionsfigur RB Salzburg, die auf einmal nur noch die Nummer 2 im Konzern ist) können ihn nicht leiden, aber in der Stadt und der Region wird RasenBallsport Leipzig von hinreichend vielen Fußballfans begeistert angenommen.

Die Gegner - nicht die ideologischen, sondern die am Spieltag - mussten sich in allen Ligen erst an den neuen Klub gewöhnen. Immer mal wieder wurden Spiele boykottiert; der einfachste Weg, um einen Fan-Aufstand zu entfachen, ist, ein Testspiel gegen RasenBallsport zu vereinbaren. Hessen Kassel, Union Berlin, Erzgebirge Aue, die Offenbacher Kickers und der Chemnitzer FC haben es erlebt. Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga gründeten Fan- und Ultragruppierungen vieler Gegner die Kampagne "Nein zu RB", um mit "kreativen und aufklärerischen Aktionen im und um das Stadion auf die Problematik mit Vereinen wie RB Leipzig aufmerksam zu machen und eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen, um einer Akzeptanz von RB auf Dauer entgegenzuwirken." Selbst die Fans der TSG Hoffenheim protestierten beim Finale der U19-Meisterschaft gegen den Leipziger Klub.

Noch nie dürfte ein Bundesligist so umstritten gewesen sein wie RasenBallsport Leipzig. In Köln musste der Mannschaftsbus der Sachsen einer Sitzblockade ausweichen, viele Fanszenen rufen zum Boykott der Auswärtsspiele auf - die Mainzer dagegen wollen in großer Zahl nach Leipzig fahren, um vor Ort Flagge zu zeigen. Foto: imagoUnd auch in der Bundesliga tut man sich schwer. Die Hoffenheimer Fans machten sich am ersten Spieltag lediglich lustig ("Den Fußball zerstört nur einer: Hoffe und sonst keiner"). In Dortmund, Gladbach und Augsburg gab es Aufrufe, nicht zum Auswärtsspiel nach Leipzig zu fahren, beim HSV wurde ein Protestmarsch organisiert, bei dem aber kaum jemand mitlief. Ohnehin mag der HSV 120 Jahre älter sein, dennoch ist der Unterschied zu Leipzig gerade nicht groß, wird auch der ewige Erstligist in hohem Maße von externem Geld (dem des Milliardärs Klaus-Michael Kühne) in der Liga gehalten.

In Köln konnte nicht pünktlich angepfiffen werden, weil der Mannschaftsbus der Leipziger erst einer Sitzblockade ausweichen musste, außerdem trug der FC ausnahmsweise nicht das gewohnte Supermarktlogo auf dem Trikot, sondern warb für ein Konkurrenzprodukt, eine Eigenmarke des Sponsors. Bei den Spielen in Wolfsburg und gegen Bremen war's ruhiger, Darmstadt 98 wiederum machte zum Heimspiel gegen RasenBallsport eine Zeitreise: "Wir sind stolz auf unsere Tradition" sagte Präsident Rüdiger Fritsch, für den "Traditions-Spieltag" wurden Ankündigungsplakate und Stadionheft auf alt getrimmt, eine manuelle Anzeigetafel mit Haken und Schildern aufgebaut, sogar die Darmstädter Polizei wollte mal sehen, "ob wir für Samstag noch eine alte Uniform auftreiben können". Eine Provokation, so Fritsch, sollte das nicht sein: "Es gibt keinen einzigen negativen Aspekt gegen Leipzig. Wir sind auf uns fokussiert und wollen unsere Fußballkultur nach vorne stellen. Zum Nachdenken und Diskutieren. „Das macht gegen Leipzig mehr Sinn als gegen den FC St. Pauli."

Die Mainzer hingegen wollen hinfahren, "gerade in Leipzig Flagge zeigen für das, was für uns Fußball ausmacht", teilen die Supporters Mainz mit, die einen Sonderzug nach Leipzig organisierten. "Kein Stück unserer Kritik an dem Konstrukt nehmen wir zurück, wenn wir möglichst zahlreich nach Leipzig fahren", so die Supporters.

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