Leidenschaft, Kampfgeist und Keramiktassen

Christian Karn. Mainz.
Die Pflichtspielsaison beginnt für den FSV Mainz 05 am Sonntag, 15.30 Uhr, mit einer Aufgabe, die unangenehmer sein dürfte, als sie auf dem Papier scheint. Die SpVgg Unterhaching ist ein Viertligist, hat dort aber mit sechs Auftaktsiegen schon einen beeindruckenden Lauf, während die 05er noch mit Testspielen beschäftigt waren. Und der ehemalige Bundesligist hat große Ambitionen, die er mit selbstbewussten Sprüchen auf seiner Internetseite und auf Wimpeln und Keramiktassen unterstreicht.

Dem Namen nach sollte die Spielvereinigung Unterhaching eine Randerscheinung im deutschen Fußball sein; zumindest geographisch ist sie's. Auch kulinarisch sind die Auswärtsspiele südlich von München attraktiv, aber der Weg ist weit. Sportlich war der Klub in den 1990ern und kurz danach spektakulär erfolgreich: Christoph Langen war zweimal Olympiasieger, jeweils sieben Mal Welt- und Europameister, Susi Erdmann dreimal Weltmeisterin - in der Bobsport-Abteilung, die im Vereinslogo dem Fußball gleichberechtigt ist.

Die Fußballer wiederum spielten um die Jahrhundertwende für viele unerwartet und für viele länger als erwartet in der Bundesliga. 2000 machten sie mit einem Heimsieg gegen den Titelfavoriten Bayer Leverkusen ihre Nachbarn von Bayern München zum deutschen Meister. 2001 hätten sie das auf Schalke wiederholen können, führten beim Meisterschaftsaspiranten im letzten Spiel im Parkstadion 2:0 und nach dem Ausgleich 3:2 und waren doch der noch größere Verlierer des Tages: Nachdem in der Hamburger Nachspielzeit Patrik Andersson den Bayern den Titel gerettet hatte, wurden die Schalker, die sich nach dem 5:3-Sieg wenige Minuten lang für den Meister gehalten hatten, immerhin als "Meister der Herzen" unsterblich - die Hachinger hatten sich mit aller Macht gegen die Schalker und gegen den Abstieg gestemmt und mussten doch als Randerscheinung des dramatischen letzten Spieltags die Bundesliga verlassen. Keiner bekam's mit.

Seit Wochen sind die Hachinger gut gelaunt. Die ehemaligen Bundesligaspieler Sascha Bigalke (links, ein Spiel) und Stephan Hain (zweiter von rechts, 24 Spiele) und ihre Kollegen haben in dieser Saison sechs von sechs Spielen gewonnen. Foto: imagoVom glanzvollen Höhepunkt der Hachinger Fußballer ist momentan wenig übrig. Nach dem Ende der finanziellen Zuwendungen durch den extrovertierten Unternehmer Erich Lejeune (2002) mehrmals vor der Pleite; der langjährige Zweitligist ist 2015 erstmals seit 34 Jahren in die Viertklassigkeit abgestürzt, spielt erstmals seit 1994 nur noch in der Bayernliga. Und ist dort nach sechs Auftaktsiegen (2:1 beim TSV Rosenheim, 5:1 gegen den VfR Garching, 3:1 beim FC Memmingen, 2:0 gegen die U23 der SpVgg Greuther Fürth, 3:1 gegen den FC Augsburg II, 1:0 beim SV Schalding-Heining) diesmal selbst ein Titelfavorit.

Dem FSV Mainz 05 begegneten die Hachinger 1988 zum ersten Mal. In der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gab es für die defensiv verwundbaren, offensiv überragenden 05er zwei klare Siege: Erik Kunz, Charly Mähn, Norbert Hönnscheidt und Colin Bell trafen am Bruchweg vor 9.000 Zuschauern zum 4:1. Im Rückspiel brachte Reiner Leitl, der große Bruder des späteren Junioren-Nationalspielers Stefan Leitl, die Hachinger früh in Führung, aber im Laufe der zweiten Hälfte drehten Michael Müller und mit zwei Toren Hönnscheidt das Spiel zum 3:1-Auswärtssieg.

Die 05er stiegen auf, wieder ab und wieder auf, Haching kam 1992 nach in die 2. Bundesliga, stieg (nach 0:0 und 0:1 gegen Mainz - Vlado Kasalo traf zum Auswärtserfolg) ebenfalls direkt wieder ab, brauchte zwei Jahre fürs Comeback, blieb - inklusive des Intermezzos in der Bundesliga - sieben Jahre. Ein Jahr nach dem Absturz aus der Bundesliga in die Regionalliga kamen sie für weitere vier Spielzeiten zurück.

In Mainz ging für die Hachinger nie viel. Die 05er gewannen fünf von acht Heimspielen, verloren keines, schossen 13:3 Tore. Das 2:0 am drittletzten Spieltag der Saison 2003/04 war ein wichtiger Schritt zum Bundesliga-Aufstieg. Auswärts ist die Bilanz ausgeglichen, die beiden 05-Siege sind jedoch schon lange her. Zwei 0:0-Remis nach dem Wiederaufstieg folgten ein 3:2 der Hachinger im Auftaktspiel der Saison 1997/98, das bei der frühen Entlassung des 05-Trainers Reinhard Saftig eine Rolle spielte, und ein 1:0, nach der Rückkehr der SpVgg aus der Bundesliga ein weiteres 0:0. Als Regionalligist warfen die Hachinger die 05er aus dem DFB-Pokal; der Profi-Debütant Christian Wetklo hielt im Elfmeterschießen den ersten Schuss, sein Gegenüber Philipp Heerwagen hielt zwei.

Das diesjährige Pokalspiel ziehen die Hachinger ganz groß auf. Im Fanshop kann man Einkaufstaschen, Keramiktassen, Tischwimpel, Kühlschrankmagneten und immerhin 25 Euro teure Shirts mit der Aufschrift "Wir gegen Mainz" kaufen. In größter Ausführlichkeit feiern die Hachinger ihre letztjährige Pokalrunde - mit 2:1 gegen Ingolstadt, 3:0 gegen Leipzig und schließlich 1:3 gegen Leverkusen schafften sie es immerhin bis ins Achtelfinale. "Die Lehre für unser Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05" zieht die Redaktion der Vereins-Website nach jedem Artikel: "Kämpfen und seine Chancen eiskalt nutzen." "Ab der ersten Minute mit breiter Brust auftreten und Druck ausüben." "Leidenschaft, Kampfgeist und ein großes Herz." Sicherlich gibt es auch für Bundesligisten im Pokal angenehmere Aufgaben.

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