Lohn für den Mut zum Risiko

Jörg Schneider. Bremen.
Abpfiff im Weserstadion. Trainer, Co-Trainer, Betreuer und Ersatzspieler stürmen auf Gerrit Holtmann zu und erdrücken den Linksaußen fast. Kurz vorher eingewechselt gewinnt der 21-Jährige in der Nachspielzeit das entscheidende Sprintduell am Flügel, flankt auf den kurzen Pfosten, wo Pablo De Blasis den Ball per Kopf zum 2:1 eindrückt. Feierabend. Zweiter Auswärtssieg in Folge. Spiel gedreht. Volles Risiko gegangen. Die Abwehr aufgelöst und einen Stürmer nach dem anderen reingeworfen. Der Trainer des FSV Mainz 05 zeigte beim Last-Minute-Erfolg bei Werder Bremen Mut und wurde belohnt. „Martin Schmidt hat heute einen tollen Job gemacht“, lobte Rouven Schröder. Die Stimmen zum Spiel.

„Ich bin einfach losgelaufen, habe einfach geflankt, und plötzlich war das Ding drin“, sagte Gerrit Holtmann nach dem Abpfiff, die entscheidende Aktion des Spiels beschreibend. „Ich habe gar nicht mitgekriegt, wer das Tor gemacht hat. Es war drin, und ich habe mich nur noch gefreut.“ Es waren die ersten zehn Bundesligaminuten für den Neuzugang. In der Schlussphase löste der 05-Trainer im Weserstadion nach und nach seine Abwehr auf, opferte zunächst Niko Bungert, dann Fabian Frei für weitere Stürmer und wurde belohnt. Yunus Malli schaffte nach Daueroffensive in der zweiten Halbzeit nach 87. Minuten den Ausgleich. Pablo De Blasis versenkte die Holtmann-Flanke schließlich ins kurze Eck zum vielumjubelten Sieg.

„Wir haben eine unheimlich dominante zweite Halbzeit gespielt“, sagte Harald Strutz nach dem Abpfiff begeistert. „Was ich bewundere, ist der Wille dieser Mannschaft. Obwohl ich nicht gedacht habe, dass wir noch das Siegtor schießen. Wir hatten gute Chancen nach der Pause, deshalb ist der Erfolg verdient. Dass wir mit dieser ersatzgeschwächten Aufstellung nachher so überlegen waren, war super. Die Mannschaft hat alles gegeben und die Ausfälle aufgefangen“, sagte der 05-Chef und fügte noch ein Kompliment an seinen Trainer und seinen Sportdirektor hinzu. „Das muss man auch mal sagen. Es freut mich riesig für Martin und Rouven, dass sie jetzt einen solchen Start hingelegt haben. Das ist ja keine Selbstverständlichkeit.“

Der Sportdirektor musste sich zurückhalten mit der Freude. Rouven Schröder hat auch immer noch etwas übrig für seinen Ex-Verein, der diese bittere Niederlage in der Nachspielzeit hinnehmen musste. Trotzdem nehme er den Sieg gerne mit. „Wenn man sieht, welche Belastung wir bis jetzt hatten und welche Ausfälle heute, dann muss man sagen, die Mannschaft hat es richtig angenommen. Auch wenn wir 20 Minuten und den Rückstand gebraucht haben. Da waren wir gar nicht auf dem Platz. Ich denke, aufgrund unserer Situation sind sieben Punkte ein guter Start bei drei Auswärtsspielen. Die Jungs wollten das Ding heute unbedingt drehen. Und Martin hat heute einen tollen Job gemacht.“

Die Wechsel von Martin Schmidt (rechts) waren am Ende wirksamer als das Zeitspiel von Alexander Nouri und seinem Team. "Ich habe der Mannschaft gesagt: Warum sollten wir diesmal nicht das Spiel drehen?", verriet der 05-Trainer. Foto: imagoEr habe Glück gehabt bei seinen Wechseln, sagte der 05-Trainer später. „Dieser Sieg war sehr wichtig für unseren weiteren Weg. Wir haben in den Spielen dieser Saison schon alles durchgemacht. Ich denke, damit haben wir jetzt die Erlebnisse gegen Hoffenheim und Saint-Etienne aufgearbeitet. Dennoch sollten wir das jetzt nicht zu hochjubeln und nicht jubelnd durchs Land fahren. Sondern, die Leistung kritisch analysieren, um weiter zu kommen. Vor allen Dingen die ersten 20 Minuten. Wir wussten, dass es aufgrund der Umstände hier schwierig werden würde. Wir haben dann gesehen, dass es ganz schwierig werden sollte. Die Bremer haben uns sehr viele Probleme gemacht, Erst nach dem 0:1 hat das Spiel für uns richtig begonnen“, so der 05-Trainer. „Irgendwann sind wir dann gefährlicher geworden, hatten Chancen und darüber sind wir selbstbewusster geworden. Ich habe der Mannschaft in der Pause gesagt, warum sollten wir diesmal nicht die Comebacker sein und das Spiel drehen? Wir sind alle für unseren Mut heute belohnt worden. Uns war klar, dass wir hinten raus spielstärker werden mussten, deshalb war die erste Idee auf 3-5-2 umzustellen. Ich habe Pablo vorher gesagt: Heute entscheidest du das Spiel von der Bank.“

Die Bremer waren mehr oder weniger am Boden zerstört. Eine gute Leistung, viel Kampf, ein paar Chancen, bis drei Minuten vor dem Ende geführt und doch wieder verloren. „Das fühlt sich natürlich extrem bitter an“, sagte Alexander Nouri nachher. „Die Mannschaft wollte unbedingt mit Herz und riesigem Aufwand auftreten. Sie wollte das Publikum gewinnen und das Spiel gewinnen. Wir haben nun die ganze Brutalität des Sports erlebt und sind die ganze Klaviatur der Gefühle rauf und runter gefahren. Aber ich bin nicht hier, um zu jammern. Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, stimmt mich positiv, dass wir bald die Ergebnisse auch erzwingen können. Es geht weiter“, erklärte der neue Werder-Trainer.

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