Macht Schmidt aus dem Kader ein Team?

Christian Karn. Mainz.
Eigentlich ist der Bundesligakader des VfL Wolfsburg auf vielen Positionen auf gehobenem Bundesliganiveau besetzt, teils spektakulär mit Spielern wie Daniel Didavi, Divock Origi, Mario Gómez (verletzt), John Anthony Brooks (auch verletzt), teils mit Positionsverwaltern auf nachgewiesen gutem Bundesliganiveau wie Koen Casteels oder Paul Verhaegh. Eine Mannschaft ist daraus zuletzt nicht gewachsen. Wegen chronischen Misserfolgs trotz großer Investitionen musste Andries Jonker gehen. Martin Schmidt soll jetzt zeigen, dass man mit diesen Spielern ein funktionierendes Team bauen kann.

Es ist ja nicht so, dass Geld als solches schädlich sei. Die Leipziger treten in dieser Saison etwas auf der Stelle, haben aber im vorigen Jahr gezeigt, was man mit sehr viel Geld und einer präzisen Strategie anrichten kann. Und auch der VfL Wolfsburg war in seinen nun gut 20 Jahren in der Bundesliga zweimal überaus erfolgreich. Felix Magath führte die Niedersachsen als Alleinherrscher mit einer schier unglaublichen Offensive um Zvjezdan Misimovic (22 Torvorlagen), Grafite (28 Tore) und Edin Dzeko (26 Tore) aus dem Nichts zur Deutschen Meisterschaft. Der akribische Arbeiter Dieter Hecking wiederum hat es nicht nur dem großartigen Kevin De Bruyne (10 Tore, 20 Torvorlagen) zu verdanken, dass der VfL 2015 (mit zehn Punkten Rückstand auf die Bayern) Vizemeister wurde und den DFB-Pokal gewann. Grundsätzlich geht es also.

Und doch erweckt der VfL nicht zum ersten Mal den Eindruck, die klare Strategie nicht zu haben. Dreimal, nämlich 2006, 2007 und 2011 rettete sich der Konzernklub als Fünfzehnter vor dem Abstieg, vor wenigen Monaten musste er gegen den Nachbarn und Rivalen Eintracht Braunschweig durch die Relegation und schaffte immerhin die mit zwei 1:0-Siegen. Ins heutige Spiel gegen den punktgleichen FSV Mainz 05, der nach verpatztem Start seine Saison jetzt erst einigermaßen in den Griff bekommt, geht der VfL als Dreizehnter. Er hat nach dem mühsamen 1:0-Pokalerfolg bei Eintracht Norderstedt (nicht chronologisch) bei Eintracht Frankfurt durch ein Tor von Daniel Didavi 1:0 gewonnen, gegen Borussia Dortmund (0:3) und beim VfB Stuttgart (0:1) verloren, im Derby gegen Hannover 96 nach Didavis Führungstor 1:1 gespielt. Und dann die Geduld mit Trainer Andries Jonker verloren, diesen eingangs der Englischen Woche entlassen, Martin Schmidt als Nachfolger geholt. Manager Olaf Rebbe lobte die "taktische Flexibilität" des Schweizers, was bei Mainz 05 aufhorchen ließ - war doch "taktische Unflexibilität", "taktische Ausrechenbarkeit" in dessen wenig erfolgreicher Spätzeit bei den 05ern der häufigste Vorwurf an Schmidt. Den zweiten Saisonsieg hat der neue Coach noch nicht geschafft - aber verloren hat er auch noch nicht. Das ist in einem Heimspiel gegen Werder Bremen ohne jede ernsthafte Vorbereitung (1:1, Führung durch Divock Origi) und einem Auswärtsspiel bei den Bayern (2:2, Anschluss durch Maximilian Arnold, Ausgleich durch Didavi) gar nicht so schlecht. Bei den Bayern punktet Schmidt tatsächlich regelmäßig - mit den 05ern holte er in den vergangenen zwei Jahren einen Sieg und ein Unentschieden.

2:1 und 2:2 waren die Ergebnisse, die Taktik beim Sieg das zunehmend in Mode kommende 3-4-2-1, beim Unentschieden tatsächlich wieder das Standard-4-2-3-1, das auch dem VfL den Punkt eingebracht hat. Mit einer derartigen Grundordnung dürfte auch heute zu rechnen sein, und mit einer ähnlichen Aufstellung wie in München. Im Tor hat sich Koen Casteels gegen den langjährigen Stammkeeper Diego Benaglio durchgesetzt. Der auch schon 34-jährige Schweizer machte das Beste daraus und nutzte eine Verletzungspause des kroatischen Nationaltorwarts Danijel Subasic für zwei Liga- und zwei Champions-League-Spiele für die AS Monaco. Der deutlich jüngere Casteels wiederum hatte durchaus Glück, gegen die Bayern mitspielen zu dürfen: In Stuttgart ging er viel zu riskant zu einer Flanke und verletzte dabei den VfB-Kapitän Christian Gentner schwer. "Das sind Sachen, die beim Fußball passieren", sagte der Torwart, räumte Robert Lewandowski ab - diesmal kein Foul, keine Rücksichtslosigkeit, keine Verletzung. Meistens geht's ja gut.

Der 18-jährige Gian-Luca Itter und der 20-jährige Felix Uduokhai bildeten zuletzt die linke Abwehrseite des VfL. Das ging gegen die Bayern nicht immer gut, aber ein Punkt kam dabei heraus. Foto: imagoIn der Abwehr wird von der Formation aus den beiden Vorjahresspielen gegen die 05er womöglich niemand mehr übrig sein. Linksverteidiger Ricardo Rodríguez spielt jetzt in Mailand, der Innenverteidiger Jeffrey Bruma ist verletzt, sein Nebenmann Robin Knoche, eingangs der Saison noch gesetzt, hat seinen Stammplatz zuletzt verloren. Rechts verteidigte in Mainz Jakub Blaszczykowski, in Wolfsburg Christian Träsch. Der Pole käme grundsätzlich auch heute in Frage, Träsch spielt dagegen nach fünfzehnjähriger Abwesenheit wieder in seiner Geburtsstadt Ingolstadt. Schmidt ließ gegen die Bayern den aus Ingolstadt verpflichteten Marcel Tisserand und den vom TSV München 1860 verpflichteten U20-Nationalspieler Felix Uduokhai innen verteidigen. Erste Wahl ist das nicht, aber anders geht es nicht, weil der für 20 Millionen Euro verpflichtete Berliner John Anthony Brooks wegen einer schweren Verletzung monatelang ausfällt. Rechts ist der aus Augsburg geholte Elfmeterspezialist Paul Verhaegh gesetzt. Der 34-Jährige könnte fast der Vater des Linksverteidigers sein; durchaus überraschend warf Martin Schmidt in München den Juniorennationalspieler Gian-Luca Itter in sein Bundesligadebüt. Das ging erstaunlich gut: "Luca hat zwei Fehler gemacht, danach hätte er sich eingraben und verstecken können", sagte Schmidt, aber er war sofort wieder da und bereit." Itter vertrat den verletzten Yannick Gerhardt, der wohl heute wieder spielen könnte, "aber das wird kein Selbstgänger für ihn", erklärte der Trainer.

Das defensive Mittelfeld teilt sich die Wolfsburger Galionsfigur, der U21-Nationalmannschaftskapitän Maximilian Arnold, mit dem erfahren Spanier Ignacio Camacho, der zuvor in gut 200 Spielen für Atlético Madrid und den FC Málaga 75 Gelbe Karten sammelte, allein jeweils 15 in den Spielzeiten 2012/13 und 2016/17. Ganz vorne fehlt der verletzte Mario Gómez, den der VfL durch den teuren Leihspieler Origi aus Liverpool ersetzt. Dahinter hat Schmidt es geschafft, die Zehner Yunus Malli und Didavi in die gleiche Aufstellung zu bekommen. Weil Didavi leicht verletzt ist, könnte Malli vom Flügel auf seine klassische Position im Zentrum rücken. Der brasilianische Neuzugang William Furtado (Internacional Porto Alegre), der französische Nationalspieler Paul-Georges Ntep, der im vergangenen Winter von Stade Rennes kam, und Blaszczykowski sind weitere Kandidaten für die Außenpositionen.

Individuell sind die Wolfsburger nicht auf allen, aber auf vielen Positionen sehr gut besetzt, teils spektakulär, aber - wichtig! - teils auch mit Positionsverwaltern auf nachgewiesen gutem Bundesliganiveau. Jonker hat es nicht geschafft, daraus eine funktionierende Mannschaft zu bauen. Schmidt soll zeigen, dass es geht.

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