Mainz lebt auf seinem Parkplatz

Christian Karn. Stuttgart/Mainz.
Abstiegsangst und Europapokal kamen sich gestern abend sehr nahe: Während die Profis des VfB Stuttgart nach dem 1:3 gegen den FSV Mainz 05 ihren verärgerten Fans Rede und Antwort stehen mussten, ließen sich die 05-Spieler in dem Stadion, in dem sie einst ihr Bundesliga-Debüt gaben, von ihren Fans feiern. Wenige Stunden später erwarteten einige hundert 05er ihre Mannschaft am Bruchweg für eine weitere kleine Europapokalparty - auf den Tag genau fünf Jahre nach dem letzten Fest dieser Art, ebenfalls nach einem 3:1-Auswärtssieg.

Die rund 3.000 05-Fans waren in Stuttgart in dramatischer Unterzahl, aber zum Spielende hin waren nur noch sie zu hören; das anfangs hochmotivierte VfB-Publikum hatte resigniert und wehrte sich nicht mehr.In eine gewisse Beziehung zueinander hat der Zufall den FSV Mainz 05 und den VfB Stuttgart gestellt. Einst, vor fast zwölf Jahren, fuhren bald 10.000 Mainzer zum VfB, zum allerersten Auswärtsspiel ihrer Mannschaft in der Bundesliga. Es gab eine 2:4-Niederlage für die tapferen, aber am Ende doch in diesem Spiel chancenlosen 05er. Am Samstag waren die Mainzer wieder in Stuttgart. Diesmal kamen nur 3.000 05-Fans mit; Spiele in Stuttgart sind im Laufe der Jahre normal geworden, nicht mehr so aufregend - und dennoch war es für die gegenwärtigen 05er eine beachtliche Zahl. Und diejenigen, die seinerzeit vom VfB in der Bundesliga begrüßt wurden, haben jenen möglicherweise nun aus der Bundesliga verabschiedet.

Auf dem Rasen wurde es turbulent nach der Stuttgarter 1:3-Niederlage, dem Mainzer 3:1-Sieg. Während die 05-Spieler vor dem Gäste-Eckchen der Stuttgarter Arena in der Europapokal-Euphorie ihrer Fans badeten, brach gegenüber, in der Cannstatter Kurve, der Damm. Sekunden nach Abpfiff der Partie waren die ersten verärgerten Stuttgarter Zuschauer auf dem Platz, um die Mannschaft zur Rede zu stellen. Freundlich sahen sie nicht aus, die teils vermummten Herrschaften, aber während die 05er sich in den Gästeblock verkrümelten, stellten sich ihre Spieler dem Besuch und es blieb weitgehend friedlich. Bis auf ein paar kleine Rempeleien passierte offenbar nichts. Und während immer mehr Stuttgarter auf dem Rasen auftauchten, von denen einer sich durch das Aufsammeln der vielen in den Innenraum geworfenen Becher eine goldene Nase verdiente, wurden die VfB-Spieler vom Ordnungsdienst in die Kabine geholt. Die Ordner waren beim Platzstürmchen bemerkenswert ruhig geblieben, hatten im Vertrauen darauf, dass die große Eskalation ausbleiben würde, sich zurückgehalten, nahe der Mittellinie eine Kette gebildet, den Leuten auf dem Rasen ein bisschen Raum überlassen - wie sich am Ende herausstellte, war's die richtige Strategie.

Während aber der VfB die Niederlage aufarbeitete, die letzte Rettungschance (Sieg in Wolfsburg, Sieg von Frankfurt in Bremen - oder Unentschieden in Bremen und 7:0 in Wolfsburg, Letzteres ist noch unwahrscheinlicher als die erste Variante) ausrechnete, wurde in Mainz gefeiert. Kurz vor halb zehn Uhr abends brach die Mannschaft in ihrem Hotel am Stadtpark auf an den Bruchweg, wo sie von einigen hundert Fans bereits erwartet wurde. Mit Feuerwerk, Bengalos und roten Rauchfackeln (unter dem zu stehen nicht jedem behagte, aber es gab genug Platz um den Mannschaftsbus herum, um sich zu arrangieren) empfingen die Fans ihre Spieler, die sich aus dem Mannschaftsbus nur einen kurzen, fast unbehelligten Weg in die Kabine bahnen mussten, aber nach wenigen Minuten auf der Außentreppe des A-Blocks der Bruchweg-Haupttribüne wieder auftauchte, über der Freifläche am Flutlichtmast, wo einst das Fanzelt stand, heute die Spieler ihre Autos abstellen. Auf den Tag genau fünf Jahre vorher hatte es am fast gleichen Ort schon einmal so eine Party gegeben, ebenfalls nach einem 3:1-Auswärtssieg, der die Europapokal-Teilnahme der 05er unter Dach und Fach brachte, damals auf Schalke und ein paar Meter südlich als diesmal, auf dem Zaun des Bruchweg-Geländes.

Am Abend erwarteten die 05-Fans ihre Mannschaft am Bruchweg mit Feuerwerk und Rauch.Danny Latza, der nach seinem Wechsel vom VfL Bochum zu den 05ern schneller als der durchschnittliche Neuzugang begriffen hat, wie die Mainzer Fanseele tickt, sagte von dort oben die erste Humba an. Dann bekam der Kapitän das Wort erteilt und lobte erst einmal seine Mitspieler: "Die ganze Mannschaft war heute unglaublich! Wir hatten so viele auf dem Platz, die eine Wahnsinnsleistung abgerufen haben!" Die nächsten Sätze gingen im Jubel der Fans unter; als Julian Baumgartlinger wieder zu verstehen war, bedankte er sich bei den Fans und entschuldigte sich für die überschaubare Feierlaune der Mannschaft: "Das liegt daran, dass wir nächste Woche noch ein großes Ziel haben" - das Publikum hatte Verständnis.

Zumal die Spieler noch ein paar Minuten blieben, Niko Bungert die Fans noch einmal anheizte. Nach einer guten halben Stunde war die erste Party schon wieder vorbei. Die nächste dürfte folgen.