Meenzer Bube und Berliner Jungs

Christian Karn. Mainz.
Seine erste große Blütezeit hatte der FSV Mainz 05 in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Dreimal waren die 05er damals Hessenmeister, dreimal Vizemeister, damit nahmen sie regelmäßig an der Süddeutschen Meisterschaft teil. Das lag auch an hochklassigen auswärtigen Spielern, die ein Mainzer Fußballpionier, den es nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin verschlagen hatte, aus der preußischen Metropole an den Rhein mitbrachte. Die nullfünfMixedZone stellt in der vierten Folge ihrer Serie "Geschichten von früher" zwei große Mannschaften aus einer Zeit vor, in der die Tornetze noch aus Maschendraht bestanden, die Trainer - sofern es Trainer gab - fünf Stürmer und zwei Verteidiger aufstellten und die Zeitungen sich wildere Schlachten lieferten als die Mannschaften, über die sie berichteten.

Am Abend des 21. Juli 1932, einem Donnerstag, wurde in Weisenau ein Mainzer Fußballpionier zu Grabe getragen: Hugo Ries, der drei Tage zuvor im Alter von nur 37 Jahren an den Spätfolgen einer Gasvergiftung aus dem Ersten Weltkrieg verstorben war. "Die Mainzer Sportbewegung hat ein schwerer Verlust getroffen", hieß es im Nachruf; der 1. Mainzer Fußball- und Sportverein 05 - so hießen die 05er bis 1938 - verlor eine der bedeutendsten Figuren seiner ersten Blütezeit.

Hugo Ries, geboren am 7. Dezember 1894 war in seiner Heimatstadt Mainz ein Fußballer der ersten Stunde. Bereits 1904 soll Ries auf dem Spielplatz an der Wallaustraße die Schülermannschaft "Port Arthur" mitgegründet haben; wahrscheinlich handelte es sich eher um einen kickenden Freundeskreis als um einen tatsächlichen Verein. 1905 spielte Ries bereits für die Jugendmannschaft des FC Viktoria, der sich ein Jahr später dem 1. FC Hassia 05 anschloss - dem Klub also, aus dem durch weitere Fusionen der heutige FSV Mainz 05 wurde. 1912 debütierte Ries in der B-Klasse Mittelrhein in der ersten Mannschaft der 05er; Gegner waren Vereine wie Wormatia und Alemannia Worms, der SC 06 Darmstadt, Mombach 03 als ältester reiner Fußballverein Rheinhessens und Kastel 06.

Den Ersten Weltkrieg überlebte Ries mit Glück. In den Grabenkämpfen in Flandern war er nach einem Gasangriff einer der wenigen Überlebenden seiner Einheit. Nach dem Krieg landete Hugo Ries zunächst in Berlin und spielte für den BTuFC Alemannia 90, aber als Mainz 05 am zweiten Weihnachtstag 1919 den Spielbetrieb wiederaufnahm, war Ries dabei.

Verstärkung aus Berlin

Die Mannschaft des 1. Mainzer FSV 05 im Jahre 1924. Hinten von links Vorsitzender Dr. Riedel, Willi Freitag, Kurt Diemer, Petry, Hugo Ries, Paul Lipponer, Franz Bickerle, Heep, Otto Freitag sowie zwei nicht namentlich bekannte Funktionäre. Vorne Willi Koch, Hans Lautner und Willi Holzmann.Und zwar nicht alleine. Eine ganze Reihe von Berliner Spielern kam mit Ries an den Rhein. Der Prominenteste war Kurt "Icke" Diemer, ein 26-jähriger Verteidiger vom Berliner SV 92, der bereits vier A-Länderspiele absolviert hatte und in Mainz bald Kapitän wurde. Diemer wurde später von seinem Mitspieler Toni Brandel charakterisiert als einer, "der das Leben nie so recht meistern konnte und doch immer so etwas von einem Grandseigneur an sich hatte", als "eleganter, trotzdem wuchtiger, katzenschneller Verteidiger mit fanatischem, eisernen Willen". Von Alemannia 90 brachte Ries die Gebrüder Freitag mit, den 24-jährigen Mittelläufer Willi, der nach Diemer 05-Kapitän wurde, und den zwei Jahre jüngeren Verteidiger Otto, der noch Jahrzehnte später Wirt im Vereinsheim der 05er war.

So entstand größtenteils aus Meenzer Buben und Berliner Jungs eine regionale Topmannschaft. 1921 wurden die 05er Meister der Kreisliga Hessen, nach einer Ligareform 1927 auch Meister der Bezirksliga Rheinhessen/Saar. Heute mag das unspektakulär klingen; im damaligen Ligasystem war es die höchste Spielklasse, deren Meister sich in der süddeutschen Endrunde mit Spitzenklubs wie den mehrfachen Deutschen Meistern 1. FC Nürnberg und SpVgg Fürth oder mit den großen Frankfurter Klubs FSV und Eintracht messen konnten, um sich für das Endturnier um die Deutsche Meisterschaft zu qualifizieren.

Linksaußen Georg Kaiser schießt anno 1927 das 1:0 gegen den SV Darmstadt 98, beobachtet vom Halblinken Alois Draisbach, der später zum 3:3-Endstand traf.

Ein neuer Rivale

Der größte Rivale der 05er war damals der SV Wiesbaden. Diesen 1925 durch ein Abstaubertor des harten, wuchtigen Mannheimer Mittelstürmers Paul Lipponer in der 87. Minute zum 4:3 erstmals geschlagen zu haben war ein großer Feiertag für die 05er, der vierzehn Tage später noch einmal überboten wurde: Die 05er gewannen beim FV 03 Saarbrücken (aus dem der heutige 1. FCS wurde) durch ein Tor von Halbstürmer Franz Bickerle und eine überragende Abwehrleistung 1:0. "Die Geschichte des Mainzer Sports hatte gestern ihren größten Tag", stand am nächsten Morgen in der Zeitung.

Mit dem SVW haben die 05er heute keine Berührungspunkte mehr. Aber schon 1926 entstand eine neue sportliche Feindschaft, die bis in die Gegenwart überlebt hat. Erstmals stritten sich die 05er mit Wormatia Worms um die Hessenmeisterschaft. Angefeuert wurde die Rivalität von einem wilden Stellvertreterkrieg zwischen der Wormser und Mainzer Presse. "Mainz ist so entzückend fassungslos, so derangiert wie ein junges Mädel, das den stürmischen Angriffen seines Liebhabers so gar keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann", tönte der Wormser Journalist Richard Kirn, der später in der Fachzeitschrift "Sportmagazin", die bald im "Kicker" aufging, große Karriere machte, nachdem die 05er vor dem Spitzenspiel gegen Worms zweimal hoch verloren hatten, worauf der Mainzer Redakteur Stüwer Worms im Allgemeinen und Kirn im Speziellen niedermachte, sicherheitshalber den 4:1-Sieg der 05er abwartete, und dann noch einmal richtig loslegte: "Nun mag - ganz Ihrer Meinung, Herr Stüwer! - die Tat sprechen... mit diesen Worten schließt Richard Kirn seine lendenlahme Antwort auf die Zurechtweisung, die wir ihm geben mussten. Die Tat hat gesprochen, Herr Kirn! Wissen Sie nun, wie entzückend fassungslos das derangierte Mainzer Mädel den stürmischen Angriffen seines Liebhabers so gar keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann? Die moralische Ohrfeige haben Sie weg, Herr Kirn. Merken Sie sie sich für die Zukunft. Eine weitere Antwort könenn wir uns sparen..."

Die 05er gewannen die Meisterschaft, kamen aber in der Süddeutschen Endrunde nicht weit. Die nächsten vier Titel gingen an die Wormatia; die 05er wurden zunächst zweimal Vizemeister, fielen dann ins Tabellenmittelfeld zurück. Die Mannschaft war körperlich nicht mehr auf der Höhe. Der Torjäger Hugo Ries hatte seine Karriere bereits 1926 beendet, Diemer ein Jahr später nach der Hessenmeisterschaft. Otto Freitag, immer noch ein vorbildlicher Kämpfer mit herausragendem Stellungsspiel, und die veritable Tormaschine Lipponer konnten das Tempo auf höchstem Niveau nicht mehr mithalten. Die Verjüngung der Mannschaft nahm Zeit in Anspruch.

Burkhardt, Engel und der Gaukler

Aber sie gelang. Jedes Jahr kamen gute Nachwuchsspieler ins Team: Der kompromisslose Verteidiger Alois Draisbach. Der pfeilschnelle Linksaußen Karl Posselmann. Der große Organisator Jakob Schneider. Und mit einem überragenden Innensturm wurden die Mainzer 1932 wieder Meister. Herbert Burkhardt von der Nahe, Otto Engel und vor allem der Ex-Nationalspieler Karl "Gaukler" Scherm aus Nürnberg schossen in der Liga und der Süddeutschen Endrunde zu dritt 47 Saisontore. Die 68 Treffer der gesamten Mannschaft - im Schnitt 3,78 pro Spiel - waren Ligarekord. Durch die Verletzung des kleinen, ungeheuer geschickten und trickreichen Dribblers Scherm wurden die 05er jedoch wieder Letzter in der überregionalen Runde. Und obwohl zwar Scherm wieder spielen konnte, die restliche Offensive aber durch weitere Verletzungen zerrissen wurde, verteidigten die 05er mit 31-5 Punkten den Titel.

Dann begann das Dritte Reich. Das Ligasystem wurde refomiert, die jüdisch geprägten 05er ohnehin vom Verband gegängelt. Die erste große Blütezeit des FSV Mainz 05 war vorbei. Hugo Ries, der nach seinem Karriereende als Jugendtrainer bis zu seinem Tod seinem Verein treu geblieben war, erlebte das traurige Ende nicht mehr.

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