Merkmale abseits der Kuchenplatte

Christian Karn. Mainz.
Die Bundesliga war für die SpVgg Greuther Fürth vor vier Jahren eine Nummer zu groß. Auch in der zweiten Liga darbt der heutige Gastgeber des FSV Mainz 05 im unteren Mittelfeld der Tabelle, längst nicht in akuter Abstiegsnot, aber auch längst nicht in den Sphären, an die man sich vor dem Aufstieg gewöhnt hatte. Der legendäre Kuchen im Presseraum, so heißt es aus Fürth, sei eines der letzten echten Markenzeichen, aber die SpVgg arbeitet am Wiederaufschwung. Das neue Nachwuchsleistungs- und Profi-Trainingszentrum sind fertig, schon im heutigen Pokalspiel gegen die 05er wird ein weiterer Teil der neuen Haupttribüne eingeweiht. So will das "Kleeblatt" konkurrenzfähig bleiben.

Im Presseraum am Ronhof gab es immer und gibt es weiterhin den besten Kuchen der 2. Bundesliga, "eines der letzten echten Markenzeichen", wie es aus Fürth heißt. Gleichzeitig jahrelang einer der sehr wenigen angenehmen Aspekte für diese Auswärtsfahrt beim FSV Mainz 05; bis auf Gebäck gab es dort selten etwas mitzunehmen. Erst in den letzten beiden Auswärtsspielen bei der SpVgg Greuther Fürth durchbrachen die 05er die dramatische Niederlagenserie: Das 2:0 im Mai 2009 bedeutete nahezu sicher den Aufstieg, das 3:0 im Januar 2013 zumindest vorübergehend den fünften Platz in der Bundesliga und die Revanche für das 0:1 im Heimspiel. In Mainz hat die Serie noch Bestand.

Jenes 0:1 am zweiten Spieltag war einer von nur vier Bundesliga-Siegen in der langen Geschichte des Traditionsvereins, der heute abend die 05er zum Pokalspiel empfängt - kurios: Alle vier gab's auswärts. Es scheint so, als hätten die Fürther den lange erwarteten Aufstieg seinerzeit nicht verkraftet. Jahrelang, von 2000 bis 2009 fast durchgängig mit nur zwei Ausrutschern nach unten, waren sie auf den fünften Platz abonniert, so konsequent, dass die Mainzer, die dreimal noch knapper den Aufstieg verpassten, sich den Angstgegner zu verspotten trauten mit dem Slogan "Lieber Vierter als Fürther". 2012 stieg die Spielvereinigung endlich auf; mit nur vier Niederlagen war sie Zweitliga-Meister. Jedoch war die Bundesliga viel zu groß für die Franken, die in der ewigen Tabelle Fünftletzter sind, lediglich jeweils zwei Klubs aus Berlin (Blau-Weiß 90 und Tasmania) und Leipzig (den VfB und Rasenballsport) hinter sich haben, und der diesjährige Aufsteiger, der nun mal erst acht Bundesligaspiele bestritten hat, wird sie womöglich schon am kommenden Wochenende überholen.

Auf den sofortigen Wiederabstieg antwortete die SpVgg immerhin mit dem dritten Platz in der 2. Bundesliga und der Relegation gegen den Hamburger SV, der sich mit zwei Unentschieden rettete. Seither geht's bergab bei den Fürthern, sie waren Vierzehnter, Neunter, haben in dieser Saison zwar schon das bedeutende Derby beim 1. FC Nürnberg gewonnen, stehen aber trotzdem nach drei Niederlagen ohne eigenen Torerfolg gegen die Zweitliga-Topmannschaften aus Braunschweig, Heidenheim und Stuttgart auf Platz 13. Insbesondere vermissen sie das Passspiel ihres deutsch-albanischen Sechsers Jürgen Gjasula, der wegen eines Achillessehnenrisses noch lange fehlen wird, damit auch die wacklige Abwehr vorerst nicht entlasten kann. Individuelle Fehler im Mittelfeld führten zuletzt immer wieder zu Gegentoren.

Die Abkehr von alten Ambitionen - momentan definieren das "raus aus dem Mittelmaß" von Trainer Stefan Ruthenbeck und das "aber doch nicht in diese Richtung" der Fans, die einerseits oben mitspielen wollen, was vorerst nicht realistisch ist, und andererseits vor dem Abstieg Angst haben, ein diffuses Feld - sollte jedoch nicht als Kapitulation vor der Realität gesehen werden. In der Tat fehlt der Spielvereinigung mometan ein Antreiber auf dem Platz, einer, der ein bisschen Aufbruchstimmung entfacht. Der Kapitän ist das nicht; die Tendenz zur frühen Zufriedenheit kennen die Mainzer selbst noch vom inzwischen zum Innenverteidiger umgeschulten Marco Caligiuri, der für die 05er als Mittelfeldspieler oder Außenverteidiger in der Mehrzahl seiner 73 Bundesliga-Einsätze großes Potenzial angedeutet, aber selten abgerufen hat.

Die neue Haupttribüne kann teilweise schon benutzt werden und wenn sie fertig ist, wird das VIP-Gebäude abgerissen und die Tribüne verlängert. Einstweilen aber spielt die SpVgg Greuther Fürth auf einer Baustelle. Foto: imagoDazu kommt der gewisse Verlust der emotionalen Bindung, den es so oft gibt, wenn aus dem Gewohnten herausragende Erfolge wieder abklingen; die Mainzer Schwierigkeiten, das Stadion vollzubekommen, sind nur ein anderer Ausdruck des gleichen Phänomens. Man fühlt sich gerade etwas in der Sackgasse in Fürth - das passiert jedem Klub immer mal wieder, und die Spielvereinigung kann auch deshalb nicht so sehr wie vom Publikum gewollt am Kader basteln, weil das Geld gerade in andere Bereiche fließt. Die Fürther haben ihr Nachwuchsleistungszentrum ausgebaut, damit die vor gut zehn Jahren noch so erfolgreiche Jugendarbeit nicht länger brachliegt. Sie haben den Profis ein neues Trainingszentrum angelegt, gerade bauen sie für 17 Millionen Euro eine neue Haupttribüne - notwendige Maßnahmen, wenn man konkurrenzfähig bleiben will, den dadurch zumindest provozierten sportlichen Durchhänger muss der Verein in Kauf nehmen. Immerhin: Ein Teil der VIP-Tribüne ist schon nutzbar und heute soll auch die neue Pressetribüne eingeweiht werden. Es geht voran am Ronhof.

Und vielleicht ist es Zweckpessimismus, vielleicht auch eine Falle, wenn das Fürther Umfeld unkt, heute gegen die Mainzer ginge es nur um die Höhe der Niederlage. Die Dienstagsspiele haben den 05ern gezeigt, wie ein Bundesligist einen Zweitligaklub auswärts schlagen kann (Hertha BSC gewann 2:0 beim FC St. Pauli), aber auch, wie man sich an der Favoritenrolle verschlucken kann: Jeweils im Elfmeterschießen scheiterten der SC Freiburg am SV Sandhausen und Bayer Leverkusen am Drittligateam der Spfr. Lotte. Und ob dann der Pressekuchen noch schmecken würde?

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