Motivation für die Ananas

Christian Karn. Mainz.
Tabellarisch geht es um nichts mehr, sportlich um die Umsetzung von Aufgaben, unterm Strich um Siegprämie, Fernsehgeld, Fünfjahreswertung und die Pflicht, den Zuschauern noch einmal etwas für ihr Geld zu bieten. Fraglich ist halt, wie viele der gut 12.000 Kartenkäufer tatsächlich auch erscheinen werden, wenn der hinsichtlich eines Weiterkommens chancenlose FSV Mainz 05 am Donnerstag zum Ausklang seiner internationalen Saison gegen den Qäbälä FK spielt. Die 05er locken mit Mainzer Selbstironie, kostenlosem Punsch und dem Versprechen, eine motivierte Mannschaft auf den Platz zu bringen - "und am Ende ist es trotzdem ein Europa-League-Spiel!"

Ein bisschen ramponiert hängt es in der Altenauergasse am Bauzaun, hinter dem der Wildwuchs andeutet, wie lange das Grundstück schon brachliegt seit dem Abriss eines nicht minder ramponierten Nachkriegs-Sozialbaus, unter dem die Archäologen sich gern nach den Resten des römischen Statthalterpalastes umsehen würden, wenn sie nur das Geld dafür hätten. Es hat in der kaum frequentierten Seiten- und Sackgasse der Mainzer Altstadt eine schwierige Aufgabe, das Werbeplakat des FSV Mainz 05, auf dem Pablo de Blasis der Kamera davonläuft. Es soll die Mainzer motivieren, sich am Donnerstag das letzte Europa-League-Spiel der 05er in dieser Saison anzusehen.

Einmal, dafür werben die 05er nicht nur in der Altenauergasse, sollen ihre Fans nochmal die Europakapp aufsetzen - es geht um Fernsehgeld, Fünfjahreswertung und einen würdigen Ausstand aus dem im Sommer so gefeierten, im Dezember aber vom Publikum nur noch bedingt angenommenen Wettbewerb. Die Motivation derer, die nicht sowieso hingehen, ist nicht groß. Sehen wir uns exemplarisch Bahzad an. Der Kurde, Neu-Mainzer, 05er im Anfangsstadium, ist im Grunde einer derer, die für den Verein gerade besonders interessant sind: Eigentlich ist er Fan von Real Madrid, er war aber schon am Bruchweg dabei, als die 05-Fans ihre Mannschaft im vergangenen Mai nach dem Auswärtssieg in Stuttgart empfangen haben, um den Einzug in die Europa League zu feiern, er hat in der Arena schon zwei, drei Bundesligaspiele gesehen und dürfte auch weiterhin ab und zu in der Bundesliga auftauchen. "Mainz ist auf jeden Fall weg, oder?", fragt er. "Wie viele Zuschauer werden kommen? Achttausend? Ich werde nicht der Achttausenderste sein." Die 20 Euro für ein bedeutungsloses Spiel sind dem Logistiker zu teuer. Offenbar haben die 05er sehr kurz darüber nachgedacht, die Eintrittspreise radikal zu reduzieren. Sie haben es nicht getan, konnten es nicht tun, aus Rücksicht auf die Triple-Käufer, die ihre Tickets im Sommer gekauft haben, vor den Spielen, vor der Auslosung der Gruppen.

Aber halt: Bedeutungslos? Tabellarisch mag es um nichts mehr gehen, "aber unser Trainer würde widersprechen, wenn man sagen würde, es ginge sportlich um nichts", sagt der 05-Pressesprecher Tobias Sparwasser. "Sportlich haben wir durchaus Ambitionen, das Spiel zu gewinnen." Es steht noch einmal eine Siegprämie der UEFA im Raum, es geht um die Fünfjahreswertung, es geht um Fernsehgeld. Und es geht um einen würdigen Ausstand aus dem Wettbewerb, über den sich die 05er im Mai noch so gefreut hatten. "Ich glaube fest an eine motivierte Mannschaft", sagt Sparwasser.

Große Illusionen bezüglich des Publikums machen sich die 05er dennoch nicht. Das Stadion wird nicht annähernd voll werden. Im Vorverkauf haben die 05er bisher um die 12.000 Karten verkauft, die wesentliche Mehrheit bereits im Sommer. An Tageskarten ist bisher eine niedrige vierstellige Zahl verkauft. Der Gästeblock wird vollkommen leer sein, die 05er haben sich dort den Aufwand gespart, die Sitzreihen aus dem Keller zu holen und auf die Stehränge zu schrauben. "Gästefans werden eher aus Deutschland oder Nachbarländern erwartet, aber nicht viele", erklärt Sparwasser, und sie werden etwas weiter rechts sitzen als sonst, im normalen Sitzplatzblock H oder I.

Der Minusrekord für 05-Spiele - 79 Zuschauer im Mai 1967 gegen den FC Homburg, was mit der frühen Anstoßzeit an einem Mittwoch, einem gleichzeitigen A-Länderspiel und verschiedenen anderen Faktoren zu tun hatte - wird nicht fallen, soviel ist klar. Die niedrigste Zuschauerzahl für Pflichtspiele in der Arena hingegen ist gefährdet. Die ist vier Jahre alt und liegt bei 12.667 Zuschauern, die im Pokalspiel gegen Erzgebirge Aue Yunus Mallis erstes Profitor gesehen haben. Der Zehner wird der einzige Spieler aus dem damaligen Aufgebot sein, der auch diesmal dabei sein und vielleicht sein 33. Tor schießen wird. Es deutet sich längst an, dass Martin Schmidt eben nicht irgendeine B-Elf aufstellen wird.

"No-Shows auf den Tribünen hat man immer", sagt Sparwasser, "die hat jeder Verein." Eine Dunkelziffer wird es geben, potenzielle Zuschauer, die sich im Sommer ihr Ticket gekauft haben, vielleicht in der Hoffnung auf ein großes Endspiel gegen Manchester United, die im Winter keine Lust auf ein Spiel gegen Qäbälä haben, das immerhin unter anderen Umständen das erhoffte Endspiel gegen den nominell einfachsten Gegner gewesen wäre ("der aber in keinem Spiel chancenlos war", sagt Sparwasser). Wie groß diese Dunkelziffer ist, wird man erst am Spieltag sehen, je nach Wetter vielleicht früh, vielleicht erst, wenn die Partie um 19 Uhr angepfiffen wird. "Damit werden wir ironisch umgehen", erklärt der 05-Sprecher. Die 05er riefen das Finale um die Goldene Ananas auf, werden zwar wegen des absoluten Alkoholverbots, das die UEFA vorschreibt, keinen Glühwein anbieten, aber kostenlosen Punsch ausschenken, um das Publikum auch von innen zu erwärmen. "Am Ende ist es trotzdem ein Europa-League-Spiel", so Sparwasser. "Davon hatte Mainz 05 immer noch nicht so viele." Und wer weiß, wann es das nächste gibt?

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