Neue Spielformen in der zweiten Heimat

Jörg Schneider. Grassau.
Tag zwei im Trainingslager des FSV Mainz 05. Ein Tag in Grassau, der geprägt war von den Temperaturen um die 30 Grad und von harter Arbeit in zwei Einheiten zum Thema Vorwärtsverteidigung - quasi die Basis im künftigen 05-Spiel, die Sandro Schwarz mit seinem Team im Chiemgau einübt. Viele der Spielformen sind Neuland für die Profis. Levin Öztunali, der U21-Europameister, der in Grassau ins Teamtraining eingestiegen ist, arbeitet besonders hart, um den Anschluss herzustellen. „Ich fange nicht bei null an“, sagt der 21-Jährige. „Ich möchte in der Arbeit auf dem Platz und durch die Videoanalysen die neue Spielidee aufnehmen. Ich persönlich denke, es wird mir gelingen, schnell auf den neusten Stand zu kommen.“

Der zweite Tag im Trainingslager des FSV Mainz 05 stand klar im Zeichen der Spielformen zum Thema Vorwärtsverteidigung, Angriffs- und Mittelfeldpressing, Absicherung und natürlich Balleroberung. Eine extrem schweißtreibende und intensive Geschichte für die 05-Profis in den beiden Einheiten am Vormittag und Nachmittag, denn das, was Sandro Schwarz auf dem Sportgelände des SV Grassau im Chiemgau mit dem Team einübt, ist anders als das, was die 05er in der vergangenen Saison praktiziert haben. Das heißt, die Spielformen sind neu für die etablierten Profis, neu für die Dazugekommenen, die bei ihren Klubs im Ausland andere Verhaltens- und Spielmuster gewohnt waren. Die Hitze im Chiemgau mit Temperaturen um die 30 Grad erschwert das Ganze. Die Vorwärtsverteidigung ist eine Basis im Spiel von Sandro Schwarz, weil sie in allen Bereichen greifen muss. Sowohl im Defensivverhalten, ganz besonders aber im Anlaufverhalten von Mittelfeld und Angriff.

„Wir haben heute mit drei Sechserteams geübt“, erklärt der 05-Trainer. „Da ging es darum, mit der Doppelsechs, mit der Dreierreihe davor und mit der zehn, den beiden äußeren Mittelfeldspielern plus der Sturmspitze ein Timing dafür zu geben, wie wir anlaufen, wie wir den Gegner abschneiden, im Umkehrschluss die beiden Innenverteidiger anlaufen. Das war heute der Schwerpunkt im Anlaufverhalten. Gerade für die Spitze und die äußeren Mittelfeldspieler ist das vom Timing her wichtig. Wann kann ich Pressing spielen, wann muss ich wie Vorwärtsverteidigen und absichern. Das haben wir sehr gut gemacht“, betont der 38-Jährige.

U21-Europameister Levin Öztunali muss nach seinem Einstieg im Trainingslager der 05er in Grassau hart arbeiten, um den Rückstand aufzuholen. Foto: Jörg SchneiderSchwarz ist sehr geduldig dabei mit seinen Profis. „Wir müssen neue Dinge einstudieren“, sagt er. „Ich finde, wenn die Spieler sich richtig verhalten, wenn die maximale Bereitschaft da ist auf dem Platz, ist es ganz klar mein Job, taktische Verbesserungsmöglichkeiten zu geben. Da verliere ich nicht die Geduld. Nur wenn die Bereitschaft und die Intensität nachlassen, dann sind das Dinge die mich wild werden lassen. Ich bemerke aber schon Entwicklungen.“ Beispielsweise bei Kenan Kodro, dem Neuzugang, der sich in den ersten Tagen schwer getan hatte mit dem Anpassungsprozess, der aber nun schrittweise vorankommt. „Wenn ich heute gesehen habe wie Kenan im Anlaufverhalten sehr aktiv war, merke ich, dass es in die richtige Richtung geht. Das war für ihn der nächste Schritt gegenüber den Testspielen bisher. Das ist aber normal“, sagt Schwarz. „Kenan hat in Spanien gespielt, und die Spanier kennen das so nicht, die haben halt 80 Prozent die Kugel. Das Wichtigste ist für mich die Bereitschaft, mit hoher Intensität diese Dinge umzusetzen in der Arbeit gegen den Ball.“

Das versucht auch Levin Öztunali. Der U21-Europameister ist in Grassau nach dem Urlaub ins 05-Training eingestiegen und schuftet dafür, schnell Anschluss zu finden. „Es war heute die zweite Trainingseinheit für ihn. Da ist es noch ziemlich schwierig, wenn alle anderen schon mal zwei Wochen Vorlaufzeit hatten“, reagiert der Trainer verständnisvoll. „Ich finde, dass er fußballerisch schon auf einem sehr guten Niveau ist. Konditionell müssen wir abwarten und arbeiten.“

Der 21-Jährige kennt die Gegebenheiten vor Ort. „Es ist schon fast so etwas wie meine zweite Heimat“, sagt der 05-Profi, der mit der U21 schon eine Woche Trainingslager hinter sich hat auf diesem Gelände. Am Ende stand dann der Europameister-Titel. „Vielleicht ist das ja auch für uns ein gutes Omen und wir können darauf hoffen, dass es für uns in der Bundesliga auch gut läuft und wir eine erfolgreiche Saison spielen“, sagt der Außenstürmer.

"Klar, die anderen sind schon weiter"

Hoffen ist das eine. Harte Arbeit das andere. „Klar, die anderen sind da schon weiter. Da ich aber nach der Saison weiter trainiert und im Urlaub regeneriert habe, fühle ich mich gut. Ich brauche diese ersten Tage, um reinzukommen, denke aber, dass ich nicht zu viel verloren habe. Ich fange nicht bei null an.“ Öztunali ist nach der für ihn guten Saison in Mainz und dem EM-Triumph anscheinend offener und selbstbewusster geworden. „Ich denke, ich kann wichtig sein für die Mannschaft“, sagt er. „Ich möchte in der Arbeit auf dem Platz und durch die Videoanalysen die neue Spielidee aufnehmen. Wir werden künftig mehr eigenen Ballbesitz haben, das Umschaltspiel wird sich verändern, wir müssen als Mannschaft zusammenwachsen. Ich persönlich denke, es wird mir gelingen, schnell auf den neusten Stand zu kommen.“

„Da sitzt der Doppel-Europameister“, kommentierte Daniel Brosinski im Vorbeigehen das Gespräch, das Öztunali nach dem Mittagessen mit den Medienleuten führte. Der Flügelstürmer hat in der Tat bereits zwei internationale Titel gewonnen: den mit der deutschen U19 und nun den mit der U21. „Die EM war ein super Ereignis“, sagt der 21-Jährige. „Eine ganz neue Erfahrung. Jeder in diesem Kader hatte den Anspruch zu spielen und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, dass es am Ende so gepasst hat. Das war etwas, das man gerne wieder erleben würde.“

Für den 05-Profi war es dann eine besondere Freude, dass Trainer Stefan Kuntz ihm im Finale noch einmal eine Einsatzzeit gab. „Das war ein richtig gutes Gefühl, beim Schlusspfiff auf dem Platz zu stehen und dann den Titel zu feiern. Das war einfach ein geiler Abschluss. Öztunali hat sich viel vorgenommen für die neue Saison unter dem neuen Trainer. „Ich denke, ich hatte in der vergangenen Runde eine wichtige Rolle im Team. Dahin möchte ich wieder kommen“, sagt er und nennt zwei zusätzliche Faktoren, die ihn dahin bringen sollen. „Konsequenter im Abschluss werden und die Leistung konstanter abrufen.“

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