Nicht nur Spitzenmannschaften...

Christian Karn. Mainz.
...haben es in den vergangenen sechs Monaten geschafft, in Leverkusen zu punkten, gar zu gewinnen. Nun wird der Vorletzte der Auswärtstabelle, der FSV Mainz 05, versuchen, den Fastnachtssieg von 2014 zu wiederholen. Um sich in eine Reihe mit Gladbach, Ingolstadt, Leipzig, Hoffenheim und Freiburg zu stellen, müssten die 05er jedoch ihre wiedergefundene defensive Stabilität auch mal in ein Auswärtsspiel übertragen und einer hochkarätigen Offensive standhalten und möglichst auch erstmals seit November selbst mal wieder auswärts treffen.

Der FSV Mainz 05 ist tatsächlich mit deutlichem Vorsprung nicht Letzter der Bundesliga-Auswärtstabelle. Darmstadt 98 hat bisher alle zehn Auswärtspartien verloren, die 05er haben schon sieben Punkte auf fremden Plätzen gesammelt - den siebten allerdings schon am sechsten Spieltag. Seit jenem 0:0 in Wolfsburg gab es auswärts: ein 0:3 auf Schalke, ein 1:2 in Fürth, ein 1:6 in Brüssel, ein 0:3 in Leipzig, ein 0:0, immerhin, in Saint-Étienne, ein 1:2 in Berlin, ein 0:1 in Gladbach, ein 0:3 in Frankfurt, ein 0:4 in Hoffenheim. In Darmstadt, Ingolstadt, Freiburg, München, Hamburg, Köln werden die Mainzer noch versuchen, ihre Bilanz zu verbessern, zunächst aber morgen in Leverkusen.

Dort hatte sich die Lage zuletzt wieder etwas beruhigt. Vor zwei Wochen galt der Bayer-Trainer Roger Schmidt bereits als entlassen; nach zwei Niederlagen zum Rückrundenauftakt (2:3 nach 2:0 gegen Gladbach, 0:1 beim HSV) hatte der Sportsender "Sky" keine Stunde vor Anpfiff des Heimspiels gegen Eintracht Frankfurt die Trennung vom Trainer verkündet. War's ein internes Missverständnis beim Fernsehsender? War's zu hoch gepokert? War am Ende vielleicht sogar mehr dran, als die Bayer-Verantwortlichen zuzugeben bereit waren? Bayer schlug die Eintracht 3:0. Schmidt, schon lange umstritten, vielleicht ja wirklich schon fast abgesägt oder vielleicht auch nicht, blieb Trainer, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Michael Schade reagierten auch diesmal cholerischer als nötig, bekamen das Thema nicht vom Tisch. Er sei "enttäuscht" und "beunruhigt", was die Entwicklung der Mannschaft beträfe, hatte Völler immerhin schon vor dem Eintracht-Spiel gesagt. Wenige Tage später schrieb der "kicker", Bayer hätte bereits den 05-Trainer Martin Schmidt als möglichen Nachfolger ihres Trainers kontaktiert. Auch das wurde von allen Seiten dementiert. Weiterhin aber steht die Frage riesengroß im Raum: Geht das noch lange gut?

Sportlich zunächst schon. Auch gegen Augsburg schoss Leverkusen drei Tore, der 3:1-Sieg brachte die Mannschaft immerhin auf einen mittelfristig stabilen Platz in der oberen Tabellenhälfte, vom zehnten Rang ebenso vier Punkte entfernt wie von den Europapokalplätzen. Dass sie dennoch keine Spitzenmannschaft sind, erfuhren die Leverkusener im folgenden Champions-League-Spiel gegen Atlético Madrid, das bei Bayer 4:2 gewann. Offensiv war's gar nicht schlecht, was Leverkusen gegen die Spanier zeigte, defensiv war's mies.

Vor drei Jahren und fünf Tagen feierten Joker Sebastian Polter, Ersatztorwart Dario Kresic, Siegtorschütze Maxim Choupo-Moting und Rechtsverteidiger Zdenek Pospech einen Fastnachtssieg in Leverkusen. Ihre Nachfolger wollen an gleicher Stelle die Serie von sechs Auswärtsniederlagen endlich beenden. Foto: imagoFreilich tritt in diesen Tagen auch eine etwas unharmonische Mannschaft für Bayer Leverkusen an, eine in manchen Bereichen überragend besetzte Mannschaft, eine in manchen Bereichen spannende, aber noch entwicklungsbedürftige Mannschaft. Die zu einem Team reifen kann, das vielleicht nicht die Bayern, aber zumindest wieder die Champions-League-Plätze angreifen kann, die dazu aber noch reifen muss. Kandidaten für große Karrieren gibt es in Leverkusen. Aber wie lange noch? Liverpool und Real Madrid sollen sehr interessiert am 20-jährigen Flügelspieler Julian Brandt sein. Rechtsverteidiger Benjamin Henrichs, gestern erst 20 Jahre alt geworden und bereits unumstrittener Stammspieler, wird bereits mit Bayern München in Verbindung gebracht. Kai Havertz wird sogar erst im Juni volljährig, steht noch nicht immer in der Startelf, bereitet aber als hängende Spitze bereits Bundesligatore vor. Das ergibt zusammen mit dem mexikanischen Torjäger Javier Hernández und mit hochkarätigen Einwechselspielern (Kevin Volland, Stefan Kießling, Admir Mehmedi) auch in Abwesenheit des wegen eines Jahre zurückliegenden Vertragsbruchs monatelang gesperrten Mittelfeldspielers Hakan Calhanoglu eine bemerkenswerte Offensive.

Von der aber muss Bayer Leverkusen momentan leben. Für die knappen, torarmen Erfolge fehlt die Stabilität; das 3:0 gegen die Eintracht war eine Ausnahme. Zuvor hatten Gladbach, Ingolstadt, Leipzig, Hoffenheim in Leverkusen gewonnen, selbst Darmstadt zwar verloren, aber zwei Tore geschossen. Freiburg führte in Leverkusen 1:0, musste aber am Ende mit einem Unentschieden leben. Es sind nicht nur die Topteams, gegen die Bayer Leverkusen zuhause die Punkte verpasst. Der FSV Mainz 05, Vorletzter der Auswärtstabelle, der vor dem 0:1 in der vergangenen Saison in Leverkusen dreimal in Folge gepunktet hatte (2:2, 1:0 an Fastnacht 2014, 1:1) wird am Samstag wieder versuchen, die aktuelle Auswärts-Niederlagenserie zu beenden und beim Zwölften der Heimtabelle (5-2-4, 20:16 Tore) mal wieder etwas zu holen.

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