Nicht schlecht, nur chancenlos

Christian Karn. München.
Ein bisschen Pech in Schlüsselszenen war dabei. Ein wohl irreguläres Gegentor zum 0:1. Eine kläglich vergebene Großchance zum möglichen 1:1. Ein Unterzahltor zum 0:3. Aber selbst wenn alles für den FSV Mainz 05 gelaufen wäre, hätte er gegen die hochmotivierten Bayern verloren. Die wollten sich nach dem 0:2 in Hoffenheim auch in der Liga rehabilitieren, zeigten nach zwei Heim-Punktverlusten gegen die 05er in den vergangenen beiden Jahren ihre Weltklasse und gewannen durch jeweils zwei Tore von Arjen Robben in der ersten und Robert Lewandowski in der zweiten Hälfte 4:0.

FC Bayern München - FSV Mainz 05 4:0 (2:0)

Samstag, 16. September 2017, 75.000 Zuschauer.

FC Bayern München: Neuer - Kimmich, Boateng (62. Süle), Hummels, Rafinha - Thiago, Vidal (72. Rudy) - Robben (62. Ribéry), Müller, Coman - Lewandowski.
Reserve: Ulreich, Martínez, Rodríguez, Tolisso. Trainer: Ancelotti.

FSV Mainz 05: Adler - Balogun, Bell, Diallo (76. Muto) - Donati, Serdar, Frei, Brosinski (65. Gbamin) - Öztunali, de Blasis (46. Latza) - Quaison.
Reserve: Zentner, Maxim, Fischer, Jairo. Trainer: Schwarz.

Schiedsrichter: Stegemann (Niederkassel).

Tore: 1:0 Robben (11., Müller), 2:0 Robben (23., Kimmich), 3:0 Lewandowski (50., Müller), 4:0 Lewandowski (77., Kimmich).

Gelbe Karten: Rafinha, Boateng - Bell, Diallo.

Man könnte jetzt das Was-wäre-wenn-Spiel spielen. Was wäre, wenn der Videoassistent Felix Zwayer seinen Job ordentlich gemacht und die deutliche Abseitsstellung von Robert Lewandowski beim 1:0 gesehen hätte? Was wäre, wenn außerdem wenige Minuten später Robin Quaison frei vor dem Torwart seinerseits das 1:0 geschossen hätte? Man kann das Was-wäre-wenn-Spiel aber auch einfach sein lassen, denn die Antwort wäre vermutlich: Mainz 05 hätte bei Bayern München trotzdem verloren. Nicht 0:4 (0:2) in diesem Fall, sondern Eins zu Irgendwas. Anzunehmen aber ist, dass die hochmotivierten, hochüberlegenen Bayern das Spiel trotzdem gewonnen hätten. Nicht mal wegen der Schwäche der Mainzer, die schon einiges dafür taten, auch im Spiel zu sein, die nach Quaisons Fehlschuss die eine oder andere weitere Chance hatten, sondern wegen der eigenen Klasse. Die Bayern nahmen - sicherlich auch unter dem Eindruck des vorherigen 0:2 in Hoffenheim - das Spiel sehr, sehr ernst, behandelten es nicht wie eine lästige Pflichtaufgabe im Neben-Wettbewerb, sondern wie ein K.o.-Spiel in der Champions League. Und auf diesem Niveau kann Mainz 05 nicht mithalten.

Ohnehin war die Personalsituation für Sandro Schwarz nicht so schön. Yoshinori Muto und Danny Latza, zwei Leistungsträger, waren zwar im Kader, spielten schließlich auch mit, waren aber nach Verletzung und Krankheit nicht bereit für die Startelf. Hinten schickte der 05-Trainer daher die gleiche Aufstellung auf den Platz, die auch die erfolgreiche zweite Hälfte gegen Leverkusen begann, Suat Serdar und Fabian Frei zwischen den gewohnten Außenverteidigern und vor drei Innenverteidigern. Robin Quaison war verkappter Mittelstürmer anstelle von Muto, an den Seiten sollten Levin Öztunali und Pablo de Blasis die Bayern unter Druck setzen, angreifen.

Und das sah in den ersten Minuten nicht so schlecht aus. Die 05er hatten nicht viel vom Spiel, die Bayern eine Menge Ballbesitz, aber der Strafraum war dicht. Nach fünf Minuten gab es immerhin mal einen Eckball für die Bayern. Im laufenden Spiel hatte 05-Torwart René Adler bis dahin und weiterhin keinen Ballkontakt, lediglich mal einen Abstoß. Den ersten Torschuss gab Daniel Brosinski ab, einen Fernschuss, der dank der Fingerspitzen von Manuel Neuer ebenfalls einen Eckball brachte - unberührt aber trotzdem vorbeigegangen wäre. In der achten Minute machte Rafinha den gleichen Fehler, mit dem Arturo Vidal in der vergangenen Saison Bojan Krkics frühes 1:0 in München eröffnet hatte, aber Quaison hatte die freie Schussbahn nicht, es gab nur einen Pressschlag, eine weitere bemerkenswert misslunge Ecke, immerhin einen Ballbesitz, den die 05er mit einem Notfallpass zurück zu Adler retteten. Und der schlug die Kugel weit über die zurücklaufenden Mitspieler zu Neuer. Es waren nicht nur Ansätze, die die Mainzer hatten in dieser Phase, aber halt auch nicht viel mehr.

Auf jeden Fall waren sie ein unbequemer Gegner für die Bayern, wie vor einem Jahr, wie vor zwei Jahren. Zehn Minuten waren vorbei und die Bayern hatten immer noch keinen Schuss abgegeben. Elf Minuten waren vorbei und es stand 1:0. Jedoch hätte Sascha Stegemann das Tor besser nicht anerkannt. Der insgesamt aufmerksame Schiedsrichter war sich in der Tat überhaupt nicht sicher, sprach mit Köln, bekam vom Video-Assistent Felix Zwayer das Signal: "Gib's." Thomas Müller hatte nach einem kurzen Querpass von der Strafraumlinie abgezogen, Robben (nicht abseits) den Ball eher zufällig entscheidend abgefälscht - Robert Lewandowski stand direkt vor dem Torwart und direkt in der ursprünglichen Schussbahn durchaus abseits, und das durchaus aktiv.

Entschieden war das Spiel mit dieser Fehlentscheidung noch nicht. Quaison hätte es reparieren können, kam nach einem Steilpass aus dem Mittelfeld und einem Stellungsfehler von Mats Hummels in wunderbarer Position frei vors Tor, verpatzte den Abschluss. Manuel Neuer hielt, auch Geringere hätten den Schuss gehalten.

War das schon die Entscheidung? Könnte sein - wenn das Spiel nicht schon mit dem Anpfiff entschieden war. Denn die Bayern hatten Spaß am Spiel, ließen nicht nach, setzten die 05er unter permanenten Druck, wollten Tore, wollten Torchancen. Hatten Torchancen. Adler wehrte am Ende eines Angriffs über Kingsley Coman und Lewandowski die Doppelchance von Robben und Vidal großartig ab (18.). Im Drei-gegen-Einen-Konter nahm Robben zwar mit dem Querpass den 05-Torwart aus dem Spiel, aber der mit viel Hoffnung das Tor noch absichernde Leon Balogun musste nicht mal etwas tun - Coman traf die Unterkante der Latte, der Ball sprang deutlich vor dem Tor auf und bei Lewandowskis Nachgestochere war Adler schon wieder da und hatte es im Griff (20.). Der etwas aus dem Zufall geborene Schuss Lewandowskis ging vorbei (22.). Die Mainzer waren nicht tot, hatten ab und zu ihre Entlastung, ihre Szenen in der gegnerischen Hälfte, aber nicht nur dank der jeweiligen Führung sah es in den Jahren zuvor besser aus. Auf die Tour, das war klar, würde das diesmal nichts werden. Die Bayern waren zu gut, die Aufgabe war für die 05er schwer bis unlösbar.

Zumal in der nächsten Szene das 2:0 fiel. Im Konter hatte Robben auf der Abseitslinie gelauert, das Timing war gut, der Heber aus spitzem Winkel über Adlers Block ebenfalls. Spätestens jetzt, in der 23. Minute, war das Spiel entschieden. Zwar hielten die 05er die Bayern nun wieder einigermaßen vom Tor weg, aber das war alles. Eigene Torsituationen hatten die 05er lange nicht mehr. Sie kamen nicht mehr in den Angriffsmodus, zum Einen fehlte die Überzeugung, zum Anderen der Platz. Balogun wagte mal in der 38. Minute einen Schuss aus 30 Metern, aber der war völlig ungefährlich. Und hinten bewahrte Lewandowski Stefan Bell vor der Gelb-Roten Karte, indem er das taktische Foul nicht annahm. In der nächsten Spielunterbrechung bekam der Innenverteidiger die letzte Warnung von Stegemann, er hielt sich daran.

Was zu verhindern war, verhinderten die 05er. Gegen die überragende Offensive mit den glänzend aufgelegten Robert Lewandowski, Thomas Müller (Foto) und Arjen Robben, die jeweils zwei Tore schossen oder vorbereiteten, war jedoch nicht genug zu verhindern. Foto: imagoZur Halbzeit baute Schwarz die Mannschaft um, brachte Latza für den kaum sichtbaren de Blasis. Das half auch nicht mehr: In der 50. Minute räumte Vidal an der eigenen Grundlinie Brosinski rüde ab, spielte dabei irgendwie auch ein bisschen den Ball. Der Linksverteidiger blieb liegen, humpelte dann, sah aus weiter Entfernung, wie über seine Seite das 3:0 fiel. Müller rannte durch, spielte zwischen Abwehr und Tor auf Lewandowski - keine Chance für irgendjemanden. Schon in der nächsten Szene spielten Müller und Lewandowski noch einmal Adler aus, aber Brosinski war wieder da und klärte. Eckball, Torschuss, ein schöner Ball für Adler.

Aber einfach so ins Debakel fügen wollten die 05er sich bei aller Unterlegenheit nicht. Sie spielten das Spiel seriös zu Ende, versuchten es auch noch einmal in der Offensive. Quaison hatte eine kleine Chance und machte nichts daraus (58.), ein abgefälschter Schuss von Öztunali ging ins Außennetz (66.). Um Freis Klasseschuss nach der folgenden Ecke aus dem langen Eck zu bekommen, musste Neuer sich sehr lang machen. Es war eine Art Powerplay der 05er in dieser Phase, freilich in aussichtsloser Lage. Und ohne Erfolg.

Und die Bayern befreiten sich aus der Drucksituation. Franck Ribéry überrannte im Doppelpass mit Lewandowski die Abwehr, kam aber viel zu nah an Adler heraus (70.). Der Torwart lenkte Vidals harten Kopfball an die Latte und hätte ihn auch reinlassen dürfen, Stegemann hatte das Stürmerfoul des Chilenen gesehen (71.). Adler hielt auch Ribérys Schuss in der 74. Minute, der natürlich eine Einladung zum Fliegen war. Bei Lewandowskis Kopfball in der 77. Minute aber fehlten dem Torwart etwa zehn Zentimeter. 4:0 also, der Endstand. Weil Sebastian Rudys technisch ganz großartig abgefeuerter Distanzschuss ein bisschen zu ungenau kam und von der Latte wegsprang (79.), weil Muto in der 86. Minute nicht schnell genug in den Sprint kam. Wäre der Japaner topfit gewesen, hätte er sich, nachdem er Hummels den Ball vom Fuß geklaut hätte, zwischen den von außen kommenden Verteidigern durchquetschen, Neuer überlaufen, das leere Tor treffen können. Muto war nicht topfit nach seiner Erkältung, die Lücke ging zu schnell zu, der Schuss musste zu schnell kommen und ging vorbei. Adler hielt noch einmal gegen Coman, dann war Schluss. Die 05er blamierten sich nicht, sondern waren einfach chancenlos gegen an diesem Tag viel zu gute Bayern.

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