Nicht überlegt und optimal getroffen

Jörg Schneider. Mainz.
Daniel Brosinski mit seinem genialen Freistoß-Kunstschuss zum 3:2-Endstand in der Verlängerung sowie der Doppeltorschütze Viktor Fischer sicherten dem FSV Mainz 05 den hart erkämpften Pokalerfolg im Heimspiel gegen Holstein Kiel und das Erreichen der dritten Runde. Vor allem für den Dänen, der seine ersten beiden Treffer erzielte, aber auch für Kenan Kodro, der als Mittelstürmer erstmals von Anfang an im Team stand und gleich 120 Minuten abreißen musste, war die Partie ein wichtiger Entwicklungsschritt. Auch wenn Kodro etliche Möglichkeiten vergab.

Maß genommen und perfekt getroffen: Daniel Brosinski verwandelte in der Verlängerung den direkten Freistoß zum 3:2-Pokalsieg für die 05er. Foto: ImagoEnde April 2016 war Daniel Brosinski ein ähnlicher Kunstschuss gelungen. Aus knapp 25 Metern über die Mauer hinweg links oben ins Eck. Das war damals die 1:0-Führung im Derby in Frankfurt, die allerdings wenig nützte, weil die 05er seinerzeit mit 1:2 verloren. Drei Tage vor der Neuauflage des immer spannenden und prestigeträchtigen Duells gegen die Eintracht, hat der Linksverteidiger des FSV Mainz 05 nun mit diesem Freistoßtor, einem Geniestreich in den rechten oberen Winkel zum 3:2-Sieg gegen Holstein Kiel diesen komplizierten Pokalfight in der Verlängerung entschieden, sein Team eine Runde weitergebracht im Pokal-Wettbewerb, einen weiteren Heimerfolg in der Opel Arena sichergestellt und den 05ern ein gutes Gefühl gegeben für das Derby am Freitagabend (20.30 Uhr) an gleicher Stelle.

„Es war ein bisschen Glück dabei, dass er dann so einschlägt“, sagte der Torschütze nachher. „Das freut mich umso mehr. Es war ein perfekter Zeitpunkt und hat uns nochmal ein positives Gefühl für die zweite Halbzeit der Verlängerung gegeben. Ich habe gar nicht viel nachgedacht, habe mir den Ball genommen, ihn hingelegt, gewartet bis er angepfiffen hat und dann optimal getroffen“, beschrieb der 29-Jährige die Situation, der heilfroh war, dass sein Freistoß saß nach den vielen vergebenen Möglichkeiten im Laufe des Spiels.

„In den ersten 90 Minuten der Partie müssen wir uns hinterfragen, warum wir da wieder zwei, drei Gänge zurückgeschaltet haben. Wir dürfen den Gegner nicht so einfach wieder ins Spiel kommen lassen. Wir haben dominiert in den ersten 20 Minuten, hätten auch das 2:0 machen müssen. Dann machen wir wieder Fehler im Aufbau und werden unruhig. Das lädt den Gegner ein, der kriegt Selbstvertrauen, deshalb war es kompliziert“, sagte Brosinski. Am Ende war es eine Leistungssteigerung in der Verlängerung, in der die Mainzer Spieler zu ihrer Dominanz zurückfanden, noch einmal eine Schippe drauf legten, konsequenter zur Sache gingen und das Ergebnis zogen. Auch weil Sandro Schwarz seine Spieler in der Pause zwischen regulärer Spielzeit und Verlängerung mit einer extrem lautstarken Ansprache noch einmal aufrüttelte und zur Raison rief. „Der Trainer wollte dieses Spiel unbedingt gewinnen. Das hat er uns schon in den Tagen zuvor klargemacht“, sagte Brosinski. „Nächstes Mal sollten wir vielleicht seine Nerven nicht ganz so lange strapazieren.“

Am Anfang sah es danach aus, als sollte dieses Heimspiel ohne Nervenflattern über die Bühne gehen. Viktor Fischer brachte die 05er mit seinem ersten Pflichtspieltor in Führung. Nach einem optimalen Spielzug aus der Abwehr heraus mit einem Tiefenpass von Stefan Bell durchs Mittelfeld auf Kenan Kodro, dessen direkter Weiterleitung auf Brosinski, der wiederum Fischer tief schickte. Der Däne schweißte den Ball links oben ins Tor. Das war in der 22. Minute. Gut zehn Minuten später schickte Jean-Philippe Gbamin den Dänen alleine los in Richtung Kieler Tor. Doch Keeper Kenneth Kronholm verhinderte in der Eins-gegen-eins-Situation das fällige Mainzer 2:0. Fischer war es dann auch, der nach dem Elfmeter-Ausgleich die erneute Führung besorgte, als er zentral vor dem Tor einen Rückpass von Levin Öztunali, der sich bis zur Grundlinie durchgedribbelt hatte, zum 2:1 eindrückte. Auch diese Führung egalisierte der Zweitligist durch einen verwandelten Foul-Elfmeter.

„Es ist etwas schade, dass wir die beiden Führungen nicht behaupten konnten. Aber wir haben wirklich großen Charakter gezeigt heute“, erklärte der Doppel-Torschütze nachher. „Es ist wichtig, gerade solche Spiele zu gewinnen, die sehr kompliziert sind. Kiel hat sehr stark gespielt, es war nicht leicht für uns, aber wir sind immer wieder zurückgekommen, und das sagt vieles aus über unser Team. Wir haben ihnen zwei Elfmeter gegeben und zu viele Chancen, die wir nicht verwertet haben, aber das ist auch Pokal. Du weißt nie, was passiert. Wir haben gewonnen, das zählt.“

Doppeltorschütze zum Pokalerfolg: War das der Durchbruch für Viktor Fischer im 05-Team? Foto: ImagoDer 23-jährige Neuzugang hat nach mehreren Kurzanläufen diesmal seine Chance perfekt genutzt und seine Stärken eingebracht. Fischer freute sich entsprechend, vor allem über die Tore. „Es ist immer gut, zwei Tore zu schießen, auch fürs Team, das nun weiß, ich kann das.“ Er wisse nicht, ob dieses Spiel für ihn nun das Signal gewesen sei, regelmäßiger zu spielen und zu scoren. „Ich versuche immer zu zeigen, was ich machen kann, mal sehen wie es weiter geht. Ich versuche mein Bestes zu geben, vielleicht darf ich am Freitag wieder spielen, vielleicht sitze ich auf der Bank. Ich nehme das, wie es kommt. Es war ein super Signal vom Trainer, dass er mir dieses Spiel gegeben hat. Ich bin total glücklich mit dem Ergebnis und meinen zwei Toren. Natürlich fühlt sich das unheimlich gut an. Ich habe seit der Vorbereitung kein Tor mehr erzielt. Ich bin sehr glücklich heute. Das Wichtigste aber ist, dass wir weiter gekommen sind. Wir wollen Mainz 05 noch etwas weiter zeigen in diesem Wettbewerb“, erklärte der Stürmer.

Das Erfolgserlebnis werde Fischer gut tun, sagte dessen Trainer nachher. „Viktor hat gut gearbeitet, hatte eine gute Ausstrahlung nach vorne, einen sehr guten Tiefenlauf bei seiner Chance zum 2:0. Es ist schwierig ohne den Rhythmus zu haben, in einem so schwierigen Spiel so standhaft zu bleiben.“ Das sei ein wichtiger Entwicklungsschritt.

Auch für Kenan Kodro, der aufgrund seiner Trainingsleistungen den Vorzug vor Yoshinori Muto erhalten hatte, den Sandro Schwarz fürs Derby schonen wollte. „Kenan war einfach mal dran“, sagte der 39-Jährige später. Kodro lief extrem viel, arbeitete, fand aber in den 90 Minuten der regulären Spielzeit nicht die ganz große Bindung zum Spiel, hatte dennoch einige Abschlüsse und die Beteiligung am 1:0. Mit dem Beginn der Verlängerung drehte der Mittelstürmer jedoch noch einmal auf und setzte sich gut in Szene. Torchancen im Minutentakt, die diese Partie schon vor Brosinskis Freistoßtor hätten entscheiden können, waren die Folge. Doch der Bosnier nutzte die Gelegenheiten nicht, vergab einige Möglichkeiten etwas zu leichtfertig.

„Wir müssen die Kirche mal im Dorf lassen“, sagte Schwarz, der den Stürmer in Schutz nahm. „Kodro hat bisher wenig gespielt, jetzt auf einmal macht er sein erstes Spiel von Anfang an für Mainz 05 und muss direkt 120 Minuten abreißen. Da gilt es erst einmal zu arbeiten. Das hat er sehr ordentlich gemacht. Alles andere kommt dann mit mehr Spielen, mit mehr Zutrauen und Selbstvertrauen. Klar, hätte ihm ein Tor gut getan, aber das war schon mal ein enormer Schritt für ihn und sehr wichtig für seine weitere Entwicklung bei uns. Dass du nach dem Abpfiff auf dem Platz stehst, jubeln kannst. So etwas sind alles wichtige Erfolgserlebnisse.“

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