Niederlage im Cottbus-Simulator durch Konzentrationsfehler

Jörg Schneider/Christian Karn. Rotherham.
Das Ärgerliche an manchen Testspielen: Sie haben ein Ergebnis. Im Cottbus-Simulator, dem letzten Vorbereitungsspiel beim englischen Zweitligisten Rotherham United, das der FSV Mainz 05 unter Pokalspiel-Bedingungen bestritt, setzte sich der unterklassige Herausforderer gegen den Bundesligisten mit 2:1 durch - ein Resultat, das mit den tatsächlichen Verhältnissen auf dem Spielfeld eigentlich nicht so viel zu tun hatte. Eine Aufgabe für Martin Schmidt bis zum kommenden Sonntag wird es nun sein, die Panikmacher abzuwehren, die die Niederlage direkt auf das Pokalspiel zu übertragen versuchen werden.

Rotherham United FC - FSV Mainz 05 2:1 (0:0)

Samstag, 1. August 2015, 3.746 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Karius (63. Zentner) - Brosinski (63. Bungert), Balogun, Bell, Bengtsson (63. Park) - Baumgartlinger, Frei (63. Latza) - Clemens (63. Moritz), Malli (63. Koo), Jairo - Muto (40. Niederlechner).

Tore: 0:1 Balogun (72, Bungert), 1:1 Derbyshire (80.), 2:1 Bowery (89.).

In Rotherham entwickelte sich vor 3.746 Zuschauern (darunter elf 05ern) exakt das erwartete Spiel: Die Engländer standen im klassischen 4-4-2 sehr tief, pressten aber gut, liefen konsequent an, kämpften um jeden Ball in ihrem allerersten internationalen Vergleich in 90 Jahren Vereinsgeschichte. Spielerisch boten die Gastgeber nicht viel, aber sie machten die Räume sehr eng, waren gut organisiert, ließen die 05er kaum durch an ihren Strafraum.

Die Mainzer brauchten Balleroberungen zum Umschalten. Das gelang ihnen in der ersten Hälfte nur selten. Ballbesitz war da, aber die 05er taten sich schwer. Yunus Malli und Yoshinori Muto, der Zehner und der Mittelstürmer, machten es ihren Mitspielern aber auch nicht leicht, zeigten sich wenig, boten sich eher für lange Bälle an, anstatt den Passgebern entgegenzukommen, Bälle zu fordern und zu behaupten, den Mitspielern die Möglichkeit zum Nachrücken zu geben. Die 05er waren dann nicht schlecht, wenn sie aus dem Mittelfeld heraus über die Flügel hinter die Abwehr spielen konnten. Reduziert auf einen Satz: Es war das harte Brot, das Schmidt zu kauen haben wollte - allerdings immer sehr fair auf dem Platz und in einer sehr angenehmen, freundlichen Atmosphäre. Den Applaus, den die englischen Spieler beim Massenwechsel nach knapp 70 Minuten bekamen, hatten die 05er bei ihren sechs Auswechslungen in der 63. Minute auch bekommen.

Gelegentliche Chancen gab es in der ersten Hälfte. Christian Clemens' Volleyschuss in der 9. Minute, nachdem Jairo den Linksverteidiger Pierre Bengtsson - einziger Neuer in der Startelf verglichen mit den vergangenen beiden Partien - an die linke Eckfahne geschickt, dieser an den langen Pfosten geflankt hatte. Clemens schoss aus fünf Metern hoch übers Tor. Oder Clemens' Freistoß in der 29. Minute, der aus 25 Metern Entfernung knapp links oben am Tor vorbei flog. Rotherham hatte einen Distanzschuss in der 18. Minute abgegeben, den Loris Karius mit den Fäusten aus dem Winkel boxte.

Ansonsten war es ein reiner Abnutzungskampf, gar nicht mal schlecht, aber auch nicht richtig gut. Wie oft gegen einen Gegner, der vor allem seinen Strafraum verbarrikadiert, hatte man das Gefühl, ein schlechtes Spiel zu beobachten, obwohl die Dominanz da war, obwohl die Mainzer - vor allem die starken Bengtsson, Stefan Bell, Julian Baumgartlinger und Fabian Frei - ihre Sache eigentlich gut machten. Frei zeigte sich noch etwas aggressiver als zuletzt gegen Lazio Rom, führte mehr Zweikämpfe. Das Problem war das Freilaufverhalten der Offensive.

Muto angeschlagen ausgewechselt

Dieser Ball kam nicht bei Leon Balogun an. In einer ähnlichen Situation traf der Rechtsverteidiger zum 1:0. Foto: René Vigneron.

Schon vor der Halbzeit musste Schmidt den Mittelstürmer wechseln. Muto hatte einen Schlag in die Kniekehle bekommen; eine ernsthafte Verletzung des Japaners befürchten die 05er nicht. Mit dem Einwechselspieler Florian Niederlechner wurden die 05er offensiv deutlich besser, dominanter. Der Neuzugang aus Heidenheim präsentierte sich gut, arbeitete, hielt Bälle vorne, legte sie weiter. Auch Malli, der sich in der zweiten Hälfte seinen Kollegen mehr näherte, war nun stärker. 

Diese beiden erarbeiteten den 05ern die erste Chance der zweiten Hälfte: Niederlechner täuschte die Verteidiger mit einer Bewegung, die nur scheinbar zum Ball ging. Den ließ der Stürmer durch zu Malli, der aber abgedrängt und geblockt wurde (50.). Nach genau einer Stunde hatte Malli die bis dahin beste Torchance: In der gegnerischen Hälfte spielte Daniel Brosinski Clemens frei. Der überlief die Abwehr, passte vors Tor, wo Malli an den Pfosten schoss und Jairos Nachschuss beim Torwart landete.

Die vielen Wechsel in der 63. Minute machten das Mainzer Spiel überhaupt nicht kaputt. Die 05er waren in der letzten halben Stunde die klar bessere Mannschaft und gingen durch einen Freistoß dreier Einwechselspieler in der 72. Minute verdient in Führung. Danny Latza machte sich beim Publikum ein bisschen unbeliebt in dieser Situation, wurde sicherlich gefoult, wälzte sich aber etwas zu sehr für den Geschmack der englischen Zuschauer. Den Ball brachte der Neuzugang aus Bochum selbst aus dem Halbfeld an den langen Pfosten. Dort legte Niko Bungert die Kugel mit dem Kopf vors Tor. Und Leon Balogun zog aus zwölf Metern ab - 1:0 für die 05er.

Aidy White hatte sofort die Konterchance für Rotherham, Niederlechner (der bereits in der 68. Minute knapp über das Tor geschossen hatte) scheiterte wiederum im Gegenzug am Torwart. 

Ausgleich in Unterzahl

In der 80. Minute fiel der überraschende Ausgleich. "Ein Konzentrationsfehler", sagte Schmidt. Eigentlich sollten die 05er den Ball ein bisschen in ihren Reihen halten, weil Balogun gerade neben dem Spielfeld behandelt wurde. Statt dessen spielten sie Risikopässe. Baumgartlinger versuchte ein Zuspiel auf Christoph Moritz, das gar nicht bei diesem ankommen konnte. Rotherham konterte sofort über Baloguns offene Abwehrseite. Matt Derbyshire sah, dass Robin Zentner weit vor seinem Tor stand und zog aus vollem Lauf ab - 1:1, in einer Phase, ind er die 05er das Spiel eigentlich komplett bestimmt hatten.

Ein ähnlich schwerer Fehler erlaubte den Engländern schließlich in der 89. Minute das Siegtor. Diesmal spielte Jairo den Fehlpass. Wieder schaltete Rotherham sofort um. Jordan Bowery ging halbrechts in den Strafraum, Zentner sah beim Torschuss nicht gut aus.

"Überflüssig", sagte Schmidt. "Naiv in den letzten zehn Minuten. Es ist etwas dumm, diesen Vorsprung zu verlieren, weil wir angesichts der Leistung in der zweiten Hälfte und der Großchancen den Sieg selbst verdient gehabt hätten. Das hat mit Konzentration zu tun. Trotzdem war es ein sehr guter Test. Ich will nicht so positiv wirken, aber vom Spiel her war das Drehbuch so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gegen einen solchen Gegner, gegen den man mit viel Ballbesitz Zweikämpfe führen muss und eine gute Raumaufteilung braucht, haben wir das mehr oder weniger hinbekommen - bis auf die Tore nachher. Das Team ist unheimlich enttäuscht und unzufrieden mit sich. So muss ich ihnen in dieser Woche eigentlich gar nicht mehr viel erzählen."

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite