Noch zieht’s im Rohbau

Jörg Schneider
Der Kader des FSV Mainz 05 steht seit dieser Woche. Der Manager hat seine Einkäufe zwar erst kurz vor Ladenschluss tätigen können. Ramschware aus dem Schlussverkauf hat Christian Heidel deshalb dennoch nicht mitgebracht. Jetzt beginnt für Kasper Hjulmand so etwas wie ein Neustart. Verstärkungen sind vorhanden. Die fußballerischen Voraussetzungen im 05-Kader sollten stimmen. Der Trainer muss nun daraus schnellstmöglich ein wettbewerbsfähiges Qualitätsprodukt formen. Dafür braucht Hjulmand strategisches Geschick, aber auch einen nicht zu knappen Vertrauensvorschuss. Den soll er von dieser Seite aus bekommen.

Der Manager hat seine Arbeit gemacht und sich erst einmal für ein paar Tage Urlaub gegönnt. Durchatmen. Runter kommen. Den Kopf frei kriegen. Das sei Christian Heidel zugestanden, denn die Vermutung liegt nahe, dass diese Transferperiode, so wie sie gelaufen ist und sich am Ende zugspitzt hat, diesmal ein echtes Brett war, das Heidel da zu bohren hatte. Dem Kader des FSV Mainz 05 die dringend gebrauchten Verstärkungen zuzuführen und sich dabei in einem finanziell erträglichen Rahmen zu bewegen, muss diesmal besonders aufregend gewesen sein. Weil Heidel wegen der Entwicklung auf der Trainerposition erst spät agieren konnte. Normalerweise wird schon früh im Jahr im Hintergrund an den Strippen gezogen, weit vor dem Beginn der Transferzeit. Das war aus den bekannten Gründen diesmal nicht möglich.

Trotz allem scheint es gelungen, einen guten Kader mit viel und neuer Qualität auf die Beine zu stellen. Die Neuzugänge, nehmen wir nur mal das Quintett, das auf den letzten Drücker am Bruchweg anheuerte, sind alles andere als Ramschware aus dem Schlussverkauf. Das sollte jedoch niemanden zu der Fehleinschätzung verleiten, die 05er spielten nun sofort die Sterne vom Himmel. Ab jetzt werde alles sofort super gut.

Der 05-Kader steht weiterhin nur als Rohbau. Noch zieht’s durch alle Ritzen. Die Auf und Umbauarbeiten beginnen aufs Neue. „Wir haben jetzt einen sehr gute Kader mit guter Qualität. Ich freue mich, dass die Transferperiode jetzt zu Ende ist und wir nun richtig arbeiten können“, sagt Kasper Hjulmand, fügt aber gleichzeitig hinzu: „Das ist jetzt wie ein Neustart.“ Und das nach dem zweiten Bundesligaspieltag. Ohne Vorbereitungsphase. Hinein ins kalte Wasser. Das bleibt ein ambitionierter Prozess.

Hjulmand und dessen Trainerstab sind dabei, einen Plan auszuarbeiten. Eine modifizierte Idee, wie sie diesen Kader zu einem Team formen, eine Spielweise kreieren, auf sich ändernde Hierarchien einstellen, Prinzipien und Stärken entwickeln, ohne dabei in der Liga viele Spiele zu verlieren. Das ist eine Aufgabe, die Strategie und viel Gemeinschaftsgeist erfordert. Von allen, die da jetzt das 05-Emblem auf der Brust tragen. Da gibt es noch unterschiedliche physische Voraussetzungen. Für einige auch taktisches Neuland. Ausländische Spieler, die sich auf eine komplett andere Umgebung und Mentalität einstellen müssen. Aber auch einen Trainer, der die Fähigkeiten seiner Zugänge erst noch richtig kennenlernen, einschätzen, kanalisieren, individuell arbeiten und sich als Psychologe erweisen muss.

Hjulmand sagt selbst, die Situation sei nicht viel anders als vor ein paar Monaten als der Däne am Bruchweg erstmals den 05-Trainingsanzug überstreifte und kündigte schon mal viel intensive Trainingsarbeit an. Nicht zuletzt im Bereich Teambuilding und interner Kommunikation. Hjulmand sagt aber auch, mit den neuen Leuten habe er neue Waffen. Typen, die den Konkurrenzkampf verschärfen, die dem Mainzer Spiel eine neue Prägung verleihen. Das alles ist keine leichte Aufgabe, denn, wie gesagt, Hjulmand und dessen Profis sollten dabei noch möglichst oft gewinnen, um den Entwicklungsprozess zu beschleunigen.

Dabei helfen wird sicherlich die Auswahl der Persönlichkeiten, die Christian Heidel gecastet hat. Traditionell legen die 05er gesteigerten Wert darauf, dass die Gruppe menschlich zusammenpasst, auf einen vernünftigen Umgang miteinander. Das hat die Integration seit Jahren vereinfacht. Doch der Kader ist groß, der Kampf um die Plätze unerbittlich. Und es wird auch Härtefälle geben. Unzufriedenheit.

Über allem steht zunächst aber das Können der neuen Spieler. Philipp Wollscheid ist einer, um den man sich wenig Gedanken machen muss. Ein  gestandener, erfahrener Innenverteidiger, der keine Probleme haben sollte, die Lücke zu schließen, die entstanden ist, weil der Mister Zuverlässig, Nikolce Noveski, länger ausfällt. Schon der erste Eindruck beim Trainingsspiel zeigt, dass Wollscheid Übersicht und Timing besitzt, knallhart verteidigen kann, aber auch den öffnenden Pass hinten raus im Repertoire hat. Jonas Hofmann bringt neben einem außergewöhnlichen Talent trotz seiner relativen Jugend Erfahrung und Prinzipien mit, die er in Jürgen Klopps Top-Team in verschiedenen nationalen und internationalen Wettbewerben gesammelt hat. Bei Sami Allagui weiß jeder, was der Stürmer kann. Der neue Ex-05er wird wenig Anpassungsschwierigkeiten haben und sich auf verschiedenen Positionen zurecht finden. Wundertüten sind da eher Jairo und Pablo de Blasis - bei allen Fähigkeiten. Jairo kommt ebenfalls von einem international renommierten Spitzenklub. Der Spanier kennt bisher jedoch weder sein neues Team noch die Bundesliga. Seine Daten und Statistiken aus Sevilla geben aber berechtigten Anlass zum Optimismus, dass der Rechtsaußen die vorhandenen Probleme auf dem Flügel bald bereinigen kann.

Und der kleine Argentinier? Der freut sich zwar tierisch, dass er in Mainz spielen darf, doch obwohl Asteras Tripolis nicht nur die 05er aus dem Wettbewerb eliminiert, sondern sich gar für die Gruppenphase qualifiziert hat, ist die Bundesliga eine andere Welt als die griechische Liga. Bei allem Respekt vor den Leistungen, die dort erbracht werden.

„Das ist ein großer Schritt für Pablo“, weiß Hjulmand, „wir werde sehen, wie er sich entwickelt.“ De Blasis bringt jedoch als Voraussetzung schon mal eine sehr gute Physis mit. Steht dank viel Spielpraxis voll im Saft, wie man so sagt. Im Trainingsspiel zeigte der Mann bereits seinen Ehrgeizig, unermüdlich daran zu arbeiten, diesen Sprung zu vollziehen. De Blasis will es unbedingt zeigen. Als er mit Asteras zum ersten Mal die Coface Arena betrat, habe er sich nichts anderes gewünscht als in einem solchen Verein, in einem solchen Stadion vor solchen Fans spielen zu dürfen, sagt er. Die Freude darüber, dass dieser Wunsch in Erfüllung ging, ist dem Profi und dessen Siel anzumerken. Ständig unterwegs, rennen, fighten, sich trotz der geringen Körpergröße in jede Kopfball stürzen, beidfüßig im Abschluss. Die Anlagen sind da.

Das 0:0 gegen Hannover 96 hat einen ersten ernsthaften Hinweis darauf gegeben, dass Kasper Hjulmand den Laden in den Griff kriegt. Dass die Ideen und die Philosophie des Trainers Wirkung zeigen in der Mannschaft. Vertrauen wir also diesem ausgezeichneten Fachmann, der, wenn er über Fußball spricht, so überzeugend wirkt, dass seine Strategie zielführend ist, dass er aus den vorhandenen Qualitäten möglichst zügig  eine erfolgversprechende Einheit formt.

Viel mehr bliebt uns zwar nicht übrig, aber im Moment hat es nicht den Anschein, dass dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt sein könnte. Und das ist doch auch schon mal etwas.

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.