Nur einmal nicht an die Regel gehalten

Jörg Schneider. Mainz.
Die Profis des FSV Mainz 05 haben sich an die selbst auferlegte Regel gehalten, keine drei Spiele in Folge zu verlieren. Trotz Substanzverlust in diesen anstrengenden Wochen schaffte das Team nach den Niederlagen auf Schalke und in Fürth diesmal einen hart erkämpften, von Konzentration und Willenskraft geprägten 2:0-Arbeitssieg in der Opel Arena gegen den FC Ingolstadt und fährt mental gestärkt zum richtungsweisenden Auswärtsspiel in der Gruppe C der Europaliga beim punktgleichen RSC Anderlecht. Bis zur Abreise ist am Bruchweg vor allen Dingen Regeneration angesagt.

In der Saisonvorbereitung, meist im Trainingslager, gibt es einen Tag, an dem die Profis des FSV Mainz 05 und deren Trainercrew abseits des Platzes zusammensitzen und in einer interaktiven Runde interne Regeln erarbeiten, die für die bevorstehende Spielzeit verbindliche Gültigkeit haben. Da geht es darum, wie man miteinander umgeht. Wie man nach außen hin auftritt. Da wird ein Strafenkatalog erstellt, da werden Ziele formuliert und schriftlich verankert. Eine dieser Grundregeln hängt als Urkunde an der Wand des Trainingszentrums am Bruchweg. Martin Schmidt hat‘s am Samstag erzählt. „Zwei Niederlagen sind eine zu viel, aber drei gibt es nicht.“ Mit dem hart erkämpften, von Konzentration und Willenskraft geprägten 2:0-Arbeitssieg in der Opel Arena gegen den FC Ingolstadt ist das 05-Team wieder einmal seiner selbst aufgestellten Vorgabe gefolgt, hat eine prekäre Situation nach den Auswärts-Niederlagen beim FC Schalke 04 und im Pokal in Fürth entschärft, hat die Englische Woche mit einem wichtigen Erfolgserlebnis abgeschlossen und die allgemeine Gefühlslage vor dem Europapokal-Auftritt beim RSC Anderlecht und dem ebenso schweren Bundesliga-Auswärtsspiel in Leipzig erheblich aufgehellt.

Seit der Schweizer im Februar vergangenen Jahres das Team übernommen hat, folgen die 05er dieser Maßgabe. Nur einmal hielten sie sich nicht dran. Das war in der Vorrunde der zurückliegenden Saison. Da verloren die Mainzer dreimal am Stück, dreimal zu Hause: 0:2 gegen Dortmund, 1:3 gegen Bremen und 1:2 im Pokal gegen 1860 München. Erst danach gab’s ein 3:3 in Augsburg, ein 2:0 gegen den VfL Wolfsburg und das Team war wieder in der Spur. Ansonsten stimmt das Muster: Rückrunde 15/16: Niederlagen in Leverkusen und zu Hause gegen Bayern – Sieg in Darmstadt. Niederlagen in Berlin und in Ingolstadt – Sieg gegen Gladbach. Niederlagen in Hoffenheim und gegen Leverkusen – Sieg bei Bayern München. Niederlage gegen Köln und in Frankfurt – Remis gegen den HSV. Solche wichtigen Korrekturen in schwierigen Lagen setzen Emotionen frei - auch beim Publikum. Den eigentlich unspektakulären Heimsieg gegen die unbequemen Ingolstädter, der kein fußballerisches Highlight war, aber aus aufopferungsvoller Arbeit, Konzentration aufs Wesentliche und freigesetzter Energie resultierte, feierten die Fans mit viel Gespür für die Situation fast schon überschwänglich.

Dem unermüdlichen Pablo De Blasis war wieder einmal kein Zweikampf zu viel. Hier nimmt es der Argentinier mit zwei Ingolstädtern auf. Foto: Ekkie Veyhelmann„Wir waren müde nach dem Pokalspiel. Das hat man gesehen. Wir haben versucht, es als Team wettzumachen und haben das Herz in die Hand genommen. Das war der Schlüssel zum Sieg“, sagte Pablo De Blasis anschließend. Der argentinische Energie-Bolzen, den die Zuschauer bei dessen Auswechslung frenetisch feierten, zeigte dabei einmal mehr Vorbildfunktion. Dem kleinen Argentinier war 90 Minuten lang kein Weg zu weit, kein Zweikampf zu lästig. Der 28-Jährige suchte die Dribblings, fand auch nach mehreren vergeblichen Versuchen immer wieder einen Weg am Mann vorbei und war mit seiner schon häufig beschriebenen, unorthodoxen Spielweise nie richtig und komplett zu fassen für die gegnerischen Abwehrspieler. Mit einem solchen Dribbling und einem genauen Pass leitete De Blasis die Elfmetersituation ein, die Yunus Malli dann zum 1:0 vollstreckte. Eine ähnliche Aktion brachte eine Kopfballchance für Jairo. De Blasis stellte nachher jedoch eher die Leistung von Jhon Cordoba in den Vordergrund, dem selbst kein Tor gelungen war, der jedoch das 2:0 von Levin Öztunali einleitete. „Jhon ist unglaublich“, erklärte De Blasis. „Er war auch kaputt heute und ist schwer bearbeitet worden, aber wie er sich reingehauen, dagegen gehalten hat und dann noch solche Aktionen hatte. Das ist wirklich unglaublich.“

Cordoba vergab eine Riesenmöglichkeit in der 83. Minute nach genauem Pass von Suat Serdar. Der Mittelstürmer zog im Sprint davon und scheiterte im Strafraum in Bedrängnis, als er den Ball nicht mehr kontrolliert im Tor unterbringen konnte und knapp neben den Pfosten ins Aus traf.  „Ich glaube, das hat bei ihm im Moment viel mit der Power zu tun“, sagte der Trainer. Cordoba müsse mangels Alternative ständig ran, verausgabe sich. Nach solchen 50-Meter-Sprints könne da schon mal das letzte Quäntchen fehlen. „Er ist immer nahe dran, aber heute hat er den Assist. Das ist schon mal wichtig für ihn. In Fürth hat er getroffen, heute eins vorbereitet“, sagte Schmidt, das sei eine gute Quote. „Wenn wir einen zweiten solchen Stürmer hätten, wäre er sicher einen Tick frischer. Er leidet darunter, dass Yoshinori Muto gefühlt seit einem halben Jahr nicht da ist.“ Der Japaner soll nach der Länderspielpause ins Training einsteigen und Ende November wieder auf dem Platz stehen. „Solange muss Jhon da durch.“

Der Erfolg nach den beiden schmerzhaften Niederlagen hat gut getan und hilft dabei die Müdigkeit zu überwinden. „Wir sind fernab von einer Krise“, betonte der 05-Trainer. „Wir haben den DFB-Pokal verbockt, das hat uns das Gefühl gegeben, wir haben was falsch gemacht. Das Gefühl war auch richtig, aber es ist nicht so, dass es bei uns jetzt um alles oder nichts ging. Das Team hat gezeigt, dass es mit Ernsthaftigkeit rangehen kann“, sagte Schmidt. „Letztes Jahr haben wir gegen Ingolstadt zweimal verloren und sind mit den Mitteln, die sie anwenden, überhaupt nicht zurechtgekommen. Heute haben wir uns gesagt, wir müssen mit ähnlichen Mitteln arbeiten. Deshalb war es diesmal ein gutes Paket aus allem. Niederlagen bringen auch immer einen Lernprozess mit sich. Wenn du zweimal verlierst, richtet sich der Fokus wieder stärker aufs Verteidigen. Wir haben ein wichtiges Spiel fürs Selbstbewusstsein abgeliefert. Wir wachsen zusammen, werden größer und im Laufe der Saison solider.“

Am Donnerstag geht’s dann international weiter mit dem Rückspiel in Brüssel. Auch in dieser Hinsicht war der Willens- und Arbeitssieg gegen den FC Ingolstadt wichtig. Den drohenden Negativtrend gestoppt, sich mit dieser Vorstellung neues Selbstbewusstsein geholt und sich mental aufgebaut. Das sind gravierende Dinge vor diesem Duell der in der Gruppe C punktgleichen Kontrahenten. Die Partie beim RSC Anderlecht hat vorentscheidenden Charakter fürs Weiterkommen. „Wir müssen das Unentschieden aus dem Heimspiel zurechtbiegen“, forderte Schmidt. „Wir hatten ja gesagt, dass wir die Heimspiele gewinnen und auswärts punkten müssen. Es hat gegen Anderlecht nur zu einem Punkt gereicht, jetzt müssen wir uns das natürlich auswärts zurückholen.“ Bis zur Abreise nach Brüssel ist am Bruchweg jedenfalls erst einmal viel Ruhe und Regeneration angesagt.   

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