Nur keine falschen Schlüsse ziehen

Jörg Schneider. Mainz.
Levin Öztunali hat erneut muskuläre Probleme vom 2:2 beim FC Bayern München mit nach Hause gebracht und fehlte zum Start in die neue Trainingswoche am Bruchweg. Beim FSV Mainz 05 geht es in diesen Tagen vor dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach darum, die derzeit gute Form weiter voranzutreiben, konzentriert und mit aller Leidenschaft weiter zu arbeiten. Im Moment habe man einen leichten Vorteil gegenüber der am Wochenende komplett sieglosen Konkurrenz im Abstiegskampf. „Bei uns darf jetzt nicht passieren, dass wir nachlassen und denken, wir sind auf Platz 13, und das sieht jetzt wieder ganz gut aus. Weil wir sind noch voll drin“, sagt Martin Schmidt.

Daniel Brosinski hat seine Unpässlichkeiten aus dem Bayyern-Spiel überwunden und war zum Wochentrainings-Start der 05er am Bruchweg wieder dabei. Foto: Jörg SchneiderZum Start in die neue Trainingswoche, die am Dienstag mit zwei Trainingseinheiten am Bruchweg begann, fehlten einige Profis des FSV Mainz 05. Der eine oder andere wie Giulio Donati wegen vorbeugender Schonung, wie es immer so schön heißt. Aber es gab auch einen ungeplanten Ausfall: Levin Öztunali war nicht auf dem Platz. „Levin ist noch angeschlagen vom Bayern-Spiel“, erklärte Martin Schmidt nachher. „Er hatte ja schon das Spiel zuvor ausgesetzt, ging in München jetzt 90 Minuten. Er spürt wieder die Stelle am hinteren Oberschenkel. Heute und morgen ist er auf jeden Fall nicht dabei.“ Auch Jhon Cordoba wird nicht wie ursprünglich vermutet, am Mittwoch wieder mittrainieren. Der Mittelstürmer absolviert heute und morgen noch zwei Individual-Einheiten mit dem Reha-Trainer. Wie lange Jairo Samperio pausieren muss, ist noch offen. „Das reicht nicht für Gladbach“, sagt Schmidt. Der Spanier hat sich bekanntlich zwei Bänder am Fußgelenk verletzt und klage zudem über muskuläre Probleme. Dafür war Daniel Brosinski wieder fit und im Einsatz. Der Verteidiger hatte in München körperliche Probleme, musste sich in der Halbzeitpause sogar übergeben und war danach zu kraftlos, um das Spiel durchzustehen.

„Wir gehen heute Nachmittag nur mit der Defensive auf den Platz. Die Offensive absolviert drinnen eine Test-Batterie. Das haben wir schon mit den Defensivspielern gemacht im Hinblick auf die neue Saison“, sagt der 05-Trainer. Dabei handele es sich um eine Reihe von Funktions- und Beweglichkeitstests. Am Vormittag stand eine intensive Einheit mit Spielformen auf engem Raum und mit Torabschluss auf dem Übungsplan. „Es geht darum, drin zu bleiben, in den Dingen, in denen wir im Moment richtig drin sind“, sagt der 50-Jährige. „Pressing, aggressives Vorwärtsverteidigen, einfache Abläufe. Spiele, die die Profis kennen, die Spaß machen, die vertraut sind. So, wie heute, alles immer in der Vorwärtsverteidigung mit Abseits. Immer ein enges Feld. Dabei trainierst du natürlich auch die Offensive. Wenn du Druck hast, attackiert wirst, musst du Lösungen suchen, wie du da rauskommst. Heute war die Regel, drei Berührungen, davon zweimal nur in der Mitte und vorne freies Spiel. Es lohnt sich in dieser Spielform anzulaufen, wenn der Gegenspieler nur wenige Kontakte haben darf.“ Die Folge waren Balleroberungen, Umschaltaktionen und viele Tore.

Momentan klappt's ganz gut mit dem Ball

„Momentan“, so der 05-Trainer, „sieht auch unser Spiel mit Ball ganz gut aus und trotzdem sind wir sehr aggressiv.“ Das war der Schlüssel für die erste Hälfte in München, in denen die Mainzer den Grundstein für das 2:2 beim Rekordmeister legten. „Du kannst lange zurückblättern, dass die Bayern mal zu Hause zwei Tore in einer Halbzeit fangen“, sagt Schmidt zufrieden mit diesem Auftritt seiner Mannschaft. Carlo Ancelotti habe nach dem Champions-League-Aus bewusst eine starke Elf auf den Platz gebracht mit vielen Top-Spielern, „weil er gegen uns ein klares Ergebnis wollte, um mit neuem Mut und Selbstvertrauen fürs Pokal-Halbfinale da rauszugehen. Die waren überrascht von unserer ersten Halbzeit.“ Dass die Mainzer nach dem Wechsel ihr Konzept nicht mehr aufrechterhalten konnten, habe auch damit zu tun gehabt, dass bei den Münchnern eine klare Pausen-Ansage gekommen und das Spitzenteam danach anders aufgetreten sei. „Dazu kam dass bei uns Bojan etwas müder wurde im Anlaufen und zwischen den Räumen. Er ist ein Spieler für diese Plätze und diese Stadien. Als ich ihn rausgenommen habe, hat er gesagt: Coach I am finished. Der war platt. Er musste viel laufen, hatte aber viele Bälle, hat das gut gemacht. Später ging es aber nur noch ums Verteidigen, immer darum, die sechs zu schließen. Die Bayern haben es dann auch besser gemacht als zuvor. Wir wollten so weitermachen wie vorher, aber der Gegner ist irgendwann dann zu stark. Der Brosinski-Ausfall hat uns dann sofort wehgetan. Leon Balogun  brauchte ein paar Minuten, bis er richtig drin war.“

Die 05er mussten zu viel hinterher laufen, unter der gesteigerten Belastung litt das eigene Spiel im Umschaltprozess. „Wenn das blöde Tor aus dem Rückraum nicht gefallen wäre, hätten wir das trotzdem wieder wie letztes Jahr verteidigen können, wenn wir diese eine Panne nicht gehabt hätten“, glaubt der Trainer. Denn die Bayern hatten bei aller Überlegenheit und bei allem Ballbesitz nicht viel Tiefe in ihren Aktionen und bei den hohen Bällen in den Strafraum waren die starken 05-Verteidiger tonangebend. Aus den Münchner Spielzügen heraus kam nicht viel Gefahr. „Ich wollte schon den zusätzlichen Sechser bringen, weil der Robben plötzlich dauernd nach innen gezogen ist. Während wir noch überlegt haben, kriegen wir das Tor“, sagt Schmidt rückblickend. „Aber weiß man’s? Hätten wir den Sechser vorher gebracht, kriegen wir vielleicht eins über außen. Es war schade, denn es war letztlich nicht zwingend. Auf dem Rückweg haben wir das Dortmund-Spiel geschaut. Bei denen geht so ein Ball an den Pfosten, kullert dann die Linie entlang raus. Bei uns geht er gegen den Pfosten und springt rein.“

Immerhin, am Ende stand der Punktgewinn, der eigentlich nicht zu erwarten gewesen war. „Du wirst mutiger durch gute Taten“, betont der Schweizer. „Wir haben letztes Jahr schon den Spielern die guten Taten gezeigt von den Jahren zuvor. Dann ist uns der Sieg geglückt. Wenn der Mut da ist, muss ich nicht davon reden, dass die Mannschaft ans Unmögliche glauben soll. Etwas, was du schon mal geschafft hast, traust du dir auch nochmal zu. Das war schon bezeichnend, wie das Team miteinander gewachsen ist. Ein Riesenkompliment an die Mannschaft. Ich bin sehr zufrieden mit dem Team und der Performance. Jetzt müssen wir diesen Weg weiter gehen.“ Im Moment habe man den moralischen Vorteil, eine im Prinzip kaum lösbare Aufgabe bewältigt, die Konkurrenz etwas geschockt zu haben und sich einen dünnen, aber möglicherweise in der Endabrechnung enorm wichtigen Vorsprung geschaffen. „Du bist nicht auf 16, wie die meisten erwartet haben, hast einen Punkt Vorsprung und vor allem das Torverhältnis gehalten. Das war ganz wichtig dabei.“ Die Tordifferenz beträgt -10 bei den 05ern, bei den punktgleichen Wolfsburgern -13, beim ebenfalls punktgleichen HSV sogar -25. Der FC Augsburg, der am Wochenende die Hamburger empfängt, steht mit einem Punkt weniger auf -20. „Bei uns darf jetzt nicht passieren, dass wir nachlassen und denken, wir sind auf Platz 13 und das sieht jetzt wieder ganz gut aus. Weil wir sind noch voll drin“, sagt Schmidt. Am Samstag können die Mainzer im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach in der Opel Arena einen weiteren Schritt in die richtige Richtung machen.

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