Ordentlich und passabel reicht nicht aus

Jörg Schneider. Mainz.
Sie hätten eine überragende Leistung in allen Bereichen gebraucht. Dazu das notwendige Spielglück und günstigere Schiri-Entscheidungen. Die Profis des FSV Mainz 05 lieferten eine Leistung ab, welche die Beteiligten später als „ordentlich“ und „passabel“ bezeichneten, die aber nicht ausreichte, um gegen diesen stark aufspielenden FC Bayern München in die Nähe eines Punktgewinns zu kommen. Am Ende stand in der ausverkauften Opel Arena eine frustrierende 1:3-Niederlage, die letztlich aus zu vielen Mängeln in der ersten Hälfte resultierte.

Der frühe Konter bereits nach vier Minuten, dieser geniale Pass von Yunus Malli in die Tiefe, der Jhon Cordoba die Möglichkeit gab, das Laufduell gegen Javier Martinez zu gewinnen und zum 1:0 zu vollstrecken, schien zu bestätigen, dass die Profis des FSV Mainz 05 an diesem Abend die Forderungen erfüllen könnten. Es müsse alles passen, hatte es im Vorfeld dieser Partie gegen den Rekordmeister geheißen. Eine überragende Leistung, ein optimaler Spielverlauf, perfektes Verteidigungs- und Umschaltverhalten, konsequentes Ausnutzen der nicht allzu vielen eigenen Chancen. Und die nötige Portion Glück. Es kam bekanntlich anders. Am Ende triumphierte der FC Bayern München in der Opel Arena mit einem souveränen 3:1-Erfolg und feierte so etwas wie einen Leistungsdurchbruch nach schweren Wochen zurück zu alter Stärke.

Bei den Mainzern waren nachher oft die Adjektive „ordentlich“ und „passabel“ zu hören im Versuch, die Vorstellung im Heimspiel einzuordnen. Ordentlich gespielt, einen passablen Auftritt hingelegt, ordentlich verteidigt und umgeschaltet. Am Ende nicht ausreichend, um wirklich in die Nähe eines Punktgewinns zu gelangen gegen diese hochkarätige Auswahl, die ihrerseits mehr als nur eine ordentliche Leistung auf den Platz brachte. „Wir waren wirklich sehr, sehr gut“, sagte Bayern-Torschütze Arjen Robben später, dessen Kreise die 05er nie komplett zu stören vermochten. „So haben wir wochenlang nicht gespielt“, schob der Holländer hinterher.

Zu viel Platz im Mittelfeld: Der neben Arjen Robben herausragende Thiago Alcantara durfte zu viel schalten und walten, ohne von den 05ern entscheidend attackiert zu werden. Foto: Ekkie VeyhelmannDie Mainzer mag dies ein wenig trösten, gegen eine diesmal in Bestform, mit herausragender Offensivwucht aufspielende Bayern-Elf verloren zu haben. Der Frust darüber, weder im Defensivverhalten, noch in den offensiven Umschaltaktionen (bis auf die Szene beim 1:0) an die eigenen Möglichkeiten und die selbst auferlegten Vorhaben herangekommen zu sein, mildert dies nicht. „Wir hatten viele Probleme, gegen den Ball zu verteidigen“, sagte Stefan Bell im Rückblick auf die Phase nach der eigenen Führung bis zum Pausenpfiff. „Wir sind in keinen Zweikampf gekommen.“ Der Abwehrverbund habe lange Zeit zu tief gestanden, „weil es nicht anders ging“, wie der 05-Kapitän betonte. „Das Problem in der ersten Halbzeit war, dass Thiago und Lahm sehr viel Platz und zu viel Zeit hatten, wenn sie den Ball am Fuß hatten in Höhe des Mittelkreises. Da war es schwer, offensiv zu verteidigen, weil jederzeit ein Chip drüber kommen konnte, wie es auch mehrfach passiert ist. Dadurch konnten wir nicht höher stehen, kamen nicht in die wichtigen Zweikämpfe, um Umschaltsituationen zu erzwingen“, erklärte der Innenverteidiger, der zwar auch dafür plädierte, dass die Aktion von Philipp Lahm gegen Malli am Bayern-Strafraum, die dem Ausgleich vorausging, als Foul hätte gepfiffen werden müssen. „Trotzdem“, sagt Bell, „ist es ein Ballverlust am gegnerischen Sechzehner, der nicht unbedingt zu einem Tor führen sollte.“ Und beim 2:1 am Ende eines weiteren Münchner Konters, das Robben nach Flanke von Thomas Müller unbedrängt mit dem Kopf erzielen durfte, stimmte das Verteidigungskonstrukt der Mainzer erneut nicht. „Da war es  am Ende eine ganze normale Flanke, bei der wir in der Mitte gleich oder in Überzahl sind. Da mussten wir einfach besser den Robben decken“, sagte Bell. Die Bayern hatten vor der Pause weitere Möglichkeiten, frühzeitig alles klar zu machen. Immer begünstigt von Stellungsfehlern der 05er im Zentrum, von inkonsequentem Verteidigungsverhalten in Eins-gegen-Eins-Situationen, von nicht aggressiv genug angegangenen Zweikämpfen gegen die ballsicheren Münchner Individualisten.

Nach Bells Empfinden könnte die wieder veränderte eigene Defensiv-Formation diese auffälligen Mängel gefördert haben. „Grundsätzlich ist es so, dass wir wieder mit einer Mannschaft auf dem Feld gestanden haben, die sich erneut erst finden musste, weil wir in der Konstellation nicht so oft gespielt haben. Und das gegen einen Gegner, der es brutal gut macht. Es waren immer gegenläufige Bewegungen, dass Lewandowski kurz gekommen ist, zwei andere in seinen Rücken reingelaufen sind und wir keinen Druck auf den Ballführenden hatten. Da war es für die Innenverteidiger schwer zu entscheiden, gehen wir mit Lewandowski mit oder fallen wir ab für den tiefen Laufweg. Schwierig, weil die auch ein perfektes Timing hatten in diesen Situationen“, berichtete der 05-Profi.

In der zweiten Halbzeit machten die 05er vieles besser, standen nach ein paar in der Pause angesprochenen Korrekturen und später durch die Umstellung aufs 4-2-3-1 enger beisammen, hielten die Bayern-Offensive weitgehend vom eigenen Tor weg. „Da hatten wir gute Balleroberungen, nachdem wir deutlich höher im Spielfeld standen, da war das Spiel offener. Wir hatten immer das Gefühl, ein Konter zum 2:2 wäre möglich.“ Die Versuche blieben allerdings meist im Ansatz oder in der letzten Verteidigungsreihe bei Martinez und Mats Hummels stecken. „Wir kamen oft außen durch, aber unsere Abschlüsse in der Mitte haben gefehlt“, sagte Bell. „Grundsätzlich war das ganz ordentlich. Was wir mitnehmen ist, dass wir oft noch die falsche Entscheidung treffen. Auch mal abzubrechen, auf Ballbesitz spielen, dass wir, wenn wir auf einer Seite nicht durchkommen, auf die andere Seite verlagern. Das haben wir zu selten gemacht. Wir müssen das nach den Balleroberungen, die wir ja hatten, besser zu Ende spielen. Es ist jedoch halt der Klassiker. Wenn man zwei, drei Minuten hinterherläuft und dann den Ball erobert, sind alle erstmal ziemlich kaputt, dann ist es schwer den Konter mit der Präzision abzuschließen, die es braucht“, betonte der 25-Jährige.

Abschluss blieb auf der Strecke

Dessen Nebenmann sah es ähnlich. „Nach dem 1:0 sind wir etwas aus der Ordnung geraten und haben den Zugriff verloren“, sagte Leon Balogun. „Wir haben versucht, auf das variable Positionsspiel zu reagieren, aber das gelang nicht so. Die Bayern finden halt die Räume und haben dann vorne die Qualität um aus nicht allzu viel, sehr viel zu machen.“ Balogun sprach von Abstimmungsproblemen. „Ich glaube, bei unserem Sieg in München im Frühjahr war es ähnlich. Auch da hatten wir Phasen, in denen wir geschwommen sind, aber da haben wir es geschafft, konsequent alles bis zum Ende zu verteidigen“, erinnerte sich der Abwehrmann. „Wir können jetzt viel erzählen, aber am Ende waren es starke Bayern, die wissen, wie sie es machen müssen. Bis auf diese 15 bis 20 Minuten, in den wir in der ersten Hälfte die Tore bekommen und zu viele Chancen zugelassen haben, haben wir es trotzdem gut gemacht.“

Gut, aber nicht gut genug, um den Gegner tatsächlich in Bedrängnis zu bringen. Die klare Torchance, die es gebraucht hätte, um eine emotionale Kampf-Atmosphäre im Stadion zu erzeugen, die fehlte. Mitreißende Zweikämpfe, mit mehr Präzision und vor allem mehr Überzeugung vorgetragene Konter hätten das Ganze bei anhaltender Ergebnischance noch in die gewünschte Richtung lenken können. Doch die konsequente Bayern-Innenverteidigung ließ da nichts mehr anbrennen. Den immer wieder von Karim Onisiwo und Levin Öztunali auf der anderen Seite angeschobenen Offensivaktionen fehlte am Ende stets das letzte Fitzelchen, um wirklich zur Torchance zu werden. Vor allem bei dem in alle Richtungen aufopferungsvoll schuftenden Onisiwo blieb der ultimative Pass, der Abschluss auf der Strecke. Auch eine solch gelungene Standardsituation, wie die von Robert Lewandowski, der in der Nachspielzeit einen Freistoß zum Endstand ins Netzt zirkelte, fehlte den Mainzern an diesem Abend.  

Und schließlich fehlte dann auch der Aspekt im 05-Spiel, der im Vorfeld als absolute Notwendigkeit im Zusammenhang mit der eigenen Leistung formuliert worden war. Das Quäntchen Glück. Dass im Bayern-Strafraum mal eine Abwehraktion der Münchner den 05ern vor die Füße gefallen wäre. Oder dass die Schiedsrichter-Entscheidungen günstiger für die Mainzer ausgefallen wären. Solche Aktionen, wie die von Lahm gegen Malli vor dem Ausgleich, sind schon oft genug in der Bundesliga anders bewertet und abgepfiffen worden. Beim Konter von Onisiwo, den Martinez mit einem Handspiel unterband und damit dem 05er die Chance zum 2:2 nahm, lässt sich diskutieren, ob der Bayern-Verteidiger letzter Mann war. Zumindest jedoch darüber, ob der Spanier vorher nicht wie von 05-Sportdirektor Rouven Schröder nachher ärgerlich bemängelt, nach wiederholten Fouls längst eine Gelbe Karte hätte sehen und dann mit Gelb-Rot vom Platz hätte müssen.

 

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