Perfektion

Christian Karn. Mainz.
Nachdem die Fußball-Europameisterschaft 2008 zu ihnen gekommen ist, haben die Österreicher nun den Gegenbesuch vereinbart: Zum ersten Mal qualifizierte sich die Nationalmannschaft des ÖFB sportlich für eine EM. Der Höhepunkt einer starken Qualifikationsrunde ist das 4:1 in Schweden am Dienstagabend: Mit einem überragenden, immer offensiven Auftritt holte sich die Mannschaft um Julian Baumgartlinger, den Kapitän des FSV Mainz 05, mehr als den letzten noch fehlenden Punkt. Die Schweden, bei denen der 05er Pierre Bengtsson nicht spielte, werden wohl in die Relegation müssen.

Hin und wieder gibt es diese Fußballspiele, in denen der Plan einer Mannschaft absolut aufgeht. In denen alles funktioniert, in denen ein Gegner, der sich für gleichwertig gehalten hat und gleichwertig sein müsste, einfach keine Chance hat. Präzedenzfälle: Das 4:0 des FC Barcelona gegen den AC Milan im Viertelfinal-Rückspiel der Champions-League-Saison 2012/13. Ein geradezu lächerlich knappes 3:0 der Mainzer A-Junioren gegen den VfB Stuttgart vor fünf Jahren. Das berühmte 6:2 der 05er in Bochum. Und das 4:1, mit dem Österreich am Dienstagabend in Schweden die EM-Qualifikation vollendete. Spiele, die zeigen: Perfektion, wenn man sie auch nur selten erlangt, ist auch im Fußball möglich.

Der Trainer lebe hoch! Julian Baumgartlinger (rechts) und seine Kollegen feiern Marcel Koller, sich selbst, und die EM-Qualifikation. Foto: imago

Einen Punkt brauchte die Mannschaft um den Mainzer Kapitän Julian Baumgartlinger, um sich zum ersten Mal auf sportliche Weise für eine Europameisterschaft zu qualifizieren. Das allein, angesichts dessen, dass noch zwei Spieltage folgen, ist bemerkenswert. Aber zu keinem Zeitpunkt erweckten die Österreicher den Eindruck, diesen einen Punkt zu wollen. Sie überranten die Schweden mit einem furor austriaco, mit dem diese nicht gerechnet hatten. Selbst beim Stand von 3:0 und 4:0 spielte Österreich ausschließlich nach vorne. "Wir fahren mit einem absoluten Siegeswillen nach Schweden", hatte Baumgartlinger angekündigt. "Die Schweden spielen mit Angst", wurde sein Bremer Kollege Zlatko Junuzovic zitiert. "Das müssen wir ausnützen."

Taten sie dann auch. Zwei Schlüsselmomente gab es in der ersten Hälfte. Tatsächlich das 1:0 und das 2:0. Das erste ein Elfmeter des besten Spielers auf dem Platz, David Alaba von Bayern München. Kim Källström, seit Sommer bei den Zürcher Grasshoppers, hatte den Bremer Zlatko Junuzovic gefoult (9.). Das zweite kam als Abschluss einer Drangphase, in der die Schweden viel für den Ausgleich getan hatten. Linksverteidiger Christian Fuchs warf von links ein, weit in den Strafraum hinein. Der Basler Marc Janko verlängerte den Ball nah an den langen Pfosten. Und dort war der Stuttgarter Martin Harnik schneller als der Linksverteidiger Martin Olsson (Norwich City) und der Torwart Andreas Isaakson (Kasimpascha SK). Alle drei rannten sich über den Haufen, verschoben tatsächlich das nicht hart genug verankerte Tor um ein paar Zentimeter - der Ball war längst drin (38.).

Es war ein hartes Spiel, mit vielen Zweikämpfen, vielen Fouls, allerdings nicht brutal, nicht unbeherrscht, sondern als Folge des Tempos beider Teams. Österreichs zweiter Treffer war das klassische "Das kommt davon", die Schweden hätten ihre Ausgleichschancen halt nutzen sollen.

Mit dem 2:0 nahm das Spiel richtig an Fahrt auf. In der 41. Minute verhinderte Isaakson das dritte Tor: Schwedens Rechtsverteidiger Sebastian Larsson (Sunderland AFC), der anstelle des Mainzers Pierre Bengtsson spielte, verschlief die Abseitsfalle, ein wunderbarer kleiner Pass ging durch auf Marko Arnautovic (Stoke City), Isaakson kuhnerte aber alle Ecken zu - nichts passiert. Beim nächsten Konter gab es für Harnik keinen guten Schusswinkel, wieder nichts passiert. Dennoch klar zu sehen: Dieses Spiel konnte für Schweden noch richtig hässlich werden!

Direkt nach Harniks Schüsschen gab es am anderen Ende des Platzes eine kleine Rudelbildung. Warum? Weiß niemand. Der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco blieb cool, schickte nur die Leute weg - Ausdruck einer erstaunlich entspanten Spielleitung, die beiden Teams mehr Freiheiten gab als gewohnt, damit dem spektakulären Spiel zugute kam.

Kurzzeitig hätte es in dieser Phase jedoch ausarten können. Die Schweden mussten sich sehr zusammenreißen in den Minuten vor der Halbzeit, mussten aufpassen, sie waren kurz davor, die Eskalation herbeizuführen. Die Österreicher ließen sich kaum provozieren (nur Baumgartlinger hatte einen kurzen Disput mit Velasco), nutzten die Hektik der Schweden. Hatten viele simple Ballgewinne, schalteten jedes Mal sofort um auf Offensive. Isaakson kam gerade so um eine Notbremse gegen Arnautovic herum, hielt dann gegen Harnik nach einer Flanke von Junuzovic - eine ähnliche Situation wie beim 0:2, aber diesmal hatte der Torwart mehr Zeit, um an den langen Pfosten zu kommen, dieses Mal war der Ball lange unterwegs und in der Mitte war keiner, der ihn hätte ablenken können.

Halbzeit. Und ja, das könnte richtig hässlich werden für die Schweden. Der zweite Platz, der monatelang stabil ausgesehen hatte, war weg, weil Russland gleichzeitig Liechtenstein abschoss (3:0 zur Halbzeit, 7:0 am Ende), knapp hinter Schweden lauerte schon Montenegro (1:0 zur Halbzeit gegen Moldawien, 2:0 am Ende) auf den dritten Platz.

Nach vorne, nur nach vorne

In der zweiten Hälfte ging es mit gleichem Tempo weiter. Die Mannschaften schenkten sich überhaupt nichts in einem sehr schnellen, wilden, wüsten Spiel. Auch Baumgartlinger teilte aus und steckte ein; in der Nacht nach dem Spiel wird dem 05er der ganze Körper wehgetan haben, aber erst nach dem Abklingen des Adrenalins. Kapitän Fuchs, der Ex-05er, strahlte eine riesige Aggressivität aus - richtige Chancen wurden selten in dieser Phase. Dafür waren beide viel zu überdreht. Die Kälte fehlte, der klare Kopf. Isaakson hielt gegen Alaba (58.), ein technisches Kunststück von Junuzovic flog abgefälscht am Tor vorbei (69.) - die Mannschaften wollten alles und alles gleichzeitig. Sie hielten sich nicht im Mittelfeld auf, sie bauten nicht groß auf. Es ging nach vorne und nur nach vorne. Isaakson hielt wieder gegen Alaba (76.), das hätte das 3:0 sein müssen - und 20 Sekunden später kam das 3:0. Janko nahm den kurzen Steilpass Alabas auf der linken Seite an, drehte sich um Andreas Grankvist und war damit auf einmal drei Schritte weg vom Innenverteidiger aus Krasnodar. Und schob dem herausstürzenden Isaakson den Ball durch die Beine.

Pierre Bengtsson und seine Kollegen sind jetzt auf einen Ausrutscher Russlands angewiesen, um die Relegation zu vermeiden. Foto: imago

An Robert Almer kam derweil überhaupt keiner vorbei. Marcus Berg und Emil Forsberg waren frei vor dem österreichischen Torwart, ließen diesem keine Zeit, sich richtig zu stellen, und trotzdem parierte der Keeper von Austria Wien den Schuss und den Nachschuss. Er hatte Glück, dass beide Bälle in seine Reichweite kamen, musste sich aber zweimal aktiv bewegen, um sie zu erwischen.

Und die Österreicher ließen einfach nicht nach. Das 3:0 reichte ihnen immer noch nicht. Sie stürmten immer weiter. Baumgartlinger leitete mit einem Pass in den Strafraum das 4:0 ein; über Marcel Sabitzer und den Sekunden vorher eingewechselten Jakob Jantscher landete der Ball wieder bei Harnik, der ihn nur ins leere Tor schieben musste (88.). Erst in der 91. Minute gelang den Schweden ihr Tor - nach einer kurzen Flanke schnickte Zlatan Ibrahimovic den Ball gegen Almers Laufrichtung ins lange Eck. Der Torwart hatte keine Chance, aber das Tor kam viel, viel zu spät.

Isaakson war am anderen Ende völlig entnervt, hielt nach Fuchs' Flanke und Harniks Kopfball noch einmal überragend, nach dem Eckball auch den harmlosen Schuss von Sabitzer. Der schwedische Torwart hatte längst seinen ganz eigenen Tunnelblock, er hatte sehr viel zu tun und sehr viel gerettet und dennoch 1:4 verloren. Und die Österreicher mit Julian Baumgartlinger feierten nach einem perfekten Auswärtsspiel ihre erste sportliche EM-Qualifikation im 14. Versuch. Während die Schweden mit Pierre Bengtsson angesichts der beiden ausstehenden Gegner Moldawien und Liechtenstein zumindest den minimalen Vorsprung auf Montenegro verteidigen dürften, aber einen Ausrutscher von Russland (in Moldawien oder gegen Montenegro) brauchen, um sich den zweiten Platz zurückzuholen.

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