Punktbester Ausgeschiedener?

Christian Karn
Sie jammern ja schon wieder, dass die Mainzer die arme Nationenwertung kaputtmachen. Erstens aber, argumentiert die 05MixedZone, sollen sich die Bayern und der BVB um die Nationenwertung kümmern und nicht der FSV Mainz 05, machen die ja sowieso, und zweitens werden die 05er als punktbester Ausgeschiedener immerhin neun Punkte in die Wertung bringen. Es sei denn, die bisher ausgebliebene Qäbälä-Anomalie, die die sonst weitgehend ausgeglichene Gruppe hätte durcheinanderbringen können, kommt im tabellarisch bedeutungslosen letzten Spiel doch noch. Das Hinspiel ebenso wie die vielen Gegentore lassen so etwas befürchten.

Morgen abend wird es interessant: Morgen abend kann der Sevilla FC, der mit einem Unentschieden in Turin, drei Siegen gegen Olympique Lyon, Dinamo Zagreb und nochmal Dinamo Zagreb und einer Führung im Rückspiel gegen Juve nahezu perfekt in die Champions League gestartet ist, tatsächlich auf den dritten Platz zurückfallen. Drei Tore, mit denen die Italiener in Überzahl das Spiel noch gedreht haben, brachten nämlich Lyon wieder in Reichweite, ein 0:2 bei den Franzosen würde Sevilla die Titelverteidigung in der Europa League wieder möglich machen.

In diesen Sphären hätte auch der FSV Mainz 05 spielen können, hätten die 05er im entscheidenden Moment die vergangene Rückrunde etwas konsequenter durchgezogen. Um den 30. Spieltag herum war die Tür offen, fünf Punkte aus den letzten fünf Spielen waren jedoch zu wenig. Statt dessen hat's Gladbach geschafft, trotz zweier Niederlagen gegen die 05er, dank eines 3:1/6:1 gegen die Young Boys aus Bern in den Playoff-Spielen. Die Borussia wird nach dem verlorenen direkten Vergleich mit Manchester City (0:4/1:1) auf jeden Fall in die Europa League hinüber kommen, das weiß sie schon vor dem abschließenden Spiel beim FC Barcelona. Alle anderen Fragen (Ludogorez Rasgrad oder der FC Basel? Besiktas, Benfica oder der SSC Neapel? Rostow oder Eindhoven? Tottenham oder ZSKA Moskau? Sporting Lissabon oder Legia Warschau? FC Porto oder FC Kopenhagen? Schließlich Lyon oder Sevilla?) sind noch offen.

Klar ist aber auch: Der FSV Mainz 05 wird nicht mehr dabei sein. Ebenso wie die Young Boys, wie der ehemalige Champions-League-Teilnehmer Viktoria Pilsen, wie Rapid Wien und der Sassuolo Calcio, das italienische 05-Pendant, ebenso wie Panathinaikos, Konyaspor, RB Salzburg, OGC Nizza, sogar Inter Mailand haben die Mainzer in ihrem letzten Spiel nichts mehr zu gewinnen, der zweite Platz ist einfach nicht mehr in Reichweite. Manch anderer Ausgeschiedener hat immerhin noch einen Gegner, für den die jeweilige Partie noch von Bedeutung ist. Die 05er dagegen empfangen am Donnerstag den Qäbälä FK, die schlechteste Mannschaft im Wettbewerb, die einzige, die nach vier Spielen schon ausgeschieden war, die einzige, die immer noch ohne Punkt da steht. Unmittelbar geht es um gar nichts mehr. Die Mainzer sind und bleiben Dritter, Qäbälä ist und bleibt Vierter. Um das Spiel aus der oberflächlichen Belanglosigkeit zu ziehen, müssen die 05er mit einem "guten Gefühl für die kommenden Spiele" und mit dem UEFA-Verbandskoeffizienten argumentieren: Punkten für Deutschland! Aus Sorge um diesen haben die Messfremden vom ersten Tag an gegen die Europapokalteilnahme der 05er angejammert; eine Zahl mit drei Nachkommastellen zu verteidigen, könnte man dagegenhalten, ist nicht die Aufgabe von Mainz 05, darum sollen sich die Bayern und der BVB kümmern, das machen die ja sowieso.

Es gibt viele Theorien über den Grund des Ausscheidens der 05er. Ein bisschen zweckpessimistischer als sonst hat es die 05MixedZone schon nach diesem Kopfballtor von Lukasz Teodorczyk am dritten Spieltag befürchtet. Foto: imagoBleibt's beim bisherigen Trend, dann wird Mainz 05 durch einem abschließenden Heimsieg gegen Qäbälä neun Punkte zur Nationenwertung beitragen. Es ist nicht sicher, kann aber passieren, dass die 05er der punktbeste Ausgeschiedene sein werden. In Gruppe D wird der Dritte womöglich fünf Punkte haben, in Gruppe I vielleicht sogar nur vier. Ein Mainzer Ausscheiden mit neun läge zumindest zum Teil auch an der Schwäche des Gegners. Was nämlich der Gruppe C fehlt, ist die eine Anomalie, das eine überraschende Ergebnis, der eine Ausrutscher. So etwas wie das 1:1 von Fenerbahce bei Sorja Luhansk, das 1:1 von Sporting Braga bei Konyaspor, das 0:1 Southamptons beim ansonsten punktlosen Inter Mailand. Das eine Spiel, mit dem der chancenlose Letzte die restliche Gruppe doch ein bisschen aufmischt. Qäbälä war kurz davor, hielt gegen Anderlecht das 1:1 bis in die 90. Minute, verschoss unterwegs einen Elfmeter, kassierte in der 89. Minute einen Platzverweis, in der 90. und 94. Minute das 1:2 und 1:3. Und das war klar - der phänomenale Lukasz Teodorczyk hatte noch nicht getroffen, und das Spiel ist nicht vorbei, ehe der getroffen hat. In der Tat war Qäbälä aber auch schon am zweiten Spieltag gegen Mainz 05 kurz davor; das 0:1 hatten die Aserbaidschaner gedreht, die 05er drehten es aber mit zwei Jokertoren zum glücklichen und nicht souveränen 3:2-Sieg zurück.

Unter sich haben sich die drei restlichen Teams der Gruppe C neutralisiert. Zwischen Anderlecht, Saint-Étienne und Mainz 05 gab es fünf Spiele und einen einzigen Sieg. Der war deutlich, ein 6:1 der Belgier gegen die 05er, die ebenfalls nun mal noch auf das Teodorczyk-Tor warten mussten; wäre es ein 1:0 geworden, wäre die Tabellensituation die gleiche. Ausgeschieden sind die 05er nicht durch das 1:6. Ausgeschieden sind sie im direkten Vergleich gegen die Franzosen - 0:0 und 1:1, das Auswärtstor der ASSE entschied.

Oder? War das Problem wirklich dieses Gegentor in der 88. Minute des ersten Spiels, wie manch ein 05-Spieler und -Offizieller nach dem torlosen Rückspiel in den Raum stellte? Es ist nicht die einzige These. "Das war das Spiel, durch das 05 ausscheiden wird", sagte nach dem 1:1 gegen Anderlecht am dritten Spieltag der eine MixedZone-Redakteur auf der Pressetribüne zum anderen. Auch diese Partie hätten die Mainzer gewinnen können, vielleicht müssen. Der so früh im Wettbewerb noch nicht ganz so obligatorische Teodorczyk-Treffer war bereits in der 66. Minute gefallen, die Mainzer waren gegen die Belgier die hoch überlegene Mannschaft. Um weiterzukommen, hätte es die Qäbälä-Anomalie geben müssen, und besser mal zumindest ein Auswärtssieg. Der war angesichts der Heimspiele nicht unbedingt zu erwarten, der kam tatsächlich nicht.

Ausgeschieden sind die 05er, weil sie das ganze Jahr über wenige Punkte holen, viele erreichbare Punkte liegenlassen. Weil sie viele Gegentore kassieren. Während eine Führung noch lange nicht den Sieg bedeutet - fünfmal gewannen die 05er nach 1:0, achtmal nicht - bedeutete ein Rückstand bisher fast immer die Niederlage. In beiden Pokalwettbewerben bedeutete das das Aus. In der Bundesliga müssen die 05er daran dringend arbeiten. Das ist auch in der 05MixedZone noch ein Thema für die kommenden Tage.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.