Ramalho als neue Innenverteidiger-Option

Jörg Schneider. Marbella.
Mit dem 0:2 gegen Feyenoord Rotterdam im Trainingslager in Andalusien hat sich der FSV Mainz 05 die erste Testspiel-Niederlage dieser Vorbereitung eingehandelt, gleichzeitig aber auch eine neue Situation in der Innenverteidigung geschaffen. André Ramalho hat sich auf dieser Position nachhaltig ins Gespräch gebracht. Leon Balogun hat sich nach einer Kunstpause stark zurückgemeldet. Der 05-Trainer deutete nach der Partie an, dass er so langsam eine Stammformation für den Bundesliga-Start erkenne. „Ich merke jetzt schon, wer auf den Platz gehört und wer noch Zeit, Entwicklung und Intensität braucht. Das war aber auch die Absicht, denn in der Rückrunde wollen wir anders auftreten als in der ersten Serie.“

Entspannung ist angesagt am Sonntag im Trainingslager von Marbella. Am Nachmittag steht ein von einem Sponsor organisierter Team-Event auf dem Dienstplan des FSV Mainz 05. Die Bundesligaprofis versuchen sich im Einlochen auf einer Fußball-Golf-Anlage. Am Morgen gab’s eine leichte Regenerationseinheit. Ob diese eher der Entspannung nach der 0:2-Niederlage im Testspiel gegen Feyenoord Rotterdam geschuldet war oder ob der Open-End-Mannschaftsabend kein intensiveres Training zuließ, weiß man nicht so genau. Bis auf wenige Ausnahmen dürfte der Frustabbau aber nach der Niederlage gegen den Tabellenführer aus Holland bei den 05-Spielern keine große Rolle gespielt haben im Rahmen der Erkundung des Nachtlebens von Marbella. Denn der Bundesligist zeigte über weite Strecken eine gute Leistung in seinem zweiten Testspiel an der Costa del Sol. Martin Schmidt bescheinigte seinem Team jedenfalls eine deutliche Leistungssteigerung gegenüber dem 1:1 vom Vortag im Duell mit ADO Den Haag (1:1). „Es war ein guter Test gegen einen sehr starken Gegner, den wir leider verloren haben“, sagte der 05-Trainer. „Das Spiel kam einem Bundesligaspiel in gewissen Phasen schon sehr nahe. Von der Griffigkeit, vom Tempo, von der Hartnäckigkeit her. Für mich war wichtig war, dass wir wesentlich besser waren als in der ersten Partie.“

André Ramalho, hier gegen Feyenoord-Mittelstürmer Nicolai Jörgensen, bewarb sich um einen Platz in der 05-Innenverteidigung. Foto: Daniel BongartzGefrustet dürfte allerdings Giulio Donati gewesen sein, für den die Vorstellung nach 23 Minuten zu Ende war und der deshalb noch zum Rapport bei seinem Coach antreten muss. Der Italiener hatte sich nach seiner Roten Karte im Anschluss an ein Foul gegen ihn als Unschuldslamm präsentiert, der den Schiedsrichter nur darauf hinweisen habe wollen, dass der Referee eigentlich für ihn habe pfeifen müssen. Dass sich in seine Ansprache an den Unparteiischen aber offenbar irgendein italienisches Schimpfwort eingeschlichen hatte, darüber ging der Rechtsverteidiger großzügig hinweg. „Er hat nach dem Foul den Ball in die Hand genommen, der Schiedsrichter pfeift Hand. Giulio sagt, er habe über sich geflucht. Der Schiri hat geglaubt, er sei gemeint und hat Rot gezogen, aber direkt gesagt, wir können wieder einen Spieler einwechseln“, schilderte Schmidt die Aktion. „Eine komische Sache. Das ist hier in Spanien eine merkwürdige Geschichte. Da hast du hier hochstehende Spiele, und gepfiffen werden die von Sechstliga-Schiedsrichtern. Das ist etwas seltsam, ist aber seit Jahren so.“ Und das ändere dennoch nichts an Donatis Fehlverhalten. „Nichtsdestotrotz sind da Worte gefallen, die nicht fallen dürfen. Wir werden das besprechen. Die Aktion hat uns den Fluss im Spiel gekostet. Bis dahin war es wirklich ein gutes, sogar ein sehr gutes Testspiel von uns.“

Die zweite Schlüsselszene, die der Trainer als ursächlich für die Niederlage ansah, war ein Rotterdamer Konter gegen Ende der ersten Hälfte, den André Ramalho klärte und sich dabei einen Pferdekuss am Oberschenkel zuzog. Der Brasilianer, der bis dahin einen tadellosen Innenverteidiger gegeben hatte, musste zur Pause vom Platz. Aus Vorsichtsgründen. „Die Sache von Giulio und der Wechsel von André waren sicher ein Grund, warum das Spiel so gelaufen ist“, sagte Schmidt, der im zweiten Durchgang Alexander Hack anstelle von Ramalho brachte, den 23-Jährigen jedoch bereits nach einer Viertelstunde wieder runter nahm. Das nennt man dann die Höchststrafe. „Wir mussten wechseln, er war müde“, sagte Schmidt lapidar und in einem Tonfall, der andeutete, dass auch Hack noch einiges zu hören bekommen wird. Der Verteidiger griff nach Stefan Bells Kerze nicht ein, Torhüter Jannik Huth fing den Ball auf und verursachte dadurch den indirekten Freistoß, der zur Feyenoord-Führung führte. Danach ermöglichte Hack dem Gegner eine Top-Torchance, weil er ein Foulspiel reklamierte und stehen blieb, anstatt seinen Job zu machen. Dazu kamen diesmal schlampige Pässe des eigentlich sonst so präzisen Passgebers im Spielaufbau aus der eigenen Abwehr heraus.

Jedenfalls ist in Marbella nun neue Bewegung gekommen in die Innenverteidiger-Situation. Leon Balogun meldete sich als Donati-Vertreter eindrucksvoll in der Abwehr zurück gegen die Holländer. Und mit Ramalho hat ein neuer Kandidat seinen Hut für eine der zentralen Abwehr-Positionen in den Ring geworfen. „Seine Aufstellung dort war nicht aus der Not geboren“, sagte Schmidt. „Ich bin nicht zufrieden mit der Arbeit der Innenverteidiger. Deshalb ist André ganz klar auch eine Option. Wir werden das hinkriegen mit der Defensiv-Stabilität. Heute ging in den ersten 30 Minuten gegen diesen spielstarken Gegner so gut wie gar nichts durch, da haben wir bis auf zwei Distanzschüsse alles verdichtet. Das war eine klare Steigerung zum Vortag.“

Wie auch das Offensivspiel gegen Feyenoord. Auch wenn die Offensive bisher noch kein Schwerpunkt-Thema der Arbeit war. „Die erste Viertelstunde in der zweiten Halbzeit war mit das Beste, was wir seit langem in Testspielen gesehen haben. Da habe ich sehr viel Positives registriert“, erklärte der Coach. „Man hat auch gesehen, wenn wir mit dem Grundstock spielen Richtung Stammelf, dass es schon sehr gut aussieht. Da waren wir sehr robust und kernig auf dem Platz. Das wollten wir sein. Das Resultat ist da heute mal zweitrangig. Bei solchen Gegentoren werden wir dem nicht zu viel Gewicht beimessen. Trotzdem ärgern uns die beiden Tore, und dass auf der anderen Seite unsere Großchancen nicht reingehen.“ Yoshinori Muto mit zwei dicken Gelegenheiten und Aaron Seydel vergaben die Ergebnisverbesserung. „Wir haben uns abkochen lassen durch diese dummen Gegentore“, so Schmidt.

Dennoch kristallisiere sich in diesem Trainingslager schon in gewissem Maße eine Startelf heraus, erklärte der 49-Jährige. „Ich will schon von hier nach Hause fahren und wissen, wer hat Form, wer stellt sich, wer behauptet sich. Das wird noch etwas rauer werden in den nächsten zwei Wochen. Das Durchgewechsele wird aufhören. Ich gehe mit einigen Erkenntnissen in die nächste Woche. Schon in Düsseldorf beim Telekom-Cup wird’s darum gehen wer in der Pole-Position ist und dann im Freundschaftsspiel gegen den FC Thun geht’s endgültig um die Startplätze.“ Die Trainingseinheiten und die beiden Testspiele haben beim Coach bereits ein klares Meinungsbild geschaffen. „Ich merke jetzt hier schon in den Tagen von Marbella, wer auf den Platz gehört und wer noch Zeit, Entwicklung und Intensität braucht, wer noch Läufe braucht. Das war aber auch die Absicht, denn in der Rückrunde wollen wir anders auftreten als in der ersten Serie.“

Gar nicht zeigen konnten sich in den Testspielen Jairo Samperio und Karim Onisiwo. Für den Spanier, der im Training eine Kapselverletzung am Knöchel erlitt, ist das Trainingslager vorzeitig zu Ende. Die Verletzung ist nicht sonderlich schlimm, die Röntgenaufnahmen ergaben keinen Befund, doch für den Stürmer ist dies ein neuerlicher Rückschlag auf dem Weg zu alter Stärke. „Bei Karim ist es so, dass er noch vom Frankfurt-Spiel auf der Fuß-Oberseite eine Druckstelle hat. Da sieht man jetzt noch die Stollenabdrücke,  wo er getroffen worden ist. Das behindert ihn beim Schießen. Er absolviert nur ein intensives Lauftraining. Da müssen wir von Tag zu Tag schauen“, sagte Schmidt.

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