Reaktion ohne Resultat

Christian Karn. Mainz.
Mainz 05 hat ein deutliches Lebenszeichen gezeigt. Gegen Leipzig war ein Punkt durchaus drin, waren wohl auch drei Punkte drin. Am Ende gab es aber trotz zweier Tore und trotz einer deutlich besseren Leistung die vierte Niederlage in Folge. Die 05er leisteten sich die seit Wochen bekannten Schwächen gegen Flanken, ließen sich außerdem von der Hektik der Leipziger anstecken, vergaben gute Torchancen, hatten das Pech eines nicht erkannten Abseitstors zum 1:3 und verloren auch noch zwei Spieler fürs Spiel in Freiburg: Jean-Philippe Gbamin flog schon zum dritten Mal und diesmal berechtigt vom Platz, Torschütze Jairo Samperio holte sich eine Gelbsperre. Immerhin: Augsburg bleibt auf dem Relegationsplatz - Ingolstadt taucht jedoch bald von hinten auf.

FSV Mainz 05 - Rasenballsport Leipzig 2:3 (0:0)

Mittwoch, 5. April 2017, 26.379 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Hack, Brosinski - Gbamin, Frei - Öztunali, Bojan (67. Muto), Quaison (55. Jairo) - Córdoba (88. de Blasis).
Reserve: Huth, Balogun, Bungert, Serdar. Trainer: Schmidt.

Rasenballsport Leipzig: Gulacsi - Fernandes, Upamecano (41. Werner), Orban, Halstenberg - Ilsanker - Keita (85. Kaiser), Demme - Sabitzer, Poulsen, Forsberg (76. Khedira).
Reserve: Coltorti, Burke, Schmitz, Selke. Trainer: Hasenhüttl.

Schiedsrichter: Stieler (Obertshausen).

Tore: 0:1 Sabitzer (47., Forsberg), 0:2 Werner (52., Forsberg), 1:2 Jairo (69., Foulelfmeter, Demme an Donati), 1:3 Keita (81., Poulsen), 2:3 Muto (90+1., Öztunali).

Gelbe Karten: Brosinski, Jairo, Córdoba, Frei, de Blasis, Donati - Upamecano, Bernardo, Sabitzer, Ilsanker.

Rote Karte: Gbamin (89., grobes Foul).

Zumindest lebt sie wieder, die Mannschaft des FSV Mainz 05. Und zumindest hat der FC Ingolstadt ihr die Schützenhilfe gegeben und den Tabellennachbarn FC Augsburg mit dem gleichen Ergebnis geschlagen, mit dem die 05er in einem anfangs guten, später vor allem hektischen, am Ende kaum noch sportlichen Spiel gegen Leipzig verloren: 2:3.

Nötig war das überhaupt nicht. Zwei Phasen gab es, in denen die 05 sehr viel mehr hätten erreichen können. Die erste dauerte 45 Minuten und hätte die Führung bringen müssen. Jean-Philippe Gbamin (6.) und Bojan Krkic (21.) hatten die größten, nicht aber die einzigen Chancen zur Führung. Die zweite kam, als Leipzig die Mainzer Abwehrschwächen bei Flanken zweimal ausgenutzt hatte, 2:0 führte, aber mit einem Elfmeterfoul die 05er zurück ins Spiel brachten. Mit Hektik, mit Unsportlichkeiten, mit den gleichen fragwürdigen Mitteln, mit denen Ralph Hasenhüttl bereits als Ingolstädter Trainer einige Punkte gegen am jeweiligen Tag stärkere Mannschaften gesichert hatte, brachten die Leipziger Hektik ins Spiel, von der sich die 05er nicht hätten anstecken lassen müssen - es gab ab der 71. Minute acht Gelbe Karten und eine Rote gegen Gbamin.

Die 05er hatten den Abstiegskampf mit aller Macht ausgerufen. Drei Dutzend Ex-05er waren vor dem Anpfiff auf dem Rasen, um das Publikum in Schwung zu bringen - das gelang. Laut war's. In der Startelf dagegen gab es fünf neue Spieler: Giulio Donati verteidigte wieder rechts anstelle von Leon Balogun, Alex Hack in der Mitte anstelle von Niko Bungert. Fabian Frei verdrängte André Ramalho, der gar nicht im Kader war. Bojan Krkic ersetzte den gesperrten Danny Latza, Robin Quaison schließlich spielte für Pablo de Blasis. Jonas Lössl, Stefan Bell, Daniel Brosinski, Jean-Philipp Gbamin, Jhon Córdoba und Levin Öztunali, der Torschütze aus Ingolstadt, blieben in der Aufstellung.

Und die 05er griffen zuerst an. Bojan kam nach 15 Sekunden etwas zu spät, der Torwart hatte sich schon den Querpass von Quaison geschnappt. Aber auch Leipzig zeigte schnell den Offensivplan, hatte in der zweiten Minute den ersten nicht übermäßig gefährlichen Torschuss, weitere unvollendete Angriffe im Minutentakt. Laut war's im Stadion, lauter als gewohnt, erst recht nach einem scharfen 25-Meter-Freistoß von Gbamin an der Mauer vorbei, den der Torwart mit ganz langem Arm abwehrte (6.). Tatsächlich hatte die erste Phase etwas vom Auftakt gegen Leverkusen, allerdings ohne die dramatischen Abwehrfehler, die Bayer 04 sich beim letzten 05-Sieg geleistet hatte. Und mit womöglich etwas zu viel freiwilligem Ballbesitz in der letzten Reihe - gegen die aggressiven Anläufer Marcel Sabitzer und Yussuf Poulsen nicht ungefährlich.

Der Ball war häufiger im Leipziger als im Mainzer Strafraum. Aber häufiger im Mainzer als im Leipziger Tor. Foto: Ekkie VeyhelmannUnd ohne die 2:0-Führung nach elf Minuten - aber ein 1:0 nach einer Viertelstunde wirkte möglich, lag auch in der Eckballserie in der 12. Minute in der Luft. Öztunalis kurzer Querpass wurde jedoch abgefangen. Und Córdoba, mit dem die Abwehr große Mühe hatte, wollte etwas zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Es sah gut aus, diesmal, was die 05er zeigten, nicht ausgezeichnet vielleicht, aber viel besser als als zuletzt. Und es war ein Jammer, dass bei der schnellen Kombination von Lössl, Córdoba und den Winter-Neuzugängen Bojan und Quaison in der 21. Minute der Katalane aus wenigen Metern, aber nicht mehr ganz perfekter Position das Tor knapp verfehlte. Wahrscheinlich stand ihm im entscheidenden Moment Quaison im Weg; ein kurzes Anspiel hätte die bessere Entscheidung sein können.

Die Mainzer machten weiter Druck. Ein Schuss von Gbamin ging abgefälscht knapp vorbei (24.) - und der folgende Eckball direkt in die Arme des Torwarts. Mit einem ähnlichen Selbstvertrauen in den Auswärtsspielen hätten die 05er die Sorgen wahrscheinlich nicht, die sie in diesen Tagen plagen. Immerhin: Die erste Ecke der Leipziger in der 26. Minute, zuletzt immer Ausgangspunkt des Rückstands, führte zu nichts. Auch nicht Naby Keitas feiner Steilpass auf Yussuf Poulsen - der Mittelstürmer hätte von Hacks Stellungsfehler profitieren können, wurde aber von Bell nochmal irritiert und brachte nur ein harmloses Schüsschen hin (27.). Auch nicht die zweite Ecke (28.).

Ein bisschen hektisch wurde es danach. Nach einem Schubser gegen Córdoba, nach dem der nicht immer ganz berechenbare Schiedsrichter Tobias Stieler sich erst einmal den Kolumbianer schaffte und weit weg brachte, ehe dieser auf dumme Ideen kommen konnte, gab es Gelb für den jungen Dayot Upamecano, der sich davon nicht beeindrucken ließ, Córdoba weiter bearbeitete, den Platzverweis schon riskierte. Der Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl bettelte minutenlang immer wieder um Konsequenzen für den erst einmal mies gelaunten Mainzter Mittelstürmer, erlöste dann den Innenverteidiger noch vor der Rotgefahr - und brachte noch einen Stürmer, Timo Werner.

Mit 0:0 ging es in die Halbzeit; Öztunali hatte noch eine Chance vergeben, war zu weit abgedrängt worden. Mit 0:1 begann die zweite - die 05er hatten die Konzentation, die Intensität, die sie vor der Pause im Spiel gehalten hatte, verloren, der Ball flog zweimal hoch durch den Strafraum und war am Ende drin - Kopfballtor von Marcel Sabitzer, kein Eckball diesmal, aber prinzipiell das Tor, das die 05er immer wieder kassieren (47.). Fast hätte Leipzig direkt auf 2:0 erhöht, als Stefan Bell nach einem grenzwertigen Zweikampf mit Brummschädel liegengeblieben war - schon in der 51. Minute wiederum hatte der 05-Kapitän die erste dicke Ausgleichschance. Sein Kopfball nach einer Freistoßflanke ging knapp am langen Eck vorbei. Es blieb die einzige Chance zum 1:1, weil eine Minute später der eingewechselte Werner das obligatorische Eckball-Kopfballtor hinterher schickte. Und die schöne erste Hälfte, der gute Eindruck dahin war. Ein bisschen Glück hatte gefehlt, um die gute erste Hälfte mit einer Führung zu krönen. Die Leipziger hatten das Glück bei ihren Treffern.

Martin Schmidt reagierte. Bekam den Versuch von Öztunali, am kurzen Pfosten das 1:2 zu erzwingen, kaum mit, weil er Jairo Samperio seine Aufgabe erklärte; der Spanier kam für Quaison ins Spiel, bald auch Muto für Bojan. Córdoba bekam derweil weiterhin auf die Knochen, oft ungestraft - oft allerdings auch nach harten, grenzwertigen, aber auch ohne die ganz große Phantasie hinnehmbaren Zweikämpfen.

Und mit Muto kam schnell ein Schlüsselmoment. Diego Demme ließ gegen den durch den Strafraum Haken schlagenden Donati den Fuß stehen. Der Italiener nahm die Einladung zum Elfmeter nicht mal allzu geschickt an, riskierte den Stürmerfoul-Freistoß, bekam aber seinen Strafstoßpfiff. 69. Minute. Jairo. Tor. 1:2. Nur ein Lebenszeichen? Oder der Auftakt zur Wende? Sekunden später vergab Öztunali die dicke Chance zum Ausgleich kläglich? Nein, war keine Chance, die Abseitsfahne war längst oben.

Leipzig wurde hektisch, wurde fahrig. Machte Zirkus. Hatte Angst? Oder war's Kalkül, war's Hasenhüttls bewährtes Ingolstadt-Prinzip? Der Verdacht liegt nahe. Brosinski ließ sich als erster anstecken, holte sich die gleiche Gelbe Karte, die Upamecano schon gesehen hatte, die erste von vier Gelben Karten gegen die 05er in zehn Minuten, die erste und zweite (weil sein Gegenspieler auch Gelb sah) dieser hektischen, Schlussphase, die immer wieder von Diskussionen geprägt war, von Rudelbildungen, auch von geradezu bizarren Provokationen und Simulationen wie Poulsens Versuch, sich abseits vom Ball einen Elfmeter zu holen durch das Umrennen eines Verteidigers von hinten.

Trotzdem gab es weitere Chancen. Mutos Flugkopfball nach Öztunalis Flanke ging an den Pfosten (73.), während Ingolstadt in Augsburg 3:0 in Führung ging, die 05er vom Zwischenstand her trotz des Rückstands ihre Situation sogar um zwei Kleinigkeiten verbesserten. Kurzfristig. Denn Augsburg verkürzte auf 1:3, auf 2:3, Leipzig erhöhte in der 81. Minute nach einer unübersichtlichen Situation, in der Lössl und Schmidt eine Abseitsstellung monierten, scheiterte in der 82. an Lössl.

Die 05er beendeten die Partie zu zehnt. Für einen Angriff, der wahrscheinlich sogar wirklich dem Ball gegolten, aber nur den Gegner erwischt hatte, sah Gbamin seinen dritten Platzverweis, den ersten akzeptablen. Und sie beendeten es als Verlierer. Aber nicht mit 1:3 - Muto verkürzte mit einem Kopfball in der Nachspielzeit ebenfalls auf 2:3. Die Ausgleichschance versuchten die Mainzer noch zu schaffen. Aber sie kam nicht mehr. Die 05er haben den Sturz auf den Relegationsplatz vermieden. Sie haben sich im Vergleich zu den vergangenen Spielen wesentlich gesteigert. Aber sie haben auch das vierte Spiel in Folge verloren.

► Alle Artikel zum Spiel gegen Leipzig

► Zur Startseite