Rehabilitieren und zurückkommen

Jörg Schneider. Gelsenkirchen.
Der Start in diese Englische Woche ging gründlich daneben. Mutig und selbstbewusst wollte der FSV Mainz 05 nach seinen bisher gezeigten Leistungen beim FC Schalke 04 punkten, handelte sich in der Veltins Arena jedoch eine deutliche 0:3-Niederlage ein, weil gegen einen starken Gegner nicht besonders viel im Spiel der Mainzer zusammenpasste. Schon am Mittwoch geht’s für die Mannschaft von Martin Schmidt weiter im schweren Programm: Zweite Runde im DFB-Pokal beim Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth. „Kopf oben behalten, besser machen, rehabilitieren und zurückkommen“, sagt der 05-Trainer.

Martin Schmidt blieb im Anschluss an die Spiel-Pressekonferenz noch eine Weile am Podium sitzen und studierte das ausgedruckte Blatt mit den statistischen Daten der vorangegangenen Partie. „Das musste alles nicht sein“, sagte der Trainer des FSV Mainz 05 kopfschüttelnd. Die nackten Zahlen belegten nicht ausreichend, was die 05er fühlten und was am Ende Stand der Dinge war: Eine deutliche 0:3-Niederlage beim FC Schalke 04. Von der Statistik her sah es gar nicht so schlimm aus. Torschüsse gesamt: 11:10 für Schalke. Schüsse aufs Tor: 5:4. Schüsse neben das Tor: 3:4. Abgeblockte Schüsse: 3:2. Ecken: 3:3. Flanken und Standards: 14:17. Zuspiele im Ballbesitz: 52:48 Prozent. Gewonnene Zweikämpfe 52:48 Prozent. Pässe: 77:75 Prozent. Pässe in die gegnerische Hälfte: 65:65 Prozent. Fouls: 16:16. Und trotzdem war das bisher so solide und stark auftretende 05-Team so weit weg von einem Punktgewinn,  wie schon lange nicht mehr. Ein Auftritt, der den Trainer dazu veranlasste, von der schlechtesten Saison-Leistung zu sprechen.

Zwei der 05-Neuzugänge, die bisher komplett überzeugten, beim 0:3 auf Schalke aber keinen glücklichen Tag hatten: Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin (hier gegen Franco di Santo). Foto: ImagoFür Schmidt lag vieles im mangelhaften Umschaltverhalten seiner Profis begründet. „Wir waren im defensiven Umschaltspiel nicht gut, aber im offensiven auch nicht“, sagte der 49-Jährige. Das bedeutete, das Gesamtspiel war zwar ganz in Ordnung, die Struktur stimmte, doch in den wichtigen Situationen erledigte Schmidts Team seine Aufgaben schlechter als gewohnt. Bei eigenen Ballverlusten ging die Struktur flöten durch individuelles Fehlveralten. Da fehlten dann oft das Einrücken und die Unterstützung in den Halbräumen, durch die der Gegner zu leicht und ungehindert in die Spitze spielen konnte. Wenn die 05er trotzdem die Bälle eroberten, gerieten die Anspiele zu ungenau, die Eins-gegen-Eins-Duelle gingen verloren, die Konter passten nicht. Besonders in der Anfangsphase, die für Schmidt maßgeblich dazu beitrug, dass seine Spieler ins falsche Fahrwasser gerieten. „Man hat gesehen, wie wir die ersten Bälle gut erobert und schön rausgespielt auf Levin Öztunali oder John Cordoba, aber direkt irgendwie verhühnert haben. Das gibt ein schlechtes Gefühl. Die Schalker waren aggressiv, direkt an uns dran, haben gepresst nach Balleroberung und uns gleich irgendwie den Schneid abgekauft.“ Dazu kamen etliche missglückte Freistoß-Situationen in Strafraumnähe, die keinerlei Druck auf die Schalker Abwehr produzierten.

„Ich weiß nicht, ob man da etwas nachlässig wird, wenn man über lange Zeit eine gute Phase hatte“, rätselte Schmidt über die Gründe. „Jedenfalls hatten wir nach 30 Minuten eine Zweikampfqoute von 35:65. Die ist dann mit der Zeit zwar besser geworden, aber dafür sind wir dann zweimal doof reingetappt in die Falle. Bitter, wenn du dich hier so auskontern lässt.“ Bei den Schalkern war neben der individuellen Qualität, die das Team von Markus Weinzierl an diesem Tag auf einen hohen Level brachte, zudem einfach mehr Feuer, mehr Zug und Willensstärke drin. Schalke begegnete den 05ern mit einem laufintensiven Mittelfeld-Pressing, das die 05er zu stark beeindruckte. Die Gastgeber schafften es immer wieder gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz Überzahl in den Räumen herzustellen und mit ihren flexiblen Reihen die Partie zu dominieren. Auch, weil sie variabel und hart am Gegenspieler verteidigten.

„Wir dagegen stolpern uns im eins gegen eins durch, wenn wir mal durchkommen, kommt der Rückpass nicht. Bei denen hat das alles gepasst. Die waren in der letzten Zone viel sauberer als wir“, betonte der 05-Trainer. „Wir sind mutig mit Selbstbewusstsein hergekommen und wollten gewinnen. Dann sind wir ausgekontert worden. Ich denke nicht, dass wir zu offensiv waren. Wir waren einfach zu unkonzentriert, zu fahrig mit Ball nach vorne, schlimmer noch nach Ballverlusten.“ Dass sich allmählich dann doch eine gewisse Müdigkeit nach dem bisherigen Programm in der Mannschaft breit mache, wollte Schmidt allerdings nicht gelten lassen. „Es ist mir zu einfach zu sagen, wir waren müde. Daran will ich es nicht festmachen. Die Bereitschaft war von Anfang an nicht richtig da.“ Und einige seiner Spieler an diesem Tag auch nicht. Yunus Malli schaffte es zu selten, saubere Offensivaktionen einzuleiten. Jairo suchte nach der langen Verletzungspause vergeblich sein Spiel. Dem stark beanspruchten und stets hart genommenen Jhon Cordoba fehlte diesmal die Klarheit der Aktionen und die Konzentration im Abschluss. „Jairo wurde zusehends müde und ungenau. Da fehlt noch einiges. Vor allem mit Ball. Er kam schwer rein. Das ist logisch, wenn du lange nicht spielst. Öztunali hatte keinen glücklichen Tag, aber wir mussten rotieren. Wir konnten von der Belastung her nicht nochmal mit Karim Onisiwo und Pablo de Blasis antreten, deshalb brachten wir zwei Frische auf den Platz. Das hat man aber leider nicht gesehen.“  Auch bei Leon Balogun habe man gemerkt, dass er einige Zeit gebraucht habe, um nach der Verletzungspause wieder klarzukommen und Sicherheit zu finden. „Und aus dem, was wir dann gut gemacht haben, haben wir zu wenig gemacht. Ich bin überzeugt, wenn der Jhon seine große Chance reinmacht, wird der Gegner wieder nervös. Das hätte es neu entfachen können“, sagte Schmidt. „Wir haben in den letzten Wochen ein paarmal Glück gehabt, diesmal ging’s daneben.“

Das passiert im Fußball. „Wir müssen den Kopf oben behalten und es beim nächsten Mal besser machen“, betonte der 49-Jährige. „Wir nehmen viel Arbeit mit, die wir schnellstens angehen müssen.“ Die nächsten beiden Spiele in dieser Woche, die Pokalpartie am Mittwoch (18.30 Uhr) beim Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth und das Heimspiel am Samstag in der Opel Arena gegen den SV Ingolstadt sind schwere Aufgaben in Begegnungen, die einen anderen Charakter haben werden als die Partie bei den spielstarken Schalkern. Die aber trotzdem beide die Möglichkeit bieten, sich sofort wieder ein besseres Gefühl zu holen. Das Mainzer Ziel: „Rehabilitieren und zurückzukommen“, sagt Schmidt.

 

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