Rekordmeister mit Rekordeinkauf

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 erwartet am Donnerstag einen europäischen Topklub zum Europa-League-Duell. Der RSC Anderlecht, zweimaliger Europapokalsieger, mit 33 Titeln (und 21 Vizemeisterschaften) belgischer Rekordmeister, wird in Mainz sein 369. Europapokalspiel bestreiten. Der Klub aus Brüssel mag kein Real Madrid sein, war aber immerhin in der Lage, im Sommer acht Millionen Euro für einen neuen Zehner auszugeben. Der kleine Rumäne Nicolae Stanciu, einer von elf Neuzugängen beim RSC, ist der teuerste Einkauf, den es je in der belgischen Liga gab.

Pünktlich zum Spitzenspiel, dem Duell der beiden Tabellenführer der Europa-League-Gruppe C am Donnerstag in der Opel Arena, ist der RSC Anderlecht wieder da angekommen, wo er meistens steht: Der belgische Rekordmeister (33 Meisterschaften von 1947 bis 2014, die längste Zeit ohne Meistertitel waren die sechs Jahre von 1974/75 bis 1979/80, in denen der RSC viermal Vizemeister und zweimal Europapokalsieger der Pokalsieger wurde) kam durch das 1:0 gegen den KSC Lokeren zurück auf den zuletzt am zweiten Spieltag durch ein 5:1 gegen den KV Kortrijk gewonnenen und am dritten Spieltag durch ein 0:0 in Sint-Truiden wieder verlorenen ersten Platz der belgischen Liga. Der RSC gewann sechs von zehn Spielen und verlor lediglich durchaus etwas blamabel vor gut drei Wochen 1:2 beim Tabellenvorletzten KVC Westerlo, der nur zwei Minuten brauchte, um das Ausgleichstor des Favoriten (83.) mit dem Siegtreffer zu kontern.

Viel hat sich seit dem Ende der vergangenen Saison beim RSC Anderlecht verändert. Vielleicht spielt der Spitzenklub aus der belgischen Hauptstadt Brüssel auch deswegen nur in der Europa League: In der Qualifikation zur Champions League unterlag der Mainzer Gegner nach einem 2:2 im Auswärtsspiel beim russischen Vizemeister FK Rostow das Rückspiel zuhause 0:2. In der Playoff-Runde vor der Europa-League-Gruppenphase dagegen setzten sich die Belgier souverän mit zwei 3:0-Siegen gegen den tschechischen Tabellenfünften Slavia Prag durch. In den ersten beiden Partien der Gruppe C gab es ein 3:1 gegen den Qäbälä FK und gegen die AS Saint-Étienne um ein Haar den zweiten Sieg; die Franzosen schossen erst in der 94. Minute das 1:1-Ausgleichstor.

Leander Dendoncker (rechts, gegen Qäbäläs Mittelstürmer Bagaliy Dabo) ist bisher die große Konstante des RSC Anderlecht. Der einst im Überschwang schon mit Sergi Busquets verglichene Sechser war in allen Saisonspielen von der ersten bis zur letzten Minute dabei. Foto: imagoDas war bereits das 15. Pflichtspiel unter dem neuen Trainer: Besnik Hasi, einst albanischer Nationalspieler, kurzzeitig und ohne Erfolg Profi beim TSV München 1860, hatte den RSC im Sommer nach der Vizemeisterschaft offenbar nicht ganz so einvernehmlich verlassen, wie es offiziell dargestellt wurde, heuerte beim polnischen Meister Legia Warschau an, wurde aber bereits im September nach neun Punkten in neun Spielen wieder gefeuert. Sein Nachfolger, der Schweiter René Weiler, der nach einigem Hin und Her vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg freigegeben wurde, hat in 17 Pflichtspielen bereits 30 Spieler eingesetzt - Zeugnis für die vielen Transfers, die es beim belgischen Meister von Juni bis Ende August gab: Sieben Mann haben den RSC nach ihren ersten Einsätzen noch verlassen, elf Mann kamen neu dazu, einer von ihnen ist schon wieder weg. Dennoch lässt sich weitgehend abschätzen, mit was für einer Mannschaft der RSC in Mainz antreten könnte. Viele Afrikaner beziehungsweise Belgier oder Franzosen mit afrikanischen Wurzeln werden spielen, eine Reihe Osteuropäer und ein Wunderkind.

Die Defensive hat sich trotz etlicher Wechsel inzwischen gefunden. Vor dem neuen Stammtorwart Davy Roef (23), der vor ein paar Jahren aus der eigenen Jugend kam und nun den nach Charleroi gewechselten langjährigen Stammkeeper Silvio Proto ablöste, dürften der Serbe Uros Spajic, der Senegalese Kara Mbodji, der Niederländer Bram Nuytinck und der Ghanaer Frank Acheampong - bis auf Nuytinck allesamt Nationalspieler - auflaufen. Der 23-jährige Spajic, der neu vom Toulouse FC kam, ersetzt dabei einen weiteren Neuzugang, den ehemaligen französischen Juniorennationalspieler Dennis Appiah, der seit August wegen einer Muskelverletzung fehlt. Mbodji, 26 Jahre alt, ist der Nachfolger von Sebastien de Maio, der der neue Abwehrchef werden sollte, nur wenige Wochen nach seinem Wechsel vom Genoa CFC nach Anderlecht wieder nach Italien zurückkehrte. Es soll Streit mit Weiler gegeben haben, de Maios Frau soll nicht bereit gewesen sein, nach Brüssel umzuziehen - der Italiener spielt jedenfalls jetzt als Leihspieler in Florenz. Auch der Linksverteidiger ist neu, in gewisser Weise: Der 23-jährige Acheampong ist eigentlich Linksaußen, rückte aber nach hinten, nachdem der von Dynamo Moskau ausgeliehen Niederländer Alexander Büttner wieder zurück nach Russland musste und Fabrice N'Sakala - Stammspieler in den ersten Partien - zu Alanyaspor ausgeliehen wurde. Nuytinck war auch nicht immer Stammspieler, ist aber schon seit vier Jahren dabei.

Vor der Viererkette spielt Anderlecht durchaus variabel, meist läuft es jedoch auf ein 4-2-3-1 oder 4-3-3 hinaus. Im defensiven Mittelfeld war der 21-jährige Leander Dendoncker bisher absolut gesetzt als einziger Spieler des RSC, der in allen 17 Spielen von An- bis Abpfiff dabei war. Der vor vier Jahren sicherlich über-euphorisch mit dem spanischen Weltklasse-Sechser Sergi Busquets verglichene Belgier hat inzwischen sein erstes A-Länderspiel absolviert; sein Einsatz gegen Lokeren am Sonntag muss bis kurz vor dem Spiel wegen einer Verletzung fraglich gewesen sein.

Dendonckers Nebenmann dürfte einer der spannendsten Spieler der belgischen Liga sein: Youri Tielemans, 19 Jahre alt und Sohn belgischer und kongolesischer Vorfahren, hat bereits mit 16 Jahren und zwei Monaten sein erstes Pflichtspiel mit den Anderlecht-Profis absolviert, war inzwischen in weit über 150 Partien dabei. Ein Wechsel zu Atlético Madrid soll im Sommer bereits weit gediehen gewesen sein; Tielemans ist immer noch beim RSC und dürfte dem Klub bald einen riesigen Sack Geld einbringen.

Nicolae Stanciu, der hier Saint-Étiennes Vincent Pajot das Trikot auszieht, ist der teuerste Einkauf, den es je in Belgien gab. Auch Kapitän Sofiane Hanni (rechts) ist neu beim RSC Anderlecht. Foto: imagoAuch vorne hat sich inzwischen eine Stammelf herausgebildet. Mittelstürmer wird sicherlich der Pole Lukasz Teodorczyk sein, der seit seinem Wechsel von Dynamo Kiew nach Brüssel in vierzehn Spielen zehn Tore schoss. Den neuen Kapitän, den einige Wochen vorher vom KV Mechelen verpflichteten Algerier Sofiane Hanni, verdrängte der 25-jährige Torjäger auf die linke Seite. Wie Dendoncker hat auch Hanni (17 Einsätze, 5 Tore) gerade erst eine Verletzung überstanden. Im offensiven Mittelfeld, wo anfangs Tielemanns, direkt nach Teodorczyks Verpflichtung auch Hanni gespielt hat, ist inzwischen ein rumänischer Nationalspieler gesetzt. Der 1,68 Meter kleine Nicolae Stanciu (acht Einsätze, bisher kein Tor) kam als teuerster Einkauf der belgischen Liga von Steaua Bukarest, fast acht Millionen Euro soll der RSC Anderlecht gezahlt haben, weitere zwei Millionen könnten noch draufgeschlagen werden. Der bisherige Rekordhalter, Nationalspieler Steven Defour, spielte anfangs der Saison ebenfalls noch in Anderlecht, wechselte aber inzwischen zum englischen Erstligisten Burnley FC.

Vorne rechts, da ist ein Platz offen. Alexandru Chipciu, ebenfalls rumänischer Nationalspieler, ebenfalls ein Neuzugang von Steaua, war bisher klarer Stammspieler. Chipciu kam aber mit einer Muskelverletzung von den Länderspielen zurück. Einen klaren Ersatzmann gibt es nicht. Gegen Lokeren spielte ein belgisch-italienisches Toptalent, der gerade 23 Jahre alt gewordene Massimo Bruno, den die zweite Bundesliga kennt: Unter den gewohnt undurchsichtigen Umständen kam Bruno vor zwei Jahren aus Anderlecht zu RB Leipzig, das ihn direkt an RB Salzburg weiterreichte, nach einem Jahr zurückholte, jetzt wieder an den RSC auslieh. In Brüssel spielt Bruno bisher kaum eine Rolle, gegen Lokeren habe er nicht überzeugt, wird berichtet - aber das gelte für die ganze Mannschaft. Auch der 28-jährige Spanier Diego Capel, einst Stammspieler beim Sevilla FC und Sporting Lissabon, käme in Frage; Capel ist aber eher Linksaußen und soll ohnehin noch Anpassungsschwierigkeiten haben. Der dritte Kandidat ist der defensiver veranlagte 18-jährige Ghanaer Emmanuel Sowah Adjei.

► Alle Artikel zum Spiel gegen den RSC Anderlecht

► Zur Startseite