Reminiszenzen und sportlicher Ehrgeiz

Jörg Schneider. Mainz.
Für viele beim FSV Mainz 05 ist das Wiedersehen mit dem früheren Manager inzwischen zur Routine geworden. Für Sandro Schwarz hat der erste Auftritt als Cheftrainer im Auswärtsspiel am Freitagabend und das Treffen mit Christian Heidel, dem Vorstand Sport beim FC Schalke 04, jedoch einen besonderen Reiz. Nicht nur sportlich. „Ich habe bei Christian meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Im Nachgang hatte ich ein bisschen das Gefühl, es hätte ruhig etwas mehr sein können“, sagt der 05-Trainer lachend. Heidel holte den heute 39-Jährigen zudem als Trainer zurück an den Bruchweg. „Da ist eine enge Verbindung da“, betont Schwarz.

Das Wiedersehen mit Christian Heidel nimmt eigentlich inzwischen keinen besonderen Raum mehr ein in der medialen Vorberichterstattung des Bundesligaspiels zwischen  dem FC Schalke 04 und dem FSV Mainz 05 am Freitagabend (20.30 Uhr) in der Veltins Arena. Dass dieses Thema, das nach den beiden Aufeinandertreffen in der vergangenen Saison zur Routine geworden ist, doch noch einmal in den Mittelpunkt rückt, liegt am aktuellen Trainer der 05er. Für Sandro Schwarz hat die Begegnung mit dem früheren 05-Manager und heutigen Vorstand Sport der Schalker eine besondere Bedeutung. Denn der 39-Jährige begegnet zum ersten Mal als Mainzer Cheftrainer dem Mann, der eine wichtige Rolle in seiner Karriere gespielt hat. Heidel war derjenige, der dem jungen Mittelfeldspieler seinerzeit einen Profivertrag am Bruchweg gab, nachdem Schwarz zuvor aus der 05-Jugend zu den Amateuren aufgestiegen war.

Ein Moment der 05-Geschichte: Trainer Jürgen Klopp, Manager Christian Heidel, Christoph Babatz, Claudius Weber und der aktuelle 05-Trainer Sandro Schwarz auf dem Theater-Balkon nach dem Bundesliga-Aufstieg im Mai 2004. Foto: Imago„Ich habe bei Christian meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Im Nachgang hatte ich ein bisschen das Gefühl, es hätte ruhig etwas mehr sein können“, sagt der 05-Trainer lachend. Schwarz war 1997 einer der Neuzugänge neben Fabi Hayer, der aus Mannheim zurückkam und Jürgen Kramny (kam aus Saarbrücken) beim damaligen Zweitligisten in der komplizierten Saison nach dem verlorenen Aufstiegs-Endspiel in Wolfsburg, in dem die Mainzer nach einer 4:5-Niederlage knapp an der Bundesliga vorbei geschrammt waren. In diesem ersten Profijahr des Nachwuchsspielers beschäftigte der Klub gleich vier Trainer: Reinhard saftig musste schon im August gehen, danach übernahm, wie in dieser 05-Epoiche mehrfach, Manfred Lorenz die Arbeit mit den Profis, bis Dietmar Constantini kam, der wiederum im April 98 von Wolfgang Frank abgelöst wurde und das Team am Ende auf Platz zehn führte.

Sandro Schwarz hatte in dieser Spielzeit nur einen Einsatz, am 24. Spieltag beim 0:2 in Düsseldorf. Bis zum Bundesliga-Aufstieg im Jahr 2004 kamen 100 Zweitligaspiele für die 05er hinzu. „Später hat mich Christian dann als Manager mit der NLZ-Leitung als U19-Trainer zurückgeholt“, erinnert sich Schwarz. Heidel holte den Ex-Spieler, der bis dahin als Coach des FC Eschborn aktiv war, als Nachfolger von Stefan Sartori zurück zum Bruchweg. Jenem Sartori, der jetzt Co-Trainer von Martin Schmidt beim VfL Wolfsburg ist. Von Schmidt übernahm Schwarz im Februar 2015 die U23 der 05er, nachdem der Schweizer seinerseits Kasper Hjulmand als Bundesliga-Trainer beerbt hatte. Nun bestreitet Schwarz als der sportlich Verantwortliche sein erstes Auswärtsspiel auf Schalke. Und trifft seinen einstigen Förderer. Dass der damalige 05-Manager den jungen Trainer perspektivisch als Chefcoach gesehen hat, weiß man heute auch. „Ich freue mich darauf, Christian zu sehen. Ich hatte viele gemeinsame Erlebnisse als Spieler mit ihm, die Nichtaufsteige, den Aufstieg. Da ist eine enge Verbindung da“, sagt der 39-Jährige.

Doch die Wiedersehensfreude endet mit dem Anpfiff der Partie beim Tabellensechsten, der drei Zähler mehr auf dem Konto hat als die 05er. Dann geht’s für Schwarz und die Mainzer darum, beim Favoriten zu bestehen. Ein Anreiz, der den 05-Trainer noch mehr motiviert als die nostalgischen Reminiszenzen. „Das ist ein besonderer Reiz. Ich kenne es aus meiner Essener Zeit als Spieler, dass im Ruhrgebiet die Abendspiele immer sehr emotional sind. Wir gehen davon aus, dass es extrem wuchtig wird von der Heimmannschaft. Wir freuen uns darauf, unter Flutlicht zu spielen, dass sehr viele Zuschauer da sind, auch wenn die nicht alle für uns sind. Wir wollen aber dort unsere Qualität und Inhalte in einem schweren Spiel abrufen.“ Und nach Möglichkeit Punkte mitnehmen aus der Arena.

Klare Einteilung bei den Standards

„Wir brauchen eine Dominanz in der Arbeit gegen den Ball, weil der Gegner sehr flexibel agiert“, sagt Schwarz. „Wir brauchen die Phasen, in denen wir selbst mutig agieren im Ballbesitz. So, wie in Wolfsburg. Und dazu eine Mentalität wie gegen den HSV, die uns hilft Widerstände zu überwinden.“ Im Heimspiel gegen die Hamburger führte eine deutliche Leistungssteigerung nach der Pause zum späteren 3:2-Erfolg. Gepaart mit Kampfkraft und Siegeswillen. „Die erste Halbzeit war nicht besonders gut, aber auch nicht ganz schlecht“, sagt der Trainer. Die Steigerung in der zweiten Hälfte, mit der sein Team das Ergebnis gezogen habe, sei ein großer Entwicklungsschritt für die Mannschaft gewesen. „Wir werden auf Schalke alles brauchen, um ein Top-Auswärtsspiel abrufen zu können. Das trauen wir uns aber durchaus zu, gerade mit den Ergebnissen der letzten Wochen und dem Entwicklungsprozess, den wir jetzt gerade vorantreiben. Die Vorfreude ist da auf das, was kommt“, betont der Coach.

„Wir werden einen Matchplan erstellen, von dem wir überzeugt sind, dass wir damit unsere Leistung abrufen können, um am Ende erfolgreich zu sein. Wir wollen dem Gegner Aufgaben stellen. Das haben wir in den vergangenen Wochen gut gemacht“, lautet die ambitionierte und selbstbewusste Devise.

Neben der Gefahr, die vom Team des neuen S04-Trainers  Domenico Tedesco im Spiel ausgeht, lauert auf die 05er zudem eine weitere große Herausforderung. Die Schalker sind aktuell das beste Bundesliga-Team im Verwerten von Standardsituationen. Eine Geschichte, in der die 05er bisher sehr anfällig waren. Auch zuletzt gegen den HSV. „Wir werden da eine klare Einteilung haben. Dass wir da Steigerungspotenzial haben, wissen wir“, sagt Schwarz. „Wir sind aber nicht die einzige Mannschaft, die solche Gegentore fängt. Im Verhältnis zu den Eckebällen, die wir gegen uns bekommen, verteidigen wir die Dinge sogar ganz gut. Es wird extrem wichtig sein, die Standards dort sauber und konzentriert zu verteidigen. Aber wir dürfen dieses Thema auch nicht überstrapazieren und jetzt nochmal 17 Videoanalysen machen. Wir haben Entwicklungspotenzial in den entscheidenden Duellen. Wir analysieren die Standards, stellen den Spielern vor, was uns erwartet, auch wie wir unsere eigenen Standards ausspielen wollen. Wir veranstalten jedoch nichts Besonderes vom Ablauf her und haben nicht vor, jetzt viermal pro Woche unsere Schwerpunkte zu verschieben und nur noch Defensiv-Standards zu trainieren“, erklärt der 05-Trainer. „Wir teilen alles im Vorfeld ein. Auch wenn man es manchmal vielleicht nicht sieht. Da gibt es klare Positionierungen, wer wo zu stehen hat. Wir machen uns Gedanken darüber, wer zu wem passt von der Dynamik der Laufwege und der Körpergröße her. Die Dinge werden vorher geregelt.“

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