Schicksal und Chance der Kleinen

Christian Karn. Mainz.
Der SC Freiburg zeigt seit gut zwei Jahrzehnten, dass es nicht leicht ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. Immer wieder sind die Freiburger jahrelang dabei, brechen dann doch ein, steigen ab. Kommen wieder, sind jahrelang dabei, brechen dann doch ein, steigen ab. Kommen wieder und sind gerade auf dem Weg, jahrelang dabei zu sein. Aber wie immer werden sie interessante Spieler verlieren, werden sie sich auch im nächsten Jahr wieder einer starken Konkurrenz stellen müssen. 2017 wird der SC Freiburg in der Bundesliga bleiben, das Bewusstsein hat er dem FSV Mainz 05 voraus. 2018 kann schon wieder völlig anders aussehen. Oder doch nicht.

Also geht's nach Freiburg. Im Gepäck vier Niederlagen, fünf Spiele ohne Sieg, aber auch das Bewusstsein, dass diese Mannschaft, die Mannschaft des FSV Mainz 05, doch noch nicht ganz vergessen hat, wie Fußball geht. Wochenlang hatte es so ausgesehen, gerade bei den jüngsten Auswärtsniederlagen beim Letzten und beim Vorletzten der Tabelle. Gegen Leipzig - haben die 05er trotzdem verloren. Haben sie wieder die gleichen Gegentore bekommen, die in diesem Jahr ständig fallen. Aber sie haben Fußball gespielt. Einen solchen Auftritt zu wiederholen, darin liegt heute, 15.30 Uhr, in Freiburg die Chance der Mainzer. Mal sehen, ob sie das hinbekommen.

Es wäre nicht der erste Erfolg der 05er in Freiburg. Der war nach vielen Enttäuschungen in der 2. Bundesliga das vierte Mainzer Auswärtsspiel nach dem Aufstieg. In Stuttgart hatte der Bundesliga-Neuling verloren, in Berlin und in Bielefeld mit zwei direkten Freistößen zwei Rückstände aufgeholt und zwei Punkte eingesteckt. In Freiburg, bei einem einigermaßen etablierten Klub, der gerade seine fünfte Bundesligasaison in Folge, seine neunte insgesamt spielte, hatten die 05er am 2. Oktober 2004 zum ersten Mal auswärts geführt, dann den Ausgleich kassiert, und in der zweiten Minute der Nachspielzeit hatte Erstligaspieler Marco Rose auf der linken Seite plötzlich einen schönen freien Raum vor sich, stürmte durch in den Strafraum, bekam den Pass von Fabian Gerber, drehte einen für Richard Golz unerreichbar angeschnittenen Schuss zum 2:1 ins Tor. Wer erinnert sich an Sead Kolasinacs Siegtor für Schalke im vorletzten 05-Heimspiel? Das sah so ähnlich aus.

Eine Basis war damit gelegt. Nicht für weitere Auswärtssiege, die gab es erst wieder am 31. (6:2 in Bochum) und am 34. Spieltag (2:1 in Nürnberg), aber für eine mutige Saison, die die 05er als Elfter beendeten; unterwegs schlugen sie zuhause bekanntlich den Titelverteidiger Werder Bremen, den Tabellenführer Schalke 04 und nach einer Serie von neun Spielen und nur einem Punkt übrigens den SC Freiburg mit einem in der Höhe bis heute unübertroffenen 5:0.

Der stieg in jener Saison ab. Kam erst 2009 wieder, gemeinsam mit den 05ern. Hielt sich bald für etabliert, war Vierzehnter, Neunter, Zwölfter, Fünfter geworden, dann Vierzehnter - dann in einem ungeheuer engen Abstiegskampf, in dem noch am letzten Spieltag der Tabellenletzte ernsthafte Chancen hatte, ohne den Umweg Relegation Erstligist zu bleiben, erneut Vierzehnter vor diesem letzten Spieltag, aber Siebzehnter danach. In der 49. Minute fiel der SC auf den Relegationsplatz zurück, in der 72. auf den Abstiegsplatz.

Aber das ist das Schicksal der kleinen, der nicht so reichen Klubs in der Bundesliga. Man kann nicht alles durch Euphorie, durch Wagenburg-Mentalität, durch Gallisches-Dorf-Getue lösen. Kurzfristig geht das oft gut, einfach weil es nicht genug Abstiegsplätze für alle gibt, weil die Aufsteiger in den seltensten Fällen hochgezüchtete künftige Topklubs wie Hoffenheim und Leipzig sind, weil regelmäßig weitere Kleine nachkommen, weil regelmäßig genug Große ihre ganz eigenen Probleme haben. Beim SC Freiburg ist es 1997, 2002, 2005, 2015 nicht gut ausgegangen. 2017, im ersten Jahr nach dem schnellen Comeback, sollten die Freiburger mit neun Punkten Vorsprung nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun bekommen. Dafür müssten sie schon gehörig zusammenbrechen, dafür spricht nicht viel, zumal der SC mit einem Auswärtssieg in Wolfsburg aus dem März-Durchhänger (1:1 gegen Hoffenheim, 1:1 in Augsburg, 2:5 gegen Bremen) gekommen ist. Schon im nächsten Jahr kann das aber wieder anders aussehen, wenn zwei bis drei der Kleinen absteigen - Darmstadt, Ingolstadt, Augsburg, Mainz kommen in Frage, aber auch die wesentlich reicheren Organisationen aus Hamburg und Wolfsburg -, wenn aus der 2. Liga vielleicht Union Berlin, Dynamo Dresden, Eintracht Braunschweig aufsteigen, die nicht im Geld schwimmen, vielleicht aber auch die finanziell leistungsstärkeren Absteiger aus Stuttgart und Hannover zurückkommen.

Florian Niederlechner (vorne) und Maximilian Philipp sind zwei der vier Torjäger, zwei der sieben Torschützen der Freiburger. Einer gehört Mainz 05, aber Freiburg hat eine Kaufoption. Der andere gehört dem SC - aber wie lange noch? Foto: imagoDer SC wird vermutlich seinen Spielmacher verlieren. Vincenzo Grifo, Schütze von sechs Saisontoren, wird vor allem mit Borussia Mönchengladbach in Verbindung gebracht, dürfte kaum zu halten sein - auch das ist das Schicksal der Kleinen. Den besten Torschützen werden die Freiburger sicherlich behalten. Formal gehört Florian Niederlechner - neun Tore - in der kommenden Saison wieder dem FSV Mainz 05 an, bis 2019 steht der Mittelstürmer am Bruchweg unter Vertrag. Aber der SC hat eine Kaufoption, die er lediglich noch nicht aktiviert hat. Wenn sich Niederlechner nicht kurzfristig die Beine bricht, dürfte das nur noch eine Frage der Zeit sein. Nils Petersen - sieben Tore - ist ein Sonderfall. Wirklich Stammspieler war der Zweitliga-Torschützenkönig von 2011 in der Bundesliga nur 2012/13 bei Werder Bremen. Fußballerisch ist Petersen einfach nicht gut genug für die Bundesliga, nicht mal gut genug, um beim SC eine Hauptrolle zu spielen. Aber er hat den Torinstinkt, die Abschlussfähigkeit, das Strafraumtalent, wie auch immer man das nennen mag, um auf diesem Niveau immer wieder für ein Jokertor gut zu sein. Ausschließen kann man das nicht, dass irgendjemand mit Geld in der Tasche doch noch ein größeres Potenzial in Petersen sieht. Als vierten Torjäger gibt es schließlich Maximilian Philipp - acht Tore. Der wird gegen die 05er wegen eines Muskelfaserrisses fehlen.

Interessant: Vier im Großen und Ganzen gleichwertig torgefährliche Spieler hat der SC, hinter ihnen (bisher) fast nichts. Janik Haberer hat dreimal getroffen. Nicolas Höfler und Amir Abrashi jeweils einmal. Sonst niemand. Selbst der FSV Mainz 05, dessen Offensive in dieser Rückrunde ihre Probleme hat, hat zwar nur ein Tor mehr geschossen, aber zwölf verschiedene Torschützen, fast doppelt so viele. Und hat im Übrigen ein Tor weniger kassiert - in dieser seltsamen Bundesligatabelle haben die Freiburger neun Punkte mehr als die Mainzer, aber ihre Tordifferenz ist um zwei Treffer schlechter. Mit -12 stehen sie auf dem siebten Tabellenplatz mit Europapokal-Hoffnungen. Wenn sie verlieren, dann hoch. Wenn sie führen, dann können sie den Vorsprung verteidigen. Das macht die heutige Partie unberechenbar. Das macht sie reizvoll.

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