Schlechteste erste Hälfte seit langer Zeit

Christian Karn. Mainz.
Es ist ja nicht so, als würde der FSV Mainz 05 eine herausragende Saison spielen. Wenigstens zuhause aber kamen meistens Punkte aufs Konto. Im Heimspiel gegen Werder Bremen aber leisteten sich die 05er eine erschütternd schlechte erste Hälfte. Fahriger, fehlerhafter, unkonzentrierter Fußball und zwei Standard-Gegentore brachten einen schnellen 0:2-Rückstand, an dem sich die 05er zwar in der in vielen Dingen besseren zweiten Hälfte hartnäckig abarbeiteten, die sie aber nicht mehr zu Fall brachten. Der beruhigende Vorsprung, den das Augsburg-Spiel vor einer Woche erst gebracht hat, ist durch die Erfolge von Bremen und Ingolstadt schon wieder dahin.

FSV Mainz 05 - SV Werder Bremen 0:2 (0:2)

Samstag, 18. Februar 2017, 27.281 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati (84. Bussmann), Bell, Ramalho, Brosinski - Gbamin, Latza - Öztunali (46. de Blasis), Bojan (57. Seydel), Jairo - Córdoba.
Reserve: Fl. Müller, Muto, Frei, Bungert. Trainer: Schmidt.

SV Werder Bremen: Wiedwald - Gebre Selassie, Sané, Moisander, Bauer - Bartels, Fritz, Delaney (54. Eggestein), Junuzovic (88. S. García) - Gnabry (76. Vejkovic), Kruse.
Reserve: Zetterer, Kainz, Johansson, Pizarro. Trainer: Nouri.

Schiedsrichter: Aytekin (Oberaspach).

Tore: 0:1 Gnabry (16., Junuzovic), 0:2 Delaney (23., direkter Freistoß).

Gelbe Karten: Donati, Latza, Jairo - Junuzovic, Gebre Selassie, Fritz, Wiedwald.

40. gelb donati? Was immer der FSV Mainz 05 im Heimspiel gegen Werder Bremen vorhatte - es ist völlig schiefgegangen. In einer erschütternd schlechten ersten Hälfte kassierten die Mainzer gegen die in diesem Jahr zuvor noch punktlosen Bremer zwei Standardtore, in der zweiten Hälfte war aller Aufwand nichts wert: Die Zeit hätte gereicht, um das Spiel noch zu reparieren, Chancen waren da, aber erst in der Nachspielzeit war der Ball mal im Bremer Tor - und der Treffer zählte nicht. Das 0:2 gegen eine Mannschaft, die noch kein direkter Konkurrent ist, aber einer werden könnte, macht den Heimsieg gegen den FC Augsburg gerade wieder zunichte.

Bis auf den Ersatztorwart - Florian Müller statt Jannik Huth - hatte Martin Schmidt exakt den Kader vom 2:0 gegen den FC Augsburg nominiert: André Ramalho neben Kapitän Stefan Bell in der Innenverteidigung, davor Danny Latza und Jean-Philippe Gbamin, vorne Bojan Krkic und Jhon Córdoba. Links spielten Daniel Brosinski und Jairo Samperio, rechts Giulio Donati und Levin Öztunali.

Das Spiel machten erst einmal die Bremer. Die 05er begannen abwartend, ließen den Drittletzten mal machen, schufen aber den ersten aufregenden Moment der Partie: Bell schickte einen Ball aus der eigenen Hälfte, der im ersten Moment aussah wie ein Befreiungsschlag, der tatsächlich ein feines Zuspiel quer über die Abwehr auf Jairo war. Der Spanier kam von zwei Mann bedrängt in den Strafraum, wurde dann von Ludovic Sané kurzerhand abgegrätscht - kein Elfmeter, Ball gespielt (6.). Spielaufbau war schwierig für die 05er gegen die sich schnell und dicht zurückziehenden Bremer, die jedoch ihr erstes Engagement nach zehn Minuten beendet hatten und die 05er in die Spielmacherrolle zwangen.

Das lohnte sich. Ein vielleicht nicht mal nötiger Eckball - Ramalho fälschte eine Flanke ab - führte zum Bremer Führungstor durch den Werder-Torjäger Serge Gnabry. Zlatko Junuzovic flankte weit über den Strafraum, ganz hinten und weit weg vom Tor stand der U21-Nationalspieler frei. Gegen seinen hohen Kopfball aufs lange Eck konnte keiner mehr etwas unternehmen, man hätte ihn verhindern müssen (16.).

Schon ein Wirkungstreffer? Dem Mainzer Spiel tat das Tor natürlich gar nicht gut. Die 05er spielten fahrig, fehlerhaft, sie wirkten unkonzentriert. Und liefen auch schnell einem 0:2 hinterher, einem Freistoß von Thomas Delaney, hinter dessen Berechtigung durchaus ein gewisses Fragezeichen stand. Immerhin gab es den Elfmeter nicht, den Zlatko Junuzovic in der 25. Minute wollte - Schiedsrichter Denis Aytekin zeigte dem Bremer Gelb etwas, das wie eine Tätlichkeit von Stefan Bell aussehen sollte, aber noch nicht mal eine geschickte Täuschung war. Und bei der nächsten Bremer Ecke tricksten sich die Gäste gegenseitig aus.

Keiner war bei Serge Gnabry (hinten links, Nr. 29), der Kopfball passt perfekt. Und das Fiasko beginnt. Foto: imagoJhon Córdoba hätte die 05er ins Spiel zurückbringen können. Der Mittelstürmer setzte sich geschickt gegen Sané durch, lief von der Strafraumgrenze wohl ein bisschen zu nah ans Tor, schoss den Torhüter an (31.). Es waren heiße Zweikämpfe, die sich Córdoba und Sané lieferten, nicht immer saubere Duelle.

Auch sonst ließen sich die 05er nicht einfach hängen, sie mühten sich, so etwas wie Kontrolle, wie Souveränität in ihr Spiel zu holen, "aber wir kommen einfach nicht in die Gänge", sagte Sportdirektor Rouven Schröder in der Halbzeit. Irgendeine Blockade muss es in den Köpfen gegeben haben, in allen Situationen wirkten die 05er gegen die aggressiven Gäste einfach total verunsichert. Jairo rannte sich bei allem Eifer immer wieder fest, Donati war kaum im Spiel und riss Öztunali mit, Ramalho und Brosinski brachten sich gegenseitig in die Bredouille. Und doch gibt es in Mainz Schlüsselreize, die auch so ein 0:2 nicht kaputtmacht: Der Stadion-DJ spielte zur Halbzeit Margit Sponheimers Rosenmontagslied und die Tribünen schunkelten, unterbrachen den Chor nur kurz, um die Bremer bei der Rückkehr auf den Platz auszupfeifen.

Und Martin Schmidt wechselte: Pablo de Blasis kam für Öztunali. Es wirkte zunächst: Die 05er brauchten nur 15 Sekunden für die ersten zweieinhalb Torschüsse (Jairo gestört, Córdoba geblockt, Latza möglicherweise abgefälscht vorbei). Donati stachelte mit rudernden Armen die Tribüne an und bekam die Antwort, die er wollte. Und Latza spielte einen Steilpass ins Seitenaus. Nein, natürlich war nicht auf einen Schlag alles wieder gut. Aber Feuer war drin, in der Mannschaft, im Spiel. Das 2:1 lag zum ersten Mal in der 50. Minute der Luft - Wiedwald hielt de Blasis' Kopfball gerade so. Es hätte das einzige Mal sein können; in der 52. Minute zeigte die Torkamera, dass der Ball durchaus ganz schön weit im Mainzer Tor war - aber eben nicht weit genug. Ein paar Zentimeter fehlten noch zum 0:3, als Bell den Schuss von Niklas Moisander wegschlug, der Lössl durchgerutscht war. In der 60. Minute wiederum rettete Junuzovic die Zwei-Tore-Führung gegen Bells Kopfball.

Das Spiel wirkte reparabel in dieser Phase. Die 05er machten Druck, hatten jedoch wenige klare Torchancen, vergaben die unklaren. Öffneten natürlich Räume für Konter, das hätte nicht so ungefährlich sein müssen. Das mussten sie in Kauf nehmen. Sie brachten Werder hin und wieder ordentlich ins Schwimmen, standen sich aber weiterhin auch immer wieder selbst im Wege, machten sich weiterhin vieles durch unnötige Schussligkeiten kaputt. Brauchten, um das Spiel zu reparieren, irgendwann das 1:2. Das Hinspiel hatten die 05er durch zwei Treffer ab der 87. Minute 2:1 gewonnen. Aber immer klappt so etwas nicht. Und Gerrit Holtmann, dessen Flanke das Hinspiel entschieden hat, war nicht im Kader.

Aaron Seydel fehlte in der 73. Minute nicht viel zu diesem Anschlusstor. Der eingewechselte Stürmer brauchte lediglich zu lange, um sich den Ball zurechtzulegen - weg war die Chance. Eine verrutschte Flanke von de Blasis flog nur ein kleines Stück am langen Eck vorbei (74.), der von Brosinski ging von oben aufs Netz (77.). Das waren die Momente, in denen etwas hätte gehen können. Müssen, um noch das eine oder andere Pünktchen zu holen.

Sie gaben nicht auf. De Blasis' Kopfball in der 87. Minute war eigentlich perfekt, Wiedwald kam mit einem herausragenden Reflex an den Ball - wie Lössl eine Minute darauf an den von Max Kruse. Córdoba schoss vorbei (90+1.), Wiedwald holte sich Gelb für Zeitspiel (und hatte dafür lange arbeiten müssen). Sein Abstaubertor in der 93. Minute zählte nicht - Abseits beim Fernschuss von Ramalho, Glück für Wiedwald, der den Ball in die völlig falsche Richtung vors offene Tor hatte prallen lassen - Glück, das die Bremer aber eigentlich gar nicht gebraucht hatten; das 1:2 hätte an ihren drei Punkten auch nicht geändert. Am Ende war der Mainzer Aufwand zwecklos, stand die dritte Heimniederlage in Folge gegen Werder Bremen fest. Und wenn man auch in der zweiten Hälfte von Pech reden kann - in der ersten kann man's nicht.

 

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