Schmidt gibt seinem Keeper viel Kredit

Jörg Schneider. Mainz.
Der neue Torhüter des FSV Mainz 05 hat offenbar wenig Kredit bei einem Teil der Klub-Anhänger. Jonas Lössl kommt besonders in den Fan-Foren und sozialen Netzwerken ungewöhnlich schlecht weg. Martin Schmidt verteidigt den Dänen, weist darauf hin, dass gerade bei der 2:3-Niederlage gegen Leverkusen Lössls Vorderleute eine wesentlich schlechtere Figur machten. Vor dem Europapokalspiel bei FK Qäbälä appelliert der 05-Trainer an die Anhänger, Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Neuzugangs zu setzen und dem Keeper genau wie auch den Feldspielern, die alle eine Weile benötigten, um ihre Stärken komplett einzubringen, eine gewisse Anlaufzeit in der Bundesliga zu zugestehen.

Jonas Lössl, hier in Aktion gegen den dreifachen Leverkusener Torschützen Chicharito, hat wenig Kredit bei einem Teil der 05-Anhänger. Foto: ImagoDass innerhalb einer Mannschaft die einzelnen Spieler unterschiedliche Beliebtheitsgrade beim Publikum erreichen, das kennt man auch beim FSV Mainz 05. Dass aber ein Neuzugang in der frühen Saisonphase derart wenig Kredit bei einem Teil der Anhänger hat, ist auch am Bruchweg ungewöhnlich. Seit Wochen nun schon wird über Jonas Lössl, den Torhüter des Bundesligisten, in Fan-Foren und den sozialen Netzwerken ausgiebig diskutiert. Und der 27-Jährige kommt dabei gar nicht gut weg. Besonders die Schärfe der Kritik an dem Dänen bei Facebook und Twitter verwundert. Nach der 2:3-Niederlage gegen Leverkusen wurde Lössl von manchem der Poster nahezu jegliche Qualität abgesprochen. Seine Vorderleute, wie Stefan Bell, die bei allen drei Gegentoren eine wesentlich schlechtere Figur machten, kommen glimpflicher davon. Der Hauptvorwurf an den neuen 05-Schlussmann ist im Prinzip der, dass Lössl (noch) nicht die Klasse und Souveränität seines Vorgängers Loris Karius zeigt, der in der Vergangenheit oft genug auch scheinbar unhaltbare Bälle parierte und der nach seinem auskurierten Handbruch inzwischen auf dem Weg ist, auch beim FC Liverpool die Nummer eins zu werden.

„Ich gebe gar nichts auf diese Foren. Wenn wir zweimal gewinnen, sind wir dort Champions League, wenn wir zweimal verlieren, steigen wir nächstes Jahr ab“, sagte Martin Schmidt vor der Abreise zum zweiten Gruppenspiel der 05er in der Europaliga, das sein Team am Donnerstag in Baku gegen FK Qäbälä bestreitet. „Intern analysieren wir natürlich auch die Gegentore, die elf, die wir bis jetzt gekriegt haben. Da sind wir in einer ähnlichen Phase, die wir letztes Jahr auch hatten. Auch da haben wir in einigen Spielen viele Tore gefressen. Drei gegen Bayern, zwei gegen Dortmund, zwei gegen Darmstadt, drei gegen Bremen und Augsburg. Oder im Pokal gegen 60. Die Fehler beginnen nicht beim Torwart, sondern ganz vorne. Wenn wie gegen Leverkusen ein Gegenspieler ewig Zeit hat, den Ball in unseren Sechzehner zu chippen und wir nicht bereit sind, wir das vorne nicht verteidigen und hinten die Kopfballduelle verlieren, dann wird es für jeden Torwart auf der Welt schwer. Auch für die Bundesliga-Torhüter, die im Moment gehypt werden. Wir sind weit davon entfernt, da bei unserem Torhüter in die Individualkritik reinzugehen“, erklärte der 05-Trainer. „Tore kriegt immer eine Mannschaft. Zu Null spielt immer eine Mannschaft. Wir wissen durch unsere Videoanalyse ganz genau, wo wir unsere Gegentore abstellen müssen. Diesmal waren es drei Chip-Bälle aus der eigenen Hälfte in den Strafraum. Da hat wohl jeder gesehen, dass wir da drei Kopfballduelle verlieren, aus denen Tore entstehen. Daraus würde ich nie dem Torwart einen Strick drehen.“

Schmidt erinnerte an die ähnliche Gegentorflut in der vergangenen Saison, in der die 05-Verteidiger schlecht ausgesehen hatten. „Da habe ich mir nachher auch keinen Verteidiger rausgenommen und speziell kritisiert. Da konnten die Netzwerke noch lange schreiben, unsere Verteidiger sind nicht gut. Plötzlich haben wir in sieben Spiele 16 Punkte geholt, noch fünf Tore gekriegt. Da habe ich in keinem Forum gelesen, gut dass der Trainer an den Spielern festgehalten hat, sondern da sind die Spieler gelobt worden. Offenbar hat man vergessen, dass man sie vorher auf übelste kritisiert hat. Aber das ist das Recht des Fans.“

Schmidt gibt seiner Nummer eins jedenfalls den nötigen Kredit auf dessen Weg. „Ich beurteile Jonas als einen Torhüter, der den nächsten Schritt macht, wie viele unserer Neuzugänge. Wir konnten keinen Weltmeister-Torhüter holen. Man muss nur zurückdenken an Loris Karius. Der kam immer zu mir in die vierte Liga damals und hat Tore ohne Ende gekriegt. Da ging bei ihm das Fass auf. Da habe ich ihn auch verteidigt. Irgendwann war er dann der Übertorwart, der nach Liverpool geht“, betonte der 49-Jährige. Karius war seinerzeit von Trainer Thomas Tuchel wegen mangelnder Profi-Einstellung für geraume Zeit verbannt worden und war später nur, weil im November 2013 Heinz Müller verletzt, Christian Wetklo gesperrt und danach wegen angeblich mangelnder Motivation nicht mehr berücksichtigt worden war, zum Bundesliga-Keeper aufgestiegen. Karius hatte damals den Vorzug vor Christian Mathenia erhalten.

„Jeder Spieler, der zu uns aus einer fremden Liga kommt, braucht eine Anlaufzeit. Auch ein Torhüter“, betonte der 05-Coach. „So, wie Bussmann, über den letztes Jahr zuerst viele gelacht haben, und der im Frühjahr dann alles in Grund und Boden verteidigt hat. Auch für den Keeper ist die Bundesliga Neuland. Ich bin überzeugt, dass auch Joans den Schritt macht, den Bussmann gemacht hat, den Jairo oder Danny Latza gemacht haben. Weil Mainz 05 Spieler aus schwächeren Ligen holt. Wir können uns nicht für die Bundesliga feiern lassen und dann erwarten, dass einer der aus einer etwas schwächeren Liga zu uns kommt, dort direkt der Beste ist.“ Er bewerte als Trainer jetzt auch noch nicht endgültig einen José Rodriguez, einen Jean-Philippe Gbamin, einen Gerrit Holtmann. „Den haben wir doch auch nun gesehen. Der kommt in Bremen rein, spielt tolle zehn Minuten und wird so was von gehypt. Gegen Leverkusen kommt er rein und berührt in zehn Minuten drei Bälle“. Schmidts Appell an die Anhänger: „Erlaubt den Spielern, die zu uns kommen, diese Schwankungen und habt Vertrauen in ihre Entwicklung. Wir können nicht direkt einen Gbamin oder Rodriguez mit einem Julian Baumgartlinger vergleichen. Wir konnten letztes Jahr nicht direkt einen Danny Latza mit einem Johannes Geis  vergleichen. Oder einen Yoshinori Muto mit einem Shinji Okazaki. Doch nach einem halben Jahr war jeder Abgang vergessen. Ich bin überzeugt davon, dass dies auch Jonas Lössl gelingt.“

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite