Schmidt: Platz sieben ist der Titel für normale Vereine

Jörg Schneider. Mainz.
Am vorletzten Spieltag dieser Bundesligasaison geht es für den FSV Mainz 05 zuallererst darum, den momentanen siebten Tabellenplatz im Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart zu verteidigen, anstatt sich damit zu beschäftigen, was in der Endabrechnung möglich sein könnte. Martin Schmidt möchte der Meinung entgegensteuern, einen siebten Platz als Enttäuschung anzusehen, weil man die Chance auf mehr nicht genutzt habe und bezeichnet diese Platzierung als den „Meistertitel für alle normalen Vereine.“ Diesen bis zum Schluss zu behaupten, wäre für den 05-Trainer ein Grund die Fahnen in Mainz herauszuhängen.

 Zwei Jahre ist es her, dass der Hamburger SV mit 27 Punkten sein Dauer-Abonnement in der Bundesliga verlängerte. Am Ende der vergangenen Saison benötigte dieser HSV schon 35 Zähler, um die Relegation zu erreichen. Der VfB Stuttgart kam mit seinen 36 Zählern gerade noch so davon. Aktuell fürchten die Hamburger nach ihrem 0:0 in der Coface Arena und mit 38 Punkten auf dem Konto auf Platz elf noch immer die theoretische Gefahr eines Abstiegs bei zwei verbleibendenden Spielen. Der VfB Stuttgart ist mit seinen 33 Punkten auf den vorletzten Platz abgerutscht. Und setzt nun alle Hoffnungen auf die Partie am Samstag im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05. Der Abstiegskampf ist in diesem Frühjahr das Spannendste, was die Liga zu bieten hat und übertrifft dabei aufgrund der Anzahl der involvierten Klubs auch das Rennen um die internationalen Startrechte, in dem die 05er ihr Päckchen zu tragen haben. Nur der 1. FC Köln könnte sich da theoretisch noch einmischen und die Mainzer  vom siebten Platz verdrängen. Das Team von Martin Schmidt selbst hat noch die Möglichkeit, sich die Gruppenphase der Europaliga und sogar die Champions-League-Qualifikation zu sichern. Vor zwei Jahren, als die Mainzer zum letzten Mal den Weg nach Europa gingen, benötigten sie letztlich 53 Punkte, um diesen siebten Platz zu behaupten und die Qualifikation zu erreichen.

Martin Schmidt und dessen Mannschaft steht viel Arbeit bevor, um in Stuttgart den siebten Platz zu verteidigen. Der 05-Trainer hat jedoch im Spiel gegen den HSV schon Anzeichen für eine Rückkehr zu alten Stärken gefunden. Foto: Jörg SchneiderUnd es ist genau dieser siebte Platz, dem im Moment alle Aufmerksamkeit am Bruchweg gilt und der am 33. Spieltag mindestens mit einem Punktgewinn in Stuttgart verteidigt und untermauert werden sollte. Am besten jedoch mit einem Sieg. Erst dann bietet sich eine neue Konstellation, in der die Optionen fürs Finale im Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin durchgerechnet werden dürfen. Doch ein Erfolg bei einem zwar angeschossenen, aber dennoch um sein sportliches Überleben kämpfenden Gegner wie dem VfB fällt schwer genug. Besonders einer Mannschaft wie den 05ern, deren Erfolgserlebnisse immer abhängig sind von ihren Phasen, in denen es optimal läuft, in denen sie auch eine mentale Stärke entwickeln. Das war zuletzt nicht der Fall, trotz oder gerade wegen aller sich bietenden Erfolgsaussichten. Warum das so war, wird wohl kaum genau zu enträtseln sein. Der Trainer führt dies unter anderem auf die mangelnde Erfahrung des Teams zurück, dass zu viele Spieler diese Situation nicht kennen, den Umgang mit diesen positiven, aber ultimativen  Drucksituationen erst lernen müssen. Doch aufgeben gilt nicht. Die Chance ist da und soll mit aller Macht ergriffen werden. Martin Schmidt hat dafür gerade in diesem enttäuschenden 0:0 gegen den HSV Signale von seinen Profis empfangen, die ihn zuversichtlich stimmen, dass die 05er im Ziel doch noch jubelnd die Arme hoch reißen können.

"Der Ansatz muss ins nächste Spiel rein"

„Wir müssen diese Kampfkraft, diese Galligkeit, diese Aggressivität wieder hinkriegen“, sagt der 49-Jährige. „Die zweite Halbzeit gegen den HSV ist der Schlüssel dafür. Da sage ich, der Kampfgeist ist wieder da, die Jungs sind wieder zurück. In der zweiten Halbzeit haben wir 56 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, in der Luft und auf dem Boden. Wir hatten mehr Ballbesitz, trotz des Ballbesitzes waren wir läuferisch gut, waren in den Sprints gut und haben einige große Chancen herausgearbeitet. So muss der Kampf gegen diese Teams aussehen. Das war für mich das Zeichen, wir sind wieder im Rennen. Dieser Ansatz muss ins nächste Spiel rein. Und dann muss man fußballerisch den Unterschied machen. Gegen Frankfurt hatten wir irgendwann den Kampf angenommen, aber wir haben unsere fußballerischen Mittel nicht mehr genutzt. Da haben wir viel zu wenig Fußball gespielt. Das war gegen den HSV nach der Pause anders. Unter dem hohen Pressingdruck sich spielerisch lösen, die Räume nutzen. Lösungen finden, um zu gewinnen. Ganz klar, wir müssen wieder mehr investieren in die Arbeit gegen den Ball und das Umschalten. Das sind die Aufgaben für das Stuttgart-Spiel.“

Die Situation vor dieser Partie ist nach wie vor gut. „Ich möchte herausstreichen, unsere Ziele waren nie mit einem bestimmten Tabellenplatz verbunden“, betont der Schweizer. „Sicher haben wir gesagt, besser als Elfter wie im Vorjahr und einstellig wäre schön. Da, wo wir seit Wochen und Monaten stehen, das ist für Mainz eigentlich ein Riesenkompliment. Wir sind in diese Rolle reingewachsen. Ich habe gelesen: Mainz 05 verspielt die Champions League. Das heißt doch, man traut uns zu, um die Champions League mitzustreiten.“ Schmidt möchte jedoch der Meinung entgegensteuern, einen siebten Platz in der Endabrechnung als Enttäuschung anzusehen, weil man die Chance auf mehr nicht genutzt habe. „Ich muss ganz klar sagen, wenn Mainz 05 am Schluss Siebter wird, dann ist das für uns herausragend. Für mich ist der siebte Platz in der Bundesliga der Meistertitel für alle normalen Vereine, die nicht Bayern, Dortmund, Leverkusen, Gladbach, Schalke oder Wolfsburg sind. Wenn man am Ende Siebter ist, dann ist das für Mainz eine Meisterschaft. Dann müssen die Fahnen rausgehangen, die Straßen geschmückt werden. Und man sollte nicht denken, wenn wir hätten…, wenn wir da gewonnen hätten…. Das denken alle, egal wo sie stehen“, sagt der Schweizer. „Wenn wir am Schluss Sechster sind, ist das das Allergrößte überhaupt, was im Moment für Mainz 05 infrage kommen kann. Platz sieben ist jedoch ebenfalls ein überragender Erfolg, wenn ich schaue, wer hinter uns steht. Die wären doch alle froh, in unserer Situation zu sein. Wir kämpfen seit Wochen mit der Top-Sechs der Liga. Das ist eine Riesengeschichte. Ich möchte jetzt nicht vorbauen. Ich möchte nur zeigen, wo wir kämpfen. Wir gehören auf diesen sechsten, siebten oder achten Platz. Das haben wir uns verdient.“ Die Mannschaft habe das mit einer unheimlich guten Gesamtleistung geschaffen. „Und trotzdem wollen wir das Ganze bis zum Ende richtig durchziehen. Etwas anderes ist nicht drin.“

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