Schrittweise abwärts

Christian Karn. Hoffenheim.
Eigentlich war Mainz 05 bis in die letzte Viertelstunde die bessere Mannschaft. Die TSG Hoffenheim hatte nichts weiter als ein (möglicherweise irreguläres) Führungstor und einen beeinflussbaren Schiedsrichter. Die Mainzer hatten anfangs die Torchancen, später zumindest noch die Spielkontrolle. Aber zum Punkten hat es nicht gereicht. Es gab ein 0:4, die höchste Niederlage seit Anderlecht (und das Spiel war verblüffend ähnlich), die höchste Bundesliga-Niederlage seit einem 0:4 gegen, ja, Hoffenheim im September 2011, die sechste Auswärtsniederlage in Folge. Eins ist klar: Geht's so weiter, sollte man den Abstiegskampf der Anderen zumindest im Auge behalten.

TSG Hoffenheim - FSV Mainz 05 4:0 (1:0)

Samstag, 4. Februar 2017, 26.078 Zuschauer.

TSG Hoffenheim: Baumann - Süle, Vogt, Hübner (83. Bicakcic) - Rudy - Kaderabek, Demirbay, Amiri, Zuber - Uth (76. Terrazino), Kramaric (69. Szalai).
Reserve: Stolz, Polanski, Soares, Schwegler. Trainer: Nagelsmann.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Bungert, Brosinski - de Blasis, Latza, Ramalho (71. Frei), Jairo - Córdoba (58. Öztunali), Muto (75. Bojan).
Reserve: Fl. Müller, Bussmann, Gbamin, Holtmann. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Winkmann (Kerken).

Tore: 1:0 Uth (5., Rudy), 2:0 Terrazzino (83., Demirbay), 3:0 Szalai (86., Terrazzino), 4:0 Szalai (90+1., Amiri).

Gelbe Karten: Baumann, Kaderabek - Córdoba, Öztunali.

Mainz 05 verliert Auswärtsspiele, das sollte man vielleicht einfach mal einsehen, um künftig zielgerichteter daran zu arbeiten. Auswärtsfahren - wenn's um mehr geht als Präsenz zu zeigen - kann man sich bis dahin eigentlich sparen, vielleicht kriegt man mal ein Törchen zu sehen, aber der letzte Punkt (ein 0:0, kein Törchen), den die 05er auswärts geholt haben, ist jetzt auch schon sieben Spiele her. Wahrscheinlicher ist es, dass man sich neben der Niederlage auch über den Schiedsrichter ärgert. Deutlich ist es eigentlich selten, auch das 0:3 in Frankfurt hätte nicht sein müssen, wirklich chancenlos waren die 05er selten. Aber sie lassen die Möglichkeiten liegen, die vor dem Tor, aber auch die in der Spielgestaltung, und sie verlieren am Ende.

Die TSG Hoffenheim verliert gar keine Spiele und warum das so ist, ist schwer zu sagen. 4:0 schlugen die Hoffenheimer die 05er, und das ist in der B-Note locker vier Tore zu hoch, vielleicht fünf. Die Mainzer hatten mehr vom Spiel, hatten die besseren Torchancen, hatten die Mehrzahl an Torchancen, aber die TSG hatte die frühe Führung, das späte 2:0 und einen Gegner, der in den Schlussminuten die Abwehr öffnete und noch zwei Tore kassierte. Wer in Brüssel dabei war beim 1:6 gegen Anderlecht, der kann an dieser Stelle den Computer ausschalten. Es war das gleiche Spiel noch einmal. Vielleicht hat es etwas Gutes. Vielleicht zeigt es, auch wenn's vier Tore zu hoch ist, in aller Deutlichkeit, dass der Ansatz momentan nicht viel taugt.

Martin Schmidt hatte die neuen offensiven Möglichkeiten erst einmal konventionell betrachtet. Die Startelf unterschied sich nur auf drei Positionen von der Elf, die vor einer Woche gegen Borussia Dortmund gepunktet hatte: Jhon Córdoba kam nach seiner Sperre zurück, außerdem spielten die gegen den BVB eingewechselten Pablo de Blasis und André Ramalho von Anfang an. Draußen blieben Fabian Frei, Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin, die sich die Bank unter anderem mit einem der drei Neuzugänge teilten - Bojan Krkic kam erst in der 75. Minute zum Bundesligadebüt. Und mit einem weiteren Bundesliga-Neuling: Ersatztorwart war zum ersten Mal Florian Müller. Jannik Huth bekam derweil Spielpraxis in der 3. Liga beim 0:1 gegen den SC Paderborn 07, gemeinsam mit Alex Hack, Suat Serdar, Aaron Seydel.

Und Córdoba, der Rückkehrer, hatte schon in der vierten Minute die erste dicke Chance. Nach einem langen Diagonalball in den Strafraum wurde der Stürmer seinen Gegenspieler Niklas Süle los und schoss ans Außennetz. Gute Minute später: 1:0 für Hoffenheim. Mal wieder Mark Uth, der beim langen Ball von Sebastian Rudy kaum knapper nicht abseits hätte stehen können, seine Geschwindigkeit ausspielte, aus rund 20 Metern seine Schusskraft ausspielte. War's Handspiel bei der Ballannahme? Kann sein, kann aber auch die Brust gewesen sein. Jonas Lössl könnte auf dem falschen Fuß gestanden haben, sprang gar nicht ab in die kurze Ecke, knickte am Knie ab.

Die 05er waren aber sofort wieder vorne. Yoshinori Muto hatte eine kleinere Chance (5.), Ramalho schoss aus gut 20 Metern einen Verteidiger um (6.). Ganz so überrollen lassen wollten sich die Mainzer nicht. Jairo und Muto standen sich in der 11. Minute etwas gegenseitig im Weg, verpassten den Ausgleich, der nahezu sicher gefallen wäre, wäre der Japaner beim Doppelpass des Kollegen nicht da gewesen - oder wäre Jairo rechts abgebogen. Machten die Hoffenheimer vorne aber Tempo, hatten die 05er ihre Mühe. Meist kamen sie klar, aber eins war zu sehen: Konzentrationsmängel gegen diesen Gegner können sofort großen Schaden anrichten. Seit Leipzig hat kein Mainzer Gastgeber mehr so schnell und zahlreich angegriffen. Uth wollte den nächsten kleinen Fehler nutzen, Lössl musste fliegen und den Ball zur Ecke klären (19.). Die Flanke von der Fahne fing der Torwart vor Süle auf.

Oliver Baumann war häufiger im Mainzer als im Hoffenheimer Tor unterwegs. Nur in den letzten Minuten ohne Gegenwehr, aber gegen einen der seinerseits angreifbarsten Bundesligisten von allen ohne jedes taugliche Offensivmittel verloren die 05er trotz weitgehender Spielkontrolle 0:4 in Hoffenheim. Foto: imagoAber es war auch lange nicht mehr so einfach, in den Rücken einer Abwehr zu kommen. Die extrem offensiven Hoffenheimer Außenverteidiger waren selten gegen Fehler abgesichert, ihr Raum vor dem Strafraum war selten gegen Abpraller abgesichert. Benjamin Hübner trat hinten alles weg, was in Reichweite war, traf dabei in der Regel erst den Ball und dann den Stürmer, schaffte aber keine Abwehraktion am Boden, bei dem sich der Gegner nicht überschlug. Und riss mit seiner ungestümen Art auch Löcher in seine Defensive. Daher hätte auch sein Kopfballtor in der 24. Minute nicht gezählt. Hübner hatte Niko Bungert rabiat aus dem Weg geräumt, Lössl den Kopfball aber ohnehin mit einem blitzschnellen Reflex gehalten.

Mainzer Tore lagen in der Luft. Córdobas Kopfball war etwas zu hoch (27.), Latzas Fernschuss blockte ein Verteidiger ab (29.), der Eckball kam zu hoch für Bungert (30.). Córdoba kam beim Versuch, dem Torwart den Ball abzupressen, eine Kleinigkeit zu ungenau und sah Gelb (37.), Jairos Schuss und Ramalhos Kopfball kamen auf den Mann (39.). Sie lagen in der Luft, die Mainzer Tore, viel deutlicher als das 2:0, aber sie fielen nicht. Jedenfalls nicht in der ersten Hälfte, die überraschend früh vorbei war.

Und sie fielen in der zweiten Hälfte auch nicht. Die war in erster Linie hektisch. Nach Uths hartem Schuss neben das Tor (49.) sah erst einmal der TSG-Torwart Baumann Gelb für ein Handspiel neben dem Strafraum. Begonnen hatt es drinnen, eine Torchance war es nicht, Gelb war okay. Dann wollte Andrej Kramaric einen Elfmeter - Schwalbe musste man das nicht nennen, Foul aber auch nicht. Guido Winkmann entschied richtig, nämlich überhaupt nicht. Und doch schafften es die Hoffenheimer, mit billiger Petzerei Córdoba vom Platz zu holen: Vier, fünf Mann versuchten, dem Kolumbianer nach einem gewonnen Zweikampf eine grundlose Gelb-Rote Karte anzuhängen, zählten ihn damit zumindest so weit an, dass Martin Schmidt ihn sicherheitshalber auswechselte (58.). Sekunden später hätte Pavel Kaderabek für ein heftiges Foul an Daniel Brosinski wohl eher Rot sehen sollen. Am Mainzer Verteidiger lag's nicht, dass der Gegenspieler mit Gelb davon kam.

Eine Stunde war nun vorbei. Die Hoffenheimer suchten Konter und fanden sie nicht, die 05er suchten den Weg in den Strafraum und fanden ihn - am Tor kamen sie aber nicht an. Die Flanken waren harmlos, die flachen Bälle ungenau, die Passwege aber auch oft von den drei Innenverteidigern zugestellt. Die TSG verteidigte eigentlich nur den Fünfer, aber den verteidigte sie gut gegen den immer weiter nachlassenden Angriff. Und Shinji Okazaki, der Torjäger, der in genau diesen Spielen konsequent seine Tore geschossen hat (und zwar eins irgendwann und das andere in der 92. Minute), ist schon lange kein Mainzer mehr.

Was war mit Bojan Krkic? Der wärmte sich draußen auf, sah dem Spiel zu. Schmitt hatte schon Öztunali für Córdoba gebracht, brachte in der 71. Minute Fabian Frei für Ramalho, brachte den einstigen Alles-Gewinner des FC Barcelona weiterhin nicht auf den Platz. Und hätte damit den Ausgleich bekommen können: Öztunali rannte Hübner weg, spielte einen herrlichen Halb-Quer-Halb-Steilpass auf de Blasis, dessen Volleyschuss platziert war, aber am kurzen Pfosten nicht unhaltbar für Baumann (73.). Daher: Weiterhin 1:0 für Hoffenheim.

Dann kam Bojan. Eine Viertelstunde plus die Nachspielzeit hatte der prominente Neuzugang, um zu seinem ersten Punktgewinn in der Bundesliga beizutragen. Sein erster Ballkontakt war ein Fehlpass. Der zweite, Augenblicke später nur, war die Rückeroberung der Kugel. Und der erste Torschuss, den er auf dem Platz erlebte, kam von einem Hoffenheimer - Lössl hielt gegen Nadiem Amiri (78.). Es war die erste wirklich ernste Torchance der TSG seit dem Führungstor. Der zweite Torschuss kam von Latza und ging aus dem Hintergrund einen Meter oder zwei vorbei (79.). Und der dritte führte zum 2:0 - und noch unglücklicher kann man ein Tor kaum bekommen. Schon der Freistoß, den Demirbay schoss, war zumindest fragwürdig. Lössl war im äußersten Toreck wohl mit den Fingerspitzen dran. Der Ball sprang von der Latte in genau die falsche Richtung, nämlich direkt zu Marco Terrazzino. Lössl versuchte noch, mit dem Sprung eines Handballtorwarts in die Szene zurückzukommen, hätte aber den Zufall gebraucht, um dieses Tor zu verhindern. Weil sich die Abwehr auflöste, legte Ádám Szalai noch das 3:0 und das 4:0 nach.

Die Abstiegsplätze sind sechs Punkte entfernt. Und werden näher kommen, wenn die Mainzer nicht wenigstens zuhause wirklich mal wieder gewinnen, anstatt nur vom Angriff auf den Europapokal zu reden. Denn der letzte Heimsieg ist auch schon fünf Spiele her und war das Resultat des krass unwahrscheinlichen Latza-Hattricks und den vorletzten gab es am 11. Spieltag.

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