Schröder: „Wir sollten sehr wachsam sein“

Jörg Schneider. Darmstadt.
Diese 1:2-Niederlage im Nachbarschaftsduell beim Tabellenletzten SV Darmstadt 98 darf zweifellos als ein Tiefpunkt dieser ohnehin komplizierten Saison des FSV Mainz 05 angesehen werden. Dass den 05-Profis am Böllenfalltor trotz aller Warnungen und vorbereitender Maßnahmen am Ende erneut Probleme mit der nötigen Einstellung, mangelnde Bereitschaft und Aufmerksamkeit sowie eine fußballerisch komplett unstrukturierte und kaum zielführende Spielweise attestiert werden muss, stimmt bedenklich. Die Verantwortlichen forschen nach den Ursachen für die Misere. Die Mannschaft rauscht nach dieser erneut verpassten Chance, sich tabellarisch in Sicherheit zu bringen, mitten hinein in den Abstiegskampf.

Dass Aytac Sulu, der Kapitän des SV Darmstadt 98 Kopfballtore nach Eckbällen erzielen kann, das weiß man nicht erst seit diesem Samstag. Dass der Tabellenletzte der Fußball-Bundesliga in diesem Nachbarschaftsduell mit Haut und Haaren, mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, mit Aggressivität, Vehemenz und Emotionalität um die Punkte kämpfen würde, das war absehbar. Wie sich die Gastgeber fußballerisch in diesem Heimspiel vorstellen würden, welche Stärken sie im Abstiegskampf mobilisieren würden, lag ebenfalls klar auf der Hand. Dafür war dieser Gegner zuletzt oft genug beobachtet und analysiert worden. Eine ganze Woche lang war dies alles Gegenstand der Vorbereitungen auf dieses Nachbarschaftsduell am Böllenfalltor. Tagelang waren alle diese Punkte Thema beim FSV Mainz 05 und mündeten in der klaren Ansage, es brauche die richtige Einstellung, Kampfbereitschaft, Konzentration, Selbstbewusstsein, Behauptungswillen. Die Mentalität dafür, um diesen Kampf anzunehmen, müsse im Training entstehen, um dann im Spiel mit kühlem Kopf die eigenen Stärken durchzusetzen.

Die Darmstädter lieferten genau das ab, was zu erwarten war. Die 05-Profis missachteten so ziemlich alle im Vorfeld ausgesprochenen Warnungen, zeigten über weite Strecken eine desolate Leistung mit Unmengen an individuellen und kollektiven Fehlern, mit einem vor allem in der ersten Halbzeit unsäglichen Zweikampfverhalten, jenseits einer erkennbaren fußballerischen Struktur, die auch in der fast halbstündigen Überzahlphase nach der Pause keine klarere Form annahm. Die 05-Profis verlagerten ihren Frust in Nebenkriegsschauplätzen, in permanenten Diskussionen mit dem Schiedsrichter und Rangeleien mit den Gegenspielern. Es waren letztlich die Mainzer, die sich in dieser Partie wie der Abstiegskandidat ohne Hoffnung präsentierten, eine verdiente 1:2-Niederlage kassierten, sich einmal mehr mangelnde Einstellung vorwerfen lassen mussten. Und die ob dieser Tatsache eine ratlose sportliche Führung hinterließen, die diese Missstände lediglich bestätigen konnte, ohne wirklich erklären zu können, warum  das Team erneut in diese Falle getappt war.

Rudelbildung, Scharmützel mit den Gegenspielern, Diskussionen mit dem Schiri: Die 05-Profis konzentrierten sich in Darmstadt auf vieles, nur nicht darauf, vernünftig Fußball zu spielen. Foto: ImagoSo angefressen wie nach dieser Pleite hat man Rouven Schröder noch nicht gesehen. Der Sportdirektor blieb gewohnt sachlich, doch in Schröder brodelte es. „Wir haben alle Dinge angesprochen vorher. Der Trainer hatte das Team absolut gut und richtig vorbereitet auf dieses Spiel und auf das, was uns hier erwartet. Auf die Emotionalität, auf die Zweikämpfe, auf das komplette Thema des Spiels. Da war alles drin in der Vorbereitung. Jeder wusste, was ihn erwartet. Wenn du nach vier Minuten aus einer Standardsituation das 0:1 bekommst, den Ball trotz Zuordnung nicht verteidigen kannst, ist das ärgerlich. Wenn du dann ein paar Minuten später nach dem Elfmeter 0:2 zurückliegst, ist alles über Bord geworfen, was man sich im Vorfeld vorgenommen hat. Diese erste Halbzeit in Darmstadt ist schwer akzeptabel“, sagte der 41-Jährige. „Wir haben dann, zwei, drei Möglichkeiten in der zweiten Hälfte, aber trotz der halben Stunde Überzahl ist es nicht so gewesen, dass wir zwingend gewirkt haben oder man das Gefühl gehabt hatte, im nächsten Angriff passiert es. Da muss von Anfang an eine andere Präsenz auf den Platz. Von daher ist das Ganze unter dem Strich sehr, sehr ärgerlich.“

Dass Schröder den ganzen Auftritt seiner Profis inklusive des ständigen Lamentierens, der Diskussionen und Grabenkämpfe mit den Gegenspielern missbilligte, nicht als leistungsfördernd erachtete, daran ließ er keinen Zweifel. „Wir sollten uns auf uns konzentrieren. Das ist das Wichtigste. Wir sollten uns auf Dinge konzentrieren, die wir beeinflussen können. Der Schiedsrichter hat nach bestem Wissen und Gewissen gepfiffen. Ich glaube nicht, dass er eine Richtung vorgegeben hat. Von daher sollten wir die Sache erst einmal bei uns selbst klären. Wir bleiben bei 29 Punkten. Jeder kann die Tabelle lesen. Wir sollten gewarnt und sehr, sehr wachsam sein“, so Schröder. „Die Situation war so, dass wir den Abstand nach unten hätten vergrößern können, das war gegen Bremen schon so. Wir haben die Möglichkeit uns abzusetzen wieder nicht genutzt. Wir sollten nicht so viel liegen lassen. Das wäre besser.“

Dass sein Sportdirektor derart angefressen war, konnte der Trainer gut nachvollziehen. „Ich bin es ebenfalls“, sagte Martin Schmidt, dem beim Versuch, die Vorstellung seiner Mannschaft zu erklären, bisweilen die Worte fehlten. Und der nachher schweren Herzens etwas konstatieren musste, was das Schlimmste überhaupt ist nach einer Niederlage gegen einen Tabellenletzten: „Der Gegner war besser als wir. Wir können ihn als Vorbild nehmen in Sachen Leistungsbereitschaft von der ersten Minute an. Sie haben uns gezeigt, wie man solche Spiele angeht. Ich habe es versucht diese Woche dem Team darzulegen in Wort und Bild, versucht zu vermitteln, was hier passiert. Entweder habe ich undeutlich geredet oder das Team ist manchmal taub und denkt, egal, es ist trotzdem irgendwie der 18. der Tabelle, das geht schon irgendwie. Für mich ist es kaum zu erklären, wie wir so in ein Spiel reinkommen können und so früh 0:2 zurückliegen wie schon gegen Bremen“, erklärte der Trainer extrem frustriert. „Wir haben immer wieder gute Leistungen, an denen wir uns hochhieven wollen. Und dann kommen alle zwei, drei Wochen solche Leistungen, in denen wir wieder so zurückfallen.“

Am besten zehn Mann auswechseln

Die Mannschaft sei übers ganze Spiel hinweg nicht auf ihr vorhandenes Niveau herangekommen. „Du zeigst Bilder, du sprichst es ständig an, wie die hier zuletzt gespielt und gegen Dortmund gewonnen haben, dass die hier loslegen wie die Feuerwehr, dass das Stadion zusätzlich emotionalisiert ist. Dann gehst du raus, hast direkt zwei gefährliche Aktionen, Eckbälle. Dann kommt der erste lange Ball von denen nach vorne und du hast sofort Aufregung, sofort Stress, bist dauernd einen Schritt zu spät“, sagte der 49-Jährige. „Wir haben alle Kopfbälle verloren, hatten nach 20 Minuten eine gefühlte Zweikampfstatistik von 70:30 für den Gegner. Nach einer solchen ersten Halbzeit müsstest du zehn Mann auswechseln. Da war keiner gut, da waren alle nicht bereit.“ Nach der Pause habe sein Team vermehrt den Ball gehabt, „aber auch in der Überzahl war nicht ersichtlich, dass wir einer mehr waren. Wir waren in den Reaktionen zu spät, wir haben nur reagiert statt agiert. Wenn wir fünf, sechs Spieler auf dem Platz haben, die nicht an ihre Leistung herankommen, dann haben wir Probleme. Heute war keiner im Leistungsniveau da, der vorweg geht und sagt: zieht euch an mir hoch, weil alle nicht da waren.“

Die 05-Profis müssen sich nach dieser Niederlage selbst hinterfragen, was sie sich vorgestellt haben in dieser Partie. Warum sie immer wieder derart daneben liegen, wenn es darum geht, entscheidende Schritte zu tun, Chancen wahrzunehmen, einfach da zu sein, wenn es gilt und unbeeindruckt ein Spiel aufzuziehen gegen einen trotz allem limitierten Gegner, anstatt uninspiriert Bälle durch die Gegend zu kloppen, kaum strukturierte Angriffsaktionen zu starten, denen meist sowohl Präzision, Plan und technische Ausführung fehlt. In Darmstadt verschwendeten sie zunehmend Energie darauf, mit sich selbst und ihrem Umfeld zu hadern, den Schiedsrichter verantwortlich zu machen, sich auf die provozierenden Mätzchen der Darmstädter Spieler einzulassen, anstatt ihre Kräfte im eigenen Spiel zu bündeln, konzentriert Fußball zu spielen und zu sagen: macht ihr, was ihr wollt. Wir ziehen unser Ding durch und haben hier einen Rückstand aufzuholen. „Man bringt selber eine schlechte Leistung, liegt schnell 0:2 zurück. Da ist es das Einfachste, den Fehler bei anderen zu suchen“, sagte Schmidt verärgert. „Man ist aggressiv gegen den Gegner, ständig beim Schiri. Das war bezeichnend für unser Spiel. Es  waren strittige Aktionen drin. Es ist ständig eskaliert, weil Nickeligkeiten drin waren, versteckte Fouls, aber das ist Abstiegskampf. Und das war nicht der Grund, dass wir zurücklagen, sondern dass wir nicht bereit waren. Wir sollten die Fehler bei uns selber suchen. Das haben wir uns selber eingebrockt und kein Mensch sonst. Jetzt liegt es an uns, dass wir uns wieder daraus ziehen.“

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