Schwere Verletzung erstickt die Freude

Christian Karn. Augsburg.
Am Ende fehlten keine zwei Minuten zu einem nicht perfekten, aber für den FSV Mainz 05 erfreulichen Auswärtsspiel. Jhon Córdoba brachte die Mainzer beim FC Augsburg sehr früh in Führung, den Ausgleich konterte Yunus Malli mit dem sofortigen 2:1, Yoshinori Muto legte noch das 3:1 zum Endstand nach - und dann brach sich offenbar der Augsburger Dominik Kohr nach einem Foul des spät eingewechselten José Rodríguez das Bein. Der Mainzer musste mit Rot vom Platz, wird wahrscheinlich drei Partien verpassen. Sehr wahrscheinlich weniger als Kohr.

FC Augsburg - FSV Mainz 05 1:3 (0:1)

Sonntag, 18. September 2016, 26.115 Zuschauer.

FC Augsburg: Hitz - Verhaegh, Gouweleeuw, Hinteregger, Stafylidis - Kohr (90+5. Kacar), Baier - Bobadilla, Koo (59. Schmid), Ji (82. Altintop) - Alfred Finnbogason.
Reserve: Luthe, Janker, Max, Usami. Trainer: Schuster.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Balogun, Brosinski - Gbamin (85. Rodríguez), Frei - Öztunali, Malli, Onisiwo (78. de Blasis) - Córdoba (67. Muto).
Reserve: Huth, Bungert, Clemens, Hack. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Dankert (Rostock).

Tore: 0:1 Córdoba (7., Malli), 1:1 Stafylidis (73., Gouweleeuw), 1:2 Malli (75., Brosinski), 1:3 Muto (81., nach Querschläger im Strafraum).

Gelbe Karten: Gouweleeuw - Córdoba, Onisiwo.

Rote Karte: Rodríguez (90+5., Foulspiel).

Es war in der 92. Minute sicher kein vorsätzlicher oder bewusst fahrlässiger Anschlag auf die Gesundheit, eher eine übermotivierte seitliche Grätsche auf den Ball mit miesem Timing. Der gerade erst eingewechselte 05-Neuzugang José Rodríguez kam irgendwo im Niemandsland, nahe der Mittellinie viel zu spät, traf den Augsburger Dominik Kohr nicht frontal am Bein, erwischte ihn am Fuß, Kohr verletzte sich schwer. Paul Verhaegh war als Erster dabei, schubste Rodríguez durch die Gegend, schrie den Schiedsrichter an, wurde von Pablo de Blasis vor der Gelben Karte gerettet. Giulio Donati hatte Tränen in der Augen, als er das Bein des Augsburgers gesehen hatte, Daniel Brosinski gab zu, von den Kollegen Schlimmes gehört und sich gar nicht in die Nähe getraut zu haben. "Ich habe viel Blut gesehen und mir war auch nicht gut", sagte Kohrs Nebenmann Daniel Baier, "ich kann das nicht sehen und bin schnell weggegangen." Schiedsrichter Bastian Dankert hatte mehrmals die Hand an der hinteren Hosentasche, hatte dann doch wieder Dringenderes zu tun, um die schockierten, die wütenden, die entsetzten, vielleicht auch die an Rache denkenden Spieler auseinanderzuhalten. Und fand erst nach ein paar Minuten die Möglichkeit, Rodríguez vom Platz zu stellen.

Der Auswärtssieg, um den es in den ersten 92 der insgesamt 95 Minuten ging, der war da schon nicht mehr ernsthaft gefährdet. Die 05er nutzten einen schwachen Tag des FC Augsburg, führten früh, bekamen eingangs der Schlussphase den Ausgleich, konterten schnell mit dem erneuten Führungstor, gewannen 3:1. Auf sechs Positionen hatte Martin Schmidt die Mainzer Mannschaft verändert. Fabian Frei spielte anstelle des angeschlagenen Suat Serdar, Daniel Brosinski für Gaetan Bussmann, der heute seine kurze Rotsperre absaß. Niko Bungert, Christian Clemens, Pablo de Blasis und Yoshinori Muto mussten auf die Bank und machten Platz für Leon Balogun, der mit einer schwarzen Maske seinen lädierten Schädel schütze, Levin Öztunali, Karim Onisiwo und Jhon Córdoba.

Und der Kolumbianer brachte die 05er in der siebten Minute in Führung. Brosinski hatte da schon einen gar nicht schlechten Schuss vom linken Flügel losgelassen (4.). Nach dem nächsten Angriff brachte Malli einen schönen Eckball in den Strafraum, Stefan Bell sprang unter der Flanke durch, dahinter hatte sich Córdoba von der Abwehr ein wenig abgesetzt und viel Platz fürs Kopfballtor.

Es war zwei von wenigen Mainzer Offensivaktionen im ersten Drittel. Die Augsburger hatten bessere Aktionen. Sie wollten in der 15. Minute einen Elfmeter, statt dessen entschied Bastian Dankert auf Abseits - großer Humbug, weil's ein Einwurf war, da gibt's kein Abseits. Der verletzte Augsburger Jan-Ingwer Callsen-Bracker mutmaßte zumindest halb im Scherz, dass der Schiedsrichter sich damit vielleicht vor der Zweikampfbewertung drücken wollte, weiter ging's jedenfalls, als Dankert seinen Fehler erkannte, mit Schiedsrichterball.

Ja-Cheol Koo, der Ex-Mainzer, der vielleicht Gefoulte, vielleicht auch nur legal Angerempelte, tauchte gleich wieder im Strafraum auf, bekam ein Anspiel von Verhaegh, das nie im Leben hätte durchkommen dürfen, brauchte etwas zu lange, Balogun schloss die Schussbahn (17.). Die 05-Defensive sah in dieser Phase nicht gut aus. Den Strafraum hatten die Mainzer unter Kontrolle, aber dauernd flutschten Bälle durchs Mittelfeld. Koo und Kohr gaben in der 21. und 22. Minute zwei Distanzschüsse ab, die das Tor immerhin deutlich verfehlten. Im Laufe der ersten Halbzeit wurden die 05er aber auch gegen den Ball besser.

Und nach etwa einer halben Stunde kamen sie auch wieder besser nach vorne. Giulio Donati flankte und Jeffrey Gouweleeuw wehrte den Ball vor Córdoba ab (26.), Onisiwo schoss nach guter Vorarbeit von Malli zu lasch (30.), in der 35. Minute hätte das zweite Tor geradezu fallen müssen: Öztunali spielte einen Doppelpass mit Stefan Bell, setzte sich rechts schön vom Verteidiger ab, spielte scharf vors Tor, das lange Eck war offen, Córdoba stand gerade ungünstig genug, um mit dem Ball nichts anfangen zu können. Die Augsburger schlugen inzwischen fast nur noch lange Bälle auf gut Glück nach vorne. Die kamen nicht an. Erst in der 44. Minute kam der Ball schnell und steil zu Alfred Finnbogason, aber Jonas Lössl kam weit aus dem Tor und holte sich den Ball knapp innerhalb des Strafraums. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte - die Diskussion ab der 15. Minute hatte doch ein bisschen Zeit gekostet - hatte Brosinski mit einem weiteren, besseren, weil zentraleren Distanzschuss nochmal einen letzten Abschluss, der aber keinen halben Meter am langen Eck vorbei ging. Hitz hätte einen präziseren Schuss vielleicht noch erreicht.

Die zweite Hälfte begann mit einer abgerutschten Öztunali-Flanke, die am oberen langen Eck vorbei rutschte. Dann aber kamen die Augsburger doch etwas besser ins Spiel. Der unterm Strich gewohnt harmlose Dong-Won Ji brachte in seiner einzigen brauchbaren Szene eine Flanke auf seinen Landsmann Koo, dessen Aufsetzer aber ein schöner Ball für Lössl wurde (59.). In der 61. Minute hatte der neue 05-Torwart seine erste sehr gute Szene im Mainzer Trikot, als ein Weitschuss von Linksverteidiger Kostas Stafylidis nach einem weggeköpften Eckball eher aus Versehen eine feine Vorlage für den Innenverteidiger Martin Hinteregger wurde. Der tunnelte mit seinem verdeckten Schuss noch einen Verteidiger, Lössl sah wenig, war sehr schnell unten und wehrte den guten Schuss nahe am Pfosten ab. Beim nächsten Angriff hätte Lössl wohl keine Chance gehabt - Alfred Finnbogason fälschte die Flanke von Raúl Bobadilla minimal ab, Kohr schoss aus wenigen Metern übers Tor (63.).

Die Mainzer kamen kaum noch in die Nähe des FCA-Strafraums. Yunus Malli hatte nach einem furchtbaren Fehlpass einen kurzen offenen Passweg und erkannte ihn nicht (66.), Jean-Philippe Gbamin feuerte einen harmlosen Distanzschuss ab (68.), das war's. Und in der 73. Minute fiel tatsächlich der Ausgleich: Der etwas aufgerückte Gouweleeuw war im rechten Mittelfeld in die Sackgasse geraten, spielte den Querpass auf die offenere linke Seite, Stafylidis zog aus vollem Lauf ab. Der harten Distanzschuss auf vom Dauerregen glitschigem Rasen sprang kurz vor Lössl auf, rutschte dem Torwart über die Handschuhe - unter Idealbedingungen hätte dieser vielleicht eine Chance gehabt.

Schon wieder also ein (einigermaßen) später Ausgleich, auch die vierte Führung im fünften Saisonspiel gaben die Mainzer ab. Und die Augsburger wollten nachlegen, fanden in der 74. Minute etwas, das wie eine weit offene Lücke zwischen den Innenverteidigern aussah - Balogun knallte im letzten Moment und bereits im Strafraum die Tür zu. Und diesmal konterten die Mainzer. Immer noch in der 74. Minute kam Muto nach einem herrlichen Frei-Pass nicht durch, aber der FCA bekam den Ball nicht weg. Die 05er griffen wieder an, erst über rechts, von wo Öztunali schlecht flankte, dann nach der erneuten Ballsicherung über die linke Seite. Brosinski flankte besser, Malli kam mit dem Kopf dran, 2:1. 75. Minute. Und vielleicht schon die entscheidende Szene, denn nochmal kamen die Augsburger nicht zurück. Statt dessen zog Malli in der 78. Minute einen Freistoß direkt aufs kurze Eck - gehalten zur Ecke.

Zum dritten Mal in der jungen Saison fliegt ein Mainzer vom Platz - und zur Abwechslung gibt es diesmal kaum Gegenargumente. Foto: imagoStatt dessen stand es in der 81. Minute 3:1. Ein bisschen Zufall war dabei beim letzten Tor der Partie. Donati und Öztunali hatten rechts mit einem kurzen Spielzug Stafylidis aus der Aktion genommen, Öztunali in die Mitte in Richtung Malli gespielt. Hinteregger grätschte dazwischen, brachte den Ball immerhin aus Mallis Reichweite. Aber Gouweleeuw und Verhaegh verloren die Orientierung, ließen eine kurze Bahn für den eingewechselten Muto offen. Und der kann so etwas, schob den Ball ins freie Tor.

Und von da an passierte nichts mehr, bis auf einen grenzwertigen Dreikampf zweier Augsburger mit Malli, für den man nicht viel Phantasie für den Elfmeterpfiff gebraucht hätte, den man genauso gut aber auch einfach ignorieren konnte. Und bis auf diese verhängnisvolle 92. Minute. "Schade, dass das Spiel so endet", sagte Rouven Schröder. "Es war definitiv keine Absicht. Unser Spieler sitzt in der Kabine und ist vollkommen geknickt." Der 05-Sportdirektor versuchte, die fatale Grätsche sachlich einzuordnen: "Wir sagen ja den Spielern, gerade den Sechsern, dass sie reinkommen und Aggressivität zeigen sollen. José Rodríguez hatte bisher kaum Einsatzzeiten. Das war wohl etwas zu viel." Schwer zu sagen, wie es genau passierte, vermutlich war nicht mal der Schlag von Schienbein an Schienbein die Ursache der Verletzung, vermutlich passierte es erst beim unglücklich Aufprall auf den Boden. Ebenfalls schwer zu sagen, ob es auch dann Rot gegeben hätte, wenn der Augsburger unverletzt davongekommen wäre. Letztlich stellt sich die Frage aber nicht. Und nicht nur den Augsburgern war die Stimmung versaut. Fast wortgleich sagten Balogun und Frei, dass die 05er sich gern mehr über den Sieg gefreut hätten, aber nach dem Eindruck der Nachspielzeit dazu nicht in der Lage seien: "Es war zu hart. Das will man nicht haben."

 

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