Si se puede!

Christian Karn
Kurz vor Weihnachten hat sich die nullfünfMixedZone auf zwei Kontinente verteilt. Fernab vom Tagesgeschäft in Mainz hat sich Christian Karn auf Spurensuche in Kolumbien begeben und beobachtet an der heißen Karibikküste das Fußball-Geschehen im Heimatland der 05-Profis Elkin Soto und Jhon Córdoba. In seinem Blog berichtet el cka nun exklusiv aus Barranquilla vom Meisterschafts-Halbfinale im Estadio Metropolitano, wo die Nationalmannschaft des Landes und der Stolz der Karibik zu Hause sind.

Plötzlich dotzt da ein Ball durch die offene Haustür ins Wohnzimmer. Hinterher kommt mit einem schüchternen „¿Permiso?" – „Darf ich?" - der Nachbarsbub. Zu dritt kicken die Jungs schon seit einer Weile auf einer abschüssigen Seitenstraße in der Nachmittagsschwüle Barranquillas, der Millionenstadt an der kolumbianischen Karibikküste. Sechs Jahre alt dürfte der Kleinste sein. Elf oder zwölf der Größte, ein zu einer gewissen Arroganz neigender Schlacks, optisch ein bisschen erinnernd an eine jüngere Version von Heinz Mörschel, vom U19-Torjäger des FSV Mainz 05. Der Mittlere, der den verschossenen Ball aus dem Nachbarhaus holt, ist der Talentierteste, der Junge hat eine gute Straßenkicker-Technik und großartige Torwart-Reflexe. Hin und wieder müssen die Jungs Pause machen, Autos und Motorräder vorbei lassen. Am Steuer und auf dem Sattel in der Regel jemand im rot-weiß gestreiften Trikot. Erste Anzeichen dafür, dass in der Wiege des kolumbianischen Fußballs noch auf ganz anderem Niveau gekickt wird an diesem heißen Tag im karibischen Dezember.

el cka Christian Karn mit seinen Gastgebern im traditionsreichen Stadion an der kolumbianischen Karibikküste. Die 05MixedZone - die eine Hälfte der Redaktion jedenfalls - wurde nach Kolumbien eingeladen. Privat zwar, die Heimat der Freunde besuchen, aber Privates und Dienstliches ist schwer zu trennen in unserem Job. Also saß er da, el cka, zwölf Flugstunden von daheim entfernt im Unterrang der Gegengeraden des Estadio Metropolitano Roberto Meléndez in der Hafenstadt Barranquilla, wo vor über 100 Jahren die ersten Fußballklubs im Nordwesten Südamerikas gegründet wurden. Die Ur-Vereine sind längst untergegangen; in der División Mayor (kurz: Dimayor) wird die Stadt durch den lokalen Nachzügler Club Deportivo Júnior vertreten. Der empfing am Sonntag im Rückspiel des Dimayor-Halbfinales Deportes Tolima aus der Halbmillionenstadt Ibagué in den Anden.

Das Metropolitano, mit knapp 50.000 Plätzen das größte Stadion im Land, spielt eine Sonderrolle im kolumbianischen Fußball. Es ist die Heimat der Nationalmannschaft, die darauf baut, dass die Gegner mit der schwülen Hitze der Karibikküste nicht so gut klar kommen wie die eigene Mannschaft. Don Eduardo, der stets höflich-förmliche Gastgeber der beiden Deutschen, die seine Tochter nach Kolumbien mitgebracht hat, erklärt aber, dass das auch nicht mehr so gut funktioniert. Die eigenen Leute spielen längst mehrheitlich in Europa und haben die gleichen Probleme wie die Auswärtsteams. Elkin Soto, den Ex-Nationalspieler, kennt man gut in Barranquilla. Sein Verein, der FSV Mainz 05, ist den Einheimischen dennoch überhaupt nicht geläufig. Und dass in Mainz noch ein zweiter Kolumbianer spielt, Jhon Córdoba, ist den Leuten auch nicht bewusst. Immerhin die drei Straßenkicker können ihre Landsleute inzwischen mit ihrem Verein in Verbindung bringen; ein Stoß Autogrammkarten ist aus Mainz nach Südamerika mitgekommen.

Eine einzige Party

In einer ganz merkwürdigen Hassliebe sind sie miteinander verbunden, die Barranquilleros mit ihrem Klub. Der jederzeit in der Lage ist - oder wenigstens zu sein behauptet -, aussichtsloseste Situationen in einen Triumph zu verkehren, hin und wieder so mit Ansage, dass vor vier Jahren nach einer 0:3-Hinspielniederlage im Meisterschafts-Halbfinale bei den Millonarios aus Bogotá die Lokalzeitung „El Heraldo" - für die einst der spätere Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez schrieb - nur titelte: „Sí se puede." Yes, we can. Barack Obamas Wahlkampfslogan ist seither ein Motto für Júnior, denn nach dem Rückspiel musste der Heraldo die Überschrift nur geringfügig verändern: „Sí se pudo." Ja, sie konnten. 3:0 gewannen sie das Rückspiel und Carlos Bacca, inzwischen zweimaliger Europa-League-Sieger mit dem FC Sevilla, verwandelte den entscheidenden Elfmeter zum Finaleinzug. Ebenfalls im Elfmeterschießen wurde Júnior anschließend bei Once Caldas zum siebten Mal Meister. Grundsätzlich überwiegt dennoch die Erwartung, mal wieder enttäuscht zu werden. Selbst gegen den kleinen Nachbarn, den Absteiger Universidad Autónoma, einen einst von Júnior-Fans gegründeten Verein, der nie als Konkurrent des großen Stadtklubs gedacht war, aber 2013 in der Dimayor aufgetaucht ist, gab es in dieser Saison eine bittere 0:2-Niederlage. Auch auf das „Sí se puede" war vor kurzem kein Verlass - als der Heraldo es einfach wieder probierte, folgte einem 1:3 im Hinspiel ein 0:3 im Rückspiel.

In diesem Stadion hat auch schon 05-Publikumsliebling Elkin Soto mit seiner Nationalmannschaft gespielt.An dieser Stelle müssen wir aber vorsichtig sein. Immerhin schreibt gerade ein Fremder über Júnior. Und Fremde, die es wagen, auch nur ein Wort gegen den Stolz der Karibik zu sagen, die kommen hier nicht gut an. Das dürfen nur die eigenen Leute. Der Juniorismo, erklärt die Gastgeberin - eine Nichte des Nationalspielers Toño Rada, der einst in Chile ein WM-Tor gegen den sowjetischen Weltklassetorwart Lew Jaschin geschossen hat -, sei eine Lebenseinstellung, eine Bastion gegen das Übel der Welt in dieser komplizierten Arbeitermetropole. Wenn Júnior verliere, würde alles Licht die Stadt verlassen. Selbst Willy el Tiburón, das beliebte Klub-Maskottchen, ein hyperaktiver Hai im Fußballtrikot, der so diabolisch grinst, wie nur ein Hai das kann, sei dann kein Trost für die Barranquilleros. Gewinnt aber Júnior, spielt das Radio stundenlang nichts anderes als die Vereinshymne und verkündet, Barranquilla sei „una sola rumba", eine einzige Party.

So muss das gewesen sein nach dem Viertelfinale gegen Independiente Santa Fe, einen der beiden großen Klubs aus Bogotá. Neben den Rekordmeistern Millonarios FC, ebenfalls aus Bogotá, und Atlético Nacional aus Medellín sind die Roten einer der drei Vereine, die in jeder Saison der 1948 gegründeten Dimayor dabei waren. Das Hinspiel in der riesigen Hauptstadt verlor Júnior 1:2. Zuhause kassierten die Barranquilleros früh den Rückstand, führten aber selbst zehn Minuten später 2:1. Nach dem entscheidenden Tor zum 3:1 in der 88. Minute eskalierte das südamerikanisch harte, aber bis dahin saubere Spiel; sinnlose Brutalität, die bis dahin gefehlt hatte, ergab drei Rote Karten. Zwei gegen Santa Fe, das nur mit einer B-Elf angetreten war, weil es wichtigere Dinge gab als die kolumbianische Meisterschaft. Eine gegen Júnior. Für die Bogotanos hat sich das Opfer gelohnt: Wenige Tage nach dem Ausscheiden gewann Santa Fe gegen Atlético Huracán aus Buenos Aires die Copa Sudamericana, den kleinen Bruder der Copa Libertadores, vergleichbar mit der Europa League. Zum ersten Mal holte sich ein kolumbianischer Klub die 2002 erstmals verliehene Trophäe; Atlético Nacional und Once Caldas (damals mit dem heutigen 05er Elkin Soto) haben zudem mal den großen Pokal gewonnen.

Und so war das sogar nach einem so trüben Spiel wie im Halbfinale gegen Tolima. Júnior musste nach dem 1:0-Hinspielsieg nicht viel können, tat nicht viel mehr, als sich auf dieser Führung auszuruhen und gelegentlich zu kontern, stemmte sich dabei nicht immer gut gegen den Druck der Gäste. Dem Publikum, das noch mit einer großen Choreographie den Ehrengast begrüßt hatte, Juan Verón, „La Bruja", den Hexer, den großen argentinischen Torjäger, der in den 1970ern mal für Júnior gespielt hatte, das auf einem Spruchband verkündet hatte, würde Júnior im Himmel spielen, würde es sterben, um zusehen zu können, gefiel das nicht. Von rechts fluchte die Gastgeberin. Links zeigte Don Eduardo, mit seiner lustigen Nationalmannschafts-Batschkapp auf dem Kopf, dass auch er ein anderes Vokabular beherrscht, wenn die Situation und das Fußballspiel solches erfordern.

In der 71. Minute aber schoss Roberto Ovelar, der 30-jährige Mittelstürmer aus Paraguay, der schon das Hinspiel entschieden hatte, Júnior erneut in Führung und alles war wieder gut im nur zu zwei Dritteln gefüllten Estadio Metropolitano. Weil die Spieler von Tolima, obwohl durch die Bank einen Kopf größer als die Gegner, längst nicht mehr versuchten, in den Strafraum zu kommen, lieber aus der zweiten Reihe, aus 20, 25 Metern, harmlose Schüsse in die Nordkurve schickten, weil Júnior mit William Tesillo auch einen hervorragenden Innenverteidiger auf dem Platz hatte, der ständig aus der Abwehr heraus stieß, Angreifer überrumpelte, als Erster am Steilpass war, war der Finaleinzug ohnehin nicht ernsthaft gefährdet. Auch nicht nach der obligatorischen Roten Karte gegen den gerade erst für den Torschützen eingewechselten Yhonny Ramírez nach einer unnötigen Tätlichkeit, einer „agresión infantil", wie der Heraldo schrieb. „Tu papá", schrien die Barranqilleros nun, das ist seit 1977, seit ihrer ersten Meisterschaft, ihr anderer Slogan. „Wir sind Dein Papa", wollen sie damit ihrem Gegner klar machen, „vielleicht kannst Du irgendwann mal auch so viel wie wir, aber einstweilen sind wir Dir in allen Belangen unendlich weit voraus."

Die Finalqualifikation - Gegner wird der Erzfeind Atlético Nacional sein - vor Augen bestand die Gastgeberin dennoch in der 89. Minute darauf: „Wir gehen jetzt heim. Und trödelt nicht, verhaltet Euch unauffällig!" So ganz ungefährlich sei der kolumbianische Fußball, seien vor allem die kolumbianischen Ultras auch im Fall eines Sieges nicht. Anhänger von Tolima waren freilich im ganzen Stadion nicht auszumachen. Überregionale Fans haben die Spieler aus Ibagué wohl nicht und aus den Kordilleren sind's selbst mit dem Flugzeug vier Stunden ins 1000 Kilometer entfernte Barranquilla; ohne beim Umsteigen in Bogotá viel Zeit zu verlieren geht's nicht. Auf der Hauptstraße vor dem Stadion plötzlich ein großes Gerenne. Einer der unendlich vielen Motorradfahrer war gestürzt? Verunglückt? Nur bewusstlos, gar tot? Aus einer Unterführung quollen die Ultras, von der anderen Straßenseite kam die Polizei, mittendrin saßen im kleinen gelben Taxi zwei naive Deutsche und zwei nervöse Gastgeber: „Türen verriegeln!" Und ab durch die Mitte, solange es noch geht. Es ging noch, und tags drauf stand überhaupt nichts über den Zwischenfall im Heraldo. Vielleicht war's gar nichts. Ein bisschen vorsichtig muss man halt immer sein im kolumbianischen Fußball.

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.