So war das Jahr der 05er

Jörg Schneider. Mainz.
2014 – ein ereignisreiches und spannendes Jahr für den FSV Mainz 05 in der Bundesliga mit vielen Höhen und einigen Tiefen, aufregend und facettenreich. Mit Erfolgen und Niederlagen, alten und neuen Protagonisten. Die nullfünfMixedZone beleuchtet noch einmal die vergangenen zwölf Monate der Fußballer vom Bruchweg mit Geschichten, Bildern und Zahlen, mit Besonderheiten und Randerscheinungen. Heute im Rückblick: Von Trainer zu Trainer, von Platz neun zu Platz zwölf.

Thomas Tuchel hat dem Klub mit seinem Rückzug ein schwieriges halbes Jahr beschert. Foto: ImagoDie Bühne war bereitet für eine rauschende Ballnacht. Es sollte ein stimmungsvoller Abschluss werden, ein würdiges Ende einer großartigen Saison, ein Fest zum Anlass eines herausragenden Erfolges. Platz sieben in der Bundesliga und zum zweiten Mal das Ticket für die europäische Bühne gelöst. Viel mehr kann ein Klub wie der FSV Mainz 05 sportlich nicht erreichen. Das, was dem 3:2-Erfolg gegen den Hamburger SV am letzten Spieltag der Saison 2013/14 folgte, ähnelte allerdings mehr einer Trauerfeier mit einem kollektiven Kater. In der Stunde des außergewöhnlichen Erfolges stürzte ausgerechnet der Erfolgstrainer den FSV Mainz 05 ins Chaos.

Thomas Tuchel machte nach dem HSV-Spiel und dem Erreichen der Europapokal-Qualifikation öffentlich, was nach und nach durchgesickert war. Der Trainer nahm noch am selben Tag seinen Hut, beendete nach fünf erfolgreichen Jahren seinen Dienst am Bruchweg und verabschiedete sich in ein Sabbatjahr. Tuchel beendete damit einen Prozess, der sich über Monate hingezogen hatte und immer wieder zwischen dem Trainer und dem Manager diskutiert worden war, wie es Christian Heidel in einer Pressekonferenz beschrieb. Begonnen hatte das Ganze zum Rückrundenstart im Januar 2014. Tuchel erklärte Heidel, er habe den Eindruck, dass sein Anteil am Erfolg der Mannschaft kleiner werde, und der der Mannschaft größer. „Er hatte das Gefühl, dass er keine frischen Ideen mehr habe für Mainz 05, der Mannschaft nichts Neues mehr geben könne“, berichtete Heidel. „Thomas sagte, er habe alle Register gezogen. Das Ganze sei nicht mehr zu toppen, und er habe das starke Gefühl, dass ein Wechsel stattfinden müsse.“

Auszeit für ein Jahr

Es folgten weitere solcher Gespräche, die irgendwann dazu führten, was an diesem 10. Mai 2014 dann zum Fakt wurde. Und es stellte sich heraus, dass Tuchel in dieser Zeit Verhandlungen mit anderen Klubs geführt hatte. In erster Linie mit dem FC Schalke 04. „Wir waren schon etwas überrascht, was da alles gelaufen ist“, sagte Heidel. „Wir haben das diskutiert und ausgeräumt. Dass uns nicht alles gefallen hat, ist ein anderes Thema. Er hat auch gesagt, er sei nicht stolz darauf, das getan zu haben.“ Jedenfalls gab der 05-Manager allen Klubs, auch Schalke, unmissverständlich zu verstehen, dass die Chance, Tuchel vorzeitig zu verpflichten, bei Nullkommanull liegt. Tuchel nahm also ein Jahr unbezahlten Urlaub, zog sich zurück ohne Gehaltsfortzahlung und musste zu seinem Arbeitgeber kommen, wenn er aus diesem Konstrukt heraus wollte. Was bis heute nicht geschehen ist.

Tuchel selbst blieb der Pressekonferenz des Klubs fern, auf Anraten Heidels, der es nicht für ratsam hielt, gemeinsam vor die Medien zu treten und dort unterschiedliche Auffassungen zu formulieren. Der 05-Trainer verschickte stattdessen eine persönliche Erklärung an die Presse. Er habe seine Entscheidung dem Verein im Januar mitgeteilt“, erklärt Tuchel darin. „In keinem Gespräch mit einem Verantwortlichen von Mainz 05 habe ich um eine Freigabe für einen anderen Verein oder um die Auflösung meines Vertrages gebeten. Stattdessen habe ich immer eine einvernehmliche Lösung mit dem Verein angestrebt, mit dem Wissen, dass in jedem Fall eine vertragliche Bindung bis zum Sommer 2015 bestehen bleiben würde.“

Viel Detailarbeit auf dem Trainingsplatz: Kasper Hjulmand erklärt Jairo, Pablo de Blasis, Sami Allagui und Ja-Cheol Koo (von links) die Übung. Foto: Jörg SchneiderDamit war jedenfalls eine erfolgreiche Ära beendet. Nicht einmal in den fünf Jahren unter Thomas Tuchel standen die Mainzer in der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz. Ein schweres Erbe für den Nachfolger, der inzwischen sein erstes Halbjahr hinter sich gebracht hat. Auf Platz zwölf der Tabelle. Mainz 05 blieb in der Vorrunde erneut oberhalb der Abstiegsränge, trotz einer schwierig verlaufenen Vorrunde unter Kasper Hjulmand, dem neuen Trainer.

Der 42-Jährige war bis zum Sommer ein hierzulande weitgehend unbekannter Trainer. Das ist in Mainz nicht ungewöhnlich. Hjulmand kam für Uneingeweihte genauso aus dem leeren Raum wie vor ihm Tuchel, wie Jürgen Klopp. Heidel holte den Coach vom dänischen Provinzklub FC Nordsjaelland, den Hjulmand zum Titelgewinn und zur Vizemeisterschaft geführt hatte. Christian Heidel hatte Hjulmand erstmals im November 2012 bewusst wahrgenommen. Zufällig. Der 05-Manager sah aus völlig anderen Motiven das Erstligaspiel des FC Nordsjaelland gegen den Randers FC und staunte über den für Dänemark untypischen Fußball des FCN, der ungewöhnlich großen Wert auf Pressing und Kombinationen legte. Die erste Kontaktaufnahme geschah im April 2014 und beeindruckte Heidel schwer: „Er hat mir sehr ausgiebig seine Art des Fußballs erklärt und viele Dinge gesagt, bei denen ich dachte: Das ist doch Mainz 05! Zwei sind aufeinandergetroffen, die die gleiche Vorstellung vom Fußball haben." Dass er eine kurzfristige Lösung suchte, konnte Heidel noch nicht verraten, aber große Bedenkzeit benötigte der 05-Manager nicht. "Wir gehen mit einem Trainer in die nächsten drei Jahre, der vieles fortführt, was wir in Mainz seit geraumer Zeit praktizieren, uns aber auch viele neue Einflüsse zuführen wird."

Fluktuation und Verletzungen

Die Einflüsse, die der neue Mann dem Klub und dessen Mannschaft zuführte, waren in der Tat neu und umfangreich. Und sorgten bis zum heutigen Tag immer wieder für Diskussionen. Hjulmand veränderte die Mainzer Spielweise. Grob zusammengefasst war fortan Feierabend mit dem auf Pressing und Balljagd, Balleroberung und schneller Umschaltung basierenden Tuchel-Stil. Hjulmand setzte verstärkt auf eigenen Ballbesitz, auf fußballerische Dominanz, auf den eigenen Spielaufbau mittels eingeübter Passfolgen und Kombinationsspiel aus der eigenen Abwehr heraus. Ein anderer Weg, neue Herangehensweisen. Taktisch ebenso flexibel wie vorher. In Sachen Taktik und Strategie ist auch der neue 05-Trainer ein Meister seines Fachs.

Die schwere Verletzung von Jonas Hofmann war eines der gravierenden Probleme der 05er in der Vorrunde. Foto: ImagoDoch das Ganze gestaltete sich schwierig. Am Bruchweg setzte eine große Fluktuation ein. Ein gutes Dutzend Spieler gingen. Darunter Leistungsträger der vergangenen Jahre und erfolgreiche Torschützen. Wie Zdenek Pospech, der eine überragende letzte Saison als rechter Außenverteidiger spielte. Nicolai Müller, der Konterstürmer schlechthin. Eric Maxim Choupo-Moting, zuverlässiger Torschütze und einer der besten Dribbel- und Außenstürmer der Liga. Da ging eine Menge an Qualität flöten. Besonders in der Offensive.

Es dauerte bis zum letzten Tag der Transferperiode Ende August, bis der neue 05-Kader komplett war. Insgesamt mit einem Dutzend neuer Spieler. Die Maßnahmen des Trainers und dessen Umbauarbeiten erforderten viel Zeit und Geduld. Und gravierende Rückschläge. Das Kapitel Europapokal war schnell beendet. Die 05er verabschiedeten sich sang- und klanglos gegen den griechischen Klub Asteras Tripolis. Da passte noch nicht viel zusammen. Ebenso wie in der Pleite zum Auftakt des DFB-Pokals, als Hjulmand und dessen Team am Drittligisten Chemnitzer FC scheiterten.

Eine Woche vor dem Bundesligastart bei Aufsteiger SC Paderborn stand der neue Trainer vor einigen besorgniserregenden Groß-Baustellen. Doch dann folgte ein völlig unerwarteter Bundesligastart. Acht Spiele in Folge blieben die 05er ungeschlagen. Die Stimmung änderte sich, trotz aller Schwierigkeiten und trotz der veränderten Spielweise schienen die 05er auf dem Weg, sich erneut im oberen Mittelfeld der Tabelle etablieren zu können.

Doch die Probleme waren nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Verletzungssorgen begleiteten die Mannschaft durch die komplette Vorrunde. Am Ende musste Hjulmand auf sieben Leistungsträger verzichten, die eigentlich in die Startelf gehörten. Darunter Jonas Hofmann. Der Neuzugang aus Dortmund war überragend eingeschlagen, hatte etliche Probleme im Angriff mit seiner Spielwiese und als Torschütze beheben können. Bis zu seiner schweren Knieverletzung nach sechs Spieltagen. Von den übrigen Zugängen hat sich Daniel Brosinski, der Rechtsverteidiger, als Stammspieler etabliert. Die übrigen Profis zeigten immer wieder mal ihr Potenzial, sind aber bis heute Entwicklungsspieler geblieben. Oder sind, wie Philipp Wollscheid (von Bayer Leverkusen gekommen) durch Verletzungen zurückgeworfen worden.

Große Herausforderungen

Den acht Spielen ohne Niederlage folgten neun Begegnungen ohne Sieg. Platz zwölf mit 18 Punkten lautet die Vorrundenbilanz. Die Diskussionen um Hjulmands Trainer-Philosophie sind nicht beendet. Aber die Partie gegen den FC Bayern München, diese unglückliche Last-Minute-Niederlage, hat zumindest gezeigt, dass der Däne eine Mannschaft auf den Platz bringen kann, die den Über-Bayern ein überragendes Spiel anbieten und dem Meister ein ebenbürtiger Gegner sein konnte.

Die Distanz zu den Abstiegsrängen ist jedoch gering. Das betrifft die 05er und etliche Klubs mehr im Mittelfeld. Diese Saison ist und bleibt eine diffizile Angelegenheit für Mainz 05. Ein Kampf, dem sich der Tuchel-Nachfolger stellen und den Hjulmand bestehen muss. „Für uns war 2014 ein sehr erfolgreiches aber durch den etwas spektakulären Trainerwechsel auch ein sehr schwieriges Jahr mit großen Herausforderungen“, sagt Christian Heidel. „Das wird sich wohl in 2015 nicht ändern. Darauf müssen und werden wir uns einstellen.“

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