Spielabbruch nach Drohnenflug

Christian Karn. Mainz.
Eine unschöne Geschichte wird Filip Djuricic nach seiner Rückkehr nach Mainz erzählen können. Das EM-Qualifikationsspiel seiner serbischen Nationalmannschaft gegen Albanien wurde nach 42 Spielminuten abgebrochen, weil sich der Hass im Publikum nach einem Drohneneinsatz auf den Platz übertrug und die Situation eskalierte. In einem bis dahin weitgehend fairen Spiel stand es 0:0.

Das jähe Ende eines Länderspiels: Links wird der aufgebrachte serbische Ersatztorwart Zeljko Brkic von den eigenen Leuten einkassiert, während rechts der albanische Kapitän Lorik Cana zwar den serbischen Hooligan im Griff hat, der auf seinen Mitspieler Bekim Balaj losgegangen ist, seine Kollegen Burim Kukeli und Elseid Hysaj aber noch nicht den serbischen Ordner. Foto: imagoDie junge Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 hat ihren ersten handfesten Skandal. Das Spiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad wurde nur 42 Minuten alt. Dann flog eine Drohne mit albanisch-revisionistischer Propaganda durch das Stadion, die SItuation eskalierte, der englische Schiedsrichter Martin Atkinson unterbrach die Partie zunächst und brach sie 45 Minuten später endgültig ab.

Die Beziehung zwischen Albanien und Serbien ist nicht frei von Spannungen, vornehm formuliert. Das lässt sich zurückführen auf das Osmanische Reich, innerhalb dessen Grenzen bis weit ins 19. Jahrhundert der komplette Balkan lag. Schon zu Beginn des Jahrhunderts verstärkten sich im europäischen Teil des Vielvölkerstaats separatistische Strömungen; 1830 waren die Serben innerhalb des Reichs weitgehend autonom, im gleichen Jahr wurde Griechenland unabhängig. Im Krimkrieg (1853-56) konnten die Osmanen noch mit europäischer Unterstützung russische Expansionsversuche abwehren, aber nach einem weiterer Krieg gegen Russland 1878/79 war der Zusammenbruch der einstigen Großmacht nicht mehr aufzuhalten. Bulgarien, Rumänien, Serbien und Montenegro wurden 1878 (in völlig anderen Grenzen als heute) unabhängig, Bosnien-Herzegowina fiel an Österreich-Ungarn, nach weiteren Kriegen 1912 und 1913 blieb vom europäischen Teil nur noch das kleine Eckchen nordwestlich Konstantinopels übrig, das heute noch zur Türkei gehört.

Die Grenzen der jungen Staaten verschoben sich mehrmals, erst nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine gewisse Stabilität. Die Eroberungen der Achsenmächte Deutschland und Italien im Zweiten Weltkrieg wurden nach deren Niederlage fast exakt wieder rückgängig gemacht; lediglich ein kleiner italienischer Streifen an der Adriaküste fiel an Jugoslawien, das 1918 ausgerufene "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" - weitere Völker gehörten dazu, wurden aber nicht genannt -, das 1946 in eine Bundesrepublik umgewandelt wurde und ab 1992 begleitet von Kriegen zwischen den Bundesstaaten und Ethnien zerbrach. Bis dahin war Jugoslawien ein weiterer Vielvölkerstaat; zu keinem Zeitpunkt homogen und wohl nicht richtig ausgereift. Zuerst trat das (reiche) Slowenien aus; der folgende Krieg im Sommer 1991 dauerte nur zehn Tage, in denen insgesamt 62 Soldaten starben. Der anschließende Krieg um Kroatien war mit je nach Quelle rund 20.000 Toten in vier Jahren bereits wesentlich hässlicher und endete 1995 mit der kroatischen Unabhängigkeit und einem weiteren Krieg um den zu mehr oder weniger gleichen Teilen von Bosniern und Serben bewohnten Teilstaat Bosnien und Herzegowina, in dem rund 100.000 Menschen starben; zehnmal so viele flohen ins Ausland.

Der Kosovo-Krieg 1998/99, an dem sich auch die deutsche Bundeswehr beteiligte, endete schließlich mit dem Rückzug der jugoslawischen Streitkräfte, einer völlig unklaren, vermutlich fünfstelligen Zahl von Todesopfern, letztlich aber ohne konkretes Ergebnis. Die genaue Rolle des Kosovo, der offiziell zunächst zu Jugoslawien, dann zur Republik Serbien gehörte, mehrheitlich von Albanern bewohnt wird, möglicherweise nie eine serbische Bevölkerungsmehrheit hatte - unter Historikern konnte diese Frage noch nicht eindeutig geklärt werden - und sich 2008 für unabhängig erklärte. 109 UN-Mitgliedsstaaten erkennen die Republik Kosovo als autonomen Staat an, darunter alle westeuropäischen Staaten außer Spanien und dem Vatikan; für diese beiden und 82 weitere Nationen ist Kosovo weiterhin ein Teil Serbiens. Die Republik Serbiens selbst sieht die Region weiterhin als autonome Provinz an, betont aber, in der Praxis keine Souveränität über diese zu haben, und versucht nicht, sie zu erlangen.

Soweit der Exkurs zur politischen Lage im Westen der Balkan-Halbinsel. Unter den Bevölkerungen der betroffenen Länder - inklusive Albanien - sieht das ganz anders aus. Ein gegenseitiger Hass zwischen Albanern und Serben ist recht weit verbreitet. Und das war das Problem dieses Fußballspiels. Albanische Fans waren nicht zugelassen - ebensowenig wie Serben im Rückspiel -, ein paar hundert sollen dennoch im Stadion gewesen sein. Die Stimmung war zunächst gemäßigt feindselig; nach rund einer halben Stunde flogen die ersten Leuchtkugeln in Richtung albanischer Eckballschützen, aber die spürbar genervten serbischen Spieler konnten dem Publikum klar machen, mit dem Zirkus aufzuhören. Das Spiel selbst war bis auf einen Ellbogenschlag gegen die Nase des albanischen Mittelfeldspielers Burim Kukeli, den Atkinson übersah, bemerkenswert fair.

Solange in Belgrad Fußball gespielt wurde, war Filip Djuricic kein schlechter Zehner für das serbische Team. Foto: Jörg SchneiderDann flog in der 42. Minute eine kleine Hubschrauberdrohne ins Stadion. An einer langen Kordel hing eine Fahne mit dem albanischen Doppeladler in den Grenzen Groß-Albaniens, einer von extremen albanischen Nationalisten geforderten Staats mit allen mehrheitlich von ethnischen Albanern bewohnten Gebieten, darunter Teilen Griechenlands, Mazedoniens, dem Kosovo - und serbischen Gebieten. Atkinson unterbrach zunächst die Partie, der serbische Verteidiger Stefan Mitrovic vom SC Freiburg schnappte sich schließlich die Fahne, holte an der eigenen Leine die Drohne ein und bekam Ärger mit Taulant Xhaka vom FC Basel, dem Bruder des Gladbachers Granit Xhaka, einem der sieben Kosovaren in der albanischen Startelf, der mit Mitrovics Aktion nicht glücklich war. Es gab Tumulte und Rangeleien auf dem Rasen, eine überschaubare Anzahl von Personen, die sich offenbar teilweise grundsätzlich im Innenraum aufhalten durften, liefen auf den Platz und mischten mit. Atkinson blieb ruhig, verhandelte über sein Headset mit seinen Kollegen und pfiff das Spiel nach drei Minuten zunächst ab.

Auf den Rängen blieb es relativ ruhig. Es gab "Tötet die Albaner"-Rufe, aber keinen Platzsturm. Nach serbischen Berichten sollen sich die albanischen Spieler geweigert haben, vor Publikum weiterzuspielen; unabhängige Bestätigungen dafür gibt es bislang nicht. Nach einer Dreiviertelstunde stand fest, dass das Spiel nicht fortgesetzt würde.

Solange Fußball gespielt wurde, gehörte die Partie zunächst den Serben. Filip Djuricic spielte als Zehner einige gute Pässe, aber die Empfänger kamen nicht zu eindeutigen Abschlüssen. Die albanischen Innenverteidiger Mergim Mavraj (1. FC Köln) und Lorik Cana (Lazio Rom) hatten nach rund einer halben Stunde nach Eckbällen die beiden besten Chancen der Partie, scheiterten aber am serbischen Torwart Vladimir Stojkovic von Maccabi Haifa. Bald danach war Schluss. Wie das angesprochene Spiel behandelt wird, wird die UEFA in Ruhe entscheiden müssen.