Sprachlosigkeit nach historischem Gemetzel

Jörg Schneider. Brüssel
Sie wollten viel gewinnen und haben selbst jede Menge Lehrgeld gezahlt: Die Profis des FSV Mainz 05 haben am Donnerstagabend in der Europaliga die bitterste und höchste Niederlage seit vielen Jahren kassiert, sich mit 1:6 vom RSC Anderlecht demütigen lassen und tragen daran selbst noch den größten Anteil. Den Gegner eingeladen, die Tore geschenkt und selbst bis auf den Treffer von Pablo De Blasis vorne alles verblasen, was kam. „Das Schlimme daran ist, dass wir 80 Minuten lang nicht einmal das schlechtere Team waren. Dass es dann so ausgeht, dafür gibt es im Grunde keine Worte“, sagte Martin Schmidt, der sich trotzdem bemühte das Fiasko einzuordnen.

Am Ende herrschte nur noch Trostlosigkeit. Frustration. Sprachlosigkeit. Der FSV Mainz 05 hat sein eigenes Waterloo in Belgien erlebt. Rund 20 Kilometer vom Schauplatz der Geschichte entfernt, im Brüsseler Stadtteil Anderlecht. Der Vergleich mit dem Historien-Gemetzel, das Napoleon Bonapartes Karriereende bedeutete, ist nicht ganz zulässig, sicher, aber was soll man sagen nach diesem Fiasko im Europapokal? Wie soll man diese bitterste Niederlage der vergangenen zehn Jahre beschreiben. Irritiert und schwer gedemütigt von einem Gegner, der nicht einmal besser war, schon gar nicht um fünf Tore, mussten die FSV-Profis nach diesem 1:6-Debakel die Pfiffe der nach offiziellen Angaben 1291 mit gereisten 05-Anhänger über sich ergehen lassen. Nur ihre Fans hatten an diesem Abend im halbleeren Stadion des RSC Anderlecht eine Vorstellung gegeben, die internationalen Ansprüchen und Maßstäben genügte. Ihre Mannschaft war davon weit entfernt.

Selten hat sich ein Team dermaßen deutlich selbst um alles gebracht. Die ersten drei Tore dem Gegner geschenkt, förmlich aufgedrängt. Die letzten drei Treffer als Zugabe überreicht beim Versuch mit einer Alles-oder-Nichts-Taktik noch irgendetwas zu retten. Und dazwischen? Da dominierten die Mainzer die meiste Zeit das Geschehen. Lehnten aber die Anderlechter Angebote in Form von Abwehrfehlern dankend ab, versiebten genügend Chancen, um am Ende sogar mit einem 6:6 nach Hause gehen zu können. Das ist aber dann doch bei der Vielzahl der Aussetzer vor dem eigenen und dem Tor des Gegners schlichtweg unmöglich gewesen.

„Das ist die schlimmste Niederlage, seit ich mit dieser Mannschaft arbeite“, sagte Martin Schmidt nachher kleinlaut und sichtlich bemüht, die richtigen Worte für das zu finden, was eigentlich nicht erklärbar, nicht nachvollziehbar war. „Das Schlimme daran ist, dass wir 80 Minuten lang nicht einmal das schlechtere Team waren. Dass es dann so ausgeht, dafür gibt es im Grunde keine Worte.“ Vor allen Dingen nützt es nichts, darüber zu philosophieren bei sechs Gegentreffern.

Der 05-Trainer war nach dem 1:3 Mitte der zweiten Halbzeit volles Risiko gegangen, hatte die Viererkette aufgelöst, hinten nur noch mit drei Leuten verteidigt und Stürmer nachgewechselt. „Wir wollten unbedingt das zweite Tor machen. Danach hat es doch auch gerochen in dieser Phase. Alleine unsere drei Großchancen in dieser Zeit gaben uns das Gefühl, wir können dieses Risiko gehen. Am Ende muss man sagen, es war wohl zu viel Risiko.“ Könnte man sagen, doch gegen diese immer anfällige Anderlecht-Abwehr, gegen diese in der Defensiv-Umschaltung absolut nicht überzeugenden Belgier war das Risiko gerechtfertigt. Wenn vorne nur irgendetwas gegangen wäre. Doch vorne ging einfach absolut nichts. Die permanenten Ballverluste am Strafraum, bei den Pässen ins letzte Drittel, die leichtfertigen Fehlpässe im Mittelfeld nutzte der Gegner zu Konter. „Wir standen da viel zu offen auf dem Platz und haben jedesmal in der Vorwärtsbewegung den Ball verloren. Das war so etwas von unsauber und ungenau. Mit diesen Bällen haben wir den Gegner eingeladen. Die ersten drei Tore haben wir dem Gegner geschenkt. Die letzten drei allerdings auch.“ Am Ende ging alles den Bach runter. Auflösungserscheinungen. Warum seit einiger Zeit ein Fehlpass in der 05-Defensive fast gleichbedeutend ist mit einem Gegentor, gehört ebenfalls zu den Mysterien dieser Saison und dieser Mannschaft.

Vielleicht der entscheidende Moment: Zu viele Verteidiger sind im Strafraum, zu wenige bei Niculae Stanciu. Und mit dessen 2:1 entgleitet den 05ern ein Spiel, das sie eigentlich unter Kontrolle hatten. Foto: imagoUnd warum im Moment die Stürmer, egal wie sie heißen, in aussichtsreichsten Situationen, teilweise nur drei Meter vor dem Tor oder im Duell mit dem Torhüter, die Bälle nicht im Kasten unterbringen, ist ein Phänomen, für das an diesem Abend überhaupt niemand eine Erklärung parat hatte. Müdigkeit? Stress? Unerfahrenheit? Das wäre sicher zu einfach, auch wenn‘s vielleicht irgendwie schon in die Richtung geht. „Wir hatten doch Chancen im Minutentakt. Pablo De Blasis, Jhon Cordoba, Yunus Malli. Alleine die hätten doch längst für den Ausgleich sorgen müssen“, sagte Schmidt nachdenklich. Doch alle scheiterten. Alle ziemlich kläglich.

Der Trainer nahm seine Leute nach dem Debakel alle mit in die Kabine und war hinter verschlossenen Türen um Schadensbegrenzung bemüht. „Da wird nichts schöngeredet, aber auch nicht gebrüllt“, sagte der 49-Jährige. „Man muss da schon Fassung bewahren, denn es muss ja weiter gehen. Wir haben in drei Tagen ja schon wieder einen genauso schweren Auftrag vor uns. Da darf man das Ganze nicht noch schlimmer machen.“ Nicht mit dem Holzhammer draufhauen, trotzdem aber deutliche Worte finden. Die ganze Geschichte gründlich aufarbeiten, Missstände ansprechen und möglichst schnell ausmerzen. „Das Team ist nach einem solchen Fiasko erst einmal so tief im Keller, dass man schwer etwas Positives findet. Wir trauen uns aber zu, dass wir das wieder positiv hinkriegen und gerade rücken.“

Er habe viele junge Spieler im Kader, so der Schweizer. Profis, die zum ersten Mal solche internationalen Auftritte erleben. „Die haben nun sehr viel Lehrgeld bezahlt.“ Am besten gehe man damit um, dass die Mannschaft nun eine Wagenburg bilde, sich abschotte, die Fehler bei sich selbst suche und sich berapple. „Dazu gehört aber auch, den berechtigten Unmut der Fans zu akzeptieren. Für die ist das ebenfalls ein schlimmer Tag gewesen.“
Diese Niederlage in dieser Höhe ist nicht so leicht zu verkraften und wird nachwirken. Schmidt hat in Anderlecht betont, dass er nun als Trainer besonders gefordert sei. Denn die Nachwirkungen dürfen nicht dazu führen, dass diese Pleite nun einen Knick in der bisher soliden Saison bedeutet und weitere Negativerlebnisse nach sich zieht. Am Sonntag geht‘s weiter mit dem schweren Auswärtsspiel in Leipzig. Die Mainzer haben nun auf internationalem Parkett einen Tiefschlag erlebt, der alle europäischen Ambitionen noch vor Weihnachten begraben könnte. „Wir lassen uns aber keinen Knacks einreden“, sagte Schmidt trotzig. „Wir werden alles aufarbeiten. Und wir kriegen das wieder hin.“ 

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