Stein schlägt Schere

Christian Karn. Saint-Étienne.
Bis in die Nachspielzeit war noch ein Fünkchen Hoffnung da, noch in der 93. Minute waren die Angreifer lange im gegnerischen Strafraum. Am Ende hat's für den FSV Mainz 05 nicht gereicht, sie haben auf die womöglich frustrierendste Weise die letzte Chance aufs Erreichen der K.o.-Phase der Europa League verloren: Die AS Saint-Étienne wollte nach schwungvollen ersten 20 Minuten nur noch das 0:0 und verteidigte das gegen die engagierten, aber ohne Schärfe gegen die massive Abwehrmauer anrennenden 05er bis zum Schlusspfiff.

AS Saint-Étienne - FSV Mainz 05 0:0

Donnerstag, 24. November 2016, 21.500 Zuschauer.

AS Saint-Étienne: Ruffier - Théophile-Catherine, Perrin, Pogba - Saivet, Veretout (90+2. Lacroix), Selnaes, Polomat - Tannane, Roux (83. Pajot), Monnet-Paquet (59. Nordin).
Reserve: Moulin, Dabo, Mbengue, Malcuit. Trainer: Galtier.

FSV Mainz 05: Lössl - Brosinski, Balogun, Bell, Bussmann (83. Jairo) - Gbamin (83. Seydel), Ramalho (65. Frei) - Öztunali, Malli, Onisiwo - Córdoba.

Schiedsrichter: Nijhuis (Niederlande).

Tore: keine

Gelbe Karten: Perrin, Veretout - Brosinski, Balogun, Öztunali, Onisiwo.

Ein Spiel noch, dann war's das für den FSV Mainz 05 in dieser Saison mit dem Europapokal. Egal, was die 05er in vierzehn Tagen gegen den Qäbälä FK veranstalten, egal was im Spitzenspiel zwischen dem RSC Anderlecht gegen die AS Saint-Étienne passiert: Nach dem 3:1 der Belgier in Aserbaidschan und dem 0:0 der 05er in Frankreich werden die 05er die obere Tabellenhälfte nicht mehr erreichen können. Sie werden Dritter bleiben, wahrscheinlich in einer weitgehend ausgeglichenen Gruppe mit nur einer Niederlage, während die Franzosen nun auch das zehnte internationale Heimspiel in Folge ungeschlagen geblieben sind.

Es war eine schwierige Mission. Der Trainer des französischen Rekordmeisters hatte zwar angekündigt, sich nicht hinter einem 0:0 verstecken zu wollen, aber nach einem schwungvollen ersten Viertel tat die ASSE genau das. Nur in der ersten Phase griffen die Franzosen ernsthaft an, konterten sie, brachten sie die 05-Abwehr ins Schwimmen, waren sie dennoch weitgehend harmlos. Danach kam - bis auf einen Pfostenschuss in der 82. Minute - nach vorne gar nichts mehr.

Die Mainzer begannen konfus auf dem schlammigen, weichgeregneten Spielfeld im halbleeren Stade Geoffroy-Guichard. Zwar bekam Leon Balogun in der vierten Minute das lange Bein in den sonst wohl tödlichen Querpass, zwar fing Stefan Bell den nächsten Konter schon an der Mittellinie ab (5.), zwar hatten die 05er in der siebten Minute einen schwierigen und ungenauen Kopfball von Jhon Córdoba und in der achten einen Abschluss von Yunus Malli, der den Querpass auf den freien Levin Öztunali hätte versuchen können, aber dazu den Ball technisch anspruchsvoll an zwei Verteidigern hätte vorbeibringen müssen, aber wirklich zusammenhängend war das alles nicht. Die ASSE bekam in der Rückwärtsbewegung das Mittelfeld nicht zu, hatte aber am Strafraum mit ihren drei bis fünf mehrheitlich riesigen Verteidigern eine massive Mauer aufgebaut, entwertete damit die großen Räume, die die 05er ab dem Mittelkreis hatten. Auch diese waren im Mittelfeld durchlässig, verteidigten unsauber, bekamen hinten alles weg, aber konnte das lange gutgehen?

Konnte es, weil sich Saint-Étienne bald völlig zurückzog. Spätestens der Öztunali-Schuss nach miserabler Abwehr von Florentin Pogba (12.) war das Warnsignal für die Franzosen, dass ihr Offensivdenken nach hinten losgehen könnte. Sie ließen die Mainzer sich abmühen, sie überließen ihnen die Mainzer Hälfte und große Zonen jenseits der Mittellinie, verließen sich auf die Defensive. Karim Onisiwo schoss mal übers Tor (31.), aber das war eigentlich keine echte Chance. Erst in der 43. Minute kam der erste einigermaßen gefährliche Ball aufs Tor der Franzosen; der Innenverteidiger Loic Perrin (hatte schon Gelb, durfte sich von da an überhaupt nichts mehr leisten, leistete sich überhaupt nichts mehr) fällte Córdoba direkt vor dem Strafraum - im Grunde zu nah für einen Freistoß. Malli stellte sich der schwierigen Aufgabe, machte es gut, brachte den Ball um die Mauer herum oben rechts aufs Torwarteck - Stéphane Ruffier, der ehemalige französische Ersatz-Nationalkeeper, sah die Kugel rechtzeitig und klatschte sie zur Ecke weg. Der Eckball war unbrauchbar, der Konter lief und blieb stecken, mehr war nicht drin in der ersten Hälfte. Trotzdem: Die 05er hatten die besseren Chancen, die ASSE kam auch in ihren besseren Phasen kaum zum Abschluss.

Und in der zweiten Hälfte überhaupt nicht mehr; bis zur 82. Minute gab es nicht mal den Versuch eines Torschusses seitens der Franzosen, nach der 82. Minute keinen zweiten Versuch mehr. Die 05er hatten das Spiel bereits weit nach vorne verschoben. Das defensive Mittelfeld (anfangs Jean-Philippe Gbamin und André Ramalho, nach einer guten Stunde ersetzte Fabian Frei den Brasilianer) hatte seine Zone längst im Griff, auf den Flügeln spielten die Mainzer guten Fußball - mit Córdoba allein kann man freilich eine erfahrene französische Abwehr kaum erschrecken. Die kennt diesen Stürmertyp aus ihrer Liga, die hat selbst die wuchtigen Brocken in ihren Defensivreihen. Und Malli fand oft die Lücken nicht, die er gebraucht hätte. Yoshinori Muto hätte in diesem Spiel wohl wertvoll sein können; der Japaner ist aber nach seiner Verletzung aus Baku noch nicht fit.

In der 47. Minute hätte der türkische Nationalspieler vielleicht treffen können, sein Schuss aus dem linken Rückraum wäre vielleicht gefährlich geworden - Perrin kam mit dem Kopf dran, klärte das. Ole Selnaes, der Sechser der ASSE, fälschte in der 51. Minute einen Pass von Öztunali fies ab, tunnelte beinahe den eigenen Torwart - der starke Ruffier kam schnell genug herunter und verhinderte das Eigentor. Öztunali hatte keine völlig schlechte Schussposition, schoss aber zu schwach; der lange Pass von Córdoba vom linken Flügel über die weit zu ihm gerückte Abwehr war auch ein bisschen zu lang. Solche Szenen gab es in der zweiten Hälfte, sie hätten das Tor bringen können, wären sie ein bisschen präziser gewesen.

Auch der wuchtige Jhon Córdoba fand gegen die Abwehrmonster der AS Saint-Étienne kein Mittel. Gegen Florentin Pogba gab's in dieser Szene immerhin einen Freistoß. Foto: imagoOnisiwos Flanke auf Córdoba war in der 73. Minute ein bisschen ungünstig; der Kolumbianer musste im Rückwärtslaufen einen gefährlichen Kopfball schaffen. In Stuttgart war ihm das im Mai gelungen, diesmal klappte es nicht; der Raum war da, der Kopfball war platziert, aber nicht scharf genug, Ruffier hielt. Onisiwo selbst gab einen technisch schönen Drehschuss ab, verfehlte aber das Tor (75.). Die Mainzer kontrollierten das Spiel inzwischen total, mussten kaum noch in die eigene Hälfte zurück, wurden aber einfach nicht gefährlich, waren nie zwingend, kamen nicht durch die Abwehrmauer. Und hätten in der 82. Minute beim einzigen Entlastungsangriff um ein Haar das 0:1 kassiert.

Oussama Tannane war's, der marokkanische Nationalspieler, schon in der ersten Hälfte der gefährlichste Spieler der ASSE, der auf einmal Balogun und Bussmann wegrannte, von rechts den linken Innenpfosten traf; der Abpraller flog fast parallel zur Torlinie knapp am anderen Pfosten vorbei. Glück gehabt, nichts passiert.

Martin Schmidt wechselte jetzt offensiv. Keine Rücksicht mehr auf Verluste, all in. Jairo Samperio kam für Bussmann, Aaron Seydel, der junge Mittelstürmer der U23, der schon unter Thomas Tuchel sein erstes Testspiel mit der Profimannschaft bestritten, aber noch nie in einen Pflichtspielkader berufen worden war, kam für Gbamin. Den Ansatzpunkt für die Brechstange aber fanden die 05er nicht mehr. Sie probierten es, sie stemmten sich gegen das 0:0, aber es reichte nicht. Noch in der 93. Minute waren sie lange im Strafraum der Franzosen, diese aber ließen ihnen keine Lücke. In der 94. Minute schlug Ruffier den letzten Ball weg. Kein Happy End für die Mainzer, Stein schlug Schere, die drei Punkte aus den vier Spielen gegen die beiden Rekordmeister der westlichen Nachbarländer und das fehlende Auswärtstor sind am Ende zu wenig zum Weiterkommen.

Immerhin bekamen die auslaufenden Spieler den Trost ihres Publikums - das wurde ohnehin erst nach Betriebsschluss der Straßenbahnen aus dem Gästeblock gelassen.

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