Still abwärts

Christian Karn. Freiburg.
Mainz 05 verliert vor sich hin. Dem 1:2 in Darmstadt, dem 0:1 gegen Schalke, dem 1:2 in Ingolstadt, dem 2:3 gegen Leipzig folgte ein 0:1 in Freiburg. Die Tordifferenz ruiniert man sich nicht auf die Tour. Aber alles andere. Zwar war's ein viel besserer, weil viel weniger fahrlässiger Auftritt als in den anderen Auswärtsspielen, zwar gab es tatsächlich schon wieder Torchancen, aber von der Leistung gegen Leipzig aus war's schon wieder ein großer Rückschritt. Auf dem Abstiegsplatz steht Mainz 05 immer noch nicht. Aber das kann sich schon morgen ändern - die Konkurrenz hat halt noch nicht gespielt.

SC Freiburg - FSV Mainz 05 1:0 (0:0)

Samstag, 8. April 2017, 24.000 Zuschauer.

SC Freiburg: Schwolow - Kübler, Söyüncü, Kempf, Ignjovski - Frantz (69. Petersen), Schuster, Abrashi, Grifo (90+1. Günter) - Haberer (84. Bulut), Niederlechner.
Reserve: Klandt, Nielsen, Stenzel, Niedermeier. Trainer: Streich.

FSV Mainz 05: Huth - Donati, Bell, Hack, Brosinski - Öztunali (82. Bojan), Ramalho (59. Frei), Latza, de Blasis (82. Holtmann) - Muto, Córdoba.
Reserve: Watkowiak, Balogun, Bungert, Serdar. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Osmers (Bremen).

Tor: 1:0 Petersen (70., Kübler)

Gelbe Karten: Bell, Ramalho, Latza.

Das engagierte, mutige Spiel gegen Leipzig war nur eine Eintagsfliege. Beim anderen Aufsteiger spielten die 05er nicht ganz so schlecht als in den vorherigen Auswärtsspielen, waren kämpferisch besser dabei, aber fußballerisch war's nichts. Der SC Freiburg tat nicht allzu viel für den Sieg, begnügte sich die meiste Zeit damit, den eigenen Strafraum zu sichern, machte selbst das nicht so richtig gut, schoss aber das einzige Tor der Partie.

Die Mainzer Mannschaft war vor dem Spiel mit dem 100-Prozent-Einsatz-Banner der Fanszene vor dem Gästeblock. Allerdings nicht komplett: Jonas Lössl fiel kurzfristig aus mit Knieproblemen, so kam Jannik Huth, der bisher nur in der zweiten Mannschaft und im tabellarisch bedeutungslosen Europa-League-Spiel gegen Qäbälä gespielt hatte. Ebenfalls wegen Verletzung und Sperren fehlten Jean-Philippe Gbamin, Robin Quaison und der zuletzt eingewechselte Jairo Samperio. Bojan Krkic und Fabian Frei saßen auf der Bank, Danny Latza (nach Sperre), André Ramalho (nach leichter Verletzung), Pablo de Blasis und Yoshinori Muto übernahmen.     

Und der Einsatz war da, lange Zeit. Die 05er hielten das Spiel erst einmal von ihrem Tor weg. Sie griffen an, ohne die ganz große Wucht, auch ohne die ganz großen Räume, weil der SC sich - sicherlich nicht nur unter dem Eindruck von drei Heimspielen ohne Sieg mit 3:9 Toren - nicht allzu sehr für den Ball interessierte, in erster Linie mit zwei Viererketten den Strafraum verkleisterte. Das Prinzip kennt man von den Mainzer Gegnern. Die wissen, wie klein das Mainzer Repertoire unter diesen Bedingungen ist, wie berechenbar, wie hilflos der Gegner.

Und so arbeitete man sich in einem Spiel ohne Höhepunkte aneinander ab. An der 20-Minuten-Marke luchste Jhon Córdoba in letzter Linie Marc-André Kempf den Ball ab, bekam ihn aber nicht schnell genug unter Kontrolle, verlor ihn direkt wieder gegen den Innenverteidiger. Der Kolumbianer spielte wuchtig wie gewohnt, assistiert vom wuseligen Muto, aber die Lücken gab es nicht, in denen die beiden etwas hätten versuchen können. Den allerersten Torschuss gab Vincenzo Grifo in der 24. Minute nach einer Einzelaktion ab und er war harmlos. So ein Offenbarungseid wie in Darmstadt, wie in Ingolstadt war's nicht, wirklich nicht. Sehenswert aber auch nicht. Es könnte daran gelegen haben, dass der SC Freiburg zwar aggressiv auf den Ball ging, aber kaum ernsthaft versuchte, damit etwas anzufangen. Die 05er hatten ihrerseits die erste einigermaßen hoffnungsvolle Szene nach vielen abgeklemmten Ansätzen in der 32. Minute, einen Kombinationskonter von Latza und Levin Öztunali, der aber wieder in der letzten Abwehrreihe steckenblieb.

Donati war der erste Leidtragende der festgefahrenen Zweikampfpartie. Der Italiener krachte in der 34. Minute hart mit Amir Abrashi zusammen, musste eine Weile behandelt werden, kam wieder. Sah in der 42. Minute, wie Mike Frantz aus größerer Entfernung am Tor vorbei schoss, wieder harmlos, immerhin der zweite Torschuss. Der dritte - der erste der Mainzer - kam im weitesten Sinne von Muto, der an der Grundlinie von Caglar Söyüncü abgeschossen wurde; der Abpraller landete beim Torwart (43.). Es war nicht so, dass die 05er es nicht versuchten. Sie kamen nur einfach nicht durch - wegen des Gegners, aber auch mangels Tempo, mangels Präzision. Ramalho, Alex Hack, auch Stefan Bell, der in der allem Kampf zum Trotze weitgehend fairen ersten Hälfte für ein taktisches Foul die einzige Gelbe Karte gesehen hatte, verloren schon in der frühen Phase des Spielaufbaus immer wieder Bälle. In der Doppelspitze kam nicht viel an.

Janik Haberer hatte mit einem akrobatischen Sprung in den Ball nach 48. Minuten die erste ernsthafte Torchance. Das Resultat eines Freistoßes. Jannik Huth verließ sich darauf, dass der Ball am langen Eck vorbeigehen würde - konnte er, ging er, nicht mal knapp. De Blasis machte es in der 50. Minute aus dem Hinterhalt schon etwas besser: Muto hatte einen im Ansatz verunglückten Rückpass von Córdoba gesichert, de Blasis aus spitzem Winkel abgezogen - auf den Körper des blockenden Torwarts, der kurz darauf auch gegen Öztunali klärte. Der Beginn einer besseren zweiten Hälfte? Zumindest passierte an den Strafräumen etwas mehr. Latza verzog, Grifo schoss vorbei, Muto kam zu spät beim Versuch, einen misslungenen Rückpass abzufangen. Harmlos. Alles harmlos.

Martin Schmidt wechselte nach einer knappen Stunde positionsgetreu, brachte Fabian Frei für den schwachen Ramalho, der sich in seiner letzten Szene noch eine dusslige Gelbe Karte geholt hatte - ein neuer Nebenmann für den konstruktivsten Mainzer, den engagierten Latza. Der Effekt: erst einmal keiner, trotz Córdobas Kopfballchance in der 65. Minute - schwer zu nehmen, übers Tor. Vor alle war's Gestocher. Stückwerk mit leicht überlegenen Mainzern - und mit einer dicken Gelegenheit für Córdoba, der in der 68. Minute jedoch an einem schwach abgewehrten Ball vorbei trat.

Der Moment der Niederlage: Drei Mainzer reklamieren Abseits, sind aber nicht im Recht. Foto: VigneronChristian Streich brachte den verheißungsvolleren Einwechselspieler. Nils Petersen. Der kein guter Fußballer ist, aber ein guter Knipser, Sekunden nach seiner Einwechslung in der 69. Minute einfach richtig stand, den Ball nach einem scharfen Querpass ins offene lange Eck schnickte und damit Rekord-Joker der Bundesliga ist. Tragisch für die Mainzer: Ein irreguläres Tor, möglicherweise, wenn nicht, dann begünstigt durch einen Unfall in der Abwehr: Petersen stand nur deshalb nicht abseits, weil Danny Latza vor dem Tor lag. Danny Latza lag vor dem Tor, weil er Sekunden vorher im Gedränge Petersens Ellbogen an den Kopf bekommen hatte. Sollte man abpfeifen - wenn's wirklich Petersen war, der den Mainzer getroffen hatte, und nicht der eigene Torwart. Schwer zu sagen. Córdobas vermeintliches Ausgleichstor ganz kurz darauf zählte nicht - Abseits. Wohl die richtige Entscheidung.

Die Mainzer mühten sich weiter brav ab. Nicht so richtig zielstrebig, nicht so richtig konstruktiv, nicht so richtig zusammenhängend. Was man halt so macht in seiner Ratlosigkeit gegen einen Gegner, der sich nicht ernsthaft gefährdet fühlt, der sowieso nur noch kontern will. Zwei Neue kamen in der 82. Minute. Viel zu spät: Für de Blasis spielte nun Bojan Krkic, für Öztunali kam Gerrit Holtmann. Den hatte man länger nicht mehr gesehen. Seine Bilanz in der verbleibenden Spielzeit: Ein Einwurf und ein Verzweiflungsschuss von der Grundlinie.

Frei hatte Pech in der 88. Minute. Sein abgefälschter Schuss hätte gepasst. Mit einem großen Reflex hielt der Torwart den Ball sogar fest. Und gab ihm noch ein Küsschen. Latza schrammte noch haarscharf an Rot vorbei mit einem Foul an Grifo, das ein bisschen weniger blutig, ein bisschen weniger scharf war als die von José Rodríguez und von Gbamin. Freiburg verschwendete ein bisschen Zeit, die drei Nachspielminuten brachten den Torwart zum letzten Freistoß nach vorne, aber nichts Brauchbares mehr. Fünfte Niederlage in Folge, alle knapp, alle nicht so schlimm für die Tordifferenz, aber alle mit null Punkten für die Tabelle. Und nach dem engagierten Auftritt gegen Leipzig zwar nicht mit einem Rückfall in allerschlechteste Zeiten, aber dennoch ein deutlicher Rückschritt. Auf die Tour geht das nicht mehr lange gut: Wolfsburg verliert zwar weiterhin mit, aber auch das ist nichts wert, wenn die 05er nicht irgendwann auch mal wieder punkten. Die Vorarbeit ist erledigt, schon mit einem Punkt bei Hertha BSC (den man erst einmal holen muss) kann der FC Augsburg morgen die 05er auf den Relegationsplatz schicken. Es wäre die erste Abstiegsplatzierung seit dem 19. Mai 2007.

► Alle Artikel zum Spiel beim SC Freiburg

► Zur Startseite