Südhessen wackelt

Christian Karn. Mainz.
Seit vorletzter Nacht lässt eine Serie von für die Region nicht ungewöhnlich, aber überdurchschnittlich starken Erdbeben Darmstadt und Umgebung wackeln. Es passt zu einem turbulenten Sommer, den der SV Darmstadt 98 erlebt: Nachdem die "Lilien" als seit Jahren designierter Absteiger Nummer 1 immer weiter aufgestiegen sind und zuletzt Eintracht Frankfurt zum ersten Mal seit 1973 auf den zweiten Platz in Hessen schubsten, haben sie vor der neuen Saison eine halbe Stammelf und den Trainer verloren. Die neue Mannschaft ist zuhause noch ungeschlagen, auswärts aber vor dem Spiel in Mainz am Sonntag noch ohne Punkt und ohne Tor.

Ist hier jemand abergläubisch? Will hier jemand ein Omen? Die Erde hat bei Darmstadt gebebt, dreimal seit vorletzter Nacht, einmal mit der Magnitude 2,4, einmal mit 2,9. Das ist weit weg von globaler Katastrophe (größer als 10,0 und noch nie registriert), reicht in der Regel nicht mal für Vibrationsgeräusche im Geschirrschrank, kommt weltweit rund tausendmal täglich vor, ist aber immerhin schon am Rande der Spürbarkeit: Geologisch hat Südhessen gewackelt.

Auch sportlich gab es eine gewisse Verwerfung. Zum ersten Mal seit 43 Jahren verlor die traditionsreiche Eintracht Frankfurt, die regional schon nicht mehr unangreifbar ist, die manchmal vor, aber oft auch weit hinter Mainz 05 in der Tabelle steht, sogar in ihrem Bundesland die Führungsrolle. 1973 stand die Eintracht haarscharf hinter den Offenbacher Kickers. 2016 rettete sie sich erst in der Relegation vor dem Abstieg. Der designierte Absteiger Nummer 1, der so rasant in die Bundesliga gestürmte SV Darmstadt 98, wusste dagegen schon am vorletzten Spieltag, im dritten Versuch zum ersten Mal den Klassenverbleib in der Bundesliga geschafft zu haben. Nicht schlecht für einen Klub, der 2013 noch aus der 3. Liga abgestiegen wäre, wäre er nicht durch die Lizenzverweigerung gegen den Nachbarn aus Offenbach einen Tabellenplatz nach oben gerückt.

Das war der Ausgangspunkt eines Durchmarschs, wie ihn nicht mal die neureichen Kunstklubs aus Baden und Sachsen geschafft haben: 2014 stiegen die "Lilien" in der turbulenten Relegation gegen Arminia Bielefeld (1:3 im Hin-, 4:2 n.V. im Rückspiel) in die 2. Liga auf, 2015 ohne Relegation in die Bundesliga, 2016 beendeten sie die Saison zwei Plätze über der Eintracht - ganz ohne das Geld aus Sinsheim oder Österreich.

Der Erfolg war jedoch teuer. Gerade auch weil dieses Geld fehlte, verloren die Hessen im Sommer wichtige Leistungsträger: Torwart Christian Mathenia sitzt lieber in Hamburg auf der Bank, auch beide Ersatztorhüter haben Darmstadt verlassen. Linksverteidiger Luca Caldirola - beide machten alle Spiele von Anfang bis Ende - musste zurück nach Bremen. Innenverteidiger Slobodan Rajkovic wollte ein Jahr vor Vertragsende unbedingt nach Palermo. Linksaußen Konstantin Rausch mischt jetzt mit dem 1. FC Köln die Bundesliga auf. Der Aufstiegs-Torschütze und Stamm-Joker Thomas Kempe (22 Einwechslungen) wechselte ablösefrei nach Nürnberg. Und der Torjäger Sandro Wagner, mit 14 Treffern ganz erheblich verantwortlich für den Erfolg, soll Angebote quer durch Europa erhalten haben und blieb in der Gegend, ist jetzt ein Hoffenheimer. Ähnlich schwerwiegend wie der Verlust einer halben Mannschaft: Im Zuge der Kettenreaktion, die von Schalke 04 bis zum Holsteiner Oberligisten Wedeler TSV lief, der nach nur zwei Wochen seinen neuen Trainer Jörn Großkopf an den SV Eichede verlor, dessen Trainer Oliver Zapel zur SGS Großaspach gewechselt war, deren Trainer Rüdiger Rehm zu Arminia Bielefeld gewechselt war... - weil am anderen Ende der Kette nämlich Schalke 04 einen neuen Trainer wollte, brauchte auch der FC Augsburg einen neuen Mann und holte den zweimaligen Darmstädter Aufstiegstrainer und Sportchef Dirk Schuster. Sein Nachfolger ist Norbert Meier, Rehms Vorgänger in Bielefeld. Unübersichtlich? So ist es manchmal im Profifußball.

Ganz weit draußen, direkt vor den Eintracht-Ultras, sieht sich Sandro Sirigu in der 90. Minute die Situation an und flankt den Ball zum Derbysieg ins Tor. Foto: imagoMeier und der ebenfalls neue Sportdirektor Holger Fach haben einen Großteil der neuen Mannschaft in der ersten und zweiten Bundesliga gefunden. Mittelstürmer Victor Obinna (noch kein Einsatz) und der momentan auf dem Platz benötigte Ersatztorwart Daniel Heuer Fernandes sind mit dem MSV Duisburg und dem SC Paderborn ab-, Innenverteidiger Immanuel Höhn - wie Mathenia ein gebürtiger Mainzer, allerdings jenseits der Nahe aufgewachsen und in Bingen ausgebildet - mit dem SC Freiburg aufgestiegen. Aus der Bundesliga kam fest verpflichtet nach wenigen Monaten in Frankfurt der Außenstürmer Änis Ben Hatira, als Leihspieler der im Profifußball noch recht unerfahrene 20-jährige Linksverteidiger Leon Guwara und fürs Mittelfeld der ungarische EM-Teilnehmer László Kleinheisler (beide Werder Bremen), der schwedische Innenverteidiger Alexander Milosevic, der zwar von Besiktas Istanbul ausgeliehen ist, aber zuvor für Hannover 96 spielte, sowie als weitere Mittelstürmer Sven Schipplock (HSV) und Antonio Colak (Hoffenheim); Colak schoss zwei der bisherigen vier Darmstädter Saisontore. Der neue Stammtorwart, Michael Esser, der sich beim 2:2 gegen Werder Bremen an der Schulter verletzte und möglicherweise in Mainz wieder spielen kann, kommt von Sturm Graz, spielte aber bis 2015 für den VfL Bochum. Der Slowene Roman Bezjak schließlich - noch ein Stürmer - kam aus Kroatien vom HNK Rijeka, der ukrainische Nationalspieler und EM-Teilnehmer Artjom Fedezkij aus dem Mittelfeld von Dnipro Dnipropetrowsk, sein Landsmann Denys Olijnyk von Vitesse Arnheim. Unübersichtlich? So ist es manchmal in der Bundesliga, gerade wenn alles wackelt.

Für fünf Punkte hat es gereicht - die 05er haben acht. Und es sind nicht unbedingt fünf Punkte mehr als erwartet, wenn auch der einzige Sieg zufällig zustande kam: In der letzten Minute des Heimspiels gegen Eintracht Frankfurt flog eine Hereingabe des eingewechselten Sandro Sirigu, die nie im Leben als Torschuss gedacht war, zum 1:0 ins Netz. Absichtliche Torschüsse gab es nicht in diesem Spiel, die Eintracht hätte von den Chancen her längst führen müssen, Darmstadt wackelte schon wieder. Sogar in der Nachspielzeit traf Olijnyk zum 1:1 gegen Hoffenheim. Colak traf beim 2:2 gegen Bremen zum 1:0 und zum Endstand.

Zuhause sind die "Lilien" also noch ungeschlagen. Auswärts gelang ihnen noch nichts: 0:2 in Köln. 0:6 in Dortmund. 0:1 (bei 0:6 Schüssen aufs Tor) in Augsburg. In Mainz? Das sehen wir am Sonntag ab 15.30 Uhr.

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