Tore? Sowieso.

Christian Karn. Mainz.
Im ersten Training hat er schon das eine oder andere Tor geschossen, mit dem Fernsehen hat er schon gesprochen, nun sitzt er da, Nicolás Ignacio Castillo Mora, frisch geduscht im kleinen Pressekonferenzraum am Bruchweg. Die Frisur des neuen Stürmers des FSV Mainz 05 ist verwegen, sein Armband am Handgelenk fransig, in den Händen zerknautscht Castillo sein neues rotes Trikot mit der Nummer 22. Sein Spanisch ist etwas nuschlig, das liegt am chilenischen Akzent, der für Ungeübte nicht ganz leicht zu verstehen ist. Aber neben Castillo sitzt Martin Heininger, der Spanisch-Dolmetscher der 05er, um dem Stürmer bei der Vorstellung zu assistieren.

Nicolás Ignacio Castillo Mora - "Castillo" ist das spanische Wort für "Burg", der zweite Nachname "Mora" lässt sich als "Pflicht", "Maurin" und "Brombeere" übersetzen - ist der zweite Chilene im 05-Team; bereits seit Sommer ist Gonzalo Jara in Mainz, der siebeneinhalb Jahre erfahrenere Verteidiger. Die beiden kennen sich aus der Nationalmannschaft, haben aber noch nicht zusammen gespielt: Bei Castillos bislang einzigem A-Länderspiel, dem 0:1 in Peru am 23. März 2013, saßen beide zu Beginn auf der Bank; der damals gerade 20 Jahre und einen Monat alte Stürmer wurde eingewechselt, der Verteidiger nicht. Mit Jara habe er sich vor dem Wechsel nach Mainz lange unterhalten, erzählt Castillo, und der neue Kollege habe ihm den Transfer wärmstens empfohlen.

Nicolás Castillo, der Mann in Gelb, freut sich über die vielen Latinos in seiner neuen Mannschaft, daran ändern auch harte Trainingszweikämpfe wie hier gegen den Costaricaner Junior Diaz nichts. Foto: Jörg Schneider.Und überhaupt habe ihn die Gruppe sehr nett empfangen, sagt der neue Stürmer. Er habe schon angenehme Gespräche mit den Kollegen gehabt, vor allem mit den vielen Latinos, die ihm den Einstieg erleichtern. Nicht nur mit Jara, sondern auch mit dem Argentinier Pablo de Blasis, dem Kolumbianer Elkin Soto, dem Costaricaner Junior Diaz und dem Spanier Jairo Samperio kann sich Castillo in seiner Muttersprache unterhalten.

Und mit den anderen neuen Kollegen auf Englisch. Die Bundesliga sei ihm ohnehin schon ein Begriff gewesen, aber Trainer Kasper Hjulmand (der kurz vorher, nach Castillos erstem Training, angedeutet hatte, die 05er würden möglicherweise noch einen weiteren Spieler verpflichten) habe ihm schon weitere Eindrücke von der Bundesliga vermitteln können - und erste Aufgaben stellen: "Er hat gesagt, was er von mir erwartet." 

Castillo selbst erwartet zunächst nicht alles auf einmal: "Ich muss mich an die Spielweise gewöhnen", sagt der Stürmer. "Die Bundesliga ist schnell, physisch, das gefällt mir." Obwohl Castillo aber direkt aus der laufenden Saison kommt, mit dem FC Brügge zehn Tage in Marbella im Trainingslager war, auf der gleichen Anlage, auf der wenige Tage später auch die 05er trainiert haben, und am vorvergangenen Freitag beim 1:1 gegen KV Mechelen 90 Minuten gespielt hat, sagt er: "Das Niveau von Brügge ist natürlich nicht das der Bundesliga."

Djuricic nach Southampton?

Filip Djuricic verlässt die 05er womöglich in den nächsten Tagen. Das englische Boulevardblatt "Daily Mirror" berichtet, der Vertrag des serbischen Nationalspielers würde aufgelöst werden, damit er zum Premier-League-Dritten FC Southampton wechseln könne. Dort solle der 22-jährige Mittelfeldspieler, der in Mainz die Erwartungen bisher gar nicht erfüllte, den schwer verletzten Shane Long ersetzen.

Aber auf Castillos Position höher als das von Mainz, das stellt der belgische Europapokalteilnehmer klar. Castillo, so der FC Brügge, erhoffe sich bei den 05ern mehr Einsatzzeiten. In Belgien sei er vom 19-jährigen Talent Mamadou Oularé überholt worden. Tatsache ist: Stammspieler war Castillo zuletzt nicht in Brügge. Beim 3:0 im Derby gegen Cercle Brügge war der Chilene nicht im Kader, beim 6:0 in Lier an Weihnachten saß er nur auf der Bank, in den fünf Spielen davor kam er nur auf 192 Minuten. Sein letztes Tor in der belgischen Liga schoss Castillo am 9. November 2014 gegen den KVC Westerlo - 29 Minuten nach seinem vorletzten und gut anderthalb Stunden nach dem drittletzten als Abschluss eines Hattricks beim 5:0-Heimsieg. Zehn Tore in 30 Ligaspielen stehen in Castillos Bilanz, obwohl er nur sechsmal durchspielte und 17 Mal eingewechselt wurden. In Chile sah es ähnlich für den damals noch sehr jungen Spieler aus: 52 Spiele für den zehnmaligen Landesmeister CD Universidad Católica aus Las Condes, einem Vorort von Castillos Heimatstadt Santiago de Chile, darunter 23 Einwechslungen, dabei 17 Tore. Durchaus bemerkenswert.

So dass Castillo trotz dieser Durststrecke von sechs Spielen ohne Treffer bei seiner Selbstbeschreibung das Toreschießen prompt vergisst: "Ich bin ein beweglicher Spieler, binde gern Gegner an mich, um Freiräume für die Mitspieler zu schaffen, und laufe gern diagonal. Ich beschäftige gern die Abwehrspieler." Rückfrage: "Und der Abschluss?" Castillo beeilt sich zu sagen: "Der natürlich auch. Ich bin Stürmer." Mittelstürmer, genau genommen, "aber ich habe auch schon manchmal außen gespielt. Das kann ich."

Sich weiterhin an strategischeres Spiel zu gewöhnen, das ist die Herausforderung für Nicolás Castillo: "In Europa spielt und trainiert man anders, taktischer. In Südamerika spielt man manchmal auch einfach mal so. Das ist eine größere Umstellung" - die schon im Januar 2014 in Brügge begonnen hat. Bleibt Castillo dran, kann er sein kurzfristiges Ziel erreichen: "Ich möchte selbst wachsen." - "Und das beste Bild abgeben." Beide Sätze ergänzt er mit der jeweils gleichen Formulierung: "Mit der Mannschaft."