„Trainer, wen sollte ich nochmal nehmen?“

Jörg Schneider. Mainz.
Seit dem Weggang von Johannes Geis fehlt dem FSV Mainz 05 ein klassischer Spezialist für Standardsituationen. Viele Treffer erzielt der Tabellensechste der Bundesliga nicht aus ruhenden Bällen in dieser Saison. Der Trainer sieht darin kein großes Problem. Weil sein Team vor allem eine Kontermannschaft sei. „Wenn ich will, dass wir in den Standards erfolgreicher werden, muss ich vier 1,90-Hünen einkaufen und einen echten Standardschützen“, sagt Martin Schmidt. „Dann werden wir vielleicht die Besten im Standard, haben aber keine Konter-Tore mehr, weil alle Spieler groß und unbeweglich sind. Und ein Top-Schütze kostet einfach zehn Millionen.“

Es ist ein Thema, dass alle Mannschaften permanent beschäftigt. Wie viele Gegentore kassiert ein Team nach Standardsituationen aus Ecken und Freistößen? Und wie viele Treffer gelingen selbst aus ruhenden Bällen? Dem FSV Mainz 05 fehlt seit dem Weggang von Johannes Geis, der Mann, der mittels eines scharf und platziert geschossenen Freistoßes ein Spiel entscheiden kann, der zudem Freistöße und Ecken derart angeschnitten und unberechenbar vors gegnerische Tor bringt, dass häufig Gefahr entsteht. Vier Tore hat der heute beim FC Schalke 04 spielende Mittelfeldspieler in der vergangenen Saison auf diese Art und Weise erzielt, dazu zahlreiche Vorlagen geliefert. Ein Problem sieht Martin Schmidt im Fehlen eines solchen Spezialisten dennoch nicht. „In diesem Jahr bin ich super zufrieden“, sagt der Trainer des FSV Mainz 05 und widmete der Standard-Thematik in der obligatorischen kleinen Medienrunde am Bruchweg diese Woche einen längeren Vortrag.

Der lange Innenverteidiger Stefen Bell ist im Moment der gefährlichste 05-Angreifer bei Standardsituationen - hier gegen den Augsburger Torhüter Marvin Hitz.„Wir haben aus vielleicht hunderten von Ecken und Freistößen zwei Tore gefressen. Die Elfer lasse ich immer weg in der Rechnung. Das ist die beste Quote neben Wolfsburg in der ganzen Bundesliga. Wenn man in Betracht zieht, welche physischen Grundvoraussetzungen wir haben, ist das ein unheimlich guter Wert“, sagt der 49-Jährige. „Wir verteidigen die Standards wirklich unheimlich emsig und konzentriert. Auf der anderen Seite, wenn ich die Offensiv-Standards sehe und das Wolfsburg-Spiel als Beispiel nehme, dann fällt auf,  dass wir gegen die beste Standardverteidigung, die noch kein einziges Standard-Tor gekriegt hat, zwei oder drei Treffer hätten machen können.“ Es gehe aufwärts in diesem Bereich. Beim 1:1 am Sonntag in der Volkswagen Arena stand Stefan Bell blank im Strafraum nach einer Ecke und hätte den Treffer erzielen können. In der zweiten Hälfte fiel Jairo sieben Meter vor dem Tor die Kugel vor die Füße. Der Spanier knallte das Ding über die Latte und hatte in der Schlussphase noch eine Kopfballchance nach einem Freistoß von Danny Latza. „Da waren wir sehr nah dran. Ob wir nun fünf Tore aus Offensiv-Standards haben oder zwei in einer Runde, macht das Team nicht schlecht oder gut. Wenn du die offensiven Tore anguckst, haben die besten Teams sechs Standard-Tore und die schlechtesten drei. Manche Teams haben 300 Ecken pro Saison, wir vielleicht 200. Wenn du das prozentual vergleichst, ist es in Ordnung“, sagt Schmidt. „Das beste Team in diesem Jahr hat acht Tore aus Standards erzielt. Wir sind aber ein Team, das kontert. Wir haben keinen Ballbesitz von 60 bis 70 Prozent und 15 Ecken pro Spiel. Wir haben manchmal nur drei Ecken, weil wir schnelle Angriffe fahren, die entweder drin, drüber oder vorbei sind. In dem Bereich sind wir die Nummer eins. Das ist das, was uns stark macht. Das wollen wir sein: schnell, ausdauernd, konterstark.“

Natürlich könne man personell in der Kaderplanung darauf hinwirken, das Ganze zu verbessern. „Wenn ich will, dass wir in Standards erfolgreicher werden, muss ich im Sommer vier 1,90-Hünen einkaufen und einen echten Standardschützen“, erläutert der 05-Coach. „Dann werden wir vielleicht die Besten im Standard, haben aber keine Konter-Tore mehr, weil alle Spieler groß und unbeweglich sind. Das Problem ist, gute Standards haben in erster Linie mit dem Schützen zu tun. Und ein solcher Top-Schütze kostet einfach zehn Millionen. Siehe Hakan Calanoglu, siehe Geis. Ein Ronaldo kostet noch etwas mehr. Wenn wir einen Zentrumsspieler holen wollen, der zu uns passt und der noch fünf Standard-Tore erzielt, dann ist der für uns nicht finanzierbar.“

Mehr Gefahr durch Daniel Brosinski

Die Mannschaft decke das aber im Moment mit den eigenen  Mitteln ganz gut ab. Natürlich hätte man gerne gefühlsmäßig das eine oder andere direkt reingezwirbelte Freistoßtor. „Aber es ist uns wichtiger, unser Kerngeschäft bestmöglichst zu betreiben.“ Danny Latza habe gute Standards, sei aber nicht immer konstant darin. Deshalb habe man inzwischen gewechselt. „Ich finde, seit Daniel Brosinski die wieder schießt und auch bisweilen Christian Clemens sind wir konstanter geworden. Gefährlicher“, sagt Schmidt. Die Standards sind ein Thema, aber nicht das herausstechende am Bruchweg. „Wir stehen auf Platz sechs. Unser Kerngeschäft erkennt man und unsere Entwicklung auch. Es wäre sicher falsch, jetzt permanent Zusatzeinheiten anzusetzen, um Standards zu trainieren. Mit der Folge, dass wir da vielleicht zwei Tore mehr schießen, aber dabei geht in unserem eigentlichen Geschäft etwas verloren“, so der 05-Trainer.

Zweimal pro Woche schnappen sich die maßgeblichen Spieler ohnehin nach der Trainingseinheit den Ball und experimentieren noch eine halbe Stunde herum. Allerdings nur an Tagen, an denen dies von der Belastungssteuerung her auch angemessen ist. Meist am Mittwoch und nach dem Abschlusstraining. „Dieses gezielte Training bringt die höchste Beanspruchung von Schnellkräftigkeit im Muskel. Das ist sehr explosiv. In den anderen Einheiten spielst du viel und lange. Da passt das nicht mehr.“  

Die besten Freistöße oder Ecken nützen sowieso wenig, wenn die Adressaten nicht die entsprechenden physischen Voraussetzungen haben. „Wir haben einen Emil Berggreen dafür geholt, der mit seiner Größe von 1,95 sehr kopfballstark ist. Ich bin überzeugt davon“, sagt Schmidt, „dass er uns da nächstes Jahr etwas bringen wird.“ Der 05-Trainer ist jedoch der Ansicht, dass man die Standardgeschichte nicht zu stark verkopfen und verwissenschaftlichen sollte. „Hand hoch heißt erster Pfoten, beide Hände hoch zweiter Pfosten, Stutzen rechts ziehen heißt flach rein, Stutzen links ziehen irgendwas anderes. Da weiß die Hälfte gar nicht, was geht. Dann kommt der Ball nicht über den ersten Mann drüber weg und es gibt einen Konter. So was hat’s doch auch schon gegeben.“ Im Abwehrbereich sei das Thema nach ruhenden Bällen zudem eher die Gesamtorganisation in den entsprechenden Situationen. Die Raumaufteilung, die Absicherung. „Ich bin immer froh, wenn jeder seine Zuteilung im Kopf behält und nicht nach zehn  Minuten einer kommt und fragt: Trainer, wen sollte ich nochmal nehmen?“

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