Transition mit Vorfreude

Christian Karn. Mainz.
Nach dem frustrierenden 0:0 in Saint-Étienne und mit dem Wissen, die nächste Europapokalrunde nicht mal mehr mittels eines Fußballwunders erreichen zu können, sind die Profis des FSV Mainz 05 wieder am Bruchweg eingetroffen, enttäuscht, aber schon wieder auf die nächste Aufgabe ausgerichtet. Die nennt Sportdirektor Rouven Schröder ein "klassisches Herausfordererspiel" - der Gegner Hertha BSC spiele bisher eine gute Saison, sei selbstbewusst. Die 05er wollen die Transition aus dem internationalen Abenteuer zurück ins gewohnte Tagesgeschäft mit Vorfreude angehen und mit dem Wissen: Ein Erfolg in Berlin würde nach einem Drittel der Saison die ersten Hälfte des Etappenziels einbringen.

Die Profis des FSV Mainz 05 sind wieder zuhause. Besiegt (von der Gruppe, nicht von der AS Saint-Étienne), aber nicht vernichtet, bedrückt, aber nicht vollends niedergeschlagen. Das Wort "Vorfreude" gab es schon wieder im Vokabular von Sportdirektor Rouven Schröder bei der Analyse des Europapokal-Aus und der Transition ins Bundesliga-Tagesgeschäft. Das geht am Sonntag in Berlin weiter, schon wieder mit einem Auswärtsspiel, schon wieder mit einer längeren Reise. Martin Schmidt hat sich bereits vor einer Woche darüber beklagt, nach jedem einzelnen Europapokalspiel schon wieder in die Ferne zu müssen; wertvolle Trainingstage gingen dadurch verloren. "Der Spielplan hat uns überhaupt nichts gegeben", hat Schmidt gesagt - anders als den anderen deutschen Europapokalteilnehmern: Schalke 04 hatte und hat nach den sechs internationalen Spielen fünf Heimspiele; einzige Ausnahme ist deren Spiel gegen Hertha BSC. Zwangsläufig, denn der verhinderte Europapokalteilnehmer - Hertha schied in der dritten Qualifikationsrunde gegen Bröndby Kopenhagen aus - hätte nach seinen sechs Spielen sogar sechs Heimspiele gehabt. Es bringt natürlich nichts, sich darüber zu beschweren, gerade nicht in Bezug auf die Berliner, mit denen die 05er das Thema schon vor über zehn Jahren ausdiskutieren mussten. Da würde höchstens in deren Geschäftsstelle eine Klappe aufgehen und ein mechanischer Dieter Hoeneß mit einem Lunchpaket herauskommen.

Die kurzfristige Aufgabe der 05er ist es, die Enttäuschung der letzten Nacht abzuschütteln. Um kurz vor elf Uhr stand das Ausscheiden erst fest; nicht auszuschließen, dass der Eine oder Andere erst noch einmal nachrechnete, ob es wirklich keine Chance mehr gibt. "Natürlich waren wir in der Kabine bedrückt", sagte Schröder. "Da geht es auch um unterschiedliche Charaktere: Der eine Spieler ist bedröppelt, weil er mit dem Kopf noch beim Spiel ist, der andere, weil er nicht gespielt hat, der dritte reflektiert und weiß: Morgen geht es wieder. Die Jungs sind da aber relativ klar. Jetzt geht es schon wieder um die Plätze im Kader. Der eine denkt vielleicht: Hoppla, ohne mich geht es ja auch, und ist fokussiert, um am Wochenende wieder eine Chance zu bekommen." Die Konkurrenz um die Kaderplätze täte gut, sagte der Sportdirektor, "ich glaube schon, dass es keinen Knacks gibt."

Eine Torchance, die die Tür in die nächste Runde hätte öffnen können. Jhon Córdoba musste aber im Rückwärtslaufen köpfen und brachte nicht genug Wucht hinter den Ball. "Nuancen haben gefehlt", sagt Rouven Schröder. Foto: imagoZumal den 05ern klar ist: Formal sind sie in Saint-Étienne ausgeschieden, "aber aus der Situation haben wir gelernt, dass wir nicht gestern die nächste Runde verpasst haben", sagte Schröder. "Wir haben in der Gruppenphase erst ein Spiel verloren, das sehr deutlich verloren, worüber wir gesprochen haben. Da haben wir uns nicht würdig vertreten, das war nicht okay." Letztlich aber auch nicht ausschlaggebend; wäre es kein 1:6, sondern ein 1:2 gewesen, wäre der zweite Platz trotzdem nicht mehr in Reichweite. "Trotz allem", erklärte Schröder, "waren wir sonst konkurrenzfähig. Gestern hatten wir die Möglichkeit, ein Endspiel zu bekommen. Wir hatten Chancen. Córdoba, Onisiwo, der abgefälschte Schuss von Levin [Öztunali], den der Keeper zwischen die Beine kriegt - Nuancen haben gefehlt." Wie eng die Gruppe sei, würde das Hinspiel zeigen. "Gewinnst Du das 1:0", so der Sportdirektor, "hast Du zwei Punkte mehr, die haben zwei weniger, Du bist einen Punkt vor ihnen und hast alles in der Hand. Ein Tor, das zum Schluss unglücklich fällt" - das 1:1 der Franzosen in der 88. Minute des ersten Gruppenspieltags - "hat uns um die nächste Runde gebracht. Trotzdem ware es eine sehr gute Erfahrung für uns. Wir haben viele interessante Dinge erlebt, Höhen und Tiefen, unterm Strich war's rundum positiv." Aktuell sei zu bewerten, "dass dem ordentlichen Spiel gegen den SC Freiburg gestern ein ordentliches Auswärtsspiel gefolgt ist. Schade, dass es nicht geklappt hat, aber wir haben nicht gestern verloren."

Was das für den Rückrundenkader bedeutet, darüber will Schröder noch nicht entscheiden. Geplant war das Aufgebot für drei Wettbewerbe, nach dem Europapokal-Ausklang gegen den Qäbälä FK in zwei Wochen wird die Bundesliga als letzter Wettbewerb übrig sein. Die Rede war immer mal wieder davon, dass im Falle eins Ausscheidens in der Gruppenphase der Kader in der Breite wieder reduziert werden könnte, spekuliert wurde schon darüber, dass vielleicht Gerrit Holtmann vielleicht José Rodríguez oder Besar Halimi, die bisher keine große, keine rühmliche oder gar keine Rolle gespielt haben, zumindest weggeliehen werden könnten. Schröder will sich aber nicht auf voreiligen Aktionismus einlassen: "Wir haben gemerkt: So groß ist der Kader überhaupt nicht. Wir hatten immer mehrere Verletzte im Kreislauf. Mit Serdar, Muto, Clemens, Latza fehlen auch jetzt noch vier Spieler." Die 05er könnten Szenarien durchgehen, "das machen wir grundsätzlich. Aber wir können noch nicht entscheiden, was wir im Winter machen. Das sehen wir nach dem Spiel in Frankfurt am 20. Dezember. Dann wissen wir, wer fit und wer verletzt ist, dann können wir sachlich umgehen, gucken, wer die Möglichkeit hat, wo zu spielen. Wenn alle fit wären, müssen wir uns sicherlich Gedanken machen." Vielleicht sogar, wie man einem Spieler am unteren Ende des Kaders einen Wechsel schmackhaft machen würde. "Der kann ja auch sagen: Das möchte ich nicht."

Erst einmal geht es nach Berlin - und zwar erst am Spieltag. Die Partie beginnt um 17.30 Uhr, spät genug für eine kurzfristige Anreise; nach der Rückkehr aus Baku haben es die 05er genauso gemacht, auch nach Wolfsburg sind sie erst sonntags geflogen. Und hier tauchte es auf, Schröders positives Denken: "Man freut sich auf das Spiel, weil Hertha eine gute Mannschaft ist, die Fußball spielt. Sie haben bisher eine gute Saison, haben den Fokus nach oben, sagen das auch selbstbewusst. Das ist ein klassisches Herausfordererspiel." In das die 05er trotz der Gelbsperren gegen Stefan Bell und Daniel Brosinski mit mehr Alternativen gehen. "Wir haben gestern wieder erfreuliche Erkenntnisse gewonnen", sagte Schröder. "Jean-Philippe Gbamin hat ein sehr ordentliches Spiel gemacht, André Ramalho" - der einen Schlag abbekommen hat, aber am Sonntag fit sein sollte - "hat bis zur Auswechslung gut gespielt, Öztunali in der zweiten Hälfte - das sind wichtige Punkte. Wir können mit Selbstbewusstsein nach Berlin fahren und vor Augen haben: Wenn wir da das Spiel positiv gestalten, haben wir die Hälfte vom Etappenziel schon erreicht." Das liegt bei 40 Punkten, 17 davon haben die 05er im ersten Saisondrittel schon erreicht. Hertha BSC steht mit 21 gerade so außerhalb der direkten Reichweite.

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