Über Leidenschaft und Horizonte

Christian Karn. Mainz.
Nun sitzt er auf dem Podium im Presseraum der Coface Arena: Martin Schmidt, der neue Cheftrainer des FSV Mainz 05, trinkt Tee mit Honig und spricht über sein vielseitiges Vorleben, über Autotuning und die Textilindustrie und über seine neue Aufgabe bei den 05ern. Über die Ansätze, die er aus seinen früheren Beschäftigungen in den Fußball und ins Trainerleben übernehmen kann. Und über das, was offenbar zu seinen Lieblingsbegriffen zählt: Leidenschaft.

Nach seinen diversen Beschäftigungen in den ersten gut vier Jahrzehnten seines Lebens wird Martin Schmidt, der neue Cheftrainer des FSV Mainz 05, bei seiner Vorstellung gefragt. Schmidt spricht über Dies und Jenes und kürzt die Sache schließlich ab: "Um diese Frage zu beantworten, müssten wir mal eine Sitzung machen. Ich habe noch hundert Geschichten dazu." Und es wäre sicherlich interessant, sich zu diesem Termin tatsächlich einmal einladen zu lassen. Würde Schmidt erzählen, dass er auch schon fürs japanische Kino im Godzilla-Kostüm gesteckt hat, mit Thor Heyerdahl nach Südamerika gesegelt ist und Kantonalsmeister im Schachboxen war, nachdem er Bulgakow übersetzt hatte, würde man ihm auch das abnehmen. 

Nur ein schneller Boxenstopp, um die Stimme zu ölen, dann geht's weiter: Martin Schmidt bei seiner Vorstellung als 05-Cheftrainer. Foto: Jörg Schneider.Es würde ins Bild eines vielseitig interessierten und aktiven Menschen passen, das der 47-jährige aus dem Oberwallis im Süden der Schweiz aufbaut. Überliefert ist eine Kindheit als Schafhirte auf 2.000 Metern, wo der Horizont in unterschiedlichen Richtungen unterschiedlich weit weg ist. Schmidt ist Skifahrer und versteht darunter etwas anderes als der Durchschnittstourist, er war mal Autotuner und und arbeitete als Mechaniker bei der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft für das Toyota-Team. Er gründete mit seiner Schwester ein Bekleidungsunternehmen, in dem inzwischen die halbe Familie arbeitet, und ist immer noch dessen stiller Geschäftsführer. Unterdessen stieg Schmidt als Fußballer aus der 3. Liga (die heute die siebte ist, damals die fünfte war) in die Nationalliga B auf, die heute Challenge League heißt, aber immer noch die zweite Liga ist, riss sich siebenmal das Kreuzband, brach sich Beine und Wirbel und ließ schließlich 2001, 34-jährig, nach 22 Jahren für den FC Naters und dreien für den FC Raron, schließlich das aktive Fußballspielen und die Autoschrauberei sein. Schmidt wurde sofort Co-Trainer des FCR, 2003 Cheftrainer, Motor des Vereins, aber den Begriff greifen wir etwas weiter unten nochmal auf. 2008 wechselte Schmidt ein paar Dutzend Kilometer nach Norden zum FC Thun, der gerade in die Challenge League abgestiegen war, um die U21 zu trainieren. Und bei einem Turnierauftritt in Ergenzingen Thomas Tuchel kennenzulernen.

Martin Schmidt und sein Trainerteam

Martin Schmidt kam 2010 zum FSV Mainz 05. Mit der U23 wurde er 13., 12. und 11. der Regionalliga, ehe er 2014 als Dritter in den Relegationsspielen gegen die TSG Neustrelitz (2:0 auswärts, 3:1 in Mainz) in die 3. Liga aufstieg, wo die junge 05-Mannschaft derzeit auf Platz 17 von 20 steht, punktgleich mit den ersten beiden Abstiegsplätzen.

Schmidts Co-Trainer ist der 35-jährige Däne Bo Svensson, der von 2007 bis 2014 122 Mal für die 05er in den beiden Bundesligen und den Pokalwettbewerben spielte. Wie gehabt komplettieren Torwarttrainer Stephan Kuhnert, Video-Analyst Benjamin Weber, Konditionstrainer Axel Busenkell und Athletiktrainer Jonas Grünewald das Team.

Die U23 übernimmt der 36-jährige Ex-05-Profi Sandro Schwarz (107 Spiele von 1997 bis 2004), der bislang die U19 trainierte, Co-Trainer bleibt Peter Perchtold. Die U19 wird vorerst von Stefan Hofmann trainiert. Der sportliche Leiter des 05-Nachwuchsleistungszentrums war bereits mehrmals U17-Trainer der 05er.

Der muss schwer begeistert gewesen sein von diesem Kollegen aus der Schweiz und holte Schmidt bald nach Mainz zur U23. Vielleicht spielten Schmidts Sprünge von einem Fachvokabular ins nächste eine Rolle. Der Trainer, so habe Schmidts Trainer einst gesagt, sei der Motor des Vereins. "Aber Du brauchst mehr als einen Motor", sagt Schmidt. "Du brauchst ein Getriebe. Du brauchst die Antriebswelle, du brauchst die Reifen, die die PS auf den Platz bringen und ich brauche ein schönes rotes Chassis, das glänzt. Man braucht viel. Ich kenne Motoren und ich weiß, was sie alles noch brauchen."

Argumente für die Leidenschaft

Schmidt redet sich in Schwung, obwohl ihm das Sprechen Schwierigkeiten bereitet bei seinem ersten Auftritt in der Coface Arena. Das liegt am Spiel der U23 gegen Borussia Dortmund am Freitag zuvor. Schmidt ist laut geworden bei diesem 0:0 am Bruchweg, das sein letztes Spiel in der 3. Liga werden sollte, und hat sich noch nicht restlos erholt. Tee mit Honig hilft ihm über die Pressekonferenz.

Schmidt spricht von Leidenschaft. "Das versuche ich, jeden Tag den Spielern zu erklären. Bei den Jungen war das einfach, die haben mir alles geglaubt. Aber auch für die Profis habe ich Argumente. Und ich bringe Argumente aus dem Berufsleben. Das hat mich mein Leben lang begleitet: Immer wieder auf das Wesentliche zu fokussieren."

Die Bundesliga kennt der neue Trainer der 05-Profis. Wenn der Spielplan der U23 es zuließ, war Schmidt immer im Stadion. Nur die Perspektive ändert sich: Statt in der letzten Reihe der Pressetribüne nimmt er künftig auf der Trainerbank Platz - der Horizont verändert sich, das Spiel bleibt das Spiel. Auch in der Stadt und mit ihren Eigenarten kenne er sich aus als einer, der seit bald fünf Jahren in der Altstadt wohnt; die Kombination aus dem internen Blick des Mainzers und 05ers mit dem externen Blick des Messfremden könnte ein entscheidender Vorteil für Schmidt sein, den sein Vorgänger nicht hatte. Sein Co-Trainer Bo Svensson ist noch drei Jahre länger in Mainz. 

Auch als Trainer steht Schmidt für das, was Kasper Hjulmand fehlte: "Leidenschaft" - ein Lieblingswort des Trainers offenbar - "Pressingfußball, Angriffsfußball, dem Gegner wehtun, das sind Dinge, die ich einbringen möchte. Weniger in stündigen Theoriestunden und Analysen, sondern auf dem Platz." Schmidt spricht von der "Mainzer Art, Fußball zu spielen. Das ist nicht Tuchel, das geht viel weiter zurück. Wolfgang Frank hat sicherlich die Ordnung reingebracht. Jürgen Klopp hat sehr viel fürs Umschaltspiel reingebracht. Thomas Tuchel hat es sicherlich noch verfeinert. Ich bin in diese Verfeinerungsphase reingekommen und wurde von der Geschichte angesteckt. Ich lebe die Mainzer Philosophie. Aber die ist schon länger da als ich. Sonst wäre es ja keine Philosophie. Ich bin als eigenständiger Trainer hier, ich habe sicherlich weitere Dinge, die dazukommen, aber erst einmal gilt die Mainzer Philosophie."

Verbindungen zwischen den Welten

Und dann kommen wieder die Verbindungen zwischen den Welten. Schmidt redet Stakkato, gestikuliert: "Motorsport, Bekleidungsfirma, Corporate Identity, gleich aussehen, eine Teamstruktur aufbauen, gleich auftreten, auf dem Fußballplatz wie in der Firma, das hat auch mit Leidenschaft zu tun. Wie oft habe ich Geschäftsleute von irgendwas überzeugt, was sie vorher nicht wollten? Aber ich habe es ihnen verkauft über das Team. Ich habe ihnen erzählt, wie wichtig das Team ist, wie wichtig es ist, dass die Mitarbeiter an der Verkaufstheke genauso aussehen wie wir. Weil wir ein Team sind. Und ich habe plötzlich gemerkt, dass ich im Berufsleben so rede wie ein Trainer. Und als Trainer habe ich plötzlich geredet wie ein Geschäftsführer."

Diese Mischung soll Mainz 05 weiterhin über den Abstiegsplätzen halten. Am Samstag geht es los im Derby gegen Eintracht Frankfurt. Und schon wieder sind wir bei der Leidenschaft: "Wir können nicht von Aufbruchstimmung reden, vom Mutigsein, und haben dann plötzlich ein Spiel, in dem es um nicht so viel geht. Es ist schön, dass es direkt zum Derby kommt, zum Kracher. Eintracht Frankfurt ist der Gegner, auf den wir gewartet haben, der genau in die Situation passt."