Und plötzlich hieß das Thema Ausgliederung

Jörg Schneider. Mainz.
Die Informationsveranstaltung des FSV Mainz 05 am Sonntag im VIP-Bereich der Coface Arena nahm einen anderen Verlauf als erwartet. Nicht die Diskussionen über diverse Strukturreform-Modelle für die Einrichtung eines künftigen Aufsichtsrates und eines hauptamtlichen Vorstands standen im Mittelpunkt der drei-stündigen Veranstaltung, sondern ein Großteil der Gespräche drehte sich überraschend um das Für und Wider einer möglichen Ausgliederung des Profibereichs in eine Kapitalgesellschaft. Ergebnis des Treffens vor rund 900 Mitgliedern und Fans: Das Thema wird aufgearbeitet und in einer weiteren öffentlichen Runde diskutiert. Zu Beginn hatte 05-Chef Harald Strutz harsche Kritik an den Medien geübt.

05-Chef Harald Strutz übte heftige Kritik an den Medien. Foto: Jörg SchneiderDiesen Verlauf der Veranstaltung hatte so sicherlich so niemand erwartet: Der Informationstag des FSV Mainz 05, in dessen Rahmen das Beratungsgremium des Vereins die einzelnen Modelle einer künftigen Struktur- und Satzungsreform beim Bundesligisten vorstellen und zur Diskussion freigeben wollte, geriet am Sonntag im VIP-Bereich der Coface Arena zu einer Grundsatzdiskussion über eine mögliche Ausgliederung des Profi-Sektors in eine Kapitalgesellschaft. Mit dem Ergebnis, dass am Ende der gut dreistündigen Veranstaltung, die Kommission sowie der 05-Vorstand beschlossen, dieses Thema noch einmal gründlich aufzuarbeiten, die Mitglieder und Anhänger über das pro und contra informieren und erneut zur Diskussion stellen wollen. Sowohl die 05-Führung als auch das Beratungsgremium waren zuvor davon ausgegangen, dass eine Ausgliederung von den Mitgliedern nicht gewünscht sei und hatten deshalb diverse Struktur-Modelle, wie künftig ein Aufsichtsrat und ein 05-Vorstand auf der Basis einer Weiterführung des Klubs als eingetragener Verein aussehen könnten, erarbeitet und den fast 900 Besuchern kurz vorgestellt. Zu einer Diskussion darüber kam es allerdings nicht, weil aufgrund diverser Wortmeldungen plötzlich der Eindruck entstand, die Basis bevorzuge die Ausgliederung. Das änderte sich zwar im Laufe des Vormittags wieder, doch die Thematik nahmen die Verantwortlichen als zusätzliche Hausaufgabe neben den angedachten Strukturplänen mit. Denn offensichtlich besteht in diesem Bereich ein Informationsdefizit.

„Wir haben heute festgestellt, dass es da einen Informations- und Klärungsbedarf gibt“, sagte 05-Vizepräsident Jürgen Doetz, der als Versammlungsleiter und Moderater fungierte. „Es hat ernstzunehmende Stimmen gegeben, die es notwendig machen, sich noch einmal damit auseinanderzusetzen. Wir sind es der Argumentation schuldig, nicht in die Umsetzung der bis jetzt erarbeiteten Modelle zu gehen, sondern diese weiter zu verfolgen und gleichzeitig die Vor- und Nachteile einer Ausgliederung zu erarbeiten. Wir haben verstanden, dass es erst noch einer Grundsatzentscheidung dazu bedarf.“ Doetz vermutete, dass der angestrebte Zeitplan, die 05-Struktur bis Ende des Jahres, also nach der turnusmäßigen Mittgliederversammlung im September und einer weiteren Versammlung im November, auf den Weg zu bringen, dadurch nicht einzuhalten sei. „Es ist jedoch wichtiger, eine vernünftige Lösung zu finden, mit der die Mitglieder zufrieden sind.“

Zu der von einigen Fragestellern geäußerten Kritik, warum der Vorstand derart zügig eine solch bahnbrechende Reform habe durchziehen wollen, sagte der 05-Vize: „Wir wollten uns als Vorstand nicht den Vorwurf machen lassen, einer Entwicklung im Wege zu stehen. Wir treten gemeinsam zurück, wenn wir so weit sind, dass die neue Satzung verabschiedet werden kann. Wenn man zu einem Ergebnis gekommen ist, sollte man es auch umsetzen und nicht auf die gewählte Vorstandszeit pochen.“

Detlev Höhne, Chef der Stadtwerke und langjähriges 05-Mitglied, hatte zuvor die bereits in den Medien angerissenen Strukturmodelle über eine künftige Besetzung von Aufsichtsrat und Vorstand vorgestellt und dem Publikum auch die Vorgaben mitgeteilt, die die Deutsche Fußball-Liga (DFL) im Rahmen ihres Lizenzierungsverfahrens den Klubs vorschreibt. Doch die im Anschluss vorgesehene Diskussion darüber glitt schnell in einen kontroversen Austausch über eine mögliche Ausgliederung ab. Für viele unerwartet, meldeten sich in der Coface Arena Mitglieder und Anhänger als Befürworter einer Ausgliederung des Profi-Betriebes in eine Kapitalgesellschaft zu Wort. Ein Thema, das in den zurückliegenden Jahreshauptversammlungen stets als ungeeigneter Weg für Mainz 05 angesehen und festgestellt worden war.

Das Beratungsgremium von Mainz 05: Gerd Krämmer, Engelbert Günster, Johannes Zindel und Detlev Höhne (von links). Foto: Jörg SchneiderEs gab Wortmeldungen und Fragen, die darauf zielten, warum das Beratungsgremium ohne vorher die Mitglieder zu befragen, nur Modelle vorgetragen habe, die sich mit der Weiterführung als eingetragener Verein beschäftigten, anstatt im Vorfeld die Mitglieder einzubeziehen und über Chancen und Schwächen einer Ausgliederung zu informieren. Kritik gab es auch am Zeitrahmen, dass die angestrebte Strukturreform nicht langfristiger geplant werde. Doch auch die Gegner einer Ausgliederung meldeten sich, betonten, dass bei einem solchen Weg, jegliche Mitwirkungen der Mitglieder an Entscheidungen im wirtschaftlichen Bereich verloren gingen. Einige Fragesteller zeigten sich irritiert, dass diese Thematik plötzlich derart in den Vordergrund dränge. „Bei einer Ausgliederung wäre der Geist von Mainz 05 nicht mehr da“, sagte ein Sprecher. „Wir haben den Stellenwert unterschätzt, den das Thema Ausgliederung einnimmt“, räumte Doetz ein.

Höhne betonte, für das Gremium sei es undenkbar gewesen, dass die Basis eine Ausgliederung wünschen würde. „Wir waren alle der Meinung, dass Mainz 05 ein Verein bleiben muss, weil der Verein im Zuge einer Ausgliederung des Profibereichs seine Identität verlieren könnte, die Mitglieder überhaupt nichts mehr damit zu tun haben könnten.“  Wenn es jedoch Meinung und Willen der Basis sei, werde man gerne die Vor-und Nachteile sowie alle Aspekte einer möglichen Ausgliederung aufarbeiten und vorstellen.

Rechtsanwalt Johannes Zindel, der sich mit den juristischen Dinge der 05-Strukturreform innerhalb des Beratungsgremiums beschäftigt, machte den Vorschlag, ein Ausgliederungsmodell zu erarbeiten und dies im Herbst der Mitgliederversammlung vorzustellen, die dann darüber abstimmen könne. Satzungsgemäß benötigte diese Ausgliederungsvariante eine Dreiviertel-Mehrheit. „Wenn es diese Mehrheit nicht gibt, wäre diese Variante fehlgeschlagen“, so Zindel. In dieser Mitgliederversammlung würde dann auch über die jetzt angedachten Satzungs- und Strukturmodelle abgestimmt werden. „Wenn die Mitglieder also glauben, dass sie mehr Zeit brauchen, um die Strukturreform auf den Weg zu bringen, können sie mit Nein stimmen.“

Im Laufe der Informations-Veranstaltung drehte sich jedoch die Stimmung zusehends in Richtung einer Reform, in der die Ausgliederung keine Rolle spielt. Dennoch dürfte vor der Mitgliederversammlung eine weitere Aussprache mit den Mitgliedern und Fans nötig sein. Zumal auch die von der Kommission erarbeiteten Modelle bisher nicht tiefergehend diskutiert wurden. Zum Beispiel hinsichtlich der Thematik, in welchem Rahmen die 05-Fans in künftige Entscheidungsprozesse des Vereins eingebunden werden können und sollen, welche Rechte den Fangruppen künftig eingeräumt werden. Christian Vierung, Grünen-Stadtrat und Sprecher eines Teils der 05-Fans, regte an, eine Fan-Abteilung, ähnlich wie bei Borussia Dortmund, zu gründen. Doetz erklärte unterdessen, dass der Verein auf seiner Internetseite über alle Modelle, Überlegungen und Planungen informieren werde, um künftig mehr Transparenz als bisher zu dokumentieren.

Der Tag in der Coface Arena hatte mit einer Rede von 05-Präsident Harald Strutz begonnen. „Ich stehe hier vor ihnen als derjenige, über den zuletzt so viel berichtet worden ist“, sagte der 65-Jährige. Strutz zählte alle Vorwürfe auf, die sich gegen ihn gerichtet hatten und übte harsche Kritik an den Medien. Die Berichterstattung insbesondere über seine Aufwandsentschädigungen sei für ihn beleidigend und ehrabschneidend, für den Verein geschäftsschädigend gewesen. Er habe sich dagegen entschieden, sich zu wehren, auch wenn die Vorwürfe diffamierend und unverantwortlich gewesen seien. Er habe keine Anzeigen wegen Beleidigung, Verleumdung oder über Nachrede gestellt oder Unterlassungsklagen angestrebt. „Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass die heutige Versammlung überlagert wird von einer anderen Berichterstattung, denn hier geht es um eine Sachdiskussion“, sagte Strutz. Das gelte jedoch nicht für alle Zeiten. „Ich lasse mich nicht weiter durch diese Stadt wie eine Sau treiben“, kündigte der 05-Chef an. In der kommenden Mitgliederversammlung werde er sich aber zu Aufwandsentschädigungen im Vorstand explizit äußern.

► Alle Artikel zum Vereinsleben

► Zur Startseite