Unterschiedliche Prioritäten

Christian Karn. Mainz.
Zum Auftakt der U20-Weltmeisterschaft hat das DFB-Team mit dem Mittelfeldspieler Suat Serdar vom FSV Mainz 05 gegen Venezuela verloren. Das 0:2 ist nicht zuletzt das Resultat der unterschiedlichen Prioritäten: Die wichtigste europäische Nachwuchsklasse U21 gibt es auf anderen Kontinenten überhaupt nicht, gerade in Südamerika hat die U20 einen viel höheren Stellenwert. Während DFB-Trainer Guido Streichsbier Mühe hatte, überhaupt einen Kader zusammenzubekommen, trat Venezuela mit einer eingespielten, erfahrenen Mannschaft an.

Die U20-Weltmeisterschaft hat in Südkorea begonnen und noch mehr als bei der großen WM treffen mehrere Welten aufeinander. Das 0:2 der deutschen Rumpfmannschaft mit dem Mainzer Suat Serdar, dem Berliner Maximilian Mittelstädt, dem Hoffenheimer Philipp Ochs und einigen unerfahrenen Spielern aus unteren Klassen gegen Venezuela zeigte bereits am ersten Turniertag die alte Tendenz, dass Europäer es schwer haben, dieses Turnier zu gewinnen. Zwar kommt der Titelverteidiger aus Serbien, der vorherige Weltmeister war Frankreich, andererseits steht selten mehr als ein europäisches Team im Halbfinale und selten einer der großen Verbände: England zuletzt 1993, Italien noch nie, Deutschland zuletzt 1987 (sogar mit zwei Mannschaften - BRD und DDR), auch Spanien seit 2003 nicht mehr.

Nachlässigkeit des Regionalligaspielers Phil Neumann (links) beim 0:1 und von Suat Serdar (am Ball) beim 0:2 führten zur Auftaktniederlage der deutschen U20 bei der WM in Südkorea. Foto: imagoDas liegt am Sonderweg der UEFA, die als einziger der sechs Kontinentalverbände einen U21-Wettbewerb ausrichtet. In Afrika, Asien, Nord- und Mittelamerika, Südamerika, Ozeanien und auch im Dachverband FIFA gibt es die wichtigste europäische Nachwuchsklasse überhaupt nicht. Dort hat die U20 einen ganz anderen Stellenwert. So musste der deutsche U20-Trainer Guido Streichsbier bis in die Regionalligen suchen, um überhaupt genug Spieler aus dem Jahrgang 1997 zusammenzubekommen, so saßen gegen Venezuela mehrere Geisterspieler eben nicht auf der Bank, obwohl sie in offiziellen Dokumenten dort platziert sind, weil sie eben noch nicht eingetroffen sind. Mit Jannes Horn dürfte Streichsbier gar nicht mehr rechnen; der Wolfsburger ist zwar nominiert, muss aber zuhause Relegation spielen. Der Berliner Jordan Torunarigha hingegen müsste in diesen Tagen nachkommen. Andere, zum Beispiel die Nürnberger Patrick Kammerbauer, Lukas Mühl und Cedric Teuchert, hatten komplett absagen müssen, weil ihr Verein sie brauchte.

Rafael Dudamel hatte es da leichter. Der venezolanische Trainer hat überhaupt nur 13 1997er im Team, dazu ein paar 1998er, einen 1999er und als Jüngste den Mittelfeldspieler Christian Makoun und den Stürmer Jan Carlos Hurtado, die im März erst 17 Jahre alt geworden sind. Hurtado wurde in der Schlussphase des Spiels gegen Deutschland tatsächlich eingewechselt.

In erster Linie, um Zeit zu verschwenden. Denn so etwas kann Venezuela. Selbst nach dortigen Maßstäben sind die "Vinotinto" in Südamerika für einen außergewöhnlich fiesen Fußball bekannt; als eine der unbedeutenderen Fußballnationen des Kontinents, die mal wieder mit nur einem Sieg gegen den Vorletzten Bolivien Letzter der WM-Qualifikation ist und in der Copa America selten die Vorrunde übersteht, sind die Fußballer von der Karibikküste auf Nickligkeiten angewiesen, um Chancen zu haben. Vor allem im Nordderby gegen Kolumbien geht es oft wild zur Sache. Für die deutsche U20 hätte es zum Auftakt auch stärkere Gegner geben können, aber wenige unangenehmere.

Lange hatte Streichsbiers Team die Partie unter Kontrolle. Dann kamen die Abwehrfehler: Der Schalker Regionalliga-Verteidiger Phil Neumann ließ sich am Strafraumeck den Ball abluchsen - 1:0 durch Ronaldo Peña in der 51. Minute. Drei Minuten später kam der A-Nationalspieler Adalberto Peñaranda etwas zu leicht durch einen etwas zu passiven Pulk aus vier Verteidigern, darunter Serdar - Pass auf Sergio Córdova, 2:0. Das war's im Prinzip. Venezuela zog sich zurück und verschwendete Zeit, Neumann und Kapitän Benedikt Gimber waren der Situation nicht gewachsen und ließen sich provozieren, die deutsche Mannschaft fand nicht ins Spiel zurück.

Am Dienstag, 13 Uhr, hat Serdars Mannschaft die Chance, gegen Mexiko zu punkten. Die Mittelamerikaner mühten sich am ersten Spieltag nach einer 2:0-Führung zu einem 3:2 gegen Vanuatu; ihr Siegtor fiel erst in der 94. Minute.

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