Viele Lücken, aber überragende Atmosphäre

Jörg Schneider. Mainz.
Europapokal-Auftakt in der Opel Arena, und der FSV Mainz 05 schafft es nicht, sein Stadion voll zu kriegen. 20.275 von rund 26.600 Sitzplätzen waren beim 1:1 gegen AS Saint-Etienne besetzt. Die Verantwortlichen wollten in der Öffentlichkeit nicht von Enttäuschung über die mangelnde Resonanz sprechen, lobten stattdessen die überragende Fußball-Atmosphäre auf den Rängen. „Im Moment ist es sicher so, dass die Leute erst einmal abwarten, wie wir uns präsentieren“, sagte Harald Strutz. Doch der 05-Präsident ließ anklingen, „dass wir vielleicht auch von Seiten des Vereins her mehr tun müssen, um wieder mehr Enthusiasmus in diese Stadt zu bringen.“

Voll war's nicht in der Arena beim Euro-Liga-Auftakt. Doch die Atmosphäre war überragend. Das begann schon mit der beeindruckenden Choreo auf der Süd-Tribüne. Foto: ImagoDie Lücken waren groß auf drei der vier Tribünen in der Opel Arena. Das Stadion des FSV Mainz 05 hätte im ersten Europaliga-Gruppenspiel der Vereinsgeschichte des Klubs noch Platz für rund 6000 Besucher mehr geboten. Die Tatsache, dass der Verein für diese Premiere im internationalen Geschäft trotz viermonatigem Vorlauf sein Stadion nicht voll bekam, war ein  Thema nach dem 1:1 der 05-Profis gegen AS Saint-Etienne am Donnerstagabend. Für viele bleibt es schwer nachvollziehbar, warum das Interesse am Live-Erlebnis in diesem Wettbewerb in Mainz und der Region offenbar nicht sonderlich ausgeprägt ist. Im Frühjahr dieses Jahres drehten sich alle Gespräche um das Erreichen dieser Gruppenliga. Im Mai, als die 05er mit dem 0:0 gegen Herta BSC den letzten Schritt nach Europa erfolgreich absolviert hatten, feierten über 30.000 FSV-Sympathisanten inbrünstig und mit lautstarken Gesängen diesen großen Erfolg. Ein Großteil davon fehlte vier Monate später.

Der Stimmung tat der mangelnde Publikums-Zuspruch allerdings keinen Abbruch. Der harte Kern der 05er war im Stadion und gab alles. Die Leistung der Anhänger an diesem Europa-Abend war absolut erstklassig. Rein akustisch herrschte von Beginn an eine Atmosphäre, die an die Zeiten am Bruchweg erinnerte, in denen sich die Mainzer ihren Ruf als besonders enthusiastisches und Gegner schreckendes Publikum erwarben. Das war Fußball-Stimmung erster Güte, die schon mit der äußerst gelungenen Choreografie der Südtribünen-Fans begonnen hatte.

Am Ende hat es trotz der massiven Unterstützung nicht ganz zum ersten Sieg gereicht. Die 05-Verantwortlichen hoffen, dass die Mannschaft über ähnliche und noch steigerbare Leistungen in den kommenden Wochen nun das allgemeine Interesse befeuert. Der Klub selbst ist jedoch nicht so ganz unschuldig an der aktuellen Situation. Die 05er twittern zwar stündlich irgendwelche Bilder und News rund ums Team, posten permanent Dinge in den sozialen Netzwerken, doch eine konzertierte Aktions-Strategie zur Stimmungsbildung und Publikumsgewinnung unter Einbeziehung lokaler und überregionaler Medien hat es in den vier Monaten Sommerpause nicht gegeben. Schon der Tag der Auslosung verdeutlichte diesen Mangel. Da verschickte die Presse-Abteilung lediglich ein paar dünne Sätze von Präsident und Sportdirektor aus Monaco in die Redaktionen. Trainer, Kapitän oder Spieler standen zu Hause in Mainz für Kommentare und Reaktionen nicht zur Verfügung. Appelle an die Fans, flammende Aufrufe zur Unterstützung, die große, sich bietende Chance gemeinsam anzugehen und zu ergreifen, fehlen bis heute. Das auf dem Weg ins internationale Geschäft aufgekeimte Europapokal-Fieber hat sich jedenfalls nicht sonderlich ausgebreitet. Möglicherweise haben die internen Diskussionen und machtpolitischen Strippenziehereien im und um den 05-Vorstand herum, kreative Ideen für das Spezial-Projekt Europa blockiert.

„Was soll ich sagen. Wir können die fehlenden Zuschauer ja nicht ins Stadion tragen“, antwortete Harald Strutz am Donnerstagabend auf die zahlreichen Nachfragen zu diesem Thema. „Ich war auch ein bisschen skeptisch, weil wir ja wirklich noch nicht das richtige Euro-Fieber verspüren. Im Moment ist es sicher so, dass die Leute erst einmal abwarten, wie wir uns präsentieren. Aber dennoch, wenn über 20.000 kommen zu einem solchen Spiel, können wir nicht sagen, dass wir unzufrieden sind. Das war ganz in Ordnung. Die Stimmung fand ich grandios, die Choreografie fand ich unfassbar gut. Es war ein toller Auftakt für den Verein.“ Man könne sich nicht mit Frankfurt oder Schalke vergleichen, wo solche Spiele recht schnell ausverkauft seien, sagte der 05-Präsident. „Wir müssen uns in die Saison reinfinden. Wir wissen ja auch, dass der Mainzer von Natur aus etwas skeptisch ist. Das wird sich regulieren, wenn die Mannschaft ihre Leistung bringt.“ Strutz räumte allerdings ein, dass auch von innen mehr kommen müsse. „Wir haben die Aufgabe, das Interesse zu schüren. Vielleicht müssen wir von Seiten des Vereins her mehr tun, um wieder mehr Enthusiasmus in diese Stadt zu bringen.“

Rouven Schröder wollte nachher am liebsten nur über diejenigen sprechen, die da waren. „Wir hatten eine richtig tolle Stimmung. Ich glaube, dass jeder Zuschauer gesehen hat, dass wir hier für Mainz alles geben und dass jeder Zuschauer gebraucht wird, um uns nach vorne zu pushen“, sagte der Sportdirektor. „Wir möchten aber im nächsten Spiel definitiv mehr Zuschauer im Stadion haben. Wir hätten uns heute sicherlich ein volles Stadion gewünscht. Es war das erste Spiel in der Euro League. Ich kann nur sagen, diejenigen, die diesmal nicht da waren, sind herzlich eingeladen.“

Die Stimmung sei überragend gewesen, betonte auch Martin Schmidt. „Heute waren nur wir es schuld hinten raus, dass die Gesänge nachher verstummt sind. Es war ansonsten wirklich ein Spaß, da unten zu stehen und zu kämpfen. Die ganzen Anfeuerungen, die Gesänge, die Mainz-05-Lieder, die haben uns getragen. Das war toll. Eine tolle Kulisse. Man muss aber auch dazu sagen, wir kriegen rund 15 Prozent der Einwohnerschaft alle 14 Tage ins Stadion“, erklärte der 05-Trainer. „Wenn das alle Bundesligisten hätten, bräuchten manche Stadien für 100 oder 200.000 Zuschauer. Ich bin mit der Kulisse hier bei uns immer zufrieden. Heute waren es etwas mehr als 20.000. Ich glaube aber, dass wir an unserem Spiel arbeiten können, damit mehr kommen. Wir haben nicht alles perfekt gemacht und keinen Sieg geholt. Beim nächsten Mal holen wir einen Dreier, dann wird es auch irgendwann stimmig sein. Ich freue mich über jeden Zuschauer, der kommt. Und das Team hat ja auch versucht, von Anfang an die Heimstärke zu zeigen. Es ist gut, so, wie es ist. Und wir alle hier im Stadion werden sicher noch besser.“

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