Vom Café Neuf nach Worms und Nürnberg

Christian Karn. Mainz.
Möglicherweise wird der FSV Mainz 05 am heutigen Montag 110 Jahre alt, unter Umständen aber auch erst am Freitag der kommenden Woche. Gegenwärtig (und erstmals erwähnt in der Festschrift zum 50. Jubiläum) hat sich der 16. März 1905, ein Donnerstag, als Gründungsdatum durchgesetzt, nachdem in Vorkriegsquellen vom 27. März 1905, einem Montag, die Rede ist. Die nullfünfMixedZone fasst ab heute in einer fünfteiligen Serie - jeweils 2x11 Jahre - die Vereinsgeschichte chronologisch zusammen. Im ersten Teil geht es heute um die Gründung und Etablierung eines Mainzer Fußballklubs, um erste Fusionen, erste Stadionbauten und erste Meistertitel und um die Jahre 1905-27.

Woher die Diskrepanz zwischen zwei Gründungsdaten kommt, ist eine der kleinen Unklarheiten, die in diesen 110 Jahren entstanden sind. Erklärungsversuche gibt es. Sie reichen von "Am 16. wurde die Gründung beschlossen, am 27. offiziell gemacht" bis zu "Tippfehler im Manuskript der Festschriftautoren, denn 1 und 2 sind ebenso Nachbarn wie 6 und 7" und haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind Spekulation.

Klar ist, dass die Historie der 05er unterhalb der Großen Langgasse begann. In etwa dort, wo heute zwischen dem Irish Pub und Erna Schreibers Wäscheladen eine bunt bemalte Wetterstation steht, bot damals Franz Plengorth in seiner "Restauration Café Neuf" Diners von 12 bis 2 Uhr an. Unter Sportlern muss die Gaststätte beliebt gewesen sein: 1891 hatte in den gleichen Räumen die konstituierende Gründungsversammlung des Deutschen Athletenverbands stattgefunden.

Als Gründer des "1. Mainzer Fußballclubs Hassia 1905" - Hassia steht für das Großherzogtum Hessen, in dem Mainz damals Hauptstadt der Provinz Rheinhessen war - gelten acht junge Männer: Karl Finkenauer, der zum ersten Präsidenten gewählt wurde, Josef Kiefer, Christoph Stepper, Karl Nause, Julius Hartmann, Heinrich Tuch, Theodor Kimpel und Max Picard. Eugen Salomon, der gemeinhin als 05-Gründer und erster Präsident gilt, trat erst etwas später bei, arbeitete die Vereinsstatuten aus und wurde im Oktober 1905 Finkenauers Nachfolger. Das erste Spiel unter dem Namen 1. MFC Hassia 05 endete mit einem 5:3-Sieg gegen Germania Gustavsburg. Weitere Spiele folgten unter anderem gegen die FVgg Mombach 03, den ältesten reinen Fußballverein Rheinhessens. Nach und nach traten immer mehr dieser jungen Klubs dem Süddeutschen Fußballverband bei. Um weiterhin Gegner zu finden, mussten auch die 05er diesen Weg gehen. Gegen den Widerstand mancher Konkurrenten setzte Salomon die Aufnahme in den Verband zu Ostern 1906 durch. Sein Klub spielte fortan in der B-Klasse Mittelrhein, im ersten Jahr gegen die SG Arheilgen (heute FCA Darmstadt), den FV Biebrich 02, den SC 05 Darmstadt (ein Vorgänger des SV Darmstadt 98), Mombach 03 und Germania Pfungstadt. Nach einer starken Vorrunde verloren die 05er die meisten Rückrundenspiele - die Fastnacht war manchen Spielern wichtiger als der Fußballsport. 

Der MFC Hassia 05 in seinen schwarzen Hosen und rot-weiß gestreiften Trikots vor dem Spiel gegen den LFC Pfalz an Weihnachten 1909.Der Verein wuchs und gedieh. 1906 trat geschlossen der FC Viktoria Mainz (mit der späteren 05-Legende Hugo Ries, damals elf Jahre alt) bei. Bereits 1909 spielten neben etlichen Jugendspielern 28 Mann für die 05er - von den Gründern war nur noch Spielführer Josef Kiefer aktiv. Zunächst mussten die Fußballer noch die Tore die Gaustraße hinauf schleppen, um außerhalb der Festungsmauern spielen zu dürfen. 1909 zogen sie in die Radrennbahn um, deren Konturen zwischen Drususwall, Fort Elisabeth und Fichteplatz heute noch teilweise zu erahnen sind. Zum Weihnachtsspiel gegen den elitären Ludwigshafener FC Pfalz, der heute neben einigen Konkurrenten in den SV Südwest aufgegangen ist, gab es erstmals einen Kartenvorverkauf und Plakatierung. Es gab erste vierstellige Zuschauerzahlen, internationale Freundschaftsspiele gegen Standard Lüttich und ein spanisches Team aus Villagarcía. Es gab einen ersten Eklat, als sich nach dem von 1.200 Zuschauern besuchten Spiel gegen die Matrosenmannschaft des Kreuzers Gneisenau der Kassierer mit den Einnahmen aus dem Staub machte. Schließlich bauten die 05er 1910 mit viel Handarbeit und der Unterstützung des Pionierbataillons 25 auf einem ehemaligen Bahngelände an der Ecke Rheingauwall/Hattenbergstraße zwischen der Neustadt und Mombach ihren ersten eigenen Fußballplatz.

Finanziell hätte das den jungen Verein nahezu ruiniert. Um überleben zu können, fusionierten die 05er 1912 - wiederum im Café Neuf - mit dem MFC Hermania 07, der fünf Jahre zuvor aus dem Hauptverein ausgetretenen Fußballabteilung des MTV 1817. Nur kurz hieß der Klub nun 1. FC Hassia-Hermania 05, bald wurde er umbenannt in 1. Fußballverein Mainz 05.

Im Ersten Weltkrieg brach der Spielbetrieb zunächst zusammen. Fast alle der zu Kriegsbeginn 128 Mitglieder wurden vom Militär eingezogen. Bereits am zweiten Kriegstag kam der erste ums Leben, Jean Haußt. Insgesamt verlor Mainz 05 in den vier Kriegsjahren 1914-18 26 Mitglieder. Per Feldpost koordinierten die Fußballer gegen Kriegsende ihren Heimaturlaub, um gelegentlich zusammen spielen zu können. Der Fußballplatz wurde beschlagnahmt und zum Kartoffelanbau zweckentfremdet, die Holzbauten abmontiert und verheizt. Die 05er kooperierten im Krieg mit dem SV Mainz 08, einem Klub aus dem Gartenfeld, der sich 1919 offiziell dem einstigen Rivalen anschloss. Dieser hieß von da an 1. Mainzer Fußball- und Sportverein 05.

"Wer kommt heute? Vasas kommt!"

Die 1919 eröffnete Kampfbahn am Fort Bingen in ihrer BlütezeitDer Krieg war seit dem 11. November 1918 vorbei. Ein gutes Vierteljahr später hatte das französische Militärgouvernement den Mainzer Vereinen erlaubt, wieder Fußball zu spielen. Die 05er durften zunächst den Schützenfestplatz benutzen, bekamen dann den ehemaligen Exerzierplatz am Fort Bingen zugewiesen, am Ort des heutigen Forums der Universität, wenige hundert Meter südlich des Stadions am Bruchweg. Dort weihten sie am 19. Oktober 1919 ihre neue Kampfbahn ein, die sie im Laufe der 1920er zu einem modernen Fußball- und Leichtathletikstadion mit 12.000 Plätzen ausbauten. Insgesamt 10.000 Zuschauer sahen im Sommer 1920 die beiden spektakulären Freundschaftsspiele gegen die europäische Spitzenmannschaft Vasas Budapest. Das erste gewannen die 05er 1:0. Mit den Worten "Die Ungarn verlangen Revanche! Wir geben sie ihnen" luden sie anschließend zum zweiten Spiel zwei Tage später ein, das ohne Tore endete. Nicht nur in diesem Spiel profitierten die 05er von der Rückkehr Hugo Ries', den es im Krieg nach Berlin verschlagen hatte. Von dort war der Mainzer Fußballpionier im Winter 1919/20 mit einigen Berliner Fußballern zurückgekommen. Darunter waren die Brüder Otto (* 1897) und Willi Freitag (* 1895), die bis 1931 bzw. 1933 das Fundament der 05-Defensive bildeten, und der einstige Nationalverteidiger Kurt Diemer (* 1893), der bis 1929 am Fort Bingen spielte. Die treibende Kraft, wenn es um die Fusionen, um die Finanzierung des Stadion, um den Tribünenbau rechtzeitig zu den Vasas-Spielen ging, war weiterhin der Textilgroßhändler Eugen Salomon.

Die erste Saison in der Kreisliga Hessen hatten die 05er 1920 noch als Vorletzte der zehn Mannschaften beendet. Nur der FC Egelsbach war (deutlich) schlechter. Im zweiten Jahr wurden die 05er bereits Meister vor Alemannia Worms, die TG Höchst, Alemannia Griesheim, Germania Wiesbaden, den SV Wiesbaden, Wormatia Worms, Biebrich 02, Union Wixhausen und Kastel 06. In der südwestdeutschen Endrunde waren die Mainzer gleichwertig mit dem Saarmeister Borussia Neunkirchen, aber wie diese chancenlos gegen Phönix Ludwigshafen. Ries soll in jener Saison 78 Tore geschossen haben soll, was aber angesichts der 43 Tore insgesamt einige Freundschaftsspiele beinhalten muss - sofern es überhaupt stimmt. 1922 wurden die 05er Dritter, 1923 Sechster von inzwischen nur noch acht Mannschaften. Aufgrund einer Ligareform bedeutete das den Abstieg in die Zweitklassigkeit. Die Inflation hatte in dieser Zeit ihre Vor- und Nachteile: Vom Vereinsvermögen war kaum etwas übrig, die Mitgliedsbeiträge wurden auf den tagesaktuellen Preis von zwei Glas Bier festgelegt - aber die hohen Schulden, die der Stadionbau verursacht hatte, konnten aus der Portokasse bezahlt werden.

Die Mannschaft des 1. Mainzer FSV 05 im Jahre 1924. Hinten von links Vorsitzender Dr. Riedel, Willi Freitag, Kurt Diemer, Petry, Hugo Ries, Paul Lipponer, Franz Bickerle, Heep, Otto Freitag sowie zwei nicht namentlich bekannte Funktionäre. Vorne Willi Koch, Hans Lautner und Willi Holzmann.Nach dem Wiederaufstieg 1925 gingen die 05er optimistisch in die neue Saison und bestätigten das mit starken Ergebnissen: 4:1 zuhause und 1:0 auswärts gegen den großen FV 03 Saarbrücken, 3:1 auswärts und 6:1 zuhause gegen die Wormatia, 4:3 nach 0:2 und 1:3 gegen den SV Wiesbaden. Allerdings auch 0:4 bei der TSG Höchst und 0:3 beim 1. FC Idar. Die Mainzer hatten eine gute Mannschaft: Vor dem Saarbrücker Torwart Hans Lautner die konsequenten Zweikämpfer Ries, Diemer und Otto Freitag, als Abwehrchef dazu der emsige Arbeiter Willi Freitag. Der junge Willi Koch rannte den rechten Flügel hoch und runter, vorne organisierte der technisch starke Sturmführer Alwin Bräunig einen guten Angriff: links der erstklassige Flügelstürmer Georg Kaiser, vor dem Tor Franz Bickerle und der überragende Paul Lipponer, Mannheimer, harter, wuchtiger, aber technisch starker Stürmer, mit Fuß und Kopf extrem torgefährlich, dabei nicht gerade zimperlich. 

Das vermeintliche Meisterstück gelang Ende November mit dem 1:0 in Saarbrücken. "Die Geschichte des Mainzer Sports hatte gestern ihren größten Tag" schrieb tags drauf der Mainzer Anzeiger, aber am Ende fehlte doch ein Punkt. Saarbrücken holte den Titel, Mainz 05 war im ersten Jahr nach dem Aufstieg direkt Vizemeister. Kurz vorher gab es ein Privatspiel in der Radrennbahn am Fichteplatz. Unter künstlicher Beleuchtung schlugen die 05er den unterklassigen Lokalrivalen "Verein der Sportfreunde Mainz" 7:1 - es war das erste Flutlichtspiel in Mainz. Besonders gut geklappt hat es allerdings nicht. Viel konnte man vom Spiel nicht sehen.

Wer ist hier "entzückend fassungslos"?

1926/27 wurde es hitzig. Von Anfang an hängen die 05er - inzwischen ohne Ries - Saarbrücken und Wiesbaden ab, nur die Wormser wurden sie nicht los. In jener Saison muss die Rivalität zwischen 05 und Wormatia entstanden sein. Die 05er verloren im November 1:3 in Bingen und 1:4 beim SV Wiesbaden, fielen auf den zweiten Platz zurück und die Wormser Lokalpresse witterte ihre Chance. Richard Kirn, später hochrangiger Journalist der Fachzeitschrift "Sportmagazin" schrieb:

"Am Sonntag fällt die Vorentscheidung in Mainz. Wormatia tritt dort gegen den schweren Gegner an, der im verflossenen Jahr so arg garstig mit den Wormsern umgesprungen ist und ihnen 6 Ostereier ins Nest legte. R e v a n c h e  nehmen diesmal! Und: S i e g e n !  E i n  T o r  g e n ü g t ! Mainz ist so entzückend fassungslos, so derangiert wie ein junges Mädel, das den stürmischen Angriffen seines Liebhabers so gar keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann."

Die Mainzer tobten. Der Anzeiger machte in der Donnerstagsausgabe vor dem Spiel die Wormser im allgemeinen und Sportreporter Kirn im speziellen nieder, wartete dann sicherheitshalber das Spiel (4:1 für Mainz) ab und setzte nochmal nach:

„Die richtige Antwort werden die Mannschaften geben müssen, die am Fort Bingen darüber zu entscheiden haben, wer Meisterschaftsfavorit bleibt. Und nun mag - ganz Ihrer Meinung, Herr Stüwer! - die Tat sprechen..."
Mit diesen Worten schließt Richard Kirn seine lendenlahme Antwort auf die Zurechtweisung, die wir ihm in der Donnerstagsausgabe des Mainzer Anzeigers geben mussten. Die Tat  h a t  gesprochen, Herr Kirn! Wissen Sie nun, "wie  e n t z ü c k e n d  f a s s u n g s l o s  das  d e r a n g i e r t e  Mainzer Mädel den stürmischen Angriffen seines Liebhabers  s o  g a r  k e i n e n  W i d e r s t a n d  mehr entgegensetzen kann?" D i e  moralische Ohrfeige haben Sie weg, Herr Kirn. Merken Sie sie sich für die Zukunft! Eine weitere Antwort können wir uns sparen..."

Die 05er holten sich die Tabellenführung zurück, verloren sie direkt wieder, blieben aber dran. Beim 8:0 gegen Trier schoss Lipponer sieben Tore. Vor dem letzten Spiel waren die 05er wieder Erster, aber einen Sieg brauchten sie noch. Und zwar in Worms - allerdings nicht bei der Wormatia, sondern bei der Alemannia. 6.000 Zuschauer waren da, über 1.000 Mainzer - und etliche Wormatia-Anhänger, die nicht zum eigenen Auswärtsspiel ins Saarland mitgefahren sind, sondern lieber dem direkten Konkurrenten das Leben schwer machen wollten. Lipponer schoss in seinem 17. Saisonspiel sein 23. und 24. Tor, die Mainzer gewannen 3:0, und mussten anschließend rennen, weil die Wormser ihnen an den Kragen wollten. Ohne größere Blessuren und mit der zweiten Meisterschaft kamen sie zurück nach Mainz.

In der Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft warteten die ganz großen Kaliber. Gegen die SpVgg Fürth gab ein 0:8 und ein 1:5, gegen den VfB Stuttgart zuhause ein 2:1, auswärts aber ein 0:5 - und gegen den großen 1. FC Nürnberg mit den Weltklassespielern Hans Kalb, Heiner Stuhlfauth und "Bumbes" Schmidt ein 3:3. Zur Halbzeit hatten die 05er durch drei Tore in einer zehnminütigen Überzahl sogar 3:1 geführt. Von diesem Spiel am 20. März 1927 schwärmte man in Mainz noch Jahrzehnte später.

► Alle Artikel zur Historie

► Zur Startseite