Von Favoriten

Christian Karn. Mainz.
Auf dem Papier sieht es wie eine klare Angelegenheit aus. Bayern München empfängt den FSV Mainz 05 zum Bundesligaspiel, Bayern München wird den FSV Mainz 05 im Bundesligaspiel schlagen. Alles andere wäre eine Überraschung. Aber eine Überraschung, die es in der Vergangenheit immer wieder gab. Morgen bietet sich den 05ern die (geringe?) Chance, ihre Serie auf drei Bayern-Auswärtsspiele ohne Niederlage auszubauen. Die 05MixedZone erinnert sich an eine ganze Reihe von Führungstoren, von Punktgewinnen, von großen Erfolgen gegen die Bayern - und an den Tag, an dem die 05er als Favorit in München angetreten sind.

Einmal gab's tatsächlich den Tag, an dem der FSV Mainz 05 als Favorit zum Auswärtsspiel bei Bayern München gefahren ist. Und es geht an dieser Stelle nicht um die U19, die von den vergangenen neun Partien bei den Bayern nur eine verloren, aber fünf gewonnen hat. Es geht auch nicht um die irgendwann um 1960 untergegangene Faustballabteilung. Es geht um Profifußball, um die Bundesliga, um den 3. März 2016, an dem freilich der Wunsch der Vater des Gedanken war, dass die 05er mit einem Sieg in München kurz vor deren Topspiel bei Borussia Dortmund die Liga nochmal spannend machen würden. Man traute es den 05ern damals zu. Sie waren stark in dieser Phase, hatten gerade erst Bayer Leverkusen 3:1 geschlagen (!), davor Schalke (2:1), davor Gladbach (1:0) - den Dritten, Vierten, Fünften der Abschlusstabelle. Dortmund, den Vizemeister, nicht. Bayern, den Meister, an jenem 3. März 2016 tatsächlich, wenn auch mit einem Schönheitsfehler: Hätte es damals schon einen Video-Schiedsrichter gegeben, hätte dieser das Foul von Giulio Donati an Arjen Robben gesehen. Und der inzwischen eingewechselte Thomas Müller, der im Hinspiel noch einen Strafstoß weit am Tor vorbei geschossen hatte, hätte es diesmal womöglich besser gemacht. Ob die 05er nach einem 1:2 zurückgekommen wären, ob Jhon Córdobas Siegtor in der 86. Minute in diesem Fall als Ausgleichstreffer ebenfalls gefallen wäre, ist Spekulation, ist fraglich.

2016 freute sich Giulio Donati über ein 2:1 bei den Bayern - sicherlich wissend, mit einem Elfmeterfoul davongekommen zu sein. Foto: imagoSoll man trotzdem das Wort "Angstgegner" verwenden? In der Tat sahen die 05er in der jüngeren Vergangenheit gegen die Bayern immer wieder gar nicht schlecht aus. Im vergangenen Jahr verlängerten sie dank der Führungstore von Bojan Krkic (nach Abwehrfehler) und Daniel Brosinski (nach unnötigem Elfmeterfoul) die kleine Serie auf zwei Auswärtsspiele bei den Bayern ohne Niederlage, dem 2:1-Sieg folgte ein 2:2. Zuhause verloren sie zwar die letzten fünf Spiele, aber oft unter Wert - beim 1:3 im vergangenen Jahr hätte der Spielverlauf als solcher ebenso zu einem Punkt führen können wie beim 1:2 zwei Jahre zuvor oder beim 0:2 im März 2014. Die Bayern brauchten Tore in der Nachspielzeit, brauchten günstige Schiedsrichterentscheidungen (kein Gelb-Rot gegen Javi Martínez, kein Stürmerfoul, als Müller die Freistoßmauer am Boden hielt) - sie brauchten ihre Routine und Ruhe, die ihnen sagt: Das Spiel ist erst mit dem Abpfiff vorbei und ein Siegtor in der 91. Minute ist tabellarisch ebensoviel wert wie eins nach einer knappen Stunde, im Rahmen des Spiels sogar mehr, weil der Gegner keine Zeit mehr zur Reaktion hat. Und es gab erst einen Bundesligatrainer beim FSV Mainz 05, der die Bayern nicht geschlagen hat. Jürgen Klopp hat's geschafft - allerdings nicht im Ligaspiel, sondern in Testspiel vor dem Aufstieg -, Thomas Tuchel hat's in fünf Versuchen dreimal geschafft (und in den darauffolgenden fünf Versuchen als 05-Trainer nie wieder), Martin Schmidt hat's geschafft. Ob's Kasper Hjulmand im zweiten, dritten, vierten Versuch geschafft hätte, weiß kein Mensch; der Däne hatte nur einen, einen durchaus furiosen, unglücklichen: das genannte 1:2 mit früher Führung (Soto), mit irregulärem Ausgleich und später Niederlage.

Überhaupt, frühe Führungen gegen die Bayern - normal? Im vierten Ligaspiel gab's die erste, ein 2:0 durch Mohamed Zidan (9.) und Manuel Friedrich (13.), kurz davor im Pokal schon einmal eine durch Zidan (21.). Endstand: zweimal Unentschieden und im Pokal gewannen die Bayern nach Verlängerung. Im ersten Tuchel-Spiel gegen die Bayern ein 2:0 zur Halbzeit durch Andreas Ivanschitz (25.) und Aristide Bancé (38.), Endstand: 2:1. Beim 2:1-Auswärtssieg ein Jahr später traf Sami Allagui in der 15. Minute zum 1:0. Es war das Tor des Monats und der Auftakt zum sechsten Kapitel der Sieben-Startsiege-Rekordserie. Ivanschitz traf auch einmal in der 11. Minute zum 1:0 (Endstand: 3:2). Shawn Parkers Führungstor in der 44. Minute einer 1:4-Auswärtsniederlage war nicht früh, Sotos Tor in der 21. Minute hatten wir schon, ebenso Jairos Treffer in der 26. Minute des 2:1-Auswärtssiegs vor anderthalb Jahren. Jhon Córdoba traf in der vierten Minute einer 1:3-Niederlage, Bojan in der dritten jenes 2:2. Zehnmal gingen die 05er in Führung in 23 Spielen gegen die Bayern. Diese sind verwundbar, immer gewesen, auch in ihren besten Serien. Oft war die Führung etwas wert. Oft reichte sie für mindestens einen Punkt.

Und in diesem Jahr? Die Serie spricht für die 05er, aber das ist natürlich fast ohne jede Bedeutung. Sicher dürfte auf beiden Seiten der eine oder andere sich an die vergangenen beiden Mainzer Auftritte in München erinnern, womöglich gibt es dem einen oder anderen Mainzer ein bisschen mehr Selbstvertrauen, aber von einem Verkrampfen der Bayern sollte man deswegen lieber nicht ausgehen. Der interne Kleinkrieg, der die Bayern angeblich gerade zerreißt, ist wohl kaum völlig erfunden, wahrscheinlich aber von außen über jedes realistische Maß hinaus aufgeblasen. Und es mag ja sein, dass die Leistung in der Champions League nicht überragend war - solange am Ende ein 3:0 gegen den RSC Anderlecht steht, wird man damit leben können. Als Favorit treten die 05er dieses Jahr sicherlich nicht bei den Bayern an. Auch im März 2016 Jahren wurden sie in diese Rolle mehr hineingedrängt, als dass sie hineingewachsen wären. Damals ist es gut gegangen. Diesmal? Ausschließen soll man's nicht. Sich darauf verlassen auch nicht.

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